
Wir waren ein bisschen ins Zweifeln geraten dort oben auf der Hochebene. Aus dem Auto blickten wir auf einen Teller aus Gestrüpp und Wasser, auf einen Rahmen aus Bergen und über uns klebte der Himmel so gerade und straff, dass man meinte, er könne bei jedem Flugzeug zerreißen. Und bei dem ersten Straßenschild stiegen wir aus, reckten und streckten uns, hielten die Bäuche in die nahe Sonne und wunderten uns doch darüber, dass wir kein schallend lautes Lachen herausbrachten. Man meint immer, man habe das nötig, eine laute Bekundung des Gefühls herauszubringen, ein breites Lachen, einen stampfenden Fuß. Dort oben blieb uns jedoch jegliche Außenwirkung in den Poren kleben, das Lächeln blieb einzig und allein im Bauch. Das hat gereicht. Wir waren angekommen. Da wollten wir hin.
“Gefangen im Sehnsuchtsort der anderen“, sagte man mir gestern ins Ohr und mir fiel der Gedanke zurück an den Punkt, an dem wir am See saßen, die Mücken schwirrten und wir endlich begriffen. Ich habe mich nicht gefürchtet und ich habe mich auch nicht gefreut, ich habe einfach angenommen, was ich mir bis dato immer versuchte, mit aller Kraft vom Leib zu halten. Und vielleicht muss man wirklich dorthin, wo die sind, denen niemand noch eine Sehnsucht zutraut. “Mit Bergen und Seen und dieser Mentalität, da müssen sie doch glücklich sein”, denken die Zugereisten (nicht weit genug) und steigen nach einer kurzen Pause wieder in ihre Wohnmobile. Als wir vor dem Zelt sitzenblieben, brachte uns der alte Mann am Morgen noch getrockneten Fisch und Milch und ein Hirschgeweih.
Als sein zahnloses Grinsen brach, hörte ich auf mich zu wehren, fing ich an mich zu arrangieren. Ich nahm die schweren Jahre, legte sie mir vor die Füße, trat sie in den Fluss und hätte in dem Moment nichts besseres tun können. Im Deutschunterricht war mir der Begriff Katharsis immer zuwider gewesen, da oben am Fluss kapierte ich zum ersten Mal und begann in aufrechter Haltung zu zielen.
Liz hat es verfasst, und zwar am 13. November 2006 um genau 12:31
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“The Science of Sleep” ist Anarchie in Zellophan und in Bildern. Ich war ein bisschen eingeschüchtert von all dem Pannesein und Schallallalla, von all dem Pappmaché und Plastik, sodass ich irgendwann nicht mehr wusste, sind das die Träume der Figur Stéphane oder sind es doch Michel Gondrys ganz persönliche Nächte, denen wir da zuschauen. Weil man so sehr ins Detail gezogen wurde, so sehr in den Freak, dass es mich fast wunderte, wäre all das pure Phantasie, und dass mich auch hin und wieder ein Luftzug daran erinnerte, dass mein Mund offenstand. Ein bisschen von einem selbst ist doch immer dabei.
Aber die Dramatik kennt man eben doch. Dafür braucht man nicht Realität und Traum verwechseln, wie Stéphane es tut. Dazu braucht man sich nicht den Kopf an Nachbarstüren einzuschlagen und keine Zeitmaschinen. Weil man sich auch so missverstehen und in unterschiedlichen Geschwindigkeiten reden, denken und fühlen kann. Und so wie Stéphane überschwänglich rudert und rudert und in seiner enormen Lautstärke übersieht, was seine Nachbarin doch eigentlich für kleine, aber sichtbare Signale aussendet, liegt doch fast jedem ein Verständigungsproblem vor der Tür wie ein Paket. Und man braucht kein Fernsehstudio im Kopf, um zu wissen, wie sie sich anfühlt, “diese dreckige Sekunde zwischen dem Schlaf und Wach“.
Und das Gefühl des Missverstandenwerdens kennt man auch. Es sieht nur schöner aus in Pappmaché und Silberfolie. Wenn du am Telefon einschläfst, brauchst du halt jemanden, der nicht auflegt. Besetztzeichen machen sich in Träumen nicht gut.
