Die Sache ist ja die, dass es so viele Sachen sind.

Monat: September, 2010

Made my day: Lost in the world.

Ich mich um dich.

Ostsee

Ich kann so schlecht auf deine Bettdecke hauen und sagen, dass dies ein schlechter Moment ist, dass dies so überhaupt kein Moment ist, um sich um mich Sorgen zu machen, ich kann nicht einfach diese Tasse Tee vom Tisch werfen und damit zeigen, dass ich die Dinge herumwerfen kann, wie ich möchte, dass ich wollen kann und die Knie durchdrücken und gerade stehen und hier sein, nur bei dir sein. Ich kann dir nur das Kissen hinhalten, als du sagst, dass du schreien möchtest, weil dieses Krankenhaus kein guter Ort für dich ist, dieses blöde gestreifte Kissen, aber schau, ich kann es halten, es gibt wirklich passendere Momente als diesen, um sich um mich zu sorgen. Ich kann mir keine Kamera an die Mütze tackern, die den ganzen Tag mitläuft, die dir zeigt, wo ich gehe und stehe und rede und schreibe und mache und tue, ich kann dich nur besuchen, aufrecht und aufgeräumt, dir Bücher auf den Tisch legen, die Taschentücher wegwerfen, die Vorhänge beiseite ziehen, das Fenster öffnen, lüften, eine Vase holen, die Blumen zurecht zupfen, gut sehen sie aus und ich kann dort sitzen und da sein, schau, wie ich da sein kann, das ist doch was, es gab wirklich Momente, die es mehr wert waren als dieser für Sorge um mich. Ich kann versuchen zu ahnen, vorsichtig zu tasten, wann es richtig und wichtig und wann besser nichts ist, ich kann in den Jahren zwischen uns die Nähe ausloten, die du jetzt brauchst, die du haben kannst, die zuviel, und die, die wichtig ist. Ich kann das, glaube bitte nicht, jetzt wären Sorgen angemessen. Ich kann es dir so schlecht auf die Plastikhaube schreiben, die über dem Teller liegt, bei jeder Mahlzeit, die du stehen lässt, aber ich kann es dir beweisen, ich komme zurecht, ich habe dir schließlich jahrelang zugesehen.

Dieses Wetter räumt mich auf. Auch wenn es nicht so scheint.

Rainy Day from PictureReport on Vimeo.

Und im Fahrstuhl neue Spiegel.

Das Wetter ist eigentlich dasselbe, in der Erinnerung verschwimmen manchmal die Dinge, die immer da sind, das Wetter, der Lärm, die Fassaden. An das, was nicht immer da ist, erinnerst du dich später. Heute die Kastanien, die ersten. Den Kastanien in der Stadt geht es schlecht, die Blätter sind braun, wenn es sie überhaupt gibt. Hier neben der Autobahn liegen sie auf dem Gehweg wie kleine Igel ohne Stacheln. Eigentlich ist das Wetter wirklich dasselbe. Es war wärmer damals, es war früher im Jahr, aber am Ende hat es nicht gereicht, die Luft hat draußen vor der Tür nicht gereicht, um es besser zu machen, aber auf dem Weg nach Hause funktioniert es als Tarnung, das kann es, das Wetter. Deswegen scheue ich mich jedes Mal, in die S-Bahn zu steigen, die S-Bahn hat kein Wetter, sondern nur Menschen, die sich angucken und anatmen und dabei so tun, als täten sie es nicht. Und man selbst kann daneben sitzen, kann versuchen, den Vorhang vorzuziehen, nicht aufzufallen, aber am Ende guckst du doch immer jemandem ins Gesicht, einem 16jährigen Baseballkappenkind mit Handy, das vielleicht zum ersten Mal jemanden sieht, der heult, also so unvermittelt. Es kann auch sein, dass es ständig heulende Menschen sieht und Bahn fährt, weil es dachte, hier sei es sicher. Das Wetter jedenfalls ist dasselbe, die Baustellen in ihrer Anzahl auch, und ich halte nichts davon fest, nicht das große Schild am Eingang für die Besucher, nicht das Klavierspiel der Pastorin, nicht den Geruch, den ich schon fast wieder vergessen hatte, nicht das Schreien der Neugeborenen, nicht den Teewagen. Sie haben einen neuen Boden, dunkle Dielen auf der Station, und neue Sitzmöbel. Auf den ersten Blick hat das alles sehr viel mit Dekoration zu tun, und auf den zweiten mit Ablenkung, einem Manöver, das nicht funktioniert.

