Es wird hell, schon um vier in der Früh. Und unerbittlich schlägt der Morgen alle offenen Fenster und Türen zu, atmet einmal tief durch und weckt dabei so manchen grau melierten Kater, der sich mit der einen Pfote im Netz verfangen hat, das der Junge von gegenüber spannte, damit er nicht herunterfällt. Aus dem dritten Stock, der Junge oder der Kater. Und er fegt dabei die losen Blätter vom Küchentisch, ein Seufzen reicht dafür. Er wischt damit denen die Strähnen aus der Stirn, die dann noch nach Hause finden müssen, wenn er sich reckt und streckt. Es wird hell, schon morgens um vier in der Früh, wenn du die Augen aufmachst, Wimpern als Zeiteinheiten, Herzschlag als Spieluhr. Der Nebel lichtet sich, es regnet trotzig weiter. Und Opapa springt vom Balkon. Der laute Radau auf der Straße brachte ihn aus der Facon.
Liz hat es verfasst, und zwar am 23. Juni 2007 um genau 15:21
Kategorie : Berlin, Blicke | 4 Kommentare
“Diese Stadt ist ein einziges Versprechen und damit ein Anziehungspunkt für gescheiterte Existenzen. Oder zumindest für beinahe gescheiterte“, schreibt Daniel.
Und ich frage mich, hält die Stadt, was sie verspricht? Was sie in großen Buchstaben auf Flyer drucken lässt und den kleinen Mädchen auf die Knöchel tätowiert? Kriegt sie all die augenberingten Möchtegern-Rockstars auf die Reihe und am Ende wieder morgens aus dem Bett? Und was machen die, die die Kurve kriegen? Sind das die, die es sich am Stadtrand und in den Dachgeschosswohnungen gemütlich machen mit dem Blick aus der gewissen Distanz? Sind das die paar entscheidenden Zentimeter? Und sind die, die gehen, weil sie es nicht mehr aushalten, feige oder gesundheitsbewusst? Sind die, die bleiben, mutig oder selbstverliebt?
Hast du dich jemals gefragt, über was sie da reden abends auf der Modersohnbrücke, wenn die Sonne neben dem Fernsehturm untergeht und irgendjemand das Licht an den Krähnen anknipst? Und weißt du noch, als das für uns noch besonders war? Das Geräusch der S-Bahnen und dass alles ein bisschen vibriert, wenn sie vorbeifahren. Das Summen der Räder auf dem Asphalt und das leise Schnackeln, wenn sie die Abgrenzung zum Bürgersteig überrollen. Der leichte Wind, der da oben weht, weil die Häuser ein Stück weit entfernt und die Stimmen der Kaufbar nicht mehr zu hören sind. Wie man das Wasser dort erahnen kann und sich dieses Gefühl durch die ganze Stadt zieht, hat dir das eigentlich jemals gefehlt?
Liz hat es verfasst, und zwar am 18. Juni 2007 um genau 12:31
Kategorie : Berlin | 6 Kommentare
- eine Badewanne auf dem Balkon
- einen Planschbeckenbürostuhl
- solche Eisklötze an den Füßen wie die Flamingos sie bei Axel Hacke heute haben
- Eislieferungen im Stundentakt
- Ventilatormützchen, die nicht scheiße aussehen
- funktionierende, umweltfreundliche Klimaanlagen in Clubs
- Anti-Oxidations-S-Bahn-Waggons
- Antirutschfesthaltestangen
- Bauchfreiverbot in der Innenstadt
- lautlose Flipflops
- sofortige Klärung durch Lastwagen von Fällen, bei denen völlig fremde Typen mit einem Hitzschlag auf dem Fahrrad neben einem her fahren und wiederholt äußern: “Komm, wir treffen uns auf ein Eis. Ich möchte mit dir schlafen.”
Die Liste ist noch nicht geschlossen. Bitte um Fortsetzung in den Kommentaren.
Liz hat es verfasst, und zwar am 25. Mai 2007 um genau 11:44
Kategorie : Berlin | 9 Kommentare

Berlin ist voll davon – von Menschen, die Musik machen, und von Menschen, die man kennt. Treffen sich beide Merkmale, kann Musikhören mitunter zu einer ziemlich persönlichen und hin und wieder auch schmerzhaften Geschichte werden.
