Mein neues Faible: Filmchen mit Liebe am Arbeitsplatz drin. Vielleicht drehen wir im Büro ja auch bald einen. So mit “Liebe deinen Nächsten” und Sitznachbar und so. Ich bin ja eh für mehr Liebe für alle. Und wenn alle soviel arbeiten, dann eben dort. Aber: Sonne macht auch glücklich. Ein bisschen zumindest.
Mehr tolle Filmkleinode gibt’s bei Future Shorts.
Post-It Love
Music: Masaki Kurihara, Kuricorder Orchestra
Editing: Sam Rice Edwards
Cast: Charity Wakefield, Lee Ingleby
DoP: Carl Neilsson
Producers: Elizabeth Gower, Lucy Gossage


Und während ich hier nur komische Kindergartengeschichten aufschreibe, hat meine Tante sich hingesetzt und wirklich was gemacht zum Thema “20 Jahre Mauerfall”. Die Mauermatratzen und Berlin Guest Beds waren u.a. auf der London Design Week 2008 und in der Temporären Kunsthalle Anfang des Jahres hier in Berlin zu sehen. Nun kann man sich die guten Stücke noch einmal ganz in Ruhe und für umsonst angucken. Zu sehen sind sie erst einmal in der Galerie und Werkstatt B.Z-P in der Brunnenstraße 155 in Berlin-Mitte. Vielleicht drei Minuten zu Fuß von Mauer aus Stein entfernt. (Und ca. eine Minute vom Haus meines ehemaligen Kindergartens. Zufälle und so.)



“Was entscheidet darüber, ob wir uns eher an die glücklichen Momente unseres Lebens erinnern oder an die unglücklichen; ob uns unsere Triumphe vor den Demütigungen einfallen oder umgekehrt? Liegt es in unserer Natur, im ererbten Temperament oder an den Umständen unserer Geburt oder an dem ersten Eindruck, den die Welt uns macht? Oder gräbt sich solche Eigenart nur langsam in unseren Charakter? Ich kann mir vorstellen, dass ein früher, nicht erinnerbarer Schreck uns für lange Zeit das Glück unzugänglich machen kann. Einmal gewarnt, können wir eine eigentlich glückliche Situation nicht mehr als solche empfinden, weil wir ihr nicht trauen. Vielleicht fühlen wir uns sogar bedroht, weil wir das, was Glück sein könnte, nur für eine Täuschung halten, die sich in Enttäuschung verwandelt, sobald wir unser Mißtrauen aufgeben. Andere, denen dieser Schreck, oder wie immer wir es nennen wollen, nicht zugestoßen ist, können die Augenblicke des Glücks einfach genießen wie warme Sommertage, ohne Gedanken an den nächsten Winter, “dieser wunderbare Sommer, weißt du noch?”, können sie später sagen, eine nicht widerlegbare Erinnerung. Ich meine nicht die Neigung, das Erlebte nachträglich zu vergolden, um zähe Ehejahre und lebenslange, ehrgeizige Schinderei in vorzeigbares Glück zu verwandeln. Ich meine das, was wir im Augenblick des Geschehens als wirklich erleben, was wir als ein Stück erbeutetes Leben davontragen und in unsere Biographie einmodellieren.”
(Monika Maron, “Pawels Briefe”, S. Fischer Verlag 1999)
Wenn man in einer Fernbeziehung lebt, ist das ein bisschen so, als würde man immer wieder Zettel hochhalten. Alles wird komprimiert und so zusammengefaltet, dass es in die dafür vorgesehen Kanäle passt und verschickt werden kann, gesagt in einer bestimmten Zeitspanne, gesehen zu einem bestimmten Moment. Man ist in Umstände verstrickt, die manchmal eine Bedeutung erlangen, die sie sonst nie hätten. Vieles kann man nicht erklären, vieles muss man erklären. Und dann guckt man mit Sehnsucht durch Scheiben und über Höfe hinweg, manchmal über Bundesländer und Landesgrenzen. Und meistens hat man eben Edding und einen Zettel dabei, sammelt die Momente ein, um sie später noch einmal hochzuhalten. Parallelerleben in Verzögerung. Aber für dieses “Hi” bei einem Wiedersehen kaufe ich von mir aus alle Eddingvorräte der Welt auf.
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(Den Kurzfilm von Patrick Hughes hab ich bei Lisa gefunden.)

