(8) Konsequent sein - mit Frank Lachmann

Der erste Monat des Jahres ist schon wieder vorbei und beide Beine sind mittlerweile im neuen Jahr. Ob man will oder nicht. Frisch im Februar wird dann mal geschaut, was man so durchhalten kann. Was realistisch erscheint und was dann doch wieder von der Liste gestrichen wird. Zum Montag dieser Woche in unserer Befindlichkeitsreihe also ein kurzes Gespräch, eine Anleitung zum Durchhalten mit und von Frank Lachmann.



Was braucht man, um konsequent zu sein?
Ein Ideal, nehme ich an. Oder ein Ziel. Oder doch wenigstens eine Richtung, in die man gehen möchte, in die man sich entwickeln will. (An dieser Stelle bemerkt der Leser, wie trickreich ich die Frage nach einem Hilfsmittel in eine Frage nach dem Anlass bzw. der Voraussetzung umgedeutet habe. Ich Schlitzohr. Also von vorn) — Ich fürchte ja, man benötigt “nur” einen meiner Lieblingsbegriffe, nämlich Potential. Auf allen denkbaren Sinnebenen, also: Spannung, Anziehung, Differenz, Möglichkeit, Offenheit. Und dazu vielleicht noch ein bisschen die Fähigkeit der Selbsterkenntnis und des Sich-Treiben-Lassens. Zwei gute Portionen Euphorie und Enthusiasmus in den Dingen, die man tun möchte, können auch nicht schaden. Insgesamt also nichts, was jeder handelsübliche Superheld nicht sowieso schon im Standardangebot hätte. Ach so, und Musik, selbstverständlich. Musik ist immer wichtig.

Was, glaubst du, hast du davon?
Ich habe alles davon, in guten Phasen, würde mich aber natürlich nicht als konsequent bezeichnen — es gibt ja leider doch einen Unterschied zwischen notwendigen und hinreichenden Bedingungen. Aber ich glaube ja auch nicht, dass man Konsequenz wirklich so konkret benötigt im Leben. Bricht man die ganzen Probleme, die sich einem in den Weg stellen, mal auf eine gewisse Granularität runter, klar - Konsequenz hilft dann bei den banalen Kleinigkeiten. Aber von weiter oben betrachtet in der Hierarchie der Verkopftheit: als Metapher, als Anlass zur Reflexion, als Zielvorstellung, da geht das in Ordnung mit der Konsequenz. Und als Kontrast zur gelebten Inkonsequenz vielleicht, immer mal wieder.

Wie sieht die gelebte Inkonsequenz im Alltag aus?
Dinge nicht aussprechen, die laut gesagt werden sollten. Mit runter geschlucktem Herzen rumlaufen. Sich anpassen und Dinge verlernen. Keine wünsche mehr haben. Immer wieder oder womöglich dauerhaft einen Unterschied feststellen zwischen dem, wie man so ist, und dem, wie man sich gern sähe. Leben vergessen. Sich zum Thema Konsequenz interviewen lassen, obwohl man doch eigentlich gerade davon überhaupt nichts versteht. Zwar Notiz nehmen vom vorhin erwähnten Potential, es aber ignorieren. Wahrscheinlich.

Welchen Arschtritt bräuchte es im Gegenzug für die Konsequenz?
Einfach die Augen offen halten, da gibt’s genug. Eine bestimmte Situation, ein gewisser Song, irgendein Lächeln oder Blinzeln, eine passende Stimmung beim morgendlichen Heimweg durch die große Stadt, eine von jemand fremdem verwendete Formulierung oder Körperhaltung vielleicht. Inspiration eben, die freundliche Form des Arschtritts. Und man kann das sogar trainieren, solche Dinge und Momente zu bemerken.

Sag mal, wie.
Also — irgendwie vermutend, dass ich mittlerweile nur noch Phrasen und Floskeln absondere, die zwar alle toll und richtig klingen (vielleicht sogar sind), aber nichts mehr mit dem Thema Konsequenz zu tun haben — all das aber jetzt eben mal ignorierend: mit Staunen geht das. Wenn man sich diesen Blick erhält (oder ihn meinetwegen wieder neu lernt), Dinge so zu sehen, als stünde man ihnen zum ersten Mal gegenüber. Mit Skepsis und Begeisterung, mit Hingabe und Mut. Mit diesem ganzen Pathos eben, der aber dann doch keiner ist, denn es ist ja meiner. Oder deiner. Klar. Ernst beiseite: mit Kindern reden. Leute offensiv anlächeln. Kicken gehen anstatt einkaufen. Dinge in Perspektiven rücken, sich ihnen anders nähern, Entdecker sein, Kontrollverlust zulassen, fremden Menschen Komplimente machen. Herrje, klingt das abgeschmackt. Aber leider ist was dran. Wenn man das mal eine Weile kultiviert, sozusagen - schärft man seinen Blick dafür, was wichtig ist und was nicht. Und zumindest mir hilft das ja, bei der ganzen Grübelei über Konsequenz und Inkonsequenz langfristig, und beim Spaß an der Selbstinszenierung auf jeden Fall auch kurzfristig. (Ist ja eh alles nur Therapie, irgendwie.)