Haltearbeit

Das erste Mal auf der Schaukel, die ein bisschen zu schmal war, sodass die Ketten an den Oberschenkeln scheuerten, nach einer Weile ein wenig Schweiß im Nacken, und du standest ganz leise neben mir und ich fiel ganz leise nach vorne und zurück, das war das erste Mal. Das zweite Mal neben dem Kiosk, der ein bisschen zu voll war, sodass ich draußen stehen blieb mit den Fingerspitzen im Taschensand, die Füße kalt, aber kein Wort dazu, wir liefen tapfer weiter, mir war so kalt beim Geräusch des Verschlusses deiner Coladose. Das dritte Mal mit dem Monopoly unter dem Arm, als ich dir deine Figuren zurück gab und du mir das Geld, soviel Kies lag noch auf den Straßen aus diesem großen Winter, diesem unseren Klamotten entwachsenen Winter, diesem Großefressewinter, diesem Eis an deinen Haaren und all dem Gebrechen. Das viertefünftesechste Mal in nur einer Nacht, als ich das Ende zu deiner Geschichte nicht wusste und mir die Augen schon zufielen, der Mund hinterher, du hast nicht aufgehört zu fragen, nicht aufgehört zu sagen, das sei das erste Mal, dass du dir vorstellen könntest, nicht mehr das Kind in der Familie zu sein sondern jemand, der selbst etwas baut, einen Tisch, einen Gartenzaun. Noch im Halbschlaf habe ich dir nicht geglaubt, mein Mund war so trocken. Das siebte Mal mit mir allein, davon weißt du nichts, deswegen zählen wir unterschiedlich, nicht aneinander vorbei aber mit Abstand, das siebte Mal saß ich auf der Stufe vor deinem Haus, anderthalb Stunden, und oben brannte Licht, aber der Hausflur war so dunkel und ich konnte dir nicht sagen, hol mich rauf. Zuhause habe ich versucht, all das zu falten und in den Schrank zu legen zwischen die T-Shirts und dann ging die Tür nicht mehr zu. Das achte Mal hast du wahrscheinlich vergessen, denn manchmal sprichst du im Schlaf, manchmal sagst du Sachen, die gehören wahrscheinlich zu irgendeinem Zentimeter, den ich noch nicht begriffen hatte an dir, manchmal glaubte ich, deine Finger waren vielleicht ein bisschen zu kurz und der Rest, der warte nur auf seinen Einsatz.
Wenn du den Muskel hältst, weil du dich anstrengst, weil du trägst und schleppst, wird er mit weniger Blut versorgt, mit weniger Sauerstoff kannst du die Dinge nur mit 15% der Maximalkraft halten. Die Mediziner sagen, man könne bei Haltearbeit nicht von Arbeit im klassischen Sinne sprechen, da die Komponente des Weges fehle, man könne das eher mit einem Hubschrauber vergleichen, der über dem Boden schwebt. Aber es wirbelt, es wirbelt alles auf.

