Die Sache ist ja die, dass es so viele Sachen sind.

Monat: Juli, 2010

Hidden Track.

You'll never find us here.

Manchmal braucht es nicht viel. Es hört nicht auf. Das kann eine Nackenfalte sein oder wie ein T-Shirt liegt, wie jemand geht, wie jemand lacht, wie jemand riecht. Wie jemand. Du bist nicht mehr, aber manchmal wie jemand. Jemand wie du. Du hast keinen Schatten und stehst auch nicht hinter der Ecke, ich weiß das, ich habe es so oft aufgesagt, ich könnte es dir im Schlaf rückwärts buchstabieren, jede einzelne Faser meines Wäschekorbs ist vollgestopft mit echter, realer Rationalität und die da sitzt und mir zuschaut, wenn ich schlafen gehe, die nicht Gute Nacht sagt sondern: Es ist, wie es ist.

Ich weiß, wie es ist und niemand kann dich je wieder anrufen und das da vorne ist nicht dein Schatten. Und wir beide sind mittlerweile an dem Punkt, also ich und die Erinnerung an dich, wo es mich nicht mehr verrückt macht, wenn jemand aus Versehen seinen Löffel hält wie du, die gleichen Schuhe hat oder ein ähnliches Wort. Ich verschlucke mich nicht mehr, aber es kann passieren, dass ich stehen bleibe und schauen muss, auch wenn es nicht viel braucht, ich muss stehen bleiben mittlerweile, früher habe ich hingesehen und dann wieder weggesehen und hingesehen und dann nie wieder hin, jetzt bleibe ich stehen und schaue und warte, weil jetzt angekommen ist, dass das alles ist. Alles, was übrig ist neben mir und der Erinnerung an dich. Mehr gibt es nicht. Dass jemand ist wie du, das ist der letzte Moment, das ist nichts Schlimmes. Aber ich muss stehen bleiben und gucken und manchmal muss ich lächeln. Wie das alles war, das geht nicht weg.

Es ist keine Farbe, es ist ein Geräusch.

Two Cups of Tea. One for you. One for me.

Mückenstiche soll man kurz erhitzen, hat er erzählt, als wir auf der Bank in der Küche saßen. Dieses Zeug, was die Tiere hinein spritzen, bestünde aus einer Eiweißstruktur. Man müsse sich das dann vorstellen wie ein Spiegelei, das härter wird in der Pfanne. Es würde dann nicht mehr jucken. Und in Gedanken suchte ich schon die Wärmflasche, als er meinte, das würde nicht genügen, man müsse schon kurz mit einem Feuerzeug oder einem heißen Löffel an die Stelle, und dann fragt man sich, ob man sich das traut. Man müsse das üben, sagte er - dieses Üben an sich selbst, dachte ich, wie scheußlich, und konnte mir nicht vorstellen, den richtigen Moment abzupassen, die richtige Länge der Berührung von Löffel und Haut, ich bin jemand, der kratzt.

Au Revoir Tristesse.

Sich ein Bild kaufen. Keinen Druck sondern ein Original. Und dabei einen Weißwein in der Hand halten. Und danach zu Radar Detector im Schaufenster tanzen. Es gab einen Tag, da dachte man, sowas passiert nur in Filmen und plötzlich ist man das selbst auf der Leinwand und alles 3D. Großartig fühlt es sich an, viel besser als Klamotten kaufen oder sowas, ich hatte dieses breite Grinsen auf meinem Gesicht nach dem Kaufentschluss gar nicht erwartet, aber jetzt klebt da dieser kleine Zettel neben dem Bild, der sagt, das ist jetzt meins. Schluss, aus, verkauft.

Carmina stellt derzeit aus. Dieses Mal unter dem Deckmantel Obhut, einem Künstlerkollektiv, das derzeit aus ihr, Herrn Specht, Nikoki und druckbewegung besteht. Bis 31. Juli kann man die Werke noch anschauen. In der Lychener Straße 23 im neonchocholate im Berliner Prenzlauer Berg. Es macht sehr glücklich dort zu sein, übrigens.

Niemals geschlossene Schuhe.

