Die Sache ist ja die, dass es so viele Sachen sind.

Thema: Lektüre

Was ihr wollt.

Das Line-Up der Lesung und den Partygrund habe ich bereits erläutert. Nun ist die Frage: Was lese ich eigentlich? Ehrlich gesagt habe ich keine Ahnung. Ob ich aus dem neuen Buch lesen werde, das erst im Januar erscheint, ist noch ungewiss. Drum frage ich euch: Was wollt ihr hören?

Guckt euch also um, ob im Blog oder in den Büchern um, und schickt mir eure Wünsche per Mail, per Sms, per Kommentar oder Flüsterattacke. Ich such dann was aus und öle mir den Hals.

S. 69

“Was entscheidet darüber, ob wir uns eher an die glücklichen Momente unseres Lebens erinnern oder an die unglücklichen; ob uns unsere Triumphe vor den Demütigungen einfallen oder umgekehrt? Liegt es in unserer Natur, im ererbten Temperament oder an den Umständen unserer Geburt oder an dem ersten Eindruck, den die Welt uns macht? Oder gräbt sich solche Eigenart nur langsam in unseren Charakter? Ich kann mir vorstellen, dass ein früher, nicht erinnerbarer Schreck uns für lange Zeit das Glück unzugänglich machen kann. Einmal gewarnt, können wir eine eigentlich glückliche Situation nicht mehr als solche empfinden, weil wir ihr nicht trauen. Vielleicht fühlen wir uns sogar bedroht, weil wir das, was Glück sein könnte, nur für eine Täuschung halten, die sich in Enttäuschung verwandelt, sobald wir unser Mißtrauen aufgeben. Andere, denen dieser Schreck, oder wie immer wir es nennen wollen, nicht zugestoßen ist, können die Augenblicke des Glücks einfach genießen wie warme Sommertage, ohne Gedanken an den nächsten Winter, “dieser wunderbare Sommer, weißt du noch?”, können sie später sagen, eine nicht widerlegbare Erinnerung. Ich meine nicht die Neigung, das Erlebte nachträglich zu vergolden, um zähe Ehejahre und lebenslange, ehrgeizige Schinderei in vorzeigbares Glück zu verwandeln. Ich meine das, was wir im Augenblick des Geschehens als wirklich erleben, was wir als ein Stück erbeutetes Leben davontragen und in unsere Biographie einmodellieren.”

(Monika Maron, “Pawels Briefe”, S. Fischer Verlag 1999)

S. 57

“Aber denkt man allen Ernstes daran aufzuhören, für immer, tappt man in die Schlimmste aller Fallen. Es wäre das Ende nicht nur des Künftigen, es würde auch alles Bisherige zunichte machen. Wer aufhören kann, hätte niemals anfangen dürfen.”

(Ralf Rothmann, “Feuer brennt nicht”, Suhrkamp Verlag 2009)

Nicht ganz sauber.

Die ist da. Also noch nicht ganz da, aber beinahe da. Am Donnerstag, den 25.06., kommt sie raus, am Montag steht sie in den Bahnhofsbuchhandlungen und Kioskstübchen dieses Landes. Und wir feiern das, weil es ein Krampf war und anstrengend und weil diese Finanzkrise und das ganze Zweifeln uns allen hin und wieder den Boden unter den Füßen weggezogen hat. Wir haben ihn uns wiedergeholt, Teppich draufgelegt und jetzt stehen wir. Versammelt und fröhlich am Donnerstag im Berliner NBI. Kommt vorbei, legt euch das neue Heft zu, tanzt mit uns und hinterlasst uns in den Kommentaren drüben eure Lieblingssongs zum Thema. Wir freuen uns. Mitgeschrieben haben Dietmar Dath, Thees Uhlmann, Gudrun Gut und Susanne Heinrich u.v.a. (Und Twitter kommt auch vor, haha.)

