Du hier?

Lieber Heinz, was machst du denn hier?

Wir wissen zwar nicht mehr, wie du mit Nachnamen heißt, aber dank diverser Webmaster können wir das bald wieder nachschlagen. Sei uns nicht böse, wenn wir dich damals nicht zurückgerufen und deine Briefmarkensammlung, die du uns anvertraut hast, längst verloren haben. Und außerdem, Schwamm drüber, wir sind doch jetzt alle erwachsen. Dein Geburtsdatum hast du schließlich brav eingetragen. Genau wie deine Ex-Firmen und in welchem Kinofilm du zuletzt warst.

Ist das Web 2.0 nicht was tolles? Jetzt können wir wieder richtig dicke sein, Heinz. Und kennst du noch die Tina? Lad die doch mal ein, ich hab ihre E-Mail-Adresse nicht mehr. Verloren, weißt du, ich bin doch immer soviel unterwegs. Zuhause? Ach ja, mal hier, mal da. Flexibel muss man sein in unseren Zeiten. Aber ist ja auch nicht so wichtig, ich kann mich ja einloggen und alle Freunde sind schon da. Ringelreihe? Ach was, ist doch toll, keine lästigen Briefe mehr, kein Anrufen. Und immer auf einen Blick, wie viele Leute man doch richtig gut kennt. Ist schon schön. Gelegentliche Ausdrucke für den Ordner „Ich bin so geil, ich hab so viele Freunde“ werden gemacht, na klar. Der ist schon richtig dick, was glaubst du denn?

Und schau mal, da hat sich die aus der Uni meine Seite angesehen und schreibt nicht einmal was. Naja, die konnte ich schon im ersten Semester nicht leiden. Adden werde ich sie trotzdem. Sieht doch gut aus, sowas. Und ich bin ja auch nett. Geburtstage brauche ich mir nicht mehr merken, das System erinnert mich. Und so kann ich auch dir, Heinz, gratulieren. Ich wünsche dir das Beste von Herzen. Und damit du dich so richtig freust, wirst du heute auch gegruschelt. Was auch immer das ist, wird schon gut sein. Mit dir kuschelt ja auch sonst niemand.

Komisch, oder? Dass heute niemand von den Leuten kam, die ich zu meinem Umzug eingeladen hab. Dabei sind wir doch so gut befreundet. Verstehst du das, Heinz? Ach und, was studierst du noch mal? Warte, ich guck eben nach. Bis morgen, Heinz. Schön, dass wir uns jetzt so gut verstehen.

Liz hat es verfasst, und zwar am 3. September 2006 um genau 13:03
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 Jahreszeiten wie eine Maßeinheit

Manchmal weiß man nicht, wohin man gehört und was dieses dick unterstrichene Wort Zukunft eigentlich sein soll. Manchmal fühlt man sich fehl an jedem Platz der Welt. Wenn man dann jemanden trifft, der zu verstehen scheint, was das bedeutet, beginnt man zu idealisieren. Und daran zu glauben.

“Blankets” ist die gemalte Geschichte von Craig, der in einer Kleinstadt in Wisconsin (USA) aufwächst. Zwischen Kirche und Schule, zwischen elterlichen Erwartungen und dem Gefühl, irgendwie falsch zu sein, wird er älter. Er flüchtet sich in die Bibel und merkt trotzdem, dass er nicht einfach glauben kann, sondern dass er hinterfragt. Als er Raina begegnet, einem Mädchen, das er im Kirchencamp kennenlernt, hört er vorerst damit auf. Raina wird sein Heiligtum.

Die beiden lernen sich kennen und behalten trotz großer Entfernung Kontakt. Sie schreiben sich Briefe und irgendwann besucht Craig das Mädchen, das in einer wirren Situation lebt. Die Eltern lassen sich scheiden, um zwei ihrer Geschwister muss sie sich kümmern, die große Schwester läd ihr Baby bei Raina ab. Und Raina soll dazwischen irgendwie erwachsen werden.

