


Der Sommer macht es einem schwer dieses Jahr. Ich habe Gummistiefel geliehen und heute nachmittag kommt der Bus, der uns auf’s Land bringt. Ich erwarte Gewitter und Seen. Morgen 16 Uhr. Bis dahin Ichsehewaswasdunichtsiehst, Brötchen und ein Blick auf Felder.

Die ist da. Also noch nicht ganz da, aber beinahe da. Am Donnerstag, den 25.06., kommt sie raus, am Montag steht sie in den Bahnhofsbuchhandlungen und Kioskstübchen dieses Landes. Und wir feiern das, weil es ein Krampf war und anstrengend und weil diese Finanzkrise und das ganze Zweifeln uns allen hin und wieder den Boden unter den Füßen weggezogen hat. Wir haben ihn uns wiedergeholt, Teppich draufgelegt und jetzt stehen wir. Versammelt und fröhlich am Donnerstag im Berliner NBI. Kommt vorbei, legt euch das neue Heft zu, tanzt mit uns und hinterlasst uns in den Kommentaren drüben eure Lieblingssongs zum Thema. Wir freuen uns. Mitgeschrieben haben Dietmar Dath, Thees Uhlmann, Gudrun Gut und Susanne Heinrich u.v.a. (Und Twitter kommt auch vor, haha.)


Im Film wäre die Taube, die da mit ihrem verkrüppelten Fuß über die Gehwegplatten am U-Bahnhof Tempelhof stolziert, ein Zeichen. Der rosa Schimmer auf ihrem Gefieder, das leichte Humpeln und wie sie dabei dennoch demonstrativ nicht mit dem Kopf hin und her ruckt wie ihre Gefährten, sondern ihn stolz und gerade hält, ihn nur langsam dreht, beinahe bedacht, Vielleicht ist es aber auch nur Arthrose, - ja, im Film wäre diese Taube ein Zeichen. Oder das Flugzeug, das erst eindeutig sichtbar am Himmel über den Strommasten fliegt und dann hinter der Überdachung des U-Bahnhofs verschwindet, es rauscht und dröhnt noch, aber ein Kind, ein kleines, würde denken, es sei verschwunden, und das, was da so wummert und brummt, das müsse doch etwas anderes sein, vielleicht die Gedanken des Mannes am Ende des Bahnsteigs, die er als Flickenteppich auf seiner Jacke mit sich rumträgt.
Das Flugzeug wäre ein Zeichen im Film, das käme in der Storyline immer wieder vor, Jahre vergingen auf dem Papier, man hätte ein Kind gecastet und einen Teenager und einen Erwachsenen, und alle hätten dieselbe Haar- und Augenfarbe, vielleicht eine ähnliche Oberlippenform, um Biographie zu heucheln - in jedem Falle flöge dieses Flugzeug immer wieder vorbei und es würde etwas bedeuten. Es wäre ein Rückblick auf einen längst vergangenen Moment, eine Erinnerung und ein damit verbundenes Gefühl, immer dann, wenn das Schauspielergesicht und in der Storyline natürlich der Protagonist nicht damit rechnet. Dann würde man die Überraschung und das abgestandene Bild als Funkeln oder Wasser in seinen Augen sehen und alle im Kinosaal oder auf dem Sofa würden kurz seufzen, aus dem Fenster oder vielleicht auf die Notausgangszeichen gucken, kein Flugzeug sehen oder eben doch und sich ihren eigenen Moment zurückholen, zu dem sie einen Knopf haben. Einen Knopf, den manchmal jemand anders drückt und manchmal sie selbst, aus Langeweile, aus Einsamkeit, aus Versehen.
Die Taube mit dem verkrüppelten Fuß ist kein Zeichen. Sie stolziert in Richtung Mülleimer, der Mann mit der Flickenteppichjacke zieht sich einen Schokoriegel aus dem Automaten und schon bald kommt ein neues Flugzeug ohne Bedeutung. Für dich gibt es keinen Knopf. Für dich gibt es auch keine Ampelphase, keinen Geruch. Würde ich jeden Tag, der vergeht und an dem ich ein bisschen von dir vergesse, und in diesem Vergessen resigniere (ich hatte mir wirklich vorgenommen, alles zu behalten), - würde ich jeden dieser Tage nummerieren und diese Zahlen auf Zettel schreiben, ich hätte einen ziemlich hohen Haufen Papier. Und auch das änderte nichts. Ich könnte mich reinlegen oder eine Hauswand damit tapezieren, am Ende käme irgendein Wind oder ein Regen und es bliebe sowieso nur soviel übrig, wie ich glauben kann.