Die Sache ist, dass man wissen muss, wann Schluss und der Punkt gekommen ist, an dem man den Arm ausstrecken muss, um die Dinge von sich weg zu halten. Stop sagen. Einatmen ausatmen und ein Schluck Wasser. Den Kopf beiseite drehen. Türe schließen. Nicht rangehen. Ausschalten. Es aushalten, dass dennoch nichts anhält. Die Abfahrt nicht verpassen, weil man sonst Gefahr läuft, nur noch die Erwartungen zu sehen, die man nicht erfüllen können wird. Die schlimmsten sind die, die man sich selbst auferlegt.
Die Sache ist, dass man wissen muss, wann man ans Meer muss. Wann es an der Zeit ist, eine Hand ins Wasser zu halten und eine in den Sand, zwei im Rücken zu haben für den sicheren Stand, und keinen anderen Menschen im Blick, im Horizont. Halt machen. Einatmen ausatmen und ein zwei Stunden geradeaus laufen. Während dich im Hintergrund das stete Rauschen begleitet. Den Moment nicht verpassen, in dem man sich hinsetzen muss und warten, (sich nicht auf den Rücken legen, weil es sonst sein kann, dass man noch schlechter Luft bekommt), aber sitzen und warten. Warten, bis es von allein wieder weitergeht. Ganz von selbst. Ohne dass jemand sagt: Jetzt ist es soweit, jetzt musst du los.
Das Drosseln der Geschwindigkeit ist so eine Geschichte, die man manchmal erst lernt, wenn es einen bei 200 km/h wegen einer Wimper aus der Kurve hat. Pause machen, weil man muss. Schweigen, um wieder etwas sagen zu können. “With pictures of owls all over the walls” (Seabear).

Wir saßen mit der Familie beisammen, meine Mutter feierte Geburtstag, die außerfamiliären Gäste waren bis auf einige wenige schon wieder auf dem Weg nach Hause, draußen flimmerten ab und an ein paar S-Bahnen dabei. Der Elektrogrill auf dem Balkon wurde ausgeschaltet und drinnen bekamen ein paar Menschen glasige Augen. Wir sind eine Familie, die aus dem Osten kommt, aus Berlin-Mitte, dem Galerien-Mitte, ach was. Mein Großvater war nicht in der Partei, meine Mutter alleinerziehend, mehrere der Familie inhärente oder bekannte Menschen unternahmen Fluchtversuche. Ich habe schon einmal erzählt, wie sehr ich meinen Onkel für seinen heldenhaften Löffelabgang bewundere, wie beschützt ich mich von meiner Mutter gefühlt habe, als sie mich bis vor’s Kindergartenleitungsbüro verteidigte.
Im Herbst werden 20 Jahre Mauerfall gefeiert. Und ich bin froh drüber. Ehrlich. Sowas von. Auch wenn ich nur fünf Jahre im Osten gelebt und davon vielleicht gerade mal zwei bewusst mitbekommen habe – es genügte. Dieses ganze Ostalgiegequatsche halte ich für eine Reaktion von zuviel Glutamat. An diesem Abend neulich erzählte mein Onkel, dass er sich ab und an ein Spielzeugauto mit ins Kindergartenbett genommen habe vor dem Mittagsschlaf. Aus Rücksicht, weil er wusste, er würde nicht schlafen können, aber um die anderen schlafen zu lassen. Der DDR-Kindergärtnerin war so ein Spielzeugauto Grund genug für Verdacht auf Fluchtversuch. Also wurde mein Onkel wie viele andere Kinder in seine Bettdecke eingewickelt an die Wand gelehnt und stehengelassen, mehrere Stunden. Links und rechts andere Kinder, mit dem Gesicht zur Wand.