Denn steht da jemand auf der Bühne, mit dem du schon Nächte oder Urlaube verbracht, Gefühle geteilt, tiefsinnig und stundenlang diskutiert oder einfach nur unglaublich genügsam geschwiegen hast, ohne dass es sich scheiße angefühlt hat, dann hörst du doppelt so genau hin. Und plötzlich erkennt man sie zwischen den Zeilen – die Momente, die Geschichten, die Bilder, die Menschen. Plötzlich werden die Fäden wieder aufgenommen und zu einem neuen Pullover gestrickt, der sieht dann auch meistens ganz gut aus. Man guckt und staunt und befühlt das Ganze und bei näherem Hinsehen merkt man: „Huch, das kenn ich doch.“ Und lässt das gute Stück vielleicht aus Versehen sogar fallen, tritt einen Schritt zurück. Behält man es in den Händen, fasst man behutsamer zu, vielleicht darf man´s ja behalten, vielleicht. Und manchmal gibt man es einfach zurück und schaut und denkt, wie gut das doch aussieht und sich anhört dort auf der Bühne. Und dann grinst man in sich hinein und hat in dem Lied eine wahre Geschichte und ist glücklich, so zu sein. So wie neulich am Flughafen, als sich die Menschen in Massen vorbeischoben, mein Kreislauf mal wieder nicht im Stande war, richtig zu funktionieren, und ich dann diese paar Lieder hörte, die bei mir etwas anknipsen, einen Hebel umlegen, einen Knopf drücken. Da geht dann wieder alles. Und nur, weil es mehr ist als ein paar Zeilen mit Musik unterlegt.
Ich erschrecke aber ab und an, wie viele neu gestrickte Geschichten und Texte ich da so finde im Stöbern durch die Musik der letzten paar Jahre. Und denke mir Sachen hinein und fühle mit und muss nicht einmal fragen, wie das wohl sein muss für denjenigen, der das gehäkelt hat. Weiß ich doch selbst jedes Mal wieder, wann und wo und warum genau welches Lied entstanden ist und welche ich nie öffentlich singen werde, weil ich weiß, dass jemand dastehen könnte wie ich. Und sich darin erkennen.
Liz hat es verfasst, und zwar am 22. Mai 2007 um genau 8:06
Kategorie : Berlin, Ton | 0 Kommentare

Jemand sagte heute: “Sommer in Berlin ist tausendmal besser als Sommer in Leipzig“. Und mir teilte sich die Meinung in zwei Hälften. Weil ich mich gut erinnere an den großen Park und den See und wie schnell man dort mit dem Rad in Wald und Wiese ist. Und weil es für mich immer ein bisschen wie Urlaub war, dort hinzufahren im Sommer. Ein bisschen auf´s Land. Und als ich diesen Gedanken äußerte, nickte mein Gegenüber und sagte: “Ja. Genau. Land.”
Zwar sitzen jetzt wohl in allen Städten die Mädchen in Unterhemden auf dem Balkon und die Männer zeigen ihre behaarten Schienbeine. Überall wackeln kleine, helle Lichter hinter den Blumenkästen, wenn es dunkel wird. Und bei diesem Gang durch die Straßen vergisst man mitunter, wo man gerade ist. Dabei riecht es nach Grillage und Sonnencreme und Abgasen und hat den Winter endgültig abgeschüttelt. Und meine beste C. beweist heute abend erfolgreich, dass man es auch in Berlin durchaus spontan an den See bringen kann. Man muss es nur wollen.
Und so begreifen wir dies als durchaus erlernbare Fähigkeit, die aber den glücklich-entspannten Bewohner des Berlins im Sommer vom kleinstädtischen Berlin-Ist-So-Groß-Und-Böse-Nörgler unterscheidet, der seine eigene Unfähigkeit auf die Umgebung projeziert. Schuld sind immer die anderen. Und doof sowieso.