Und wenn dann der Gegenüber seine Tolle aus der Stirn streicht, in das riesige Sandwich beißt und danach, noch kauend, aus dem Fenster schaut, grinst und mit den letzten Resten zwischen den Zähnen sagt: “Ich bin so glücklich, weil ich all diese Menschen kennen darf. Weil sie alle so talentiert sind und ich dabei sein kann.” Dann kriecht einem eine imaginäre Träne in den Augenwinkel, weil die echten ja dafür dann doch zu unberechenbar und zu eigen und verborgen sind. Und man schaut dann vor Verlegenheit in das Kaffeeglas vor sich, an dessen Boden noch brauner Schaum klebt, und auf die Maserung des Tisches, zieht mit dem Finger die einzelnen Fasern und Brüche nach und denkt sich, wie gut es ist. Wie gut es wirklich ist, dass man nichts bezahlen muss, um an diesen Menschen teilzuhaben, ihre Geschichten lesen zu können, ihre Stimmen und Instrumente zu hören und die Möglichkeit zu haben, immer und immer wieder ihre Bilder zu sehen und ihre Gesichter, dass man nichts geben muss, um Teil ihres Lebens zu sein außer einer Ehrlichkeit und einer Aufrichtigkeit, außer da zu sein, wie man ist. Und dann schauen wir auf die Blumen im Schaufenster, die großen Lilien, während draußen das graue Wetter bei Rot über die Straße geht. Wir bezahlen und einer legt dem anderen eine Hand auf die Schulter. Manchmal gibt es keine größere Geste als das.
Wie dankbar wir einander sind uns zu kennen. Und das Unverständnis der Welt gegenüber, die das nicht interessiert, die an all diesen guten Menschen nicht interessiert ist, wird klein und beinahe unsichtbar, weil was anderes zählt.



“The shore, I can see the shore from here. I see your town, your house and you. The score is, I count the letters of your name. I count the days til you are here again. Day 7.” (The Notwist)




“Ich finde, wir haben gute Winter miteinander gehabt. War es einer, oder waren es mehrere? Ich weiß es nicht mehr, und du würdest sagen, es sei auch nicht wichtig. Wir hatten Schnee und klirrende Kälte, und immer, wenn ich gesagt habe, daß ich eigentlich frieren würde, hast du so geschaut, als würdest du verstehen. Wir sind spazierengegangen, wenn die Sonne schien. Die langen Schatten, und du hast die Eiskristalle von den Ästen abgebrochen und an ihnen gelutscht. Wenn du auf dem Eis hingefallen bist, habe ich lachen müssen, bis mir die Tränen kamen, wir haben uns nichts versprochen, ich wollte das auch so, dennoch, entschuldige mich, verspüre ich eine Eifersucht auf alle Winter, die du haben wirst, ohne mich.
[...]
Es ist kalt, es riecht nach Schnee. Nach Rauch. Lauschst du auf etwas, das du nicht hören kannst, liegt dir ein Wort auf der Zunge, du kannst es nicht sagen? Bist du unruhig? Sind wir uns einmal - ist das nicht genug - begegnet? Ich werde jetzt schlafen gehen. Erinnert dich der Winter manchmal an etwas, du weißt nicht - an was.”
(Judith Hermann, “Sommerhaus, später”, Fischer Taschenbuch Verlag 1998)
Es ist Juni, für mich der Beginn der Mitte des Jahres, ich weiß, die eigentliche Hälfte ist wohl erst zwischen Juni und Juli, aber wer mich kennt, der weiß, mit meiner Ungeduld muss mal jemand ein ernstes Wörtchen reden. (Vorher eine Liste, der Bücher, die ich bisher gelesen habe in diesem Jahr. Das kann man ja irgendwann auch mal seinen Kindern zeigen: “Guck mal, damals gab es noch gebundene Bücher und ich habe in das damals noch so langsame und lustige Internetz geschrieben, welche ich gelesen habe. Irre, was?!” Ich frage mich eh, ob die mal lesen werden, was ich hier geschrieben habe und wie Kinder das wohl so finden, wenn und was ihre Eltern bloggen. Aber dazu ein anderes Mal.)

- “@bsolut privat?! Vom Tagebuch zum Weblog”
- “Learning to love you more” (Harrell Fletcher & Miranda July)
- “Vogue Dialogues”
- “Tagebuch einer Reise” (Craig Thompson)
- “Feuer brennt nicht” (Ralf Rothmann)
- “Lost in Sound” (Tobias Rapp)
- “Animal Triste” (Monika Maron)
- “Ohne sie” (Kluun)
- “So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein” (Christoph Schlingensief)
- “Die Anstalt der besseren Mädchen” (Julia Zange)
- “Der Kaiser von China” (Tilman Rammstedt)
- “Mein Herz so weiss” (Javier Marias)
- “Ist das ein Mensch?” (Primo Levi)
- “Amerikanische Bilder” (Studs Terkel)
Zu dieser Listenmacherei hat mich Anke inspiriert. Und natürlich freue ich mich immer über Empfehlungen.