Alles eine Frage der Haltung II

Wir saßen mit der Familie beisammen, meine Mutter feierte Geburtstag, die außerfamiliären Gäste waren bis auf einige wenige schon wieder auf dem Weg nach Hause, draußen flimmerten ab und an ein paar S-Bahnen dabei. Der Elektrogrill auf dem Balkon wurde ausgeschaltet und drinnen bekamen ein paar Menschen glasige Augen. Wir sind eine Familie, die aus dem Osten kommt, aus Berlin-Mitte, dem Galerien-Mitte, ach was. Mein Großvater war nicht in der Partei, meine Mutter alleinerziehend, mehrere der Familie inhärente oder bekannte Menschen unternahmen Fluchtversuche. Ich habe schon einmal erzählt, wie sehr ich meinen Onkel für seinen heldenhaften Löffelabgang bewundere, wie beschützt ich mich von meiner Mutter gefühlt habe, als sie mich bis vor’s Kindergartenleitungsbüro verteidigte.
Im Herbst werden 20 Jahre Mauerfall gefeiert. Und ich bin froh drüber. Ehrlich. Sowas von. Auch wenn ich nur fünf Jahre im Osten gelebt und davon vielleicht gerade mal zwei bewusst mitbekommen habe – es genügte. Dieses ganze Ostalgiegequatsche halte ich für eine Reaktion von zuviel Glutamat. An diesem Abend neulich erzählte mein Onkel, dass er sich ab und an ein Spielzeugauto mit ins Kindergartenbett genommen habe vor dem Mittagsschlaf. Aus Rücksicht, weil er wusste, er würde nicht schlafen können, aber um die anderen schlafen zu lassen. Der DDR-Kindergärtnerin war so ein Spielzeugauto Grund genug für Verdacht auf Fluchtversuch. Also wurde mein Onkel wie viele andere Kinder in seine Bettdecke eingewickelt an die Wand gelehnt und stehengelassen, mehrere Stunden. Links und rechts andere Kinder, mit dem Gesicht zur Wand.

Und auch ich weiß noch, dass – wer nicht schlief oder zumindest ausreichend so tun konnte – im Waschraum schlafen musste mit Liege und Bettzeug bei angeschaltetem Licht. Das war jedoch nicht das Schlimmste, Waschraum war okay, es war hell, man konnte sich aufsetzen, wenn man es leise und geschickt anstellte, man konnte rumgucken, Zahnbürsten zählen, jedenfalls durfte man sich bewegen. Der Horror war jedoch, wenn man es aus Versehen geschafft hatte, dazu verdonnert zu werden, im Erzieherzimmer sitzen zu müssen. Es gab diesen braun gepolsterten Stuhl neben der Eingangstür, dort saß man in Unterwäsche, meistens wusste man nicht genau, was man jetzt eigentlich verbrochen hatte. Aber die Erzieherinnen schwitzten dort, spielten Karten und rauchten. Ab und an befahlen sie, etwas aus diesem oder jenem Regal an ihren Tisch zu bringen, dann durfte man aufstehen, ein paar Schritte gehen, wurde von klebrigen Fingern zum Dank in den Oberarm gekniffen, und dann setzte man sich wieder hin. Meist fiel der Kopf irgendwann nach vorne auf die Brust, denn nichts machte müder, als diesen frustrierten Tanten beim euphorischen Frust-Schieben zuzusehen. Nach hinten durfte der Kopf nicht kippen, dort war der Lichtschalter angebracht – und berührte man diesen, konnte man sich darauf gefasst machen, die nächsten drei Tage auf dem Stuhl verbringen zu müssen. Die Füße berührten den Boden nicht, der braune Stoffbezug hatte kleine Noppen, die sich in die Haut des Oberschenkels drückten. Im Winter gab es Hausschuhe, da konnten sie zumindest nicht sehen, wenn man mit den Zehen wackelte.
Meine Erzieherin wählte jede Woche ihr neues Lieblingskind. Ihr Lieblingskind setzte sie sich ab und an auf ihren Kittelschoß, Lieblingskinder mussten nicht aufessen, bekamen manchmal einen zweiten Nachtisch und allerhand Freiräume, wie zum Beispiel die selbständige Spielzeugwahl am Morgen. Nach welchen Kriterien ein Kind ausgewählt wurde, blieb uns schleierhaft, tuschelnd versuchten wir jede Woche erneut herauszufinden, warum nun gerade wieder dieses Kind erwählt worden war. Die Krönung fand Montagmorgen in aller Kindergartenöffentlichkeit statt. Wenn alle Kinder eintrudelten, wurde das Lieblingskind von der Erzieherin an die Hand genommen und nicht mehr losgelassen, bis alle anderen Kinder verteilt waren. Wer übrig blieb, konnte in dieser Woche mit ein paar Boni rechnen. Süffisantes Grinsen auf der einen Seite, neidische Blicke aus unseren Kreisen der Verdammten auf der anderen. Ich war nie Lieblingskind. Es ging mir auch nicht um den Platz auf dem lila Kittel oder um irgendeine verdorrt faltige Hand mit einschneidendem Ehering. Aber der Osten schaffte es entgegen all den eigenen Angaben nicht, die Ellbogengesellschaft zu untergraben, Auszeichnungen waren das A und O. Lieblingskind sein. Von einer Frau, die anfing zu weinen, weil ich ihre Ideale in Frage stellte, indem ich mich ihrem Apfel mit Schale verweigerte.
An der Schule, auf die meine Mutter, mein Onkel und meine Tante gingen, wurde die Abiturklasse von einer Lehrerin unterrichtet, die sich regelmäßig betrank. Auch am Morgen. Danach ließ sie sich von ihren Schülern in einer Schubkarre über das Schulgelände fahren, weil sie nicht mehr laufen konnte. Im Dienste der Republik. Eine andere Lehrerin beschloss vor dem Chemie-Unterricht, die Stunde in Reimen abzuhalten. Als sie ihren Stoff vergessen hatte, nahm sie meinen Onkel dran: „Hanno, hilf! Ich steh bis zum Po im Schilf!“
20 Jahre sind eine lange Zeit. Aber nicht lange genug.
(Man könnte meinen, dass es danach im Westen besser wurde. Die Geschichte meiner Lehrer gibt’s dann demnächst.)

