Bordsteinkanten
Die Zugereisten und Zugezogenen, die Vorübergehendhierlebenden und Praktikanten, die Gucker und Groundhopper, all die halten mir immer wieder vor Augen, wie wenig ich das große Berlin kenne. Sie sprechen von Clubs und Lokalitäten, von denen ich noch nie gehört habe. Sie ballern mir Straßennamen um die Ohren, dass mir schwindelig wird. Da nehmen sie jeden Abend und ziehen ihn bis in den Morgen, während meinereiner nicht hinterher kommt. Und auch, wenn ich z.B. durch Mitte laufe, die Straßen sehe, durch die ich schon als kleines Kind gerannt bin, wird mir komisch, wenn ich sehe, wie diese Stadt sich wandelt. Diese ständige Vibration ihres Gesichtes, dieses immer wieder Niederwalzen und Umkehren, das macht mir Angst. Angst, weil ich manchmal glaube, dass mein Zuhause immer kleiner wird. Dass das Gefühl, das ich mit Plätzen, Straßen, alten Häusern, Bahnhöfen, Bäumen und Schildern verbinde, allmählich einer Stadt weichen muss, die ich nicht kenne. Und ich werde damit zu einer von ihnen, weil von dem Ort, an dem ich lange Zeit lebte, nicht mehr viel übrig ist. Mir fehlen sogar die großen grauen Gehwegplatten mit den breiten Rillen dazwischen, irgendwann sind sie alle weg und das mit dem Nicht-Auf-Die-Linien-Treten wird es so nicht mehr geben. Ob es dieses Gefühl von Das-Ist-Und-Bleibt-So jemals wiederkommt, weiß ich nicht. Alles krempelt sich immer viel zu schnell um, als dass man sich daran gewöhnen und sich sicher fühlen könnte.

Ich lief heute zur Bahn am Nordbahnhof. Dort, wo früher Wiese, Mauerstreifen und irgendwie immer ein kleines Nichts aus Gestrüpp und Gerümpel war (wir Kinder fanden das furchtbar aufregend), kann man jetzt Volleyball spielen und Caipirinha trinken. Dort sind jetzt gerade, glatte Straßen. Und ich weiß nicht, wer die Leute sind, nach denen sie diese benannt haben.
Ich habe nie geglaubt, dass es mal so sein könnte. Jetzt weiß ich, dass es mal so war. Das ist wieder einer dieser Zustände, die man immer erst bemerkt, wenn sie vorbei sind.
Ich gehöre nicht zu dem Berlin, von dem immer alle reden. Ich gehöre zu jenem, welches es nicht mehr gibt.
Liz hat es verfasst, und zwar am 16. Juni 2006 um genau 18:49 Uhr.
Kategorie : Berlin
11 Kommentare Kommentar hinzufügen
1. burnster | 16. Juni 2006 um 20:49
Es gibt auch Zugereiste, die nicht hinterherkommen.
2. Sylvie | 16. Juni 2006 um 21:35
Kaum jemand kann verstehen, wenn man wild gestikulierend von seinem - ganz persönlichen - Berlin von damals erzählt. Von den grauen Hinterhöfen und den dunklen gruseligen Außenklos, von den besetzten Häusern und dem ganzen bunten Chaos, was es da mal gab. Ich weiß auch nicht recht, ob ich mich nun für Berlin freuen soll oder doch mal das oft so nervige “früher war es doch auch gut” empfinden soll. schwer ists.
und was glaubst du, wie das ist, wenn man Berlin wider Willen verlassen muss und dann nur noch alle 2 Monate nach Hause kommt. Dann fühlt man sich so richtig schön fremd.
Bin durch Zufall über deine Seite gestolpert, hab einen Moment gegrübelt und mich dann erinnert. Ja, die kennste doch. Wenn auch nur vom Sehen. Aus alten Scbulzeiten. Schön.., das hier!
Ein Gruß von hier nach da.
Sylvie (die aus “ein-Jahr-über-dir”)
3. Thilo | 16. Juni 2006 um 22:14
Empfinde ich ähnlich, vielleicht aus einer anderen Warte: Durch Familie in West-Berlin kenne ich (Süddeutscher) West-Berlin seit meiner Kindheit, durch Freundschaften meiner Familie in den Osten kenne ich auch Ost-Berlin und die DDR, seit ich denken kann.
