Buch um Buch
Diese Geschichte mit dem Generationendialog ist ja schon eine schwierige, und wenn es dann noch um Literatur gehen soll, um Bücher und Geschmack, da mag man fast abwinken und zur Seite schauen und lächeln, weil man den großen Versuch nicht mehr wagen würde, man hat sich mittlerweile abgefunden damit, dass wir da so jung wahrscheinlich nicht mehr zusammenkommen. Also wir alle nach oben und nach unten auf dem Zeitstrahl, Generation ABC-Waffen, wer auch immer. Und die Geschichte mit dem Reden über Geschichten ist eine andere. In der Schule habe ich es nicht gemocht über Bücher zu reden, manchmal habe ich es trotzdem getan und darauf bestanden, nichts auseinander zu pflücken sondern einen Eindruck zu schildern und jedes Mal wollte ich behutsam sein in dem, was ich dem Autor unterschob und hinein in seine Sätze. Also an Deutung und Unsinn. Dieses ganze Dröseln und Interpretieren, das Herumgebastel an winzigen Stellen, von denen ich oft dachte: “Jetzt lasst es doch einfach gut klingen, lasst es in Ruhe.”
Und auch heute knicke ich eher die Ecken der Seiten um, als dass ich große Reden schwinge, wenn es um die geht, die ich gerade lese, die ich für gut und großartig befinde, meistens zitiere ich lieber und vertraue dem gesunden Menschenverstand oder dem, was davon noch übrig ist. Und trotzdem war ich heute auf einer Veranstaltung, bei der zwei Menschen über zwei Bücher gesprochen haben - und dann auch noch zwei, die fast vierzig Jahre trennen. Und die sollen sich dann gegenseitig von ihren Lieblingsbüchern überzeugen. Früher hätte ich herzlich gelacht und wäre fern geblieben. Heute habe ich herzlich gelacht, obwohl ich direkt daneben saß.
Bei “Buch um Buch” haben heute Elias Honert und Frank Fingerhuth in der Hamburger Buchhandlung “Stories” miteinander geredet und die Besucher saßen auf Stühlen drumherum, und was ich so liebe an diesem Laden, ist, dass die Bücher die ganze Zeit dabei sind, überall, wo du hinguckst, sind Bücher, das ist so großartig. Da saßen also NDR-Kulturredakteur (Jahrgang 47) und Buchhändler (Jahrgang 85) nebeneinander und lasen vor und stellten sich Fragen und schwupps war das alles auch schon wieder vorbei. Und wie das so passiert, wenn es um Airen geht, dann geht es auch um Hegemann, es geht immer kurz um Hegemann in letzter Zeit, aber es war so schön, wie man die Kurve bekam und am Ende ging es um die inneren Apokalypsen eines jeden, um die Grenzerfahrung und familiäre Bindungen und als dann mein Buch vom Publikum genannt wurde, bin ich noch tiefer und ein bisschen verlegen grinsend in den Stuhl gerutscht, ich hätte da noch zwei Stunden sitzen und zuhören können, wie man sich einander nähert, weil man gerne liest, wie man sich erklärt aus Leidenschaft und nicht aus Haltlosigkeit heraus, wie man die Sätze ganz lässt.
Man sollte, wenn man in Hamburg wohnt, die Augen nach dem nächsten Termin offenhalten, ich habe lange nicht so ein kurzweiliges, unterhaltsames, unabgehobenes Gespräch zur Literatur gehört. Was für ein schönes schönes Format (und das finde ich nicht, weil Herr Fingerhuth meinem ehemaligen Englischlehrer so ähnlich sieht, aber man erinnert sich ja doch), ich möchte immer noch klatschen, nur der Nachbar geht gerade zu Bett.

Kommentare
Mensch, der Elias, da hab ich wohl doch mal was verpasst! Unabgehobene Gespräche über Bücher würd ich auch gern mal hören… vielleicht beim nächsten Mal :]
Mit dem Herrn Fingerhuth hab ich mal beim Kurzfilmfestival gesprochen, Ein eloquenter, intelligenter aber gleichzeitig nicht unnahbarer Mensch. Sehr angenehm,
Aber unterstellt man dem Autor wirklich zwanghaft etwas, wenn man seine Sätze zerpflückt oder interpretiert man ein Stück sich selbst als Leser? Das ganze kann doch so viel mehr!
[...] Veranstaltung gestern in der → “Stories!“-Buchhandlung. Elisabeth Rank hat darüber → gebloggt. [...]
Ich habe es ebenfalls nicht so sehr gemocht, Bücher oder besonders Gedichte zu zerpflücken. Behutsamkeit in der Interpretation war auch mir ein wichtiges Anliegen. Auch das Germanistik-Studium war da nicht zimerlicher mit den Büchern, was mich ziemlich gestresst hat. Heute merke ich jedoch, dass einiges von dem ziemlich legitim war. Wenn ich heute selbst schreibe, merke ich, wie gern ich in kleinen Worten und Orten Bedeutung verstecke, sie aber doch verstanden wissen will.
Deine ästhetische Herangehensweise hat allerdings auch Berechtigung. Literaten und Poeten sind ästhetisch orientiert, daher macht es Sinn, die Worte auch einfach für sich stehen zu lassen.
Aber vielleicht, ja vielleicht, macht es die großartigen Schriftsteller aus, dass sie beides verbinden: Tiefe Bedeutung und schöne Worte.
Ich mag Addliss’ Worte von der behutsamen Interpretation.
Auch ich genieße Texte gerne nur der Worte willen, aber vielleicht muss Interpretation nicht immer als Zerpflücken verstanden werden, sondern kann auch Respekt vor den Gedanken des Autors sein, die zu greifen man sich letztendlich die Mühe macht.
Max Frisch kann das - glaube ich - besser sagen als ich:
“Zur Schriftstellerei
Was wichtig ist: das Unsagbare, das Weiße zwischen den Worten, und immer reden diese Worte von den Nebensachen, die wir eigentlich nicht meinen. Unser Anliegen, das eigentliche, lässt sich bestensfalls umschreiben, und das heißt dann ganz wörtlich: man schreibt darum herum. Man umstellt es. Man gibt Aussagen, die nie unser eigentliches Erlebnis enthalten, das unsagbar bleibt; sie können es nur umgrenzen, möglichst nahe und genau, und das Eigentliche, das Unsagbare, erscheint bestenfalls als Spannung zwischen diesen Aussagen. (…)
Wie der Bildhauer, wenn er den Meißel führt, arbeitet die Sprache, indem sie die Leere, das Sagbare, vortreibt gegen das Geheimnis, gegen das Lebendige. Immer besteht die Gefahr, dass man das Geheimnis zerschlägt, und ebenso die andere Gefahr, dass man vorzeitig aufhört, dass man es einen Klumpen sein lässt, dass man das Geheimnis nicht stellt, nicht fasst, nicht befreit von allem, was immer noch sagbar wäre, kurzum, dass man nicht vordringt zu seiner letzten Oberfläche.”
Behutsame Interpretation muss also versuchen, die Rolle, die der Autor dem Leser gelassen hat, zu erkennen und sich in sie einzufügen. Und in der Konsequenz entweder den Text auf sich wirken lassen und genießen oder sich auf die Suche nach der Wahrheit begeben.