Die beiden haben eine gute Zeit. Und doch löst sich Craigs Unbehagen gegenüber der Teeniegesellschaft nicht auf. Er glaubte, in Raina eine Verbündete gefunden zu haben. Und sie suchte einen Retter. “Verlass mich nie”, sagt sie. Und doch ruft sie am Ende an, als er wieder zuhause ist, und sagt, ihr sei es zuviel. Craig nimmt das hin. Er taumelt sich so durch. Er behält die traurigen Augen, bis zu diesem einen Tag im Schnee.

Blankets ist die Geschichte der Suche nach sich selbst, in dem man in anderen Menschen sucht. Am Ende muss man sich aber doch an sich selbst anlehnen. Denn niemand wird einer solchen Romantik gerecht werden, alle sind mit sich selbst beschäftigt. Und als Craig erkennt, dass man sich selbst genügen muss, kann er zurücksehen, ohne den Kopf zu senken:

“Wie befriedigend es ist, ein Zeichen auf einer leeren Oberfläche zu hinterlassen. Eine Karte meiner Bewegung anzufertigen, egal, wie vergänglich”.

Wenn man weiß, dass alles vorbeigeht, kann man sich darauf einstellen. Kann man damit rechnen. Kann man es loswerden. Und ist am Ende vielleicht leichter.

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Blankets ist bei SPEED Comics erschienen. Autor Craig Thompson (31) lebt in Oregon.

Liz hat es verfasst, und zwar am 1. September 2006 um genau 12:03
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 Zehn Jahre älter als meine Mutter

Donnerstag war es immer aufregend morgens in der U-Bahn. Die blaue Linie brachte uns zur Schule, ich stieg in Mitte zu. Alina und Sarah waren schon in Kreuzberg eingestiegen. Bis nach Reinickendorf mussten wir jeden Tag. Sieben Stationen für mich, 15 Minuten Fahrtzeit. Wir lernten effektives Zeitmanagement. 15 Minuten für die vergessenen Hausaufgaben von zwei Fächern, für Vokabeln und Kunstwerke, für das Anschmachten von Parallelklassenjungs. Aber donnerstags war alles anders. Donnerstags hatte Sarah die neue Bravo.

Wir lernten diskutieren und Blattkritik. Wir betrieben Konkurrenzbeobachtung und Recherchevergleich. Die Abgründe des Layouts führten hin und wieder zu hitzigen Debatten. Wir lernten Geduld und schnelles Lesen. Wir lernten Distanz zu Inhalten und emotionale Beherrschung.

Ja, wir haben neulich mal wieder eine Bravo gekauft. An der Tanke unterwegs, so wie viele Bands auf Tour, die was zum Lachen brauchen. Nah am Fan, dranbleiben und sowieso, man müsse ja auf dem neuesten Stand sein, was Pubertärkultur betrifft. Und die Bravo hat noch immer nichts gelernt. Fiese Farben und Layouts. Doppelte Fotos und crazy Poster. Das Rezept der konstanten Starre scheint zu funktionieren. Ja, man photographiert die Nackten jetzt nicht mehr im weißen Studio sondern vor natürlichem Hintergrund wie Duschvorhang oder Mustergardine. Der Rest ist, wie er schon damals war. Eckige Kästen bekommen runde Ecken, ok. Flippig, hip und kotzebunt.

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(Meine Erste.)

Das interessiert den pickeligen Leser aber eh nicht. Dieser will noch immer Fotos von den Falten seiner Stars, von Möpsen und dicken Autos, von Handy-Gimmicks und dem heißesten Scheiß in Sachen Markenmode. Foto-Love-Stories und Riesenposter, Sammelkarten und Klebe-Tattoos. Ihr seid der Trend. Ihr seid das kollektive Non-Bewusstsein in diesem Alter, das den meisten die Wochen und Monate unvorhersehbarer Hormonschübe erleichtert.

