Die Sache ist ja die, dass es so viele Sachen sind.

Thema: Lektüre

Heute in einer Woche…

… gibt’s ja ab 20 Uhr Rambazamba im Soupanova, ordentlich organisiert und eingetütet vom Herrn Vergrämer. Und obwohl sich viel an Texten gewünscht wurde, habe ich mich dazu entschlossen, doch was aus dem Buch zu lesen, das im Januar kommt. Das Buch kennt noch keiner, das wird die allererste Exklusivlesung mit eingebautem Versprecherpotential, ich bin schon ein bisschen aufgeregt. Aber ich freu mich auf euch. Sue kann leider nicht anwesend sein, ich bin (sehr) untröstlich.

Die Lesung kostet 4 Euro. Die Party danach gibt’s umsonst oben drauf.

(M)ein Herz für Blogs II

Schon im April habe ich einmal empfohlen, was mir am Leseherzen liegt. Nun ist es Oktober, Kai von Stylespion rief erneut zum Aktionismus auf und ich bin dabei. Manche meinten letztes Mal, es ginge dabei vor allem um Klickzahlen für den Urheber dieser Aktion - letztendlich darf es meiner Meinung nach ruhig Klicks für Kai hageln, der Gedanke der Vernetzung ist ein mir inhärenter und deswegen bin lege ich euch folgende Blogs ans Herz. Die Leseempfehlungen aus dem Frühling gelten weiterhin uneingeschränkt, zum Doppeln werde ich mich nicht hinreißen lassen sondern die Gelegenheit nutzen, euch anderes mit auf den Weg zu geben…

> The Iceland Diaries
Malte ist zur Zeit noch in Island und macht Photos dort. Schneller kann man kaum Fernweh bekommen.

> Craig Thompson
Ich habe ihn und sein Blog schon mehrmals empfohlen, aber wer ein Herz für Comics und poetische Bildsprache hat, kommt nicht drumrum. Wahrscheinlich werde ich noch als Oma durch seine Bücher blättern.

> Claude Softwareherz
Eine bezaubernde, tolle Frau mit starken Worten und einem Blick wie ein Röntgengerät.

> Sarah
Nicht irgendjemand.

> Herm’s Farm
Ein Chartbreaker unter den Twitterherosuperstars. You need gute Laune? Go there.

> Schlingenblog
Die Feuilletons echauffieren sich neuerdings über die von ihnen sogenannte “Krebsliteratur”. Über Krankheiten schreiben? Ich sage: Muss man. Aber Schlingensief sollte man nicht nur wegen seiner jüngsten Publikation lesen sondern auch einfach so.

> Argh!
Und pünktlich zum “Ein Herz für Blogs”-Freitag hat auch Frank wieder angefangen zu bloggen. Irgendwann wird Twitter eben doch zu klein. Zum Glück.

> Anything else.
Anna Rikje Rosenthal ist nun für ein paar Monaten in den USA, photographiert mit Vorliebe ihren Freund und findet auch sonst allerhand Kurioses zum Anschauen.

> electricgecko
Nicht irgendwer.

> OPAK
Eine Herzensangelegenheit. Die sind nie ohne Widersprüche und nie ohne Reibung. Alles andere wäre Vortäuschung falscher Tasachen. Ich bin so froh, dass jemand einen Raum aufmacht ohne zu versprechen, man würde nicht stolpern darin.

Was ihr wollt.

Das Line-Up der Lesung und den Partygrund habe ich bereits erläutert. Nun ist die Frage: Was lese ich eigentlich? Ehrlich gesagt habe ich keine Ahnung. Ob ich aus dem neuen Buch lesen werde, das erst im Januar erscheint, ist noch ungewiss. Drum frage ich euch: Was wollt ihr hören?

Guckt euch also um, ob im Blog oder in den Büchern um, und schickt mir eure Wünsche per Mail, per Sms, per Kommentar oder Flüsterattacke. Ich such dann was aus und öle mir den Hals.

S. 69

“Was entscheidet darüber, ob wir uns eher an die glücklichen Momente unseres Lebens erinnern oder an die unglücklichen; ob uns unsere Triumphe vor den Demütigungen einfallen oder umgekehrt? Liegt es in unserer Natur, im ererbten Temperament oder an den Umständen unserer Geburt oder an dem ersten Eindruck, den die Welt uns macht? Oder gräbt sich solche Eigenart nur langsam in unseren Charakter? Ich kann mir vorstellen, dass ein früher, nicht erinnerbarer Schreck uns für lange Zeit das Glück unzugänglich machen kann. Einmal gewarnt, können wir eine eigentlich glückliche Situation nicht mehr als solche empfinden, weil wir ihr nicht trauen. Vielleicht fühlen wir uns sogar bedroht, weil wir das, was Glück sein könnte, nur für eine Täuschung halten, die sich in Enttäuschung verwandelt, sobald wir unser Mißtrauen aufgeben. Andere, denen dieser Schreck, oder wie immer wir es nennen wollen, nicht zugestoßen ist, können die Augenblicke des Glücks einfach genießen wie warme Sommertage, ohne Gedanken an den nächsten Winter, “dieser wunderbare Sommer, weißt du noch?”, können sie später sagen, eine nicht widerlegbare Erinnerung. Ich meine nicht die Neigung, das Erlebte nachträglich zu vergolden, um zähe Ehejahre und lebenslange, ehrgeizige Schinderei in vorzeigbares Glück zu verwandeln. Ich meine das, was wir im Augenblick des Geschehens als wirklich erleben, was wir als ein Stück erbeutetes Leben davontragen und in unsere Biographie einmodellieren.”