Liz hat es verfasst, und zwar am 4. Oktober 2006 um genau 11:44
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Erst lasse ich die Jacke an, dann ziehe ich sie doch aus und lege sie mir auf den Schoß. Meine rechte Hand sucht sich die Stelle des roten Stoffs, die am wärmsten ist. Die am leisesten ist. Wohin mit den Füßen, frage ich mich, wohin mit den Füßen? Kalt und warm im Takt mit der Gänsehaut, während auf der Leinwand einer schreit, einer schlägt, einer verstummt. Die Frau links neben mir hält die Luft an. Selbst das kann man hören. Und den Leuten ist ihr Husten peinlich, sie sind sich selbst peinlich und die Bilder auf der Leinwand sind ihnen fremdpeinlich. Ja, wohin mit den Füßen. Sie legen ihre Hände in den Schoß, während auf der Leinwand einer rennt, einer steht, einer fällt.
Die Bilder dauern. Deine einzige Chance ist dein Auge. Schließ es oder halte durch. Dass Zwinkern dabei manchmal wie Erlösung und die eigene Jacke zum Schutzwall wird, scheint abstrus, aber niemand stellt es in Frage. Man hat ja sonst nichts. Und niemand sitzt im Saal allein. Und der auf der Leinwand vergewaltigt, versucht und verliert. Im Publikum rascheln die krampfenden Hände. Im Gang draußen reden die wenigsten. Manche träumen nachts davon, manche sind froh, dass sie es nicht tun.
Liz hat es verfasst, und zwar am 13. September 2006 um genau 17:07
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Bei diesem Film weiß man schon nach zehn Minuten, dass man ihn nicht bis zum Ende durchhält. Jaja, tolle Farben, prima Gesichter und so. Und Indien zieht ja sowieso oft. Dumm nur, wenn man mit der Kamera auf alle kleinen Gesten hält und damit sagt: “Jetzt guckt schon hin, das ist NEBENSÄCHLICH.”
Dumm auch, wenn die Dialoge furchtbar vorhersehbar, die Rebellion der kleinen Chuyia gegen das Kastensystem in Indien bis ins Kleinste ausgesprochen und gezeigt wird, sodass dem Zuschauer auch ja nichts entgeht. Dass man keine Lust hat, auf Metaphern, die keine mehr sind, weil man ihnen jeglichen Interpretationsspielraum genommen hat, ist den Machern anscheinend egal. Vielleicht hat man aber auch nicht mit selbstlaufenden Gehirnen gerechnet, vielleicht versucht man ja, Leuten, die sonst auf Terminator stehen, Ästhetik beizubringen. Funktioniert nicht. Wird unästhetisch. Und sowas von gehaltlos.
Die Geschichte ist schon in den ersten drei Minuten erzählt und durchschaut. Chuyia wurde als Kind verheiratet, ihr Mann stirbt und so ist sie schon eine Witwe, bevor sie überhaupt verstanden hat, was das heißt. Abgeschoben wird sie dann in ein Witwenhaus. Natürlich will sie da nicht bleiben, natürlich sind die Frauen da alle komisch, natürlich gibt es auch die Guten, natürlich rafft Chuyia als kleines Mädchen sofort, wer ihr da über den Weg läuft. Offenkundig und total märchenhaft (natürlich!): “Ein Engel?!” Unvorteilhaft auch, wenn dazu die Synchronisation volle Banane ins Klischee fährt und nicht passt.
Wenn einem der Kopf in die Schraubzwinge geklemmt wird, macht man doch automatisch die Augen zu.
(Offiziell läuft “Water” ab 7.September in den Kinos.)
Liz hat es verfasst, und zwar am 5. September 2006 um genau 11:44
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Schreien Sie auf, liebe Feministinnen in Hochform! Haben Sie das schon einmal gesehen? Die armen, geprügelten Männer, die ohne Orientierung und Rückzugsraum, haben ab heute wieder ein Absperrband geschenkt bekommen, welches sie großzügig einsetzen dürfen: einen Fernsehsender ganz für sich allein.

Eigentlich soll DMAX ja auch Frauen ansprechen, Hauptzielgruppe seien aber die Männer. Schubladenfreunde dürfen jetzt aufjuchzen, da kommt das Programm für den angeblich neuen Mann, der ja auch irgendwie alles ist: den Softie, den harten Kerl, den Verständnisvollen, den Frauenversteher, den Macho, den Coolen, den Gewissenhaften, den Nachdenklichen und den Sorglosen. (Von allem ein bisschen macht ein ganz großes Nichts, nur mal nebenbei gesagt. “Was ist schon ein Mann ohne Prioritäten?”, murmelt da etwas in mir). XXP wird abgeschafft, die Männer sollen an die geballte
Macht. Alles schön zurechtgeschnippelt und in Bildschirmgröße gepresst. Brav hat man Real-Formate importiert und noch ein bisschen Quotenprominenz beigemischt.
