Abduktion

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Ich hatte vergessen, wo wir waren. Aber ich habe mich heute wieder daran erinnert. An all die großen Dinge, an all die endlosen Diskussionen und jedes kleine Haar, das du dir ausgezupft hast, wenn wir zu keiner Entscheidung kamen. Ich wusste zwischen den Pfützen auf der Straße und all den Kapuzen wieder, wie sich deine Stirn in Falten legte und du die Tür zugeworfen hast, weil du dann immer an die Luft musstest, wenn es eng wurde und nah. Du hast wirklich daran geglaubt, dass sich die Dinge dann von alleine wieder in Form legen, und wenn du gegangen bist, habe ich danach immer am Fenster gestanden und dich noch bis zur Ecke gehen sehen. Dann habe ich das Telefon neben meinen Kopf gelegt und gewusst, du rufst nicht an. Und weil du wusstest, dass ich warte, hast du es erst recht nicht getan. Das war dir zu gruselig, Erwartungen und Erfüllungen, Kämpfe und Berührung dort, wo es weh tut. Das war dir nichts und deswegen bist du immer mit ausgestrecktem Arm gelaufen und am Anfang fand ich das seltsam, du hast so komisch ausgesehen, mit geschwellter Brust und dem Kopf immer gerade. Selbst an den frühen Morgen, wenn wir zerzaust und warm nebeneinander lagen, war da immer dieser Arm. Selbst im Schlaf war da immer dieser Arm, immer dieses nervöse Zucken, immer dieser eine Zentimeter dazwischen. Selbst dann.

Und die kleinen Kinder stapften in Gummistiefeln durch die Pfützen und standen hin und wieder bis zu den Knien darin und mir fiel ein, dass wir waren. Ich wusste nicht, wo, aber plötzlich hatte ich wieder dieses Gefühl in der Hand. Ich habe dich verabscheut für diesen Abstand und ich habe dich geliebt für die Zeit, in der du ihn vergessen hattest. Ich habe dich lange geliebt für drei vier Sekunden. Akkurat hast du all diese Bewegungen ausgeführt, einsame Spitze und immer durchgestreckt. Und heute erschrak ich, als mir bei dem Blick ins Schaufenster ein Mädchen gegenüber stand, das einen Arm von sich streckte. Gerade und genau. In einem Mantel, die Mütze tief ins Gesicht gezogen, den Schal bis zur Nase, die Stirn noch müde. Ihr Kreuz war durchgestreckt, neben den Augen kleine Furchen, wach aber zurückgenommen. Die Knöpfe hatte sie alle geschlossen, die Türen verriegelt, bevor sie ging. Sie sah aus wie du. Und den Arm so, dass ihr niemand zu nah kommt. Immer so.

Dabei hatte ich vergessen, wo wir waren. Und abends wenn ich nicht einschlafen kann, verbinde ich die blauen Flecken zwischen Handgelenk und Ellbogen mit einem Kugelschreiber zu Monstern und Tieren und Sternbildern. Manchmal zu Gesichtern.

Liz hat es verfasst, und zwar am 25. Februar 2007 um genau 18:52 Uhr.
Kategorie : Blicke

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