Seit 110 / 112

Ich finde, wir haben gute Winter miteinander gehabt. War es einer, oder waren es mehrere? Ich weiß es nicht mehr, und du würdest sagen, es sei auch nicht wichtig. Wir hatten Schnee und klirrende Kälte, und immer, wenn ich gesagt habe, daß ich eigentlich frieren würde, hast du so geschaut, als würdest du verstehen. Wir sind spazierengegangen, wenn die Sonne schien. Die langen Schatten, und du hast die Eiskristalle von den Ästen abgebrochen und an ihnen gelutscht. Wenn du auf dem Eis hingefallen bist, habe ich lachen müssen, bis mir die Tränen kamen, wir haben uns nichts versprochen, ich wollte das auch so, dennoch, entschuldige mich, verspüre ich eine Eifersucht auf alle Winter, die du haben wirst, ohne mich.

[...]

Es ist kalt, es riecht nach Schnee. Nach Rauch. Lauschst du auf etwas, das du nicht hören kannst, liegt dir ein Wort auf der Zunge, du kannst es nicht sagen? Bist du unruhig? Sind wir uns einmal - ist das nicht genug - begegnet? Ich werde jetzt schlafen gehen. Erinnert dich der Winter manchmal an etwas, du weißt nicht - an was.

(Judith Hermann, “Sommerhaus, später”, Fischer Taschenbuch Verlag 1998)

Bücher 2009 #1

Es ist Juni, für mich der Beginn der Mitte des Jahres, ich weiß, die eigentliche Hälfte ist wohl erst zwischen Juni und Juli, aber wer mich kennt, der weiß, mit meiner Ungeduld muss mal jemand ein ernstes Wörtchen reden. (Vorher eine Liste, der Bücher, die ich bisher gelesen habe in diesem Jahr. Das kann man ja irgendwann auch mal seinen Kindern zeigen: “Guck mal, damals gab es noch gebundene Bücher und ich habe in das damals noch so langsame und lustige Internetz geschrieben, welche ich gelesen habe. Irre, was?!” Ich frage mich eh, ob die mal lesen werden, was ich hier geschrieben habe und wie Kinder das wohl so finden, wenn und was ihre Eltern bloggen. Aber dazu ein anderes Mal.)


- “@bsolut privat?! Vom Tagebuch zum Weblog”
- “Learning to love you more” (Harrell Fletcher & Miranda July)
- “Vogue Dialogues”
- “Tagebuch einer Reise” (Craig Thompson)
- “Feuer brennt nicht” (Ralf Rothmann)
- “Lost in Sound” (Tobias Rapp)
- “Animal Triste” (Monika Maron)
- “Ohne sie” (Kluun)
- “So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein” (Christoph Schlingensief)
- “Die Anstalt der besseren Mädchen” (Julia Zange)
- “Der Kaiser von China” (Tilman Rammstedt)
- “Mein Herz so weiss” (Javier Marias)
- “Ist das ein Mensch?” (Primo Levi)
- “Amerikanische Bilder” (Studs Terkel)

Zu dieser Listenmacherei hat mich Anke inspiriert. Und natürlich freue ich mich immer über Empfehlungen.

“…glücklich & traurig & naiv & verwirrt & egozentrisch!”

Heute habe ich etwas neues von Craig Thompson gefunden. Für mich neu, nicht für den Rest der Welt wahrscheinlich, aber dennoch eben erst in meine Hände gerutscht,als ich im Buchladen war. Craig Thompson war auf Reisen und sagt selbst, dass das, was dabei herausgekommen ist, “ein kleiner Snack - wie Gebäck im Flugzeug” sei. Eigentlich ist es mehr, viel mehr. “Tagebuch einer Reise” ist ein Einblick in die Welt des Reisenden, des Comiczeichners, des verlassenenen Liebenden, desjenigen, der jemandem bei einer Krankheit zur Seite stand und dennoch nicht heilen konnte, es ist die Sicht eines Fremden, eines Suchenden, eines Verwurzelten, eines Amerikaners - eine Draufsicht und eine Einsicht in Bildern. Ganz großartig und von mir eben während eines Kaffees in der Sonne quasi eingeatmet. Einmal lesen und schauen genügt da nicht, ich werde dieses Buch wieder und wieder aufschlagen und wie schon bei “Blankets” manche Bilder am liebsten auf Großformat ziehen wollen, meist welche von diesen, wo er viel mit Struktur in einer ruhigen Szene ohne viele Worte auskommt. Und dann gibt es noch die Seiten, die man kopieren und sofort an Menschen verschicken möchte, denen diese Seite an die Stirn oder das Herz getackert gehört. Die Melancholie aus “Blankets” weicht nicht vom Papier, aber am Ende steht wie immer bei ihm ein großes Gefühl, das mehr wiegt als das.

