Die Sache ist ja die, dass es so viele Sachen sind.

Monat: Oktober, 2009

All Hallows`Even.

I’m still shaking off last night.
I’m still trying to get this right.
You know, the morning seems to set my head on fire.
I know, it’s a little late
but you know I love to make you wait.
You can only smile and wonder why.
And I say “Now”.

You know, I don’t like this place,
but if it’s on you then it’s okay.
It’s not like I’ll be drinking anyway.
And you know I can’t take a joke.
Wash it down with Cherry Coke,
sweet surprise that makes my mouth all dry.
And I say “Now”.

(Karate - Cherry Coke)

What I’m gonna miss #5

Man merkt nicht, dass man die Stadt im Rücken hat. Das Wasser liegt still, als bereite es sich schon auf die Winterstarre vor, die Wohnanlagen im Hintergrund verschwinden in den dichten Nebelschwaden. Die Scheiben des Rohbaus vorne an der Straße, wo man noch die Treptowers und das Ostkreuz sehen kann, sind tiefblau heute, die ersten Büsche kahl, die anderen brüllen in Farben. Viele Jalousien wurden noch nicht einmal hochgezogen, das Haus am Wasser, in dessen Bauch wir ein Leben träumten, hat Gänsehaut aus Raureif. Darüber liegt eine Sigur Rós Melodie, das unsichtbare Kraftwerk erwacht langsam, die Maschinen kommen in Gang wie der Magen eines Monsters, das seinen Morgenhusten geradeso übersteht.

Dann der Steg, auf dem wir im Sommer Beeren und Sonne gegessen haben, den die Boote immer ansteuern und dann im letzten Moment kehrtmachen, weil die Kapitäne dann doch nicht wissen, was sie sagen sollten, uns mit den Zöpfen und Sonnenbrillen. Dahinter die Hecken der Kleingärtner, die wie Lawinen über den Zäunen hängen. Das Asphaltstück, mit den Pollern zum Anlegen der Schiffe, trägt einen gelben Teppich aus herzförmigen Blättern, die kein Stück Teer durchschimmern lassen, keinen Zentimeter. Man muss sich bemühen, sich nicht einfach fallenzulassen und liegen zu bleiben. Hinter der Kurve wird der Angler stehen, das Fahrrad an die Laterne gelehnt, bis die anderen kommen, die es nicht geschafft haben, so früh aufzustehen. Er geht dann immer nach Hause mit einem Eimer, aus dem es leise platscht.

Die schwarzen Kiesel als Passepartout der bunten Tupfer in allen Formen und Farben. Das kleinste Blatt ist doppelt so groß wie der Nagel meines kleinen Fingers, manche sind schneeweiß. Und vorn an der Stirnkante bläst der Wind alle durcheinander und den Nebel dazwischen, ein paar auf den dunkelbraunen Tanker, der aussieht, als würde er nie wieder ablegen. Das andere Ufer ist nur eine Ahnung.

Stralau, my love.

Generation Kühlschrankpoesie.

Bettpartner begeistern uns wie früher kleine, bunte Autos. Manchmal sammeln wir sie in einer Kiste und wenn wir meinen, wir sind jetzt zu alt für sowas, schieben wir sie in den Keller ohne noch einmal hineinzusehen. Bis uns eines Tages eine lebensverändernde Maßnahme überrollt und der Karton uns auf den Kopf fällt.

Wir stapeln die Dinge und schieben sie unter den Schrank. Wir kaufen neues, wenn das alte nicht mehr funktioniert, das ist so einfach geworden. Manchmal entdecken wir etwas in Lädchen mit Patina, das wir dann unbedingt wollen. Wir stellen es hin und uns daneben und warten darauf, bis ein bisschen davon auf uns abfährt. Mutter sagt: Räum mal dein Leben auf. Wir sagen: Vielleicht lieber morgen.

Wir können immer etwas anfangen. Die Dinge liegen vor unserer Haustür herum, wir suchen uns eins aus und nehmen es mit hinein und fangen es an. Integrieren es in unser Leben und unser Leben in das Ding. Und wenn es etwas abgestanden ist, weil wir ein paar Tage nicht zuhause waren, nehmen wir uns ein neues und kippen den Rest des Alten in den Abfluss. Die Abfuhr für die gelbe Tonne kommt immer Donnerstags.

Sex in Streifen. Sex Schranke. Sex mit Stäbchen. Sex in Pappmachè. Sex für ein bisschen Kleingeld. Sex gebraten. (Was war das nochmal?) Sex auf Plakaten. Sex in der Werbung. Sex im Kindergarten. Sex im Kaufhaus. Sex auf der Arbeit. “Wir haben uns getrennt. Das Körperliche war ein Problem?” - “Mach doch eine Therapie.” - “Ich weiß nicht, mein Vater sagt, das sei normal.”

