
Normalerweise kommt es immer erst im Januar. Wenn die belatzhosten Männer die Haufen aus zermatschten, eingetrockneten, zerschossenen Böllerfetzen beiseite kehren und dabei gen Boden schauen, als hätten sie die Suche nach Gold längst aufgegeben. Wenn der Heizungsgeruch sich mit Schießpulver vermischt und die alten Damen die Köpfe so sehr schütteln vor Entsetzen über die Stille und den Müll nach der großen Nacht, dass ihnen das Klebeband der Perücke an der Kopfhaut ziept. Am Morgen durch den Nebel zu stapfen, der so körnig in der Luft liegt, dass man meint, hineingreifen und einzelne kleine Stellen herauszurren zu können, das ist der Moment, in dem in der Stadt nichts passiert, weil alle schlafen und schnarchen und kotzen und Sex haben und weinen, aber alles still, denn das laute gehörte immer noch zum letzten Jahr. Die Party gehörte zum letzten Jahr, das Herumknutschen, der verschüttete Sekt, die Enttäuschung und die flüchtige Berührung. Die wenigsten beginnen ihr Jahr in der Erinnerung mit der Silvesterparty, für die meisten geht rückwirkend gedacht das Jahr und der Kreislauf mit dem Frühling erst wirklich los, da wächst und gedeiht es, da fängt man an zu zählen und sich zu verlieben. Silvester gehört zum Ende, weil die Party noch am 31. beginnt. Später wählt man den Schluss dieser 365 Tage bewusst und nur für sich selbst mit dem Hineinfallen ins Kissen, nach dem Aufstehen dann erst blättert man das Titelblatt vom Kalender um und sieht auf die 1. Und all die anderen unangefangenen Zahlen.
An einem solchen Morgen, an dem es so still ist wie selten sonst in Berlin, ist die Jahresrückblende kein Film mehr sondern ein Tonband. Ein leises Flüstern und Zischen aus den Ecken und Lücken zwischen den parkenden Autos. Ein Rattern der Räder auf den Schienen und darüber der müde, leere Waggon. Immer dann erst erinnere ich mich in Melodien und schaue ohne Mimik auf den ersten Tag und seinen dicken Schweif. Denn das, was noch so lange und verkrampft in die Länge gefeiert wurde, ist nun unweigerlich Tatsache, Bestandteil und nicht im Geringsten mehr abzuwenden. Hallo Tag Eins. Ich begegne dir mit Schlaf und Rotz und Melancholie, vielleicht mit ein bisschen Tatendrang, aber eigentlich auch nur mit Aspirin, lass mich in Ruhe und ich lasse dich in Ruhe. Ich warte, bis mein Bein sich von allein aus dem Zwischenraum zieht, der angefüllt ist mit klebrigem Zeug aus dem alten Jahr. Emotionale Gerinnsel, störende Dickmilchansammlungen, zeitraubende Verklebungen dieser Dinge, ein Bandsalat allererster Kajüte, der mich nicht juckt, weil er so hübsch beiseite zu legen ist. Man fängt einen neuen Kalender an, man hat neue Vorsätze gefasst, die Völlerei ist wieder einmal für längere Zeit vorbei und die Geschenke sind auch ausgepackt, was soll da jetzt noch kommen, wir haben doch alles erledigt. Man kann dann an einen Fluss gehen und Steine hineinwerfen, von denen die Enten glauben, sie seien Brotkrumen, und man kann eine Perspektive finden, von der aus das Licht besonders gut zur Geltung kommt. Und dann geht man nach Hause und kehrt unter dem Waschbecken die alten, ausgefallenen Haare weg und man beschwert sich nicht, weil man es automatisiert tut, weil man nicht mehr darüber nachdenkt, weil man weiß, in fünf Minuten geht der Film los. Man legt das Jahr zu den Akten, findet hin und wieder noch ein Bild, das mit hinein muss, vielleicht einen Zettel, einen Satz. Und dann schiebt man den Ordner ins Regal zu den anderen, die sich von ihrer Rückansicht kaum unterscheiden.
Es ist erst Anfang Dezember und das Videoclipgefühl hat mich schon erreicht. Was mache ich dann nur am ersten Januar?