Must-Read.

Und all das weiße Papier.

“Erinnerung, auch und gerade die gewollte, ist selten wahr; sie gaukelt uns vor, etwas liege hinter uns und sei vorbei. Doch mit dem Horizont nimmt die Ahnung zu, dass Zeit nichts ist, was sich bewegt; alle Zeit meint vielmehr Gleichzeitigkeit, was vermutlich schon deswegen stimmt, weil es unser Verständnis übersteigt. Wer weiß, in den Traumtiefen dieses Augenblicks passiert vielleicht das Mittelalter, die Antike, die Zukunft in Maschinen aus Gedankenkraft und Licht; in diesem Moment juckt mich ein Mückenstich, während Plotin sich kratzt und mir irgendwer mit einem Zwinkern seine Software überspielt. Wie es auch sei, Erinnerung ist jedenfalls nicht das Mittel, um aus dem eigenen Leben ein Kunstwerk zu machen. Dazu fehlt es ihr an Vollkommenheit.”

(Ralf Rothmann, “Feuer brennt nicht”, Suhrkamp Verlag Frankfurt a.M. 2009)

Im Rückblick kann man Bücher zuklappen, das Kapitel einfach beenden und sagen: “Stimmt, an dieser Stelle konnte es nicht weitergehen. Es hätte einfach keine Fortsetzung, keine Worte, keine Perspektive gegeben.” Befindet man sich aber direkt in diesem Moment und die Umstände klappen das Buch zu, kann man sich nichts schlimmeres vorstellen, dreht und wendet man die Versionen in Gedanken, die Möglichkeiten eines Ausgangs, einer nächsten Folge, eines Happy Ends, man stellt sich die hundert Fragen, die in der Erzählung nach und nach geschickt angestoßen wurden und versteht die Welt nicht mehr, weil es einfach nicht weitergeht, obwohl man das Gefühl hat, man befinde sich mittendrin. Erst mit der Distanz, dem Zuklappen und späteren wieder kurz Aufklappen und dem erneuten Zuklappen kommen die Betonungszeichen zum Vorschein, wie mit Bleistift gemalt und an den Stellen, an denen man sie nie erwartet hätte. Und mit den richtigen Betonungen, dem Auf und Ab erscheint das Ende, das Unwiderrufliche ganz von allein. Die Seiten dahinter hat vor dem letzten Aufschlagen des Buches irgendjemand ausradiert. Manchmal findet man vielleicht noch hier und da ein Satzzeichen, aber auch so ein Komma kann auf einer Seite allein nicht viel anrichten. Dann nicht mehr.

Wie man sich bettet

“Es ist die Brust einer anderen Person, die uns den Rücken stärkt, wir fühlen uns nur wirklich geschätzt, wenn jemand hinter uns steht, das besagt der Ausdruck selbst, in unserem Rücken, wie auch im Englischen, to back, jemand, den wir vielleicht nicht sehen und der uns den Rücken deckt mit seiner Brust, die uns fast berührt und uns am Ende immer berührt, und bisweilen legt uns dieser Jemand sogar eine Hand auf die Schulter, mit der er uns besänftigt und auch uns hält. So schlafen oder glauben die meisten Ehepaare und Paar zu schlafen, beide drehen sich auf die gleiche Seite, wenn sie sich verabschieden, so daß einer dem anderen im Laufe der ganzen Nacht den Rücken zukehrt und sich von ihm oder ihr, von jenem anderen, geschützt weiß, und wenn er mitten in der Nacht aufwacht, aus einem Alptraum aufschreckend, oder nicht in den Schlaf finden kann, da er Fieber hat oder sich im Dunkeln allein und verlassen glaubt, dann braucht er sich nur umzudrehen und das Gesicht dessen vor sich zu sehen, der ihn beschützt, der sich überall dort küssen lassen wird, wo das Gesicht küßbar ist (Nase, Augen und Mund; Kinn, Stirn und Wangen, es ist das ganze Gesicht), oder ihm vielleicht im Halbschlaf eine Hand auf die Schulter legen wird, um ihn zu besänftigen oder um ihn zu halten oder womöglich, um sich festzuhalten.”