Wir sollen gut sein. Nicht zu dünn, nicht zu dick, nicht zu blond, nicht zu schwarzhaarig, nicht zu rund, nicht zu birnig, nicht zu orangenhäutig, nicht zu natürlich, nicht zu künstlich, nicht zu 70er80erunddasbestevonheute. Haare bitte nur an den markierten Stellen. Und Cola Light Koffeinfrei.

Heute hier, morgen da, übermorgen hoppsassa. Wir lagern unsere Bestände ein und schreiben Oma eine Postkarte aus Honolulu, weil sie keinen Computer besitzt. Und leihen uns dafür einen Stift an der Bar, weil wir keinen mehr mit uns tragen. Wir können überall schlafen, aber nicht überall gut.

Wir haben Mechanismen entwickelt, von denen wir wissen, das sie funktionieren. Posen, Witzigkeiten, Zitate. Sorgsam gesammelt und abgeschaut für die dunklen Momente, in denen das einzige Blinken das des Ladegerätes ist. Die funktionieren immer, auf Routinen kann man sich verlassen. Like/Unlike. Ja, wir möchten bitte später bezahlen.

[...]

Wir kaufen uns eine Töpferscheibe und lassen sie stehen.
(Rainald Grebe)

Ich möchte es. #1

Oh Miranda. I want to subscribe to your work, please.

(via LesMads)

Saying my goodbyes.

Plötzlich sieht man die Lücken in der Stadt, die Falten in den Fassaden, die es woanders nicht gibt, weil das Leben woanders nicht solche Fahrt aufnimmt. Plötzlich steht an jeder Ecke ein Gesicht, das man zu kennen meint. Bei dessen Anblick man sich fragt, ob es einem fehlen wird. Und mit einem Mal sind die Ampelphasen, das Warten auf die Bahn, die Stimme des Radiosprechers wie Photos. Sich selbst von schräg oben sehen noch einmal kurz an Orten, die sich so schnell verändern werden, sobald man sich einmal umgedreht hat.

Man erinnert sich wieder an erste und letzte Male. An zu laute Stimmen und Schweigen, das einen Moment zu lang war, um nur Stille zu sein. Plötzlich haben die Kreuzungen den Namen der Personen hinter den Fenster darüber. Und man weiß, von welchen Pflastersteinen welche Narben stammen. Wo man sich zufällig und mit Absicht und am Ende auf getrennten Straßenseiten begegnet ist. Mit dem nächsten Regen wird sich vieles ändern. Die Kisten werden leerer sein als letztes Mal.

Wenndann.

Freunde ergänzen einander, ergänzen heißt ganz machen, um das nötig zu haben, muss man geschädigt sein, aber wenn man es nötig hat, so kann man auch niemand brauchen, der auf dieselbe Weise beschädigt ist, sondern jemand, der andere Schäden aufweist. Die Freunde füllen die Lücken, sind komplementär, sie holen auf, was einem fehlt, sie tun, was man versäumt hat, Verwandte tun das nicht, oder wenn, dann nur zufällig.

(Ruth Klüger, “weiter leben”, Wallstein Verlag Göttingen)

Heute in einer Woche…

… gibt’s ja ab 20 Uhr Rambazamba im Soupanova, ordentlich organisiert und eingetütet vom Herrn Vergrämer. Und obwohl sich viel an Texten gewünscht wurde, habe ich mich dazu entschlossen, doch was aus dem Buch zu lesen, das im Januar kommt. Das Buch kennt noch keiner, das wird die allererste Exklusivlesung mit eingebautem Versprecherpotential, ich bin schon ein bisschen aufgeregt. Aber ich freu mich auf euch. Sue kann leider nicht anwesend sein, ich bin (sehr) untröstlich.

Die Lesung kostet 4 Euro. Die Party danach gibt’s umsonst oben drauf.

Once I fell in love with an open door.

And he’s a man who hides from all that binds.
And a mess of fading lines.
And there’s a tangled thread inside his head
With nothing on either end.
There’s nothing on either end.