Die Sendungen reichen vom Spielplatz für Playboys über den Megaführerschein bis hin zu heißen Öfen und Monstergaragen. Prima, wenn man meint, damit den neuen Mann anzulocken. Die Webseite zeigt sich in edlem Grau-Türkis. Stromlinien bringen die Dynamik, das Türkis erinnert an Zahnarzt. Macht nix, Doktoren sind ja von Natur aus begehrt bei Frauen, meinen Gerüchte. Smart und hopps: Schau ein bisschen Fernsehen und du brauchst nicht mehr in den Abenteuerurlaub fahren. Erotik ist offiziell ja noch nicht geplant, vielleicht will man damit am Anfang aber auch nicht gleich ins Haus fallen.
Müssen wir jetzt Angst haben? Angst vor einem nachziehenden Frauensender? Ist die neue Frau dann ein knackiges Anzugmädchen am Herd, das sich die Zehnägel von einem Butler lackieren lässt und nebenbei eine Zusammenfassung von Brecht liest, während in ihrer Lieblingssoap Karten für Robbie Williams verschenkt werden?
Gott bewahre.
Liz hat es verfasst, und zwar am 1. September 2006 um genau 18:05
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Reservieren Sie sich einen Platz in den hinteren Reihen des Saales. Stellen Sie sich auf pubertierende Junggangster ein, auf Popcorngeschosse, Colabecherstapel und Pfiffe bei nackter Haut. Lehnen sie sich zurück, suchen sie nicht den Gurt und lassen Sie sich berieseln. Fahren Sie die Schreckschreilautstärke auf ein Minimum herunter, sie ernten sonst böse Blicke von nebenan. Überhören sie die Grunzgeräusche bei Auftauchen von Gong Li und lassen Sie die Erwartungen, was halbwegs clevere Dialoge angeht, zuhause. Dann werden Sie sich von Miami Vice gut unterhalten fühlen.
Der Film zur Serie, die 1986 zum ersten Mal auf der ARD lief, erzählt die Geschichte der Cops Sonny und Ricardo. Die beiden sollen undercover Drogenschmuggler entlarven. Es wird geküsst, sich durch die gegelten Haare und mit schnellen Autos gefahren, geballert und gezeigt, dass Hollywood immer noch Hollywood ist. Ein bisschen Wehmut, ein bisschen Stolz, drei Prisen Sex und fünf Schuss Knalleffekt. Bumms, fertig ist der Film.
“Ich sterbe für einen guten Mojito” - “Ich kenne da eine Bar in Havanna”. Dieser Dialog gehört zu den köstlichsten des Filmes. Die Nazikeule wurde auch ausgepackt, es gruselt einen nicht nur einmal. Es ist egal, ob man die Serie kennt oder einfach noch zu jung war, um Fan zu sein. Die Geschichte ist schnell erzählt und das Ende hat man auch offen gelassen, um einen zweiten Teil nachschießen zu können. Die guten Kameraperspektiven überraschen, man gewöhnt sich auch an den Schnauzer von Colin Farrell. Alles in allem ist dieser Film ein dickes Bang Boom Bang mit Zuckerguss. Die Freigabe ab 16 scheint dem Saalinhalt nach niemanden zu interessieren. Und die kleinen Jungs neben mir schienen dazu noch wesentlich abgebrühter als ich. Subtilen Witz gab es kaum, also auch keine hochgezogenen Augenbrauen. Schmalz und Machismo in recht ästhetisches Licht gerückt.
We wear our sunglasses at night…
Liz hat es verfasst, und zwar am 28. August 2006 um genau 16:17
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Marcel möchte Personenschützer sein. Marcel kommt aus der DDR und lebt mehr im Gestern als im Heute. Er wohnt nah an der Mauer, seine Wohnung ist noch so ostbraun wie seine Gedanken oft. In der neuen Zeit anzukommen, ist ihm noch nicht wirklich gelungen. Von der Zukunft träumt er trotzdem, seinen Elan hat er im Griff. “Sicherheit” sei das neue Thema und nachdem sein kleiner Laden für Alarmanlagen nur noch von ihm selbst besucht wird, versucht er sich an einer Bewerbung bei einem Personenschutzunternehmen. Für ihn die letzte Chance, für die Beziehung zwischen ihm und seinen Sohn die vielleicht erste ein wirkliches Verhältnis aufzubauen.