(Monika Maron, “Pawels Briefe”, S. Fischer Verlag 1999)

S. 57

“Aber denkt man allen Ernstes daran aufzuhören, für immer, tappt man in die Schlimmste aller Fallen. Es wäre das Ende nicht nur des Künftigen, es würde auch alles Bisherige zunichte machen. Wer aufhören kann, hätte niemals anfangen dürfen.”

(Ralf Rothmann, “Feuer brennt nicht”, Suhrkamp Verlag 2009)

Nicht ganz sauber.

Die ist da. Also noch nicht ganz da, aber beinahe da. Am Donnerstag, den 25.06., kommt sie raus, am Montag steht sie in den Bahnhofsbuchhandlungen und Kioskstübchen dieses Landes. Und wir feiern das, weil es ein Krampf war und anstrengend und weil diese Finanzkrise und das ganze Zweifeln uns allen hin und wieder den Boden unter den Füßen weggezogen hat. Wir haben ihn uns wiedergeholt, Teppich draufgelegt und jetzt stehen wir. Versammelt und fröhlich am Donnerstag im Berliner NBI. Kommt vorbei, legt euch das neue Heft zu, tanzt mit uns und hinterlasst uns in den Kommentaren drüben eure Lieblingssongs zum Thema. Wir freuen uns. Mitgeschrieben haben Dietmar Dath, Thees Uhlmann, Gudrun Gut und Susanne Heinrich u.v.a. (Und Twitter kommt auch vor, haha.)

Seit 110 / 112

Ich finde, wir haben gute Winter miteinander gehabt. War es einer, oder waren es mehrere? Ich weiß es nicht mehr, und du würdest sagen, es sei auch nicht wichtig. Wir hatten Schnee und klirrende Kälte, und immer, wenn ich gesagt habe, daß ich eigentlich frieren würde, hast du so geschaut, als würdest du verstehen. Wir sind spazierengegangen, wenn die Sonne schien. Die langen Schatten, und du hast die Eiskristalle von den Ästen abgebrochen und an ihnen gelutscht. Wenn du auf dem Eis hingefallen bist, habe ich lachen müssen, bis mir die Tränen kamen, wir haben uns nichts versprochen, ich wollte das auch so, dennoch, entschuldige mich, verspüre ich eine Eifersucht auf alle Winter, die du haben wirst, ohne mich.

[...]

Es ist kalt, es riecht nach Schnee. Nach Rauch. Lauschst du auf etwas, das du nicht hören kannst, liegt dir ein Wort auf der Zunge, du kannst es nicht sagen? Bist du unruhig? Sind wir uns einmal - ist das nicht genug - begegnet? Ich werde jetzt schlafen gehen. Erinnert dich der Winter manchmal an etwas, du weißt nicht - an was.

(Judith Hermann, “Sommerhaus, später”, Fischer Taschenbuch Verlag 1998)

Bücher 2009 #1

Es ist Juni, für mich der Beginn der Mitte des Jahres, ich weiß, die eigentliche Hälfte ist wohl erst zwischen Juni und Juli, aber wer mich kennt, der weiß, mit meiner Ungeduld muss mal jemand ein ernstes Wörtchen reden. (Vorher eine Liste, der Bücher, die ich bisher gelesen habe in diesem Jahr. Das kann man ja irgendwann auch mal seinen Kindern zeigen: “Guck mal, damals gab es noch gebundene Bücher und ich habe in das damals noch so langsame und lustige Internetz geschrieben, welche ich gelesen habe. Irre, was?!” Ich frage mich eh, ob die mal lesen werden, was ich hier geschrieben habe und wie Kinder das wohl so finden, wenn und was ihre Eltern bloggen. Aber dazu ein anderes Mal.)


