Abhang

Das Zimmer im Haus der Eltern blieb immer seines. Der Blick die Felder hinunter und der Berg dazu, über den sich der Schnee immer so legt im Winter, dass fast nichts übrig bleibt von den kleinen Stücken Land. Jonas liebt die stillen Stunden, die er am Hang verbringt, wenn es die richtige Temperatur für Schnee hatte. Man wird ein bisschen eins mit allem, niemand muss sich Sorgen machen, nicht beachtet zu werden, keiner fällt auf. Das Krachen von Eis gehört dazu, das Brechen einiger Zweige, wenn ein Vogel zu schwer war oder jemand unachtsam seine Schritte gesetzt hat. Mehr ist dann dort nicht. Entfernt dampft die Lok des Zuges in Richtung Norden. Auch in weiß.

Wenn er dorthin kommt, an den Hang und in das Haus seiner Eltern, wird er nicht wieder zu einem kleinen Jungen. Er bleibt der Jonas, der er geworden ist. Und er darf auch als derjenige kommen, der er ist. Niemand kneift ihm hier in die Wange, niemand schwelgt in Erinnerungen außer ihm selbst. Die Mutter weiß, wer er ist. Vielleicht als einzige wirklich. Der Vater fragt nach den Zuständen und Jonas erklärt sie ihm. Dann ist der Vater glücklich. Und an ihm merkt Jonas auch, wie er wurde, was er war. In der Bewegung der Hand des Vaters beim Butterbrotschmieren, in der Falte auf seiner Stirn, die sich bildet, wenn die Tagesschau von den Unruhen der Welt in neutralem Ton spricht, in diesen Gesten liegt Jonas. Die hat er mitbekommen. Und die hütet er. Wie die Erinnerungen.

Am Hang hat er Emma mal getroffen. Da kannten sie sich noch nicht lang, ihre Begegnungen hatten oft etwas mit dem Zufall zu tun. Er hatte dabei oft das Wort Fügung im Kopf, sie hat sich einfach nur gefreut. Ihre Großmutter lebt auch dort am Hang, vor zwei Jahren ist die gestorben, seitdem war Emma nicht mehr hier. Das Haus wurde verkauft, eine junge Familie sorgt eifrig für Nachwuchs.
Auf der Schräge kamen sie sich entgegen, Emma hatte die Hosenbeine hochgekrempelt und einen Strauß Blumen im Arm. „Sie sieht bestimmt aus wie ihre Mutter in jungen Jahren“, hatte Jonas da gedacht. Und Emma fiel auf, dass er so gut nie die Hände aus den Hosentaschen nahm. Sie sind ein bisschen zusammen gelaufen, haben sich unterhalten und sich auf die große Weide zu den Kühen gesetzt. Sie haben nur geschaut, als die Halbstarken auf ihren Mofas den Berg hinunterfuhren und pfiffen. Emma hat sich dann die Hosenbeine wieder runtergekrempelt und gesagt: „Ich geh jetzt nach Hause“. „Ich bin schon da“, hat Jonas gedacht. Dann ist sie gegangen und er blieb noch sitzen. Daran denkt er oft, wenn er in Schräglage durch den Schnee stapft.

Am nächsten Tag ist er nach Friedrichshafen gefahren mit dem Bus. Dort hat er eine Postkarte gekauft. Und manchmal, wenn Emma ihre Rechnungen sortiert, fällt ihr ein Stück Pappe in die Hand, auf dem steht: „Man konnte sich ein Tretboot ausleihen für 2 Personen und 7,50. Ich war nicht zu zweit, aber ich habe an dich gedacht. Ich glaube, es würde Spaß machen mit dir bis ans andere Ufer zu fahren. Nur um auf dem Wasserweg in die Schweiz zu kommen. Man bräuchte vielleicht 2 Tage, aber wir könnten uns unterhalten“.

Liz hat es verfasst, und zwar am 9. Februar 2006 um genau 13:43 Uhr.
Kategorie : Emma und Jonas

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