Später schicke ich dem lieben Bekannten per SMS die Nummer einer Hausverwaltung, die gleich um die Ecke eine Wohnung anbietet. Auf dass er hier schnell eine Bleibe findet. Wegfahren kann man ja immer. Und auch mal eben schnell an den See. Ach und, am Wochenende kommt Besuch. Aus Leipzig. Der braucht mit dem ICE von dort nach Berlin ungefähr eine Stunde. So lange wie ich von hier zum Liepnitzsee.
Liz hat es verfasst, und zwar am 21. Mai 2007 um genau 21:05
Kategorie : Berlin | 3 Kommentare

Früher sind wir manchmal zum Flughafen gefahren, Mama und ich. An den Sonntagen, die nicht sonnig genug waren für den See, und nicht wolkig genug für das Brettspiel. Wir haben uns in Bus und Bahn zu den Leuten mit den großen Taschen gesetzt, sind ihnen leise gefolgt und dann aber eins weiter abgebogen. Nicht zu den Gates und Terminals, nicht in den Duty Free Shop oder den Zeitungsladen, sondern auf´s Dach, auf die Aussichtsplattform. Dort standen wir dann, legten uns die Hände an die Stirn, weil dann meistens doch ein bisschen die Sonne schien – aber eben nicht genug für den See – und schickten Wünsche mit den Flugzeugen weg. Wir klebten leise, kleine Worte auf diese dicken Bäuche und schauten ihnen hinterher, bis sie nur noch kleine schwarze Punkte waren oder zwischen den Wolken verschwunden. Wir beobachteten die langen Umarmungen bei den Ankünften und die Tränen bei den Abflügen, wir zeichneten die Fahrwege der Gepäcktransporter mit dem Finger nach und erfanden neue Linien, wir winkten den Fluglotsen und hielten uns nie die Ohren zu, wenn ein Flugzeug direkt über uns hinweg sauste, weil das laute Rauschen und Krachen uns die Möglichkeit der Ferne ein bisschen näher brachte.
Ich streckte jedes Mal meine Hand aus und sie sagte nie, ich solle das lassen.
Liz hat es verfasst, und zwar am 21. Mai 2007 um genau 7:52
Kategorie : Berlin | 2 Kommentare
In Berlin regnet es die ganze Zeit und nicht nur vom Wetter ist jetzt eigentlich gerade der beste Zeitpunkt, um alles stehen und liegen zu lassen und abzuhauen. Gesagt, getan. Macht´s gut. Gleiche Stelle, gleiche Welle in einer Woche. Passt auf die Stadt auf, ich brauch die noch.
Liz hat es verfasst, und zwar am 12. Mai 2007 um genau 19:24
Kategorie : Berlin | 5 Kommentare
Ja, ich möchte Kinderwagen von solchen Menschen entfernen. Einfach am Griff anfassen und das Kind wegrollen von dort, wo man ihm die über drei U-Bahn-Stationen die Hände festhält und es sich nicht selbst im Gesicht anfassen lässt. Von dort, wo man ihm eine Ohrfeige gibt, weil es müde ist und jammert. Von dort, wo die Eltern vormittags um elf genüsslich mit zwei Flaschen Bier in der U-Bahn neben ihrem Kind sitzen, welchem sie einen Iro geschoren und es “Mel” getauft haben. Ja, ich zetere und wüte innerlich, wenn ich sehe, wie der Vater mit seinem Kind umgeht, wie er nicht erklärt, sondern es anbrüllt. Und wie die Mutter grinsend zuschaut. Ja, ich habe nicht genug Mut, um mehr zu tun als beim Vorbeigehen gut hörbar zu zischen, dass es das Allerletzte sei, Kinder zu schlagen.
Wenn alle so feige sind wie ich, sind wir bald am Arsch, glaube ich.