- “@bsolut privat?! Vom Tagebuch zum Weblog”
- “Learning to love you more” (Harrell Fletcher & Miranda July)
- “Vogue Dialogues”
- “Tagebuch einer Reise” (Craig Thompson)
- “Feuer brennt nicht” (Ralf Rothmann)
- “Lost in Sound” (Tobias Rapp)
- “Animal Triste” (Monika Maron)
- “Ohne sie” (Kluun)
- “So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein” (Christoph Schlingensief)
- “Die Anstalt der besseren Mädchen” (Julia Zange)
- “Der Kaiser von China” (Tilman Rammstedt)
- “Mein Herz so weiss” (Javier Marias)
- “Ist das ein Mensch?” (Primo Levi)
- “Amerikanische Bilder” (Studs Terkel)

Zu dieser Listenmacherei hat mich Anke inspiriert. Und natürlich freue ich mich immer über Empfehlungen.

“…glücklich & traurig & naiv & verwirrt & egozentrisch!”

Heute habe ich etwas neues von Craig Thompson gefunden. Für mich neu, nicht für den Rest der Welt wahrscheinlich, aber dennoch eben erst in meine Hände gerutscht,als ich im Buchladen war. Craig Thompson war auf Reisen und sagt selbst, dass das, was dabei herausgekommen ist, “ein kleiner Snack - wie Gebäck im Flugzeug” sei. Eigentlich ist es mehr, viel mehr. “Tagebuch einer Reise” ist ein Einblick in die Welt des Reisenden, des Comiczeichners, des verlassenenen Liebenden, desjenigen, der jemandem bei einer Krankheit zur Seite stand und dennoch nicht heilen konnte, es ist die Sicht eines Fremden, eines Suchenden, eines Verwurzelten, eines Amerikaners - eine Draufsicht und eine Einsicht in Bildern. Ganz großartig und von mir eben während eines Kaffees in der Sonne quasi eingeatmet. Einmal lesen und schauen genügt da nicht, ich werde dieses Buch wieder und wieder aufschlagen und wie schon bei “Blankets” manche Bilder am liebsten auf Großformat ziehen wollen, meist welche von diesen, wo er viel mit Struktur in einer ruhigen Szene ohne viele Worte auskommt. Und dann gibt es noch die Seiten, die man kopieren und sofort an Menschen verschicken möchte, denen diese Seite an die Stirn oder das Herz getackert gehört. Die Melancholie aus “Blankets” weicht nicht vom Papier, aber am Ende steht wie immer bei ihm ein großes Gefühl, das mehr wiegt als das.

Must-Read.

Und all das weiße Papier.

“Erinnerung, auch und gerade die gewollte, ist selten wahr; sie gaukelt uns vor, etwas liege hinter uns und sei vorbei. Doch mit dem Horizont nimmt die Ahnung zu, dass Zeit nichts ist, was sich bewegt; alle Zeit meint vielmehr Gleichzeitigkeit, was vermutlich schon deswegen stimmt, weil es unser Verständnis übersteigt. Wer weiß, in den Traumtiefen dieses Augenblicks passiert vielleicht das Mittelalter, die Antike, die Zukunft in Maschinen aus Gedankenkraft und Licht; in diesem Moment juckt mich ein Mückenstich, während Plotin sich kratzt und mir irgendwer mit einem Zwinkern seine Software überspielt. Wie es auch sei, Erinnerung ist jedenfalls nicht das Mittel, um aus dem eigenen Leben ein Kunstwerk zu machen. Dazu fehlt es ihr an Vollkommenheit.”

(Ralf Rothmann, “Feuer brennt nicht”, Suhrkamp Verlag Frankfurt a.M. 2009)

Im Rückblick kann man Bücher zuklappen, das Kapitel einfach beenden und sagen: “Stimmt, an dieser Stelle konnte es nicht weitergehen. Es hätte einfach keine Fortsetzung, keine Worte, keine Perspektive gegeben.” Befindet man sich aber direkt in diesem Moment und die Umstände klappen das Buch zu, kann man sich nichts schlimmeres vorstellen, dreht und wendet man die Versionen in Gedanken, die Möglichkeiten eines Ausgangs, einer nächsten Folge, eines Happy Ends, man stellt sich die hundert Fragen, die in der Erzählung nach und nach geschickt angestoßen wurden und versteht die Welt nicht mehr, weil es einfach nicht weitergeht, obwohl man das Gefühl hat, man befinde sich mittendrin. Erst mit der Distanz, dem Zuklappen und späteren wieder kurz Aufklappen und dem erneuten Zuklappen kommen die Betonungszeichen zum Vorschein, wie mit Bleistift gemalt und an den Stellen, an denen man sie nie erwartet hätte. Und mit den richtigen Betonungen, dem Auf und Ab erscheint das Ende, das Unwiderrufliche ganz von allein. Die Seiten dahinter hat vor dem letzten Aufschlagen des Buches irgendjemand ausradiert. Manchmal findet man vielleicht noch hier und da ein Satzzeichen, aber auch so ein Komma kann auf einer Seite allein nicht viel anrichten. Dann nicht mehr.