(Javier Marias, “Mein Herz so weiß”, Wilhelm Heyne Verlag München 1998)

Es gab eine Zeit, da streckte sich in der Nacht meine Hand aus. Sie ging von allein einen halben Meter, einen ganzen vielleicht manchmal, wenn sie sich anstrengte, und lehnte sich dann gegen die Wand. Und wenn der Handrücken und die Rauhfasertapete einander berührten, schlief ich einen ruhigeren Schlaf. Und dann gab es einen Moment, da hast du beschlossen zu renovieren. Du hast alles herumgeschoben und abgerissen und angemalt und dann die Hände, deine Hände, in die Hüften gestemmt, von denen ich manchmal sagte, sie seien rau, weil sie so kalt waren wie die Wand in der Nacht, die Hände hast du in die Hüften gestemmt und nicht gelacht, aber zufrieden ausgesehen, das war dein Werk. Als du gegangen warst, lebte ich in einem Zimmer voller neuer Farben mit Wänden, an denen alle abrutschte, hinunterfloss, nicht halten wollte. Und in der Mitte ein See irgendwann, nur einen halben Meter, vielleicht einen ganzen von meinem Bett entfernt. Vor dem Einschlafen schaue ich nun vom Ufer aus auf kleine Wellen und das flatternde Ufer. In der Nacht dann rutscht meine Hand nun jedes Mal mit kleinem Anlauf von der Wandbettseite zurück auf mein Brustbein. Und morgens steige ich aus dem Bett, setze die Füße auf den Boden und das Wasser ist noch ganz dunkel und kalt.

Von gestern und von morgen und von uns dazwischen

Primo Levi, “Ist das ein Mensch?”, 1988 Carl Hanser Verlag München Wien:

“Gewiß, Übung, das heißt in unserem Fall: die häufige Vergegenwärtigung, hält die Erinnerung frisch und lebendig, genauso wie man einen Muskel leistungsfähig erhält, wenn man ihn oft trainiert; aber es ist ebenso wahr, dass eine Erinnerung, die allzu oft heraufbeschworen und in Form einer Erzählung dargeboten wird, dahin tendiert, zu einem Stereotyp, das heißt zu einer durch die Erfahrung bewährten Form, zu erstarren, abgelagert, perfektioniert und ausgeschmückt, die sich dann an die Stelle der ursprünglichen Erinnerung setzt und auf ihre Kosten blüht und gedeiht.”

“Wer im Tiefsten verletzt worden ist, neigt dazu, die Erinnerung daran zu verdrängen, um den Schmerz nicht zu erneuern; und derjenige, der diese Wunden zugefügt hat, drängt seine Erinnerung in die Tiefe ab, um sich von ihr zu befreien, um sein Schuldgefühl zu erleichtern.”

“Unter diesen Umständen findet man durchaus Menschen, die bewusst lügen und auf diese Weise die Wirklichkeit kaltblütig verfälschen, aber es gibt weitaus mehr Menschen, die die Anker lichten, sich für den Augenblick oder auch für immer von den ursprünglichen Erinnerungen lösen und sich eine bequemere Wahrheit zurechtzimmern. Ihre Vergangenheit belastet sie; sie empfinden Abscheu vor den Handlungen, die sie begangen oder erlitten haben, und neigen deshalb dazu, etwas anderes an ihre Stelle zu setzen.”

“Beschreibt man diesen Ablauf oft genug gegenüber anderen und sich selbst, verliert die Unterscheidung zwischen Wahrheit und Lüge allmählich ihre Konturen, und der Mensch glaubt schließlich mit voller Überzeugung an seine Geschichte, die er so oft erzählt hat und immer noch erzählt [...] Der lautlose Übergang von der Lüge zum Selbstbetrug ist nützlich.”