Sebastian klingelt nach zwei Jahren Funkstille bei seinem Vater, weil er den neuen Freund der Mutter nicht mag und ein neues Kind auf dem Weg ist. Während der sonnenbankgebräunte Stahlfreund der Mutter das Dachgeschoss für ihn ausbaut, geht Sebastian lieber zu seinem Vater. In die muffige Wohnung im Prenzlauer Berg, an der Wand ein riesiges Bild von Peter Tschernig, dem Helden seines Vaters. So wie Tschernig will er sein, der Marcel. Die Brille trägt er so, die Haare fallen etwas schütt um das langsam faltige Gesicht. Ständig im Unterhemd, die Frisur mit den Jahren zur Frisur gewachsen und ohne Ahnung von der Welt, in der sein Sohn lebt, begegnet Marcel dem jungen Sebastian wieder.
Dem Zuschauer scheint Sebastian in der Wohnung seines Vaters älter als dieser selbst. Wenn er dann aber in jugendlicher Neugier das Zeitungsausteilmädchen im Mauerpark trifft, ist er wieder fünfzehn und man selbst erinnert sich an die verklemmten Gespräche und Gesten, die einen so durch die sonnigen Nachmittage trugen und unendlich glücklich machten. Man erinnert sich an die kleinen Lügen, die aus Unsicherheit und Angst vor Blamage entstehen. Und dass einem die Eltern auch manchmal peinlich waren.
Sebastian berichtigt seinem Vater die Bewerbung und geht aus dem Geschäft, wenn sein Vater ausrastet, weil der Verkäufer ihn nicht sofort bedienen wollte. Marcel geht das an die Ost-Mentalität. Er, der kleine Mann, beharrt auf sein Recht, auf die Gleichheit. Ohne zu merken, dass es nicht an seiner Herkunft liegt, wie manche Leute ihn behandeln. Marcel hat sich in seiner Welt eingerichtet. Das Problem ist, dass sich die echte Welt rasend schnell verändert hat. Marcel kommt da nicht mit. Während sein Sohn mit beiden Beinen auf dem Boden steht, wackelt Marcel seinen Idealen hinterher. Er schleicht sich an echte Bodyguards auf dem Gendarmenmarkt und tut so, als gehöre er dazu. Als der bewachte Geschäftsmann in sein Auto steigt und seine beiden Bodyguards mit ihm abdüsen, bleibt Marcel auf dem Platz stehen. Die Kamera erweitert den Blick auf diese tragisch komische Situation. Marcel wird stehengelassen. Und läuft dann den Blick geradeaus vom Platz, als sei nichts geschehen. Die Geschwindigkeit des Lebens da draußen ist ihm fremd und er scheint immer ein bisschen zu spät.
Er meint es gut, er meint es wirklich gut. Und sein Sohn liebt ihn, wie er ist. Nimmt sogar seine Redensarten an, seine Sprüche und hüpft mit seinem Vater zähneputzend und Tschernig-Texte singend über´s Sofa. Sie spielen Basketball und hin und wieder muss Marcel seine Rolle mit lauter Stimme klarstellen. Dass er mehr Lebenserfahrung habe, dass er der Vater sei. Und doch hat man das Gefühl, er sei nie wirklich erwachsen geworden. In der Naivität, mit der er alte Bekannte besucht in der Hoffnung auf einen Job und dann doch nicht zum Zug kommt. Mit der Impulsivität, mit der er sich nach dem Absageschreiben betrinkt, obwohl sein Sohn ihm seine neue Freundin vorstellen möchte. Und mit der Aufrichtigkeit und Hoffnung in den Augen, wenn er nachts zum Haus seiner Exfrau fährt und ihr von den neuen Plänen erzählt. Die schwangere Angelika weiß aber von den leeren Worten, von der Planlosigkeit und hat daraus ihre Konsequenzen gezogen. Marcel bleibt allein.