Und auch ich weiß noch, dass – wer nicht schlief oder zumindest ausreichend so tun konnte – im Waschraum schlafen musste mit Liege und Bettzeug bei angeschaltetem Licht. Das war jedoch nicht das Schlimmste, Waschraum war okay, es war hell, man konnte sich aufsetzen, wenn man es leise und geschickt anstellte, man konnte rumgucken, Zahnbürsten zählen, jedenfalls durfte man sich bewegen. Der Horror war jedoch, wenn man es aus Versehen geschafft hatte, dazu verdonnert zu werden, im Erzieherzimmer sitzen zu müssen. Es gab diesen braun gepolsterten Stuhl neben der Eingangstür, dort saß man in Unterwäsche, meistens wusste man nicht genau, was man jetzt eigentlich verbrochen hatte. Aber die Erzieherinnen schwitzten dort, spielten Karten und rauchten. Ab und an befahlen sie, etwas aus diesem oder jenem Regal an ihren Tisch zu bringen, dann durfte man aufstehen, ein paar Schritte gehen, wurde von klebrigen Fingern zum Dank in den Oberarm gekniffen, und dann setzte man sich wieder hin. Meist fiel der Kopf irgendwann nach vorne auf die Brust, denn nichts machte müder, als diesen frustrierten Tanten beim euphorischen Frust-Schieben zuzusehen. Nach hinten durfte der Kopf nicht kippen, dort war der Lichtschalter angebracht – und berührte man diesen, konnte man sich darauf gefasst machen, die nächsten drei Tage auf dem Stuhl verbringen zu müssen. Die Füße berührten den Boden nicht, der braune Stoffbezug hatte kleine Noppen, die sich in die Haut des Oberschenkels drückten. Im Winter gab es Hausschuhe, da konnten sie zumindest nicht sehen, wenn man mit den Zehen wackelte.
Meine Erzieherin wählte jede Woche ihr neues Lieblingskind. Ihr Lieblingskind setzte sie sich ab und an auf ihren Kittelschoß, Lieblingskinder mussten nicht aufessen, bekamen manchmal einen zweiten Nachtisch und allerhand Freiräume, wie zum Beispiel die selbständige Spielzeugwahl am Morgen. Nach welchen Kriterien ein Kind ausgewählt wurde, blieb uns schleierhaft, tuschelnd versuchten wir jede Woche erneut herauszufinden, warum nun gerade wieder dieses Kind erwählt worden war. Die Krönung fand Montagmorgen in aller Kindergartenöffentlichkeit statt. Wenn alle Kinder eintrudelten, wurde das Lieblingskind von der Erzieherin an die Hand genommen und nicht mehr losgelassen, bis alle anderen Kinder verteilt waren. Wer übrig blieb, konnte in dieser Woche mit ein paar Boni rechnen. Süffisantes Grinsen auf der einen Seite, neidische Blicke aus unseren Kreisen der Verdammten auf der anderen. Ich war nie Lieblingskind. Es ging mir auch nicht um den Platz auf dem lila Kittel oder um irgendeine verdorrt faltige Hand mit einschneidendem Ehering. Aber der Osten schaffte es entgegen all den eigenen Angaben nicht, die Ellbogengesellschaft zu untergraben, Auszeichnungen waren das A und O. Lieblingskind sein. Von einer Frau, die anfing zu weinen, weil ich ihre Ideale in Frage stellte, indem ich mich ihrem Apfel mit Schale verweigerte.
An der Schule, auf die meine Mutter, mein Onkel und meine Tante gingen, wurde die Abiturklasse von einer Lehrerin unterrichtet, die sich regelmäßig betrank. Auch am Morgen. Danach ließ sie sich von ihren Schülern in einer Schubkarre über das Schulgelände fahren, weil sie nicht mehr laufen konnte. Im Dienste der Republik. Eine andere Lehrerin beschloss vor dem Chemie-Unterricht, die Stunde in Reimen abzuhalten. Als sie ihren Stoff vergessen hatte, nahm sie meinen Onkel dran: „Hanno, hilf! Ich steh bis zum Po im Schilf!“
20 Jahre sind eine lange Zeit. Aber nicht lange genug.
(Man könnte meinen, dass es danach im Westen besser wurde. Die Geschichte meiner Lehrer gibt’s dann demnächst.)

(Wer das geschrieben hat, fragte sich auch Katinka heute.)

“Aber denkt man allen Ernstes daran aufzuhören, für immer, tappt man in die Schlimmste aller Fallen. Es wäre das Ende nicht nur des Künftigen, es würde auch alles Bisherige zunichte machen. Wer aufhören kann, hätte niemals anfangen dürfen.”
(Ralf Rothmann, “Feuer brennt nicht”, Suhrkamp Verlag 2009)