Damals gab es keine Eichhörnchen, ich habe das erste Mal den Weg nicht gleich gefunden und als ich ihn dann gefunden hatte, traute ich mich nicht reinzugehen, und als ich dann drin war, traute ich mich nicht rauszugehen. Jetzt finde ich auf dem Weg dorthin die ersten Kastanien des Jahres, vielleicht die letzten der Stadt, und mache mir die Taschen damit voll, behalte sie in den Händen, bis ich den Fahrstuhlknopf drücken muss. Die letzten paar Jahre habe ich geschafft, sie zu behalten den Winter über, habe sie auf ein paar Jacken verteilt, seit diesem einen Winter ist es zur Tradition geworden, etwas dabei zu haben, das weich und glatt ist, aus einer Zeit, in der es wärmer war, eine greifbare Geschichte, die beinahe duplizierbar ist.

Die Baustellen rotieren sonntags nicht, die Menschen machen Spaziergänge, auch in einem Krankenhaus. Sie vergessen die Öffnungszeiten der Cafeteria und setzen sich in den Eingangsbereich zu den großen Scheiben, wo es auch die Kopfhörer gibt. Sie halten die Gürtel ihrer Bademäntel fest und ziehen für einen Moment die Latschen aus, manchmal legen sie die Füße hoch, wenn niemand schaut, sonntags schauen nicht viele. Man hält sich fern von den Zimmern, aus denen es klirrt. Alle bewegen sich langsam, aber sie bewegen sich, geduckt und mit Obacht. Sie erinnern sich an das, was nicht immer da ist. Damals war es der Schweiß, den ich lange nicht mehr auf der Stirn stehen hatte, das Ticken der Uhr in jedem Schritt, es waren die großen schwarzen Vögel, die überall saßen und starrten, nicht flogen, sogar zum Fliegen war es zu warm. Gestern war es der Nebel über den S-Bahn-Gleisen, das Krachen eines Containers am Westhafen und dass das Kind sagte “Einen guten Tag noch”, als es ausstieg, dass man ihm ansehen konnte, dass er wollte, aber nicht wusste, irgendetwas und dass “Einen guten Tag noch” alles war, was er zu geben hatte. In diesem Sinne eine Menge. Heute sind es die Kastanien, und im Fahrstuhl neue Spiegel.

Moving stairs.

Tresor Dach

Ich nenne sie Rolltreppenmomente. Die, deren Größe man erst hinterher bemerkt. Die, die jeder hat, -monate, -tage, manchmal nur -sekunden. Wenn die Rolltreppe kaputt ist und du sie dennoch nach oben rennst. Jede Stufe ist höher als sonst, das Geländer klebrig, aber du rennst, weil du rennen musst, weil es wichtig ist. Du verschwendest keinen Gedanken, du fragst dich nicht, was hier los ist, warum niemand das Scheißteil repariert oder oben auf dich wartet oder dich anschiebt, du rennst einfach, weil sonst etwas passiert, das nicht passieren darf, das auf gar keinen Fall passieren darf, wirklich nicht. Und deswegen geht der Blick geradeaus und die Beine setzen die Füße voreinander, so schnell es nur geht, so lange es auch dauert, das ist egal. Und du merkst es nicht, weil alles reibungslos läuft, weil das Tempo stimmt und der Atem hält und du plötzlich vier Hände und vier Beine hast und sechs Augen, du kannst alle Sprachen, die man von dir verlangt, du kennst jedes Wort, du bist überall gleichzeitig, weil du musst. Weil sonst etwas passiert. Es geht, es geht immer.

