I dedicated my book to him. For a reason.
So ist das auch ein bisschen, wenn man Veränderungen macht. Wenn sie nicht einfach passieren, sondern man sich hinstellt und die Augenbrauen zusammenzieht und sagt: Ich habe Angst, aber ich mach das jetzt, ich habe Angst, aber das muss sein, ich habe Angst, aber irgendwann werde ich keine Angst mehr haben. Dann macht man auch die Tür zu und lässt den Motor an und fummelt sich zurecht, weil man noch Sitze einstellen muss und Musik aussuchen und sich ein bisschen anfreunden mit dem Brummeln und überhaupt muss man natürlich gucken, wo man hin will, wo es da eigentlich lang geht, wie die Strecke verläuft und welche Teile man mit dem Bauchgefühl bestreiten kann und wo man sich dann doch besser an die Karte hält. Eine kleine Zeitabschätzung und den Proviant in Armlänge zurecht legen, damit man nicht anhalten muss, weil man Hunger hat sondern nur wenn man gucken will. Wenn man dann sitzt und merkt, dass man noch nicht Tschüß gesagt hat, ist es auch blöd wieder auszusteigen und dann herumzustehen, und wenn man winkt, weiß man ja auch nicht, ob das jemand sieht, das Fenster herunterkurbeln und den Arm rausstrecken, es ist ja auch nicht sicher, ob man das schon packt, einhändig fahren, und überhaupt. Manchmal ist einfach losfahren das Beste, erst einmal wirklich los, sich nicht mehr umdrehen, erst einmal nicht, und sich damit auch nicht die Frage beantworten, ob einem hinterher gesehen wurde, sie sich nicht einmal stellen, weil es keinen Unterschied macht.
Von unterwegs dann Postkarten schreiben, echte Postkarten mit Briefmarken und Stempeln und Handschrift und ein paar Schlieren vom Handrücken, echte Postkarten mit umgeknickten Ecken, solche, die ein bisschen brauchen und nicht sofort ankommen, von unterwegs dann, das ist wie sich umdrehen, aber mit Bedacht.

Some Sinatra (Cover The Secret Stars) by kumullus
Es ist Jahre her, aber damals fanden Julius und ich großen Gefallen daran auf Dielenböden zu sitzen und Karate zu hören und Secret Stars Lieder nachzusingen. Es ist viel passiert seitdem, aber irgendwann fahren wir mit dem Fahrrad zu einem IHOP und tanzen dort auf den Tischen. Julius sagt, er mache immer noch Musik, aber ich glaube, es braucht noch ein paar Menschen, die ihm sagen, dass er diese Musik, wenn er sie denn wirklich macht, auch mal wieder öffentlich machen sollte. Für geglättete Wogen und weil ich es so mag, wenn er ein bisschen lauter wird. Wir haben es nicht oft live gespielt, aber zum Frühlingsanfang habe ich es wiedergefunden. Auch, weil ich jeden Frühling Geoff Farina höre. Eines der weniger Lieder, dessen Text ich noch rückwärts und im schlafenden Kopfstand werde auswendig können. Wir waren jung und wir brauchten kein Geld.

(Foto: Katinka Huth)
Und nach diesem ganzen Schnee stehst du plötzlich inmitten von Menschen, die alle ein Alter haben, durch das du schon durch bist, die sind alle noch dort, wo du schon längst warst, aber es ist egal und ein bisschen steckt es an und im Grunde macht es auch keinen Unterschied, wenn das Licht ausgeht und dir der letzte Monat in Tönen um die Ohren fliegt. Ich weiß nicht mehr, wann genau es war, aber ich habe genau dieses Video schon einmal gepostet, ich hatte keine Ahnung, dass diese kleine Person irgendwann einmal vor mir stehen und mir ins Gesicht singen würde so sehr, dass es mich zu Tränen gerührt hat und nicht nur mich sondern auch meine Stirn und meine Knie und alles, was man in sich so so beugen kann. Ich habe aufgehört, mit Kalendarien umzugehen, jegliche Erwartung von meiner Seite an Nummern und Daten hat irgendwie einen Knacks, das funktioniert so nicht, also lasse ich es bleiben, aber so ein Etappenziel, so einen Frühlingsanfang, den kann man schon haben, den kann man auch mitnehmen und wieder auspacken, wenn man glaubt, dass die Zeit dafür reif ist.
Manchmal bleibt nicht viel übrig von dem, was man sich gedacht hat, manchmal aber auch genug, um irgendwann eine Geschichte daraus zu machen, manchmal genügt schon ein Lied, um wirklich einen Schritt vorwärts zu kommen, manchmal passiert das so schnell, dass du dich umschaust und wunderst, wo der ganze Rest geblieben ist, dass nicht mehr da ist, was eben noch da war und es kann vorkommen, dass du dann denkst, dass das Schicksal eine miese Sau ist, weil es sich darauf ausruht zu wissen, dass wir es sowieso schaffen, weil es unsere innere Schnipsgummis spannt, bis es weh tut, nur weil es meint, es sei mal wieder Zeit für eine Lektion. Und dann steht da diese kleine Person auf der Bühne mit ihren zwanzig Jahren und knallt mir alles vor die Füße, was sie hat, und ich kann meinen Mund kaum schließen, ich bekomme kaum Luft, weil es stimmt, weil mehr als Unmittelbarkeit gar nicht geht, weil von einem Konstrukt manchmal nicht das Gerüst übrig bleibt sondern die Laken, die irgendwann einmal jemand dazwischen gespannt hat, damit es schöner aussieht. Und dann hat man zu tun, weil es so schnell geht, man hat sehr damit zu tun, sich einzusammeln, nichts zu vergessen, manchmal kann das Jahre dauern, aber wenn man sie dann mal alle beisammen hat, wenn man es hinbekommt, die wichtigsten nicht zu verlieren, dann kann das Schicksal an den Schnipsgummis zerren, wie es will, dann haben wir sie eingewebt und alles hält.
Und irgendwann kannst du aus einem Bus oder einem Zug, einem Taxi oder deinem eigenen Bett aussteigen, du kannst vergessen haben, wie es geht, du wirst dich vielleicht erst nicht an den Rasen erinnern und nicht an den Wald und wie es gerochen hat, vielleicht nicht an den Satzbau und daran, an welches Wort du zuerst dachtest, bevor du dich für ein anderes entschieden hast, aber wenn du dann nach langer Zeit wieder deinen Kram auspackst, wenn du sagst, das ist der richtige Ort, und ein Tuch in den Baum hängst gegen die Sonne, dann kann es mitunter vorkommen, dass das Licht dir bekannt vorkommt, dass du weißt, hier warst du noch nicht, aber im Grunde musste all das so passieren, damit du hier sein kannst. Manches hält.
So don’t forget these times, I’m gonna find you in the back of my mind.




Wir machen alles zu Pyjamas und stehen im richtigen Moment am Fenster, um den Schneesturm zu sehen. Wir warten, bis das Licht von selbst geht und halten bunte Glühwürmchen hinter der Gardine. Wir machen die Decke zu einem Himmel und heiße Schokolade zu einem Fluss. Wir sitzen und schauen und wissen, wir haben es warm. An Sonntagen wissen wir zu schätzen. Dass wir es nicht weit haben. Dass wir einander sind, was niemand sonst sein kann.
(Gehen Sie diesen Winter auch über Los, aber vorher noch ins Michelberger Hotel und trinken Sie Ingwertee. Hören Sie sich mindestens auf dem Weg dorthin Norman Palm an.)