Liz hat es verfasst, und zwar am 11. Mai 2007 um genau 11:27
Kategorie : Berlin | 7 Kommentare
Das Tief liegt über die Stadt. Und die Menschen verbarrikadieren sich sofort. Alle Fenster wasserdicht verriegelt, die Türen zugesperrt, die Kragen hochgeklappt, den Blick auf das nasse Pflaster gerichtet, sie wollen alle heim. Und die Kinder zerren an den glitschigen Händen, jammern noch ein bisschen, werden aber leiser im muffig riechenden Hausflur, weil sie wissen, Papa geht heute nicht mehr raus, Papa bleibt heute zuhause. Sie schütteln ihre Haare auf dem Bahnsteig, flüchten sich unter jedes Dach und haben endlich eine Begründung dafür. Legitimierung der eigenen Selbstkontrolle, der Affektbeherrschung: “Ja, guck! Es regnet doch!”. Aschfahle Wangen, verklebte Wimpern, das haben sie sich anders vorgestellt, das mit dem Mai und so. Gleich laufen sie wieder gebeugt, nichts sieht man mehr von den weiten Ausschnitten und den polierten Images. “Deine Schminke verläuft im Regen“.
Vielleicht fängt einer an, die Regenschirme einzusammeln. Die vergessenen, verlorenen, kaputten, zurückgebliebenen. Da ist dann keiner mehr auf der Straße, vielleicht bewegt sich hin und wieder eine Gardine, vielleicht sieht man noch den Hintern eines Müllwagens um die Ecke biegen, sonst ist da nichts. Nur das Plätschern der kleinen Bäche, das murmelnde Ansteigen des Pegels, das keiner bemerken will. Und während sie die Ränder ihrer kleinen Existenzen mit Gaffa abkleben, setzt sich der Eine in eines der leeren Autos und stapelt die Schirme auf der Rückbank, findet immer wieder neue, immer noch mehr. Die nimmt er vielleicht mit zu sich nach Hause und trocknet sie in der Wanne, im Waschbecken, im Hausflur. Sorgsam nebeneinander und wartet dann. Und wenn das Tief vorüber ist, gibt es einen Auflauf auf der großen roten Brücke, sammeln sie sich in Trauben und lachen und zeigen mit dem Finger auf den Fluss, auf dem dann hundert bunte Punkte tanzen wie auf dem Kopf stehende Blumen. Und die Kinder werden an den Händen zerren und noch nicht nach Hause wollen. Und dann ist alles wieder gut und die Leute haben ihr Gleichgewicht zurück und die Stadt darf wieder auf die Sommerlochtitelseiten. Dann.
Liz hat es verfasst, und zwar am 10. Mai 2007 um genau 13:53
Kategorie : Berlin, Blicke | 4 Kommentare

Alle wollen den Film noch einmal sehen, alle gucken, wie Berlin sich verändert hat - “Ach Gott. Ja. Stimmt.” Jetzt rennen sie ins Kino und dann wieder raus und vergessen zu bemerken, dass das ja weitergeht. Dass das ja real ist. Mei Woansinn. Dass immer mehr Häuser und immer mehr Straßen gebaut und immer mehr Fassaden sonnenbrillenkompatibel blank geweißelt werden. Und im Kino juchzen sie dann “Ah” und “Oh”, wenn man ihnen vorhält, dass es doch noch was gibt hier von der Vergangenheit, von den alten Tagen, ein paar Schnipsel von den Schwarzweißfotos in echt. Und lesen sie dann die Kritiken dazu, dass Wenders mit seinem Engel zurück in den Kinos ist, und man ihnen zum Zwecke der Anschaulichkeit ein paar Fotos dazulegt im Sinne von “Damals und heute”, dann juchzen sie noch einmal: “Das ist aber hübsch. Ach Schatz, hast du gesehen, den Schriftzug gibt es immer noch?!”
Ja, Schatz. Den Himmel gibt es immer noch. Und die Schriften und die Mauer und die alten Schilder und die Pflastersteine und das Gestrüpp hinter dem Bahnhof und die Ampelmännchen und den Tierpark und die Hochhäuser und den Platz und die Straßen und vor allem auch die Menschen. Du müsstest vielleicht mal dein Brillchen absetzen. Genauer hingucken. Gardinen auf und Wimpern weg. Du weißt schon, mein Schatz. Kleinigkeiten und so. Zwischen den Zeilen. Geht auch bei der Stadt. Echt.
Liz hat es verfasst, und zwar am 6. Mai 2007 um genau 18:57
Kategorie : Berlin, Filme | 3 Kommentare