Für diesen Moment kannst du alles, kennst du jeden, hältst du nicht an. Du schließt die Augen und gehst durch, bis plötzlich ein Jahr vergangen ist oder zwei oder drei. Und wenn du dann die Augen wieder öffnest, merkst du, dass du stehst und die Rolltreppe fährt und um dich herum stehen andere und schauen und tragen kleine Koffer herum, das fühlt sich an wie immer und ist wie früher. Das ist dann, wenn du merkst, wie schwer deine Beine sind, dass du keinen weiteren Schritt machen könntest und dein Husten so laut ist, dass sich manchmal jemand umdreht. Aber es ist nicht mehr schlimm, denn das, was nicht passieren durfte, ist nicht passiert, weil du gerannt bist, weil du funktioniert hast, und jetzt ist alles andere egal. Manchmal dreht man sich um, wenn man oben angekommen ist, und sieht, wie weit das eigentlich war, und das Gefühl dreht den Bauch um und den Kopf auch und es ist so, dass du glaubst, es nicht noch ein einziges Mal aushalten zu können, nicht eine Sekunde lang. Du hast dann alles vergessen, jede Bewegung, jeden wegweisenden Gedanken, jede Klarheit, plötzlich rauscht alles ineinander wie kurz nach der Ohnmacht.

Eigentlich ist es aber so, dass es immer geht, wenn es gehen muss. Ausnahmezustand. Man erinnert sich nicht mehr, wie man das gemacht hat, weil man es sonst nicht wieder machen könnte. Der Automatismus muss bestehen bleiben, die Intuition darfst du dir nicht aneignen als Mechanik für jeden Tag, das bleibt eine Geschichte, die nur am Rand funktioniert und nur am Rand funktionieren darf. Damit sie sich nicht abnutzt. Es gibt nie nur einen Rolltreppenmoment ein einem Leben, das sind Rudeltiere, sie laufen vereinzelt aber nicht allein. Und du musst nicht wissen, wie es geht. Du musst nur wissen, dass.

Made my day: Love, you are a record.

Video by Rivkah Gevinson. Music by Stealing Sheep.

Trip down memory lane.

Da, wo heute das St. Oberholz heute ist, war früher ein Burger King. Ich bin dort in der Nähe aufgewachsen und musste die U8 nehmen, um zu meiner Schule zu kommen. Jeden Morgen. Nach der Schule sind wir manchmal gemeinsam ausgestiegen, wir Mädchen, und zu Burger King gegangen. Wir haben uns dort an Plastiktische gesetzt, wo jetzt Sofakissen herumliegen, dort auf der Ecke, wo man direkt auf den Platz schaut, dort saßen wir und manchmal rollten ein paar Bälle aus dem Bällebad zu uns herüber. Es gab damals oft dieses Angebot, dass man zwei Burger für den Preis von einem bekommt, wir fanden das gut und haben dort meistens viel länger gesessen, als die Burger reichten. Ich beschwere mich nicht über den Wandel, der dort am Rosenthaler Platz geschieht, sondern sehe zu, und ich mag es, was Rafael Horzon dazu sagt: “Und dass alles so bleibt wie es ist, kann niemand im Ernst wollen, denn dann wären wir ja logischerweise immer noch in der Steinzeit. Man muss aufhören, den alten Zeiten hinterherzutrauern.“.