Gestern sind schlimme Dinge passiert, das konnte man überall lesen. Und das Wort Katastrophe ist dafür nicht zu groß, weil es um einen Spaß ging und am Ende nur unglückliche Menschen zurückbleiben. Ich kann sagen, ich finde es schlimm. Und ich möchte bewusst nicht darüber urteilen, weil ich kein Experte bin, weil ich nicht dabei war und weil es andere gibt, die es besser können. Und wiederum andere, die es nicht können.

Wenn solche Dinge passieren, muss ich Twitter ausschalten, weil ich es nicht aushalte. Weil ich nicht ertragen kann, wie viele Menschen meinen, unverblümt und unreflektiert ihren Senf dazu geben zu müssen. Weil ich Gänsehaut bekomme von den unbedacht in die Mobiltelefone getippten Zeilen, weil ich manchen Menschen auf die Füße springen möchte, wenn ich lese, was sie sich da rausnehmen, weil sie nicht einen Moment innehalten und nachdenken. Weil bei Twitter in solchen Momenten eine Welle der Betroffenheit losgetreten wird, die keinen Sinn hat, die niemandem etwas bringt, die mitunter und in den meisten Fällen sekundenkurze Emotion heuchelt und im nächsten Tweet geht es schon wieder um das leckere Eis oder das Wetter oder oder. Wem soll ich so sein ernsthaftes Entsetzen abnehmen? Wen darf ich dann nicht Heuchler nennen, wenn im ersten Moment geschrieben wird “Oh wie schrecklich!” und im zweiten “Oh ein Regen!”? Man sei ja so geschockt, so entsetzt, so verärgert, so traurig - wenn dem so ist, setzt man sich dann hin und schreibt einen Tweet? Gehört das dazu? Bei Twitter geht jede Distanz verloren, alles wird aufeinander geklatscht, nur um dabei zu sein, vielleicht damit nur niemand denkt, man habe davon nichts mitbekommen.

Aber deine kurzweilige Emotion kannst du dir ehrlich gesagt sonst wohin stecken, weil sie mich wütend macht. Dein geheucheltes Interesse. Dein Klugscheißertum. Deine Distanzlosigkeit kann ich nicht ertragen, deine vor dir her getragene Pietät, die genau deswegen keine ist, weil sie so etwas verbietet. Und weil es auf der anderen Seite so einfach ist, sich erst über die Loveparade lustig zu machen und am Ende zu meinen, eine Schuld zuweisen zu dürfen. Irgendjemandem. Mehreren. Wie kann bei über einer Million Menschen nur einer die Schuld haben? Erklärst du mir das? Und kannst du es besser? Und was interessiert es jemanden, dass du schreibst, dass du gerade vor Schreck Schluckauf bekommen hast, wenn einer Mutter gerade gesagt wird, dass ihr Kind nicht mehr nach Hause kommt?

Twitter ist schnell und ich verstehe und unterstütze jeden, der ernsthaft und reflektiert etwas zur Klärung der Umstände und vielleicht der eigenen, inneren Ordnung der Betroffenen beiträgt, indem er Personengesuche weiterschickt oder sachdienliche Hinweise publiziert. Aber die Dreistigkeit zu besitzen, ein Urteil zu fällen, eine Schuld auf jemandem abzuladen, einen Emotionsschwall in die Welt zu ballern, der in diesem Moment an Oberflächlichkeit, fehlender Distanz und mangelndem Respekt nicht zu überbieten ist - ich möchte schreien dabei, damit mal Ruhe ist. Wenigstens kurz.

Weil mir Twitter in solchen Momenten vorkommt, als würde niemand geschlossene Schuhe oder lange Hosen tragen, auch wenn der Anlass es vielleicht gebietet, einfach nur, weil man nicht muss. Aber so ein Gewissen, das einem manchmal sagt, was man muss und was nicht, täte dem einen oder anderen ganz gut hin und wieder.

