Die Sache ist ja die, dass es so viele Sachen sind.

Monat: April, 2009

Anois - Tree House Whispers

Bei einem dieser Lieder aus dem Fenster sehen. Denken: “Ja, ich”. Den Blick ins Zimmer zurückwerfen und auf den Boden. Zusammenzucken. Noch einmal nachfragen. Auf der Bettkante sitzen. Das Quietschen in der Kurve in Kauf nehmen. Ja, ich. Sich ein Wetter stricken und ein passendes Vertrauen dazu. Bei einem dieser Lieder auf die Straße gehen. Denken: “Ja, du”. Den Blick in sich selbst zurückwerfen und auf eines der Dächer. Direkt an der Kante sitzen. Die Tragik in Kauf nehmen. Ja, du. Sich eine Platte kaufen und ein passendes Leben dazu.

[Das Album "Tree House Whispers" von den großartigen Anois gibt es gratis bei Aerotone.]

“Wie kommen eigentlich die Löcher in den Käse?”

…fragte das Kind auf der Schallplatte damals in betont quäkiger, absolut nervtötender Stimmlage. Ich frage lautlos und in das weite Internetz hinein: “Was hat der Osterhase eigentlich mit Ostern zu tun und wieso schleppt er Eier durch die Vorgärten dieser Welt?” (Und jetzt kommt mir nicht mit dem Wikipedia-Link, den kenn ich schon.)

Aber was auch immer er damit zu tun hat, ich wünsche einen fulminanten Sonntag und einen noch fulminanteren Montag, denn freie Montage sind eine feine Sache. Mit oder ohne Hasen.

Irgendeinen Weg ins Beste

Jonas, ich hole den Löffel aus dem Tiefkühlfach und klebe ihn mir an die Zunge, bevor ich den Grießbrei umrühre damit und kleine Eiskristalle sofort den Abgang machen. Es dampft nicht lange und dann esse ich den Rand zuerst und mich bis zur Mitte durch, um den Rest stehen zu lassen für später. Später gibt es neue Ränder, leicht angetrocknet, so wie der Salat immer matschig wird, obwohl man sich denkt, das sei bestimmt nicht so schlimm später, das hebe ich auf. Langsam lasse ich Wasser in den Graben zwischen Schalenrand und krustiger Insel laufen, bis das Wasser ihr bis zum Hals steht, bis es überläuft und sich ins Universum ergießt, bis es die Brotkrümel mitnimmt. Es liegt noch ein Löffel im Tiefkühlfach, den wirst du nie benutzen, der wird irgendwann verloren gehen im ewigen Eis unter der Pizza.

Emma, über deiner Oberlippe sind kleine Haare und ich sage es dir nicht, weil du dich dann wegdrehen und im nächsten Autoseitenspiegel anschauen würdest, versuchen, die Härchen zwischen den Fingernägeln einzuklemmen und auszuzupfen, du würdest abrutschen und den Spiegel unsanft treffen und dann würde die Alarmanlage des Autos losgehen, du dich erschrecken und losrennen und ich hätte Mühe dich einzuholen und wenn du dann an die Häuserwand gelehnt stündest, schwer atmend, denn eigentlich sollst du so nicht rennen, aus dem Stand und so schnell, dann würdest du dich mit den Händen auf den Knien abstützen und dein Haupthaar würde dir ins Gesicht fallen. Ich würde mich vor dich hinhocken müssen, um dich anzusehen, und wenn ich dann von unten zu dir aufschaute, würdest du dich wieder wegdrehen. Also sage ich es dir nicht und kann dich weiter anschauen, während du deine Geheimnummer beim Eintippen leise vor dich hinsagst.