Und so verschenkten wir die Bravo an unsere Zeltnachbarn, die aber auch nach drei Minuten genug hatten. Die Bravo ist nun zehn Jahre älter als meine Mutter und braucht keine Antifaltencreme. Man bügelt es sich eh zurecht und spritzt hier und da ein bisschen auf, was noch nicht prall genug ist. Bang Bang forever. Aber es fühlt sich gut an zu merken, dass der Mensch an sich in Würde altern kann. Mindestens erwachsen werden. Wir gehen jetzt donnerstags ins Kino. Und in der U-Bahn schlafen wir ein, während die Kinder sich in Trauben sammeln, kreischen und ihnen die Kommafehler nicht auffallen.

Liz hat es verfasst, und zwar am 25. August 2006 um genau 12:12
Kategorie : Lektüre, Wir | 3 Kommentare

 Geboren um 1980

http://www.mevme.com/lizblog

Wer heute die taz kauft, sollte sich die Beilage nicht entgehen lassen. Wir haben überlegt und geschrieben, redigiert und gestritten, gefeiert und gedacht: ok so. Über Kritik freuen wir uns.

(Ach und.. sucht die Beilage nicht als letztes Buch. Sie liegt zwischen Seite 8 und 9)

Liz hat es verfasst, und zwar am 15. August 2006 um genau 8:28
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 Sich noch einmal umdrehen

Oliver Müller schrieb am 24.07.2006 über das Buch „Keiner stirbt für sich allein“ von Oliver Tomlein. In seinem Buch geht es um das Sterben in Deutschland, um einen Akt, der das Leben abschließt und sich in vielen Fällen doch über Jahre zieht. Tomlein hat untersucht, wie die Realität des Sterbens in Deutschland in Umrissen und Geschichten aussieht. Und Oliver Müller findet in seinem Artikel dazu ein paar gute Worte:

„ In der Verrechtlichung und Bürokratisierung des Sterbens scheint kein Platz mehr zu sein für das Wie und Wo des Sterbens, für das Gefüge, in dem der einzelne seinen Abschied nehmen konnte, für das, was früher Teil der Kultur war“.

Bisher fand die Auseinandersetzung mit dem Tod in meinem Leben immer nur plötzlich statt. Da brach die Situation unerwartet über alle herein und alles fiel aus dem Rahmen. Abschied gab es da nie, ein sich Nähern nicht und auch keine letzten Worte. Und doch erinnere ich mich schemenhaft an das zermürbte Gesicht der Frau, die soeben ihre Mutter verloren hatte. Und trotzdem noch mit Behörden kämpfen musste. Ich erinnere mich an die Schemata des Pfarrers, die er in seiner Rede über den jungen Mann abarbeitete und damit kilometerweit entfernt war von der Person, die da eigentlich gegangen ist. Ich weiß noch die Blässe in den Gesichtern, in allen.
Und kann am Rande ahnen, wie es sich anfühlt, wenn dem Leben langsam ein Mensch amputiert wird. Schritt für Schritt aus dem Rhythmus eines Alltags kommt und in einen anderen übergeht, wobei der Gesunde sehen muss, wie er sich zwischen diesen beiden bewegt. Und wen er aufgibt.

Hat man den Tod einmal im Rücken gehabt, nimmt man was mit von dem kalten Schweiß. Muss man sich während all dieser inneren Kämpfe auch noch mit dem Arbeitgeber und anderen Bürokratiebarrieren herumschlagen, versickert der Raum, den man braucht, um irgendwie damit umzugehen ohne selbst auf der Strecke zu bleiben.

Und wieder weiß ich um ein Thema, das mich nie loslassen wird und mit dem ich mich weiter beschäftigen muss. Muss, weil es kalt war im Nacken. Und immer noch kühl ist. Denn wer die Chance auf einen Abschied bekommt, der sollte sie auch nutzen dürfen.

Liz hat es verfasst, und zwar am 25. Juli 2006 um genau 10:47
Kategorie : Lektüre | 2 Kommentare

 ‘Ay, lesen is fett schwul…’

…sagte mal ein Teenager irgendwo. Diese Worte wurden über einen Freund an mich weitergetragen. Heute ist lesen gut.