Wenn ihr so geschockt seid, so fertig, achso betroffen, ihr, die ihr nicht dabei wart oder in irgendeiner Weise mit den Geschehnissen verbunden seid, trötet nicht alle Nase lang, wer Schuld hat, wer nicht, wer böse ist und wer gut, wer wie hätte, könnte, wollte - sondern helft mit, dass so etwas auf anderen Veranstaltungen nicht noch einmal passiert. Wenn es euch so schockiert hat, dann achtet aufeinander, wenn ihr auf Festivals, Konzerten, Autobahnen, Massenaufläufen herumrennt. Schiebt nicht, schreit nicht, drängelt nicht, helft euch auf, sagt was, übernehmt verdammt noch mal Verantwortung und glaubt nicht, dass die Welt besser wird, nur weil sie jetzt weiß, dass ihr Nachrichten geschaut habt und es euch zur Abwechslung doch mal berührt hat. Weil auch ihr das hättet sein können. Genau ihr hättet da stehen und hinfallen können. Vielleicht ist das der eine Gedanke, der euch wenigstens für einen Tag mal zum Schweigen bringt. Zum Innehalten. Zum Gedenken. Und zum Bessermachen.

(Und danke, Herr Schellnack für Ihren Text. Und danke, Herr Niggemeier.)

Mit Neonlichtaugen.

Gisbert zu Knyphausen

Als hätte er einen Knoten in den Faden zwischen Hamburg und mir und diesen Liedern gemacht und obwohl ich weiß, wie einfach diese Assoziation ist, denn natürlich ist Hamburg seine Stadt und sein Zuhause, knallt es mich jedes Mal, wenn ich das höre, in den letzten Winter zurück und an die silber funkelnden Kräne zu dem Klirren der Schollen. Ich vergesse nicht, wie das riecht und wie kalt mir war und wie man sich fühlt, wenn man den Atem über dem Fluss sieht und weiß, zuhause wartet niemand aber eine Aufgabe und der unbedingte Wille, das zu schaffen. Als hätte er einen Doppelknoten gemacht in die Schnur, den er heute gelöst hat und neu gebunden. Als er da stand mit schwitzenden Knien und wir alle ganz triefend und ich dazu glücklich, das ist immer dann, wenn der müde Punkt überschritten und der ganze Rest egal ist, woher und wo und wohin der Schweiß läuft und die tanzenden Füße und die Bilder an den Liderinnenwänden, weil man nicht die ganze Zeit in die Scheinwerfer starren kann. Ich mag ja den Gedanken, der Musiker da oben, derjenige, der sich den ganzen Abend die Seele aus dem Leib entertaint, genau der hätte mal kurz einen Moment Ruhe, wenn du die Augen schließt, was natürlich nie passiert, weil es das nicht gibt, dass alle auf einmal die Augen schließen für ein paar Sekunden, denn einer schummelt immer.

Heimathafen Neukölln

Jedenfalls hat er jetzt eine Schleife gebunden in das Band, ordentlich gezurrt hat er daran, der Herr Knyphausen, weil er phantastisch gebrüllt hat und die Band noch mit dazu, weil ich erst glaubte, sie sähen so aus, als wären sie nicht ganz warm miteinander, aber das waren sie, so sehr, dass es den Gänsehautmoment zweimal gab. Ich kann doch immer nicht anders, wenn auf der Bühne jemand ausrastet, obwohl das nicht geplant ist, wenn es sich ergibt, dass eine Improvisation ein Gefühl wird, mehr noch, ein Gespür. Für den richtigen Moment. Und dass man merkt, dass man nicht nur an- sondern zurückkommt, wenn da Gesichter sind, die schon seit Jahren da sind und lächeln jedes Mal.

Alles geschafft. Alles richtig.

Ich bin hier, weil du auch hier bist.

tape.tv rooftop

Die Schwalben flogen tief, kaum noch Blau vom Himmel zu sehen, wirre Grauschwaden und viel Weiß. Drei, vier Pools, größer und kleiner, ein Bett im Garten, der Blick auf nackte Beine und noch nacktere Fassaden. Ein Schornstein direkt neben uns. Manchmal wirkte er ein bisschen unsicher, das Publikum dieses Mal hinter und nicht vor sich, dann eine Kamera und ein Puschelmikrofon schräg oben drüber. Wir sitzen und lauschen und der Dachteer ist noch ganz warm von den letzten Tagen. Wir wissen alle, dass das Gewitter kommt. Und als wir unten stehen vor dem rosa Haus und unsere Räder abschließen, fallen die ersten Tropfen.

tape.tv rooftop

“Ich würd gern geben, was ich zu geben vermag, ich will lachen an den richtigen Stellen.”

tape.tv rooftop

“Ja, wir werden da sein, weil wir immer schon da waren.”

gisbert zu knyphausen bei tape.tv

Mit bestem Dank an tape.tv, wo es auch bald das gesamte kleine Dach-Konzert zu sehen gibt.

beach house

Dance dance dance - again.