Mein alter Pass ist vollgestempelt mit Ein- und Ausreisevisa und Aufenthaltsgenehmigungen für die DDR. Als Besucher habe ich viele Ecken Ost-Berlins kennen gelernt, von denen ich nie gedacht hätte, dass sie jemals zu meinem Alltag gehören würden: der damalige Grenzübergang Heinrich-Heine-Straße liegt auf meinem heutigen Weg in die Journalistenschule, früher haben sie mich hier bei Ein- und Ausreise eine Stunde lang bis auf die Unterhose gefilzt. An der Jannowitzbrücke bin ich damals gegen 23.30 Uhr aus dem Ikarus-Bus oder aus dem Schwarztaxi gestiegen, um rechtzeitig vor Ablauf der Aufenthaltsgenehmigung an der Grenze zu sein - heute fahre ich dort mein West-Auto durch die Waschstraße. Am U-Bahnhof Dimitroffstraße bin ich immer ausgestiegen, und ich hätte nie gedacht, dass ich später mal in der Nähe wohnen würde und dass der halbe Kiez sich querstellt gegen die Umbenennung in “Danziger Straße”. Die Wilhelm-Pieck-Straße ist die Straße, in der ich heute wohne, sie heißt jetzt Torstraße.
Ich weiß noch, wie man für Telefonate von West- nach Ost-Berlin eine 9 vorwählen durfte, bis endlich, Jahre nach Mauerfall, Berlin einheitliche Telefonnummern hatte (viele gab es ja doppelt). Ich erinnere mich an Postleitzahlen wie “1011 Berlin”, “1000 Berlin 21″ und “O-1015 Berlin”, ich erinnere mich an die vielen illegalen Clubs in Mitte, im heutigen Regierungs- und Botschaftsviertel, als Techno entstand und jede Nacht ein neuer Laden geboren wurde und “tip” und “zitty” nicht mehr mit der Aktualisierung der Veranstaltungsadressen hinerher kamen. Und so weiter und so fort.
Ich weiß, mein Kommentar hier muss auf dich ein bisschen so wirken wie “Opa erzählt vom Krieg”, aber an all dem gemessen empfinde ich die heutigen Veränderungen als geringfügig, selbst den Hauptbahnhof und den Potsplatz. Vielleicht auch weil ich gesehen habe, dass Berlin immer im Wandel sein wird. Was ja auch der Grund ist, warum hier so viele Leute herziehen.
Aber ich habe leicht reden. Es ist ja nicht meine Heimat, die mir durch neue Straßen am Nordbahnhof unter den Füßen weggerissen wird. Lebst nun mal in einer spannenden Stadt!
4. paula | 18. Juni 2006 um 2:55
zugereist vor zwanzig jahren, beschleichen mich oft ähnliche gefühle. aber vielleicht ist das ja auch altersbedingt? man(n), frau muß nicht mehr alles mitmachen, ist einfach da, angekommen und zuhause wo freunde sind, ein vagabundieren aufgrund innerer ruhe nicht mehr notwendig?
5. Liz | 19. Juni 2006 um 12:03
ja, berlin bewegt sich. und ich habe das nach außen hin immer propagiert. vielleicht bin ich zur zeit auch einfach zu langsam. aber mein wunsch nach konstanten und ruhe ist größer denn je.
ich war am meer am wochenende. vielleicht sollte ich dahin ziehen. das bleibt wenigstens. wasser als wasser und so.
6. burnster | 19. Juni 2006 um 17:13
Für Rückzugsgedanken biste aber noch zu jung, meine Liebe. Auf in den Kampf. Einmal noch.
7. Thilo | 21. Juni 2006 um 12:31
Probiers mal mit Schweden. Ist traumhaft. :-)
8. lounger | 2. Juli 2006 um 20:58
Schön, das es Dich gibt.
9. Tim | 2. Juli 2006 um 23:23
Ich habe die Konsequenzen schon vor 10 Jahren gezogen. Nichts wie weg. Ich habe es nie bedauert. Das “neue” Berlin macht einen fertig auf die Dauer und zieht auch ganz schön runter.
10. lore.berlin | 26. August 2006 um 18:25
Nein, leider ist es mit dem Meer nicht so, dass alles bleibt, wie es war. Meine Heimatstadt, Kühlungsborn, erkenne ich heute nicht mehr wieder. Kein Stein steht mehr da, wo er vorher stand. All meine Erinnerungen an meine Kinder-und Jugendzeiten wurden weggerissen und platt gemacht. Heimat ist es schon lange nicht mehr. Gut die Ostsee bleibt.
Meine Heimat ist seit 10 Jahren Berlin. Die neue Mitte verändert sich täglich und was mich 4 Jahre an diesen Stadteil band, ist weg. Wieder ein Stück Heimat verloren. Seit 5 Jahren nun Pankow. Ich glaube Heimat ist dort wo man sich zu Hause fühlt, egal an welchem Platz dieser Welt.
11. Chat Atkins | 27. August 2006 um 8:38
Das ist nichts, was spezifisch mit dir und Berlin zusammenhinge: Es ist das Älterwerden. Das besteht unter anderem darin, dass die Landschaften der Kindheit verschwinden. Es gilt für jeden Ort, der mal “Heimat” war (whatever that is).
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