Am Schluss steht er auf der Brücke zwischen der Bornholmer Straße und dem Mauerpark und schaut. Tschernig kommt zu ihm auf die Brücke und in Männermanier sprechen sie kein Wort. Den Plan, sich umzubringen, verwirft Marcel und geht mit einem Lächeln auf den Lippen davon.
Die kleinen Ideale retten also manchmal Leben.
Der Film von Filmstudent Robert Thalheim erschien 2005.
Marcel Werner wird ganz großartig gespielt von Milan Peschel.
Sohn Sebastian wird verkörpert durch Sebastian Butz.
Beide und auch die anderen Darsteller machen ihre Sache ziemlich gut.
Liz hat es verfasst, und zwar am 23. Juli 2006 um genau 17:24
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Es geht ja immer um Beziehungen zwischen Eltern und ihren Kindern. Manchen ist das Halt, andere zerbrechen daran. Dass diese Konflikte Stoff großer Geschichten sind, beweist der Film C.R.A.Z.Y. auf seine ganz eigene Art und Weise.

Im Quebec der 70er Jahre lebt eine Großfamilie, die Namen der Söhne beginnen mit den Buchstaben, aus denen der Titel des Films besteht. Da ist der Macho-Vater, die rührende Mutter und eben die fünf Söhne. Zachary ist einer von ihnen, Zachary weiß noch nicht genau, wer er ist und wer er sein will. Zachary weiß immer nur, wie und was er nicht sein will: „weibisch“, „eine Schwuchtel“ oder ganz einfach schwul. Das ist das Feindbild seines Vaters. Dieser will Söhne haben, die ganze Männer sind. Er möchte nicht, dass sein Sohn den Kinderwagen mit dem kleinen Bruder darin schiebt. Er will, dass sein Sohn eine Freundin hat und mit dieser bitte auch normalen Sex.
Zachary hechtet diesem Ideal hinterher und scheitert.
Es ist ein Drama allererster Kajüte. Die Söhne entsprechen zwar den gängigen Klischees, aber die Worte des Vaters sind, obwohl schon so oft gehört, so ausgesprochen die Wahrheit vieler Väter. Und die Fluchten der Kinder aus seinem Patriarchat sind die Fluchten vieler. Da haben wir den Sportler, den kleinen Dicken, wir haben den Drogenabhängigen, die Leseratte und den, der sich in der Musik findet. Das mit der Musik ist Zachary.
Zacs Geschichte wird von Anfang an erzählt. Die Kamera wirbelt um seinen kleinen Kopf, als er geboren wird, und fängt seine Frisur ein, als er dann dreißig ist. Dort ist Schluss. Zwanzig Minuten vor Ende merkt man, die Geschichte kommt ins Holpern, überschlägt sich. Die Steigerung ist von Anfang an zu spüren, aber ab einem gewissen Punkt fehlt die Ruhe, die der Geschichte vorher den Faden gegeben hat. Zacharys Gedanken sind nunmehr nur noch, was man von außen auch sehen kann. Die Introspektive geht verloren. Das vielleicht aber auch, weil Zac nach und nach aus sich herauskommt, sich findet, zu sich steht. Er nimmt eine Auszeit, er kommt zurück. Unter dem Arm die Platte für seinen Vater, die er als kleiner Junge mal zerbrochen hat. Ein Sammlerstück, eine limitierte Auflage. Die lässt er auf dem Wohnzimmertisch liegen eines nachts, nachdem sein Vater ihm wieder einmal erklärt hat, dass er ihn so nie akzeptieren kann. Sie finden sich wieder. Und sie schauen sich so an, wie man es vielen wünscht, zwischen denen Welten liegen.

Der Kitsch ist da, die Farben knallen einem gegen die Iris und trotzdem ist die Einfachheit der Worte oft der Blick aus einer anderen Perspektive. Das Hechten nach den Erwartungen der Eltern, der Mut, den es braucht, um sich dabei nicht zu vergessen, die unabdingbare Liebe und das Zurückkehren sind die Themen, die der Film fest in der Hand hält. Wenn man rausgeht, öffnet sich die kleine geballte Faust und alles fällt einem vor die Füße.
Der Film wurde in Kanada mehrfach ausgezeichnet. Außerdem wurde er für den Oscar als „Bester ausländischer Film“ vorgeschlagen. Und Regisseur Jean-Marc Vallée hat sich mit Marc-André Grodin für die Hauptrolle jemanden gesucht, den man wiedersehen will.