Ja, ich habe Angst davor allein zu sein, Jonas. Und dass das Geräusch der unter mir wegfahrenden U-Bahn die einzige Regung ist, die ich empfinde, und es mich dabei nicht einmal schüttelt. Dass die Weinflaschen im Regal, die ich mal so mitnehme, zweimal die Woche für eine Gelegenheit, immer mehr werden und sich zusammenrotten, weil die Gelegenheiten nicht auftauchen und ich am Ende Blumenerde in die Weingläser fülle und zwei Samen und vielleicht etwas passiert und vielleicht aber auch nicht. Und aus Angst, es könnte zuviel Wasser sein, gieße ich nur in Tropfendosen, zähle und zähle und zähle mich so sehr um Kopf und Kragen, dass das Geräusch der unter mir wegfahrenden U-Bahn wirklich die einzige Regung ist, die ich empfinde, und es mich dabei nicht einmal schüttelt.

Du fehlst mir nicht immer. Ich denke nicht immer an dich. Ich habe nicht ständig deinen Geruch in der Nase, nicht ununterbrochen das Gefühl deiner Handgelenke in meinem Nacken, es ist schon so, dass ich nachschauen muss, um deine Nummer zu wählen und dass ich den Tag vergesse, an dem du geboren bist. Ich habe kein Photo von dir und ich denke nicht daran, eins zu machen, und hätte ich eines, würde ich es wahrscheinlich vergessen irgendwo in einem der Bücher, die ich wieder nur zur Hälfte gelesen habe. Vielleicht würdest du es finden, wenn du mit einer Hand auf der Hüfte vor meinem Bücherregal stündest, den Kopf schief gelegt, um die Buchrücken lesen zu können, und in winzigen Schritten von einer Seite zur anderen wandernd wie in Zeitlupe, du würdest es aus dem Regal nehmen und den letzten Satz zuerst lesen, wie du es immer tust, dann dein Photo finden, es zurücklegen – und ich würde es nicht bemerken, aber du wärst so still plötzlich. Und dann würdest du mir wieder einfallen – und das ist immer der beste Moment, Emma.

M.

(You‘re wonderful. Happy Birthday.)

taz-Text-Korrektur

Für die taz habe ich einen resümierenden Text geschrieben, der vom CvD so umgeschrieben wurde, dass dort nun steht: “Selbst große Persönlichkeiten wie Wikipedia-Gründer Jimbo Wales, Creative-Commons-Pionier Lawrence Lessig und Hypem.org-Urheber Anthony Volodkin enttäuschten.”

Genauso wenig stammt dieser Satz so von mir:
“Sie feiern das Internet samt seinen Errungenschaften: Datenschutz, Feminismus, China, Bildung, Barrierefreiheit, Open Source, Gähn.”

Hab ich so nicht geschrieben und vor allen Dingen nicht gemeint. Der Nachholbedarf in diesem Bereich ist indiskutabel, diese Zeile wurde so von mir nicht verfasst. Denn meine Versionen lauteten folgendermaßen:

Zwar wurden große Persönlichkeiten wie Wikipedia-Gründer Jimbo-Wales, Lawrence Lessig, Hypem.org-Urheber Anthony Volodkin und Netzpoet Peter Glaser eingeladen, bei dessen Vortrag der eine oder andere wahrscheinlich das einzige Mal auf der Veranstaltung mit Gänsehaut zu kämpfen hatte. Das große Ganze, die Zusammenhänge von Internet und Offline-Welt, die Veränderungen in den Köpfen, die über doch schon recht abgestandene Diskussionen wie „Journalismus vs. Blogs“ oder Fragen a la „Brauchen wir eine Bloggergewerkschaft?“ hinausgehen, wurden jedoch nur in Ansätzen aufgegriffen.

Datenschutz, Feminismus, China, Bildung, Barrierefreiheit und Open Source standen in den Veranstaltungstiteln auf dem Konferenzplan, jedoch blieb die von den klassischen Medien so gerne als ewig meckernde, streitende, unfreundliche und von vielen auch oft als eigentlich überflüssig beschriebene Bloggermeute in den Diskussionsrunden eher lieb und nett.

Dass ich mir Fäuste auf den Tischen und konkrete Ergebnisse gewünscht hätte, war der Tenor, den ich hier gerne noch einmal klarstellen würde. Eine ausführliche und vor allem persönliche Rückschau wird in diesem Blog folgen und natürlich ist mir bewusst, dass gekürzt und überarbeitet werden muss in einem Zeitungsbetrieb. Dennoch wollte ich diese doch den Ton