Bitte komprimieren Sie Ihren Besitz.

Heute in einer Woche werde ich wieder in Berlin ankommen. Nach einer Pause, einem Oho, einer Distanz, wie man sie manchmal so braucht nach langer Zeit. Ein bisschen dazu zu dem ganzen Gepolter und dem Wirrwarr dieser Rückkehr gehört es, dass ich einen Tag vorher, am Samstag, im Rahmen der Deutsch-Israelischen Literaturtage lesen und danach an einem Gespräch teilnehmen werde, das sich um Zuhause und Heimat dreht. Ich werde dort sitzen in dieser großen Stadt und schmunzeln müssen, ich habe keine Ahnung, was man mich fragt, aber allein, dass diese Veranstaltung dort stattfindet, wo ich als Kind getanzt habe, also ganz in der Nähe, macht es so kurios.

All die Dinge, die ich besitze und habe, all die Kartons und Photos und Bücher und all dieser Stoff, werden in Hamburg stehen und warten, dass ich sie hole - was wäre, wenn ich sie einfach dort ließe, was würde passieren, was würde nicht passieren? Wenn man einfach so weitermachte ohne all diese Dinge, die man hinstellen und verlieren und kaputt machen und anschauen kann, was wäre dann? Vielleicht einfach nur ganz viel Platz? Was würde geschehen, wenn ich alles zerrupfen und als Puzzle auf dem Tankstellendach vor meinem Balkon verstreuen würde? Was bliebe, wenn all das da hinge in den Bäumen und ihren Zweigen und an den Scheiben des Altersheims um die Ecke, auf dem Nachbarbalkon und dem Weg zur U-Bahn? Wär’s so schlimm?

Vielleicht sollte ich beschließen, die Dinge nach und nach immer weniger werden zu lassen, von Mal zu Mal zu reduzieren, damit es einfacher wird, Entscheidungen zu treffen, die mit Bewegung zu tun haben - innen und außen. Aber vielleicht muss ich das auch noch gar nicht beschließen sondern es einfach nur machen. Die Dinge funktionieren, man glaubt ja immer, das klappt alles nicht, aber am Ende klappt es doch irgendwie - und irgendwie genügt völlig, denn irgendwie sind die Dinge am Ende dann gut, das liegt vielleicht am “ie”, das erfordert mitunter auch Anstrengung und dass man sich an manchen Abenden fühlt, als bekäme man das nicht hin, als würde man am liebsten kotzen und dann einfach gehen, aber irgendwie schläft man ein und irgendwie geht es und wenn das irgendwie nicht einmal mehr nötig ist, dann ist es gut und dann war es richtig und dann muss man sich nicht einmal mehr die letzte Silbe angucken, dann zählt nur noch, dass überhaupt.

(Auch wenn ich mir wünschte, ich hätte gerade so ein Luftentzugs-Dings, also eine umgedrehte Luftpumpe, die man an alle Kartons und Wäscheberge anschließen könnte und dann würde alles auf zwei mal zwei Zentimeter große Würfel zusammen schrumpfen und man könnte vielleicht noch damit jonglieren, in jedem Falle wäre es gut für die Haltung und das Zeitmanagement.)

Kommentare
ja.
Noch EINE Woche? Das geht nicht, Du bist doch gerade erst angekommen! Wann gehen wir den Kaffee trinken, den wir trinken gehen wollten, seit Du hier wohnst?
Diesen Gedanken habe ich in letzter Zeit auch so häufig gedacht (oder einen ähnlichen). Diese ganzen elendigen DINGE. Und dann stehe ich vor irgendeinem Regal mit reduzierten DVDs und CDs die ich ja schon immer gerne haben wollte oder die man natürlich einfach zu Hause haben muss, einfach weil sie so gut sind, und schmeiße alle guten Vorsätze von wegen Askese, Besitzlosigkeit und schlichtes Wohnen über den Haufen.
♥
Deine Lektorin würde jetzt vielleicht sagen: “Fotos”, Lisa, nicht “Photos”. ;-)
Doch abgesehen davon hast du völlig Recht: Manchmal ist es wichtig, loslassen zu können. Ich finde die Idee spannend, Dinge einfach aus meinem Besitz zu streichen.
Meiner Lektorin würde ich sagen: “Aber mit PH sieht es schöner aus! Es gibt sowieso viel zu wenig PH auf dieser Welt.” :)
Ein sehr sympathisches Argument! Eine Kämpferin für die Rechte der PHs. :)
By the way: Du hast mich zu einem Eintrag inspiriert, der sich mit dem “Gehen und alles da lassen” befasst. Danke dafür!
Wenigstens hast Du es geschafft mal aus Berlin wegzukommen, meine Hassliebe bindet mich an Berlin, und lässt mich permanent wünschen, nicht hier zu sein. Nunja, mit Dir ist die Stadt sicher wieder einen Deut interessanter :)