Liz hat es verfasst, und zwar am 16. Mai 2006 um genau 10:36
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Das ist nicht so einfach, wie es aussieht. Abschied nehmen, sich auf den Tod vorbereiten, die Menschen loslassen und abgeben, die man liebt. Sich aus der Affäre ziehen und einmal kurz nur an sich denken, von der großen Liebe sprechen. In “Mein Leben ohne mich” bekommt die 23jährige Ann die Diagnose Krebs im Endstadium, sie hat noch höchstens drei Monate zu leben. Sie hat zwei Kinder, einen Mann und lebt mit diesen in einem Wohnwagen im Vorgarten ihrer verbitterten Mutter. Der Vater ist im Gefängnis, Ann arbeitet nachts, ihr Mann baut Swimmingpools. Ein bisschen bekommt man den Eindruck, als würde sie in dieser kurzen Zeit, die ihr noch bleibt, ihr Leben aufholen wollen und können. Sie beginnt eine Affäre und nennt es Verliebtsein auf dem Tonband, das sie ihrem Geliebten hinterlässt. Nachts, wenn sie eigentlich arbeiten sollte, spricht sie ihren Lieben schwere und kluge Worte auf Band, diese Tapes bewahrt dann der Arzt für sie auf, der ihr nicht ins Gesicht schauen kann, als er Ann sagt, dass sie sterben wird. Dafür bringt er ihr beim nächsten Mal Ingwerbonbons mit und sortiert ihre Kassetten in sein Regal.
Es sieht aus, als ginge das. Abschiednehmen, Leidenschaft, tiefes Gefühl auf Knopfdruck. Mit Tränen, aber ohne Schuldgefühl. Mit Angst, aber ohne Wut. So sieht es aus und die Menschen in den Kinosesseln haben nicht alle ähnliches durchgemacht. Die sind zutiefst betroffen. Und doch ist das nur ein kleiner Blick. Wutausbrüche machen sich nicht gut in einem solch ruhigen Film und Streit wird nur am Rande angeschnitten und in den harten Worten der Mutter. Mich hat der Film auch berührt und das Gefühl in der Brust beim Abspann ist ein beklemmendes. Aber da fehlt soviel.
Es ist die Sicht eines Menschen, der das Danach nicht mehr erleben wird. Ausgeblendet wird das Tempo. Man verliert das Zeitgefühl. Keine Worte von den rasenden Stunden, die wie im Fluge vergehen, sobald man ihnen eine Deadline setzt. Keine Worte vom schnellen Herzschlag, wenn in dir die Wut brüllt, weil du so machtlos bist deinem Körper gegenüber, allen Körpern gegenüber, die letztendlich kommen und gehen, wann sie wollen und die kleinen Fetzen Seele, die räumt keiner weg, die fliegen so rum und die sieht man auch noch Jahre später. Dann sind keine Worte von den Lautstärken des Schmerzes, die man durchlebt, wenn man sich nicht verabschieden kann. Wenn einem gesagt wird, alles sei gut und normal und nicht außergewöhnlich und mit einem Tag verändert sich plötzlich dein ganzes Leben und keiner hat dich gewarnt, keiner hat das erwähnt. Obwohl es mitten im Raum stand.
Der Film ist so leise, wie es nicht ist, wenn jemand geht für immer.
Liz hat es verfasst, und zwar am 18. März 2006 um genau 2:27
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Sie sollten dieses Stück Geschichte mal in den Staaten laufen lassen, in den Ausbildungskasernen und im letzten Jahr der High School. Sie sollten diesen Film an Sonntagen in der Kirche an die Wand werfen, die Schocksekunden im Anschlag. Mir blieb der Mund offen stehen, die Glieder wurden starr, Bewegung war kaum möglich. Mein Blick auf den Fernseher geklebt, immer wieder Gänsehaut und unter einem Wasserfall aus Wut, Ekel, Schock und Gewohnheit.
Der eine Soldat sagt, er wünsche sich, dass seine Kinder nicht so dumm werden wie er, als es sein größter Wunsch war zur Army zu gehen.
Ich habe hier mal was über den Arlington Friedhof in Washington geschrieben. Jemand kommentiert das. Ich fänd es schön, wenn sich dazu noch ein paar Stimmen sammeln, denn bei diesen zwei Kommentaren blieben mir die Worte in den Fingern stecken irgendwie.
Liz hat es verfasst, und zwar am 15. März 2006 um genau 13:32
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