(Death Cab For Cutie - My Mirror Speaks)

Ich würde gern einen Kreidekreis um uns ziehen. Ich würde mich bücken und die Kreide zwischen den Fingern zerkrümeln. Der Wind würde mir die Haare ins Gesicht wehen und ich würde durch diesen hellbraundunkelblonden Vorhang ein paar Grasbüschel und meine Fußspitzen sehen. Wenn ich mich dann drehte, um aus dem Kreis, der ein Ei geworden ist, dennoch ein vollkommenes Ei auf den Boden zu zeichnen, ich sähe auch deine Fußspitzen, aber nicht deinen Rücken und nicht den riesigen Rucksack, nicht deine Listen und Ausreden, ich würde dich nicht hören, denn der Wind wehte so, dass die Bäume nicht mehr aufrecht stünden. Ich würde mir die Hände abklopfen und mich langsam aufrichten, des Kreislaufes und der Knie wegen und damit du dich noch einmal richten könntest, deine Mimik, die Haltung. Was so dazugehört. Vielleicht würdest du ansetzen zu einem letzten Satz, du würdest nicht weit kommen, denn du hast Angst vor jeder meiner Gesten. Ich bräuchte nur einen Finger rühren und du wärst still. Das war schon immer so. Schreckhaftes Tier, in jedem Winkel verkrochen, selbst wenn es ein Kreis ist, der dich umgibt. Du in Kreide.

Ich würde dich anschauen und ich wäre der Wind. Du wärst schon längst verschwunden in deinem Jackenkragen, in deinen Augenhöhlen, in all den Jahren deiner Erzählung, in jedem Besetztzeichen. Ich wäre der Wind und ich ließe dich stehen. Ich nähme meinen Mut, meinen Stolz, meine zwei kleinen Erinnerungen. Ich legte keine Bretter über das große Loch, ich ginge einfach drum herum. Wir beide an Ufern. Ich ginge die beiden Schritte zurück, einen für jedes Photo. Ich senkte meinen Kopf, um zu sehen, ob die weiße Linie nun vor meinen Füßen läge, du drinnen, ich draußen. Ich würde nichts mehr hören von dir, denn ich wäre der Wind. Ein bisschen Kreide klebte mir noch an der Hose, ich würde mich nicht mehr umdrehen, du wärst längst unsichtbar, du hinterlässt keine Spuren. Ich wäre der Wind und danach wäre endlich alles nur noch still. Ein Kreis aus Kreide auf einer Wiese am Rande der Stadt. Ein paar Stunden noch könnte man vielleicht ein paar Fußspuren erkennen, etwas ahnen. Das Gras wäre schon drüber gewachsen, es bräuchte sich nur noch aufrichten. Dann alles wie nie und für immer.

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(Photo by Nele Sophie Reinhard)

(M)ein Herz für Blogs II

Schon im April habe ich einmal empfohlen, was mir am Leseherzen liegt. Nun ist es Oktober, Kai von Stylespion rief erneut zum Aktionismus auf und ich bin dabei. Manche meinten letztes Mal, es ginge dabei vor allem um Klickzahlen für den Urheber dieser Aktion - letztendlich darf es meiner Meinung nach ruhig Klicks für Kai hageln, der Gedanke der Vernetzung ist ein mir inhärenter und deswegen bin lege ich euch folgende Blogs ans Herz. Die Leseempfehlungen aus dem Frühling gelten weiterhin uneingeschränkt, zum Doppeln werde ich mich nicht hinreißen lassen sondern die Gelegenheit nutzen, euch anderes mit auf den Weg zu geben…

> The Iceland Diaries
Malte ist zur Zeit noch in Island und macht Photos dort. Schneller kann man kaum Fernweh bekommen.

> Craig Thompson
Ich habe ihn und sein Blog schon mehrmals empfohlen, aber wer ein Herz für Comics und poetische Bildsprache hat, kommt nicht drumrum. Wahrscheinlich werde ich noch als Oma durch seine Bücher blättern.

> Claude Softwareherz
Eine bezaubernde, tolle Frau mit starken Worten und einem Blick wie ein Röntgengerät.

> Sarah
Nicht irgendjemand.

> Herm’s Farm
Ein Chartbreaker unter den Twitterherosuperstars. You need gute Laune? Go there.

> Schlingenblog
Die Feuilletons echauffieren sich neuerdings über die von ihnen sogenannte “Krebsliteratur”. Über Krankheiten schreiben? Ich sage: Muss man. Aber Schlingensief sollte man nicht nur wegen seiner jüngsten Publikation lesen sondern auch einfach so.

> Argh!
Und pünktlich zum “Ein Herz für Blogs”-Freitag hat auch Frank wieder angefangen zu bloggen. Irgendwann wird Twitter eben doch zu klein. Zum Glück.

> Anything else.
Anna Rikje Rosenthal ist nun für ein paar Monaten in den USA, photographiert mit Vorliebe ihren Freund und findet auch sonst allerhand Kurioses zum Anschauen.

> electricgecko
Nicht irgendwer.

> OPAK
Eine Herzensangelegenheit. Die sind nie ohne Widersprüche und nie ohne Reibung. Alles andere wäre Vortäuschung falscher Tasachen. Ich bin so froh, dass jemand einen Raum aufmacht ohne zu versprechen, man würde nicht stolpern darin.

Room for highlights.

(Mehr aus Warnemünde gibt’s bei Flickr.)