In der Intro wird der Sketchbooks-Sampler gelobt.

Und in der SZ macht sich Oliver Fuchs köstlich über Blumfeld her:
Das Problem ist, dass der Erkenntnisgewinn so kümmerlich ist. Zu Schnee fällt ihm ein, dass er weiß ist. Zu Tieren fällt ihm ein, dass es viele verschiedene gibt. Und Flüsse, das hat Jochen hart recherchiert und scharf analysiert, fließen! Heidewitzka, Herr Kapitän!.

Dazu noch ein ganz netter Text von Steffen Kraft namens “Unsere jungen Geistesgaben - Wie die Generation Praktikum sich selbst betrügt”. Es geht um das neue Prekariat, um die alte Bohéme und ihre Fähigkeit, aus der Unsicherheit noch kreative Kraft zu schöpfen. Es geht darum, trotz dem trendy Individualisierungszwang in gewissen Dingen noch im Kollektiv aufzutreten. Und vor allem geht es um “Orientierungslosigkeit bei gleichzeitiger Unerbittlichkeit mit sich selbst” bzw. dem Praktikum als “berufliche Pubertät”. Es fällt der Begriff “Party-Praktikant” und dass es darum geht, Träume zu haben.

Ich bin Praktikantin, ich bekomme Espresso gemacht und der letzte Monat war mal Erwachsensein in Echzeit mit Überstunden und Augenringen, mit wenig Zeit und Notbremse. Aber man lernt die zwei Tage Wochenende nicht nur mögen sondern lieben.

Um einschlafen zu können, habe ich Naokos Lächeln gelesen. Ich wollte wissen, was dran ist an diesem Lobeshymnengeseier auf Haruki Murakami. Man darf ihn sich nicht vorlesen lassen, es könnte passieren, dass man sich bepisst vor Lachen, weil die Worte manchmal einfach nur platt und ausgelutscht sind. Die Figuren sagen offen und echt, was sie meinen, das Blabla gibt es trotzdem. Aber man kommt da rein, ich hätte es ja selbst kaum gedacht. Und im Zug hab ich´s dann nicht mehr zur Seite gelegt, weil die Figuren so wunderbar belanglos sind, dass es eine Freude ist, ihnen beim Leben zuzuschauen. Worin da die Faszination liegt, kann ich nicht sagen, aber am Ende wusste ich, wie die Berge aussehen, wer mit wem geschlafen hat und dass die Welt nicht anders wäre, hätten sie sich anders verhalten. Ich habe einige Menschen in den Figuren wiedererkannt, das ist das Erschreckende. Ich denke, ich werde kein weiteres Buch von ihm lesen.

Liz hat es verfasst, und zwar am 2. Mai 2006 um genau 13:49
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 ‘Das erste Gedicht muss gleich ein Bringer sein…’

„Gedichte sind langweilig, Bücher auch“, hört man ja ständig. Tobias Premper hingegen mag Bücher und Gedichte. Und das so sehr, dass er selber welche macht. Das Buch an sich soll nicht immer tiefer unter den Tisch rutschen. Deswegen rückt Tobias Premper es in ein, sein Rampenlicht. Was er mit Büchern so anstellt, kann man auf bremsspur.net verfolgen. Und was Worte mit ihm so anstellen, kann man in seinem Gedichtband „Sugardaddy“ nachlesen (den er selbst übrigens nie als Gedichtband bezeichnen würde). Jan Kruse von Human Empire hat dazu Bilder gemalt. Es geht um Falten, Joey Ramone, Überraschungseierfiguren und das Mädchen im eigenen Bett. Und ich habe mit ihm gesprochen.

Liz hat es verfasst, und zwar am 10. April 2006 um genau 23:04
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 Lange nicht gelesen?

Ab heute gibt´s das sprach Rausch“-Buch bei Amazon und hoffentlich auch in den gängigen Buchläden zu kaufen. Yeah!

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Liz hat es verfasst, und zwar am 13. März 2006 um genau 16:01
Kategorie : Lektüre | 3 Kommentare


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