Lykke Li & Bon Iver doing ‘Dance Dance Dance’ in L.A from Lykke Li on Vimeo.

Weil es das Lied meiner Sommer ist. Hier noch eine neue Version von der großartigen Lykke Li mit den ebenfalls sehr großartigen Bon Iver. Ich bin sehr verliebt in die alle.

Ich möchte einen Garten, in den ich sie reinstellen kann.

Irgendwo zwischen Beirut, Björn Kleinhenz und Mumford & Sons. Irgendwo zwischen Sommer und Herbst. Inmitten von großartig: Fanfarlo.

Man braucht es nicht, aber man will es.

Friederike Porscha

Ich weiß nicht genau, ob dies der Beginn ist, eine Reihe von Menschen vorzustellen, von denen ich denke, dass sie tolle Dinge machen. Vor einer Weile habe ich das schon einmal in einer kleinen Interviewreihe versucht, manchmal fehlt einem für so etwas die Zeit. Aber gerade, weil diese Diskussion schon wieder einmal geführt wird, ob man Dinge empfehlen darf in Blogs - und wann und wie viel das etwas mit Glaubwürdigkeit zu tun hat. Hier an Ort und Stelle empfehle ich nur Dinge, weil ich sie empfehlen möchte, ich empfehle Menschen, weil ich glaube, dass sie wunderbare Dinge tun, ich nenne ihren Namen, weil ich denke, dass sie euch etwas Schönes, Gutes, Tolles geben können. Und nicht, weil mir jemand etwas dafür gibt. (Nur um das einmal gesagt zu haben. Weil es ja so viele gibt, die nicht mehr daran glauben, dass Menschen das einfach nur so tun können, Dinge gut finden und weitersagen, ohne selbst einen Nutzen daraus zu ziehen. Außer vielleicht, dass Menschen, die man mag, etwas mehr Aufmerksamkeit bekommen.)

Friederike Porscha macht Schals (und noch viel mehr). Tolle Schals. Schals, die man vielleicht in so einem Sommer nicht braucht, aber will. Sehr will. Sie lebt und arbeitet in Berlin. Ihr Atelier ist in Neukölln. Ihr Herz ist am richtigen Fleck und ihr Auge bei den schönen Dingen. Angucken, bitte.

Lieblingsalles.

Wenn ich mich mal an den ganzen Schwitzekram gewöhnt habe, kann mir gar nichts Schöneres mehr passieren als so ein Sommer mit all seinem Drum und Dran. Die Sache mit dem Fahrtwind auf dem Fahrrad, mit den kurzen Röcken, mit dem nachts aufwachen und nicht schlafen können und deswegen am Fenster sitzen und lesen, die Sache mit den Seen und den Kaltgetränken, dem Eis und wenn man sich nach vielen Sonnentagen entschließt, trotz guten Wetters einfach drinnen zu bleiben und kein schlechtes Gewissen hat, weil man weiß, morgen wird die Sonne trotzdem wieder scheinen. Die Sache mit den Melonen und Kirschen und Erdbeeren und Schlagsahne und den Küssen und staubigen Schienbeinen. Wenn Sommer gut riecht und nicht wie stinkiger Stadtsommer und dass man es noch bemerkt, wenn es so ist. Wie man den Sonnenaufgang mitbekommt und das Licht so flutet, dass es einem hin und wieder zu den Ohren rauskommt als Glück in Schmetterlingsform. Wie sich die Klischees erfüllen und damit noch schöner und breiter werden und man einen Bauchklatscher direkt hinein macht, weil es egal ist, weil einen sowieso jeder einmal kann, der in diesen Zeiten nur die Stirn runzelt und sich beschwert, weil man das eben immer macht. Das Beschweren aufgeben. Die Sache mit den kalten Waschlappen und der Erlösung. Wie sowieso alles weicher wird und geschmeidiger, wenn auch manchmal zu geschmeidig, einem kann doch eigentlich nichts besseres passieren, wenn man sich erst einmal dran gewöhnt hat.

Es ist jetzt soweit. Ich habe mich gewöhnt. Ich möchte, dass es nicht mehr aufhört. Dance dance dance.