Die Dinge verändern sich immer, du kannst dir die Beine nicht in den Bauch stehen in der Hoffnung, dass alles so bleibt, wie es ist, denn dann wirst du sehen, dass deine Beine schon einen Bauch weiter sind, so ist das, die Dinge wachsen, gehen, chamäleonisieren sich, tragen Make-Up und wischen es wieder ab. Denn auch die Dinge bekommen Falten, lassen sich aufspritzen und verlieren an Substanz, manches festigt sich. So wie die Erinnerungen, die niemand wegbaggern kann, die nichts zu tun haben mit Restaurierung und Fake-Stuck und neu gekauften Dielen, gelifteten Fassaden. Ich bin dort zur Schule gefahren jeden Morgen und ich werde dort immer zur Schule gefahren sein, komme die Veränderung, wie sie will.

Ansgar vom St.Oberholz hat mir einige Fragen gestellt und ich habe sie beantwortet.

Dem Sommer einen Abschied.

Wir winken noch einmal. Mit Lesen und Gesang. Am kommenden Donnerstag im Studio der Berliner Schaubühne lese ich noch einmal aus meinem Roman “Und im Zweifel für dich selbst“. Dazu und dazwischen gibt es Musik von dem großartigen This Mess Is Mine. Ich freue mich sehr, wenn ihr kommt.

We will walk ’til we get to the harbor.


Wir haben alle gedacht, das wäre es gewesen, der Sommer, die Euphorie. Und die Herbstkollektionen staksen von den Plakaten, in der Nacht kündigt sich der erste Schnupfen an und der hat nichts mit Heu oder Wiesen zu tun, sondern damit, dass wir es noch nicht ganz glauben konnten, dass es das nun schon wieder gewesen sein sollte. Sollte es nicht. Samstag stand in Farbe und Sonne und sofort wollte ich Wäsche waschen und ausschütteln und nach draußen hängen. Und dann standen wir da auf dem Dach, ich war mir sicher, der Fernsehturm hat kurz gezwinkert, als er uns sah. Und Henrik von Ghost of Tom Joad hat gespielt und gesungen und der Himmel sah aus, als hätte ihn gerade jemand ausgeschüttelt und geschüttet, als habe ihn jemand eine Weile so liegen lassen, damit er Zeit hat sich zu entknittern und glatt zu ziehen. Keine Falten, nirgendwo.


Und als wir dann später noch einmal zurückkehren mit dem Blick auf all das, was mir immer noch Kindheit bedeutet und dieser Prozess von klein zu größer, der Blick auf all das, was ich niemals aus den Augen eines Touristen sehen werde, egal, wie lange ich weg bleiben könnte. Ich werde diese Dinge niemals zum ersten Mal sehen, nur mit ihnen im Hinterkopf, den Fassaden und Silhouetten kann diese Geschwindigkeit stattfinden, Berlin bleibt immer im Backenzahn, ich habe nicht die Chance auf einen Faltplan, und ich will sie niemals haben. Und dann kamen Stars mit dem Fahrstuhl auf’s Dach gefahren und wir grinsten uns an und sie freuten sich über den Blick und man machte Ah und Oh und dann wurde gesungen und ich stand auf dieser Holzbank mit den Händen in den Hosentaschen, mir schien die letzte Abendsonne auf den Rücken und der ganze Sommer, und ich drückte eine Hand im richtigen Moment.


Manchmal ist das so, dass der Sommer und ein bisschen Zeit vorbeigehen und die Dinge vielleicht einmal richtig wackeln müssen, damit alles wieder an seinem Platz steht. Wir und dieser Platz, dieser Blick und dieses Lied. Alles mit ganz wunderbarer Textur, ganz nah und unmittelbar, ich verliebe mich in unsere Haptik, ich vergesse uns nicht. Auch weil man dann plötzlich weiß, dass es bis zum nächsten Sommer nicht mehr so weit ist, die Zeit vergeht mittlerweile immer schneller, die Jahre vielleicht auch. Aber die Euphorie nicht und wir nicht, keiner sieht uns hier oben, niemand hört uns hier oben, das ist genau der richtige Platz.


They’ll never know we were here. (Danke, tape.tv)

Made my day: Marcel, the shell.

MARCEL THE SHELL WITH SHOES ON from Dean Fleischer-Camp on Vimeo.