Kommentare
Ich bin auch sehr froh über den Mauerfalll, aber die paar persönlichen Eindrücke aus dem Kindergarten wären mir als Grund zur Freude darüber zu platt. Denn letztlich lag es an den Erziehern und nicht an der DDR das ihr/Du scheisse behandelt wurdet. Ich für meinen Teil fand meinen Kindergarten und die Erzieherin super! Wer nicht schlafen konnte brauchte nicht ins Bett und ging halt leise spielen.
Idiotische Erzieherinnen findest Du auch heute noch in jeder mittelgroßen Kindertagesstätte. Das hat nix mit DDR/BRD zu tun.
Grüße
Mike,
der von Deinen Fotografien angetan ist!
Nun ja, wenn jemand seinen emotionalen Ausbruch in Tränen damit begründet, dass er seine politische Gesinnung angegriffen sieht, nur weil ein Kind sich einer Apfelschale verweigert, dann liegt es sehr wohl am System, in das diese Menschen eingegliedert sind. Natürlich findet man heute immer noch idiotische Erzieherinnen - aber das Kindergartenbild war auch nur ein Beispiel für diese idiotische Gesinnung der DDR. Und die hat damit einfach mal sowas von zu tun. Man stellt keine Kinder in Bettdecken eingewickelt stundenlang an die Wand mit der Begründung, dies fördere den Gemeinschaftssinn und das Kollektiv, dies fördert nämlich einzig und allein Traumata.
Zitat: “…dann liegt es sehr wohl am System, in das diese Menschen eingegliedert sind.”
Nun, Dein Absolutismus mit dem Du diese These, mehr ist das leider nicht, aufrecht erhalten möchtest ist schon verwunderlich.
Für mein Verständnis ist das nur Ausdruck einer persönlichen Haltung, die vielleicht durch das System befördert wurde und als Rechtfertigung für üble Handlungen dient.
Ich kenne heute Veganer, die anfangen zu weinen, wenn man aus Versehen eine Ameise zertritt. Diese Veganer ertränken einfach beim Waschen ihres Salates unzählige andere Tiere. Eine plausible Begründung gibt es für dieses Verhalten nicht - genauso wie bei Deinem Beispiel. Das liegt ganz sicher nicht am System.
Zitat: “… Man stellt keine Kinder in Bettdecken eingewickelt stundenlang an die Wand mit der Begründung, dies fördere den Gemeinschaftssinn und das Kollektiv …”
Natürlich nicht. Es ist doch total egal womit diese Menschen, die sich Erzieher nennen, ihre unsinnigen und für die Kinder gefährlichen Methoden rechtfertigen!
Viele andere Erzieher haben mit derselben Rechtfertigung und Begründung, dass es nützlich für den Gemeinschaftssinn sei, den Kindern Freiraum und Individualität zugestanden. Das ist ein Frage der ganz persönlichen Haltung und Sichtweise - also eine Individual-Schuld der Erzieher und nicht des Systems! !
Und: Man zerstört auch niemanden seinen Lebensraum, vergiftet wissentlich Flüssen und Seen und lässt Menschen an den Grenzen oder in ihren Ländern krepieren.
Es passiert trotzdem genau hier in dieser Welt, in unserem System, durch dieses Land.
Heute ist es einfach seine Individualität auszuleben … koste es was es wolle, Hauptsache man muss dem Elend nicht täglich in die Augen sehen.
Ich wünschte mir, wir würden weniger über vergangene und überwundene Übelkeiten debattieren, als viel mehr über das was es derzeit zu bekämpfen gilt!
[...] drei Minuten zu Fuß von Mauer aus Stein entfernt. (Und ca. eine Minute vom Haus meines ehemaligen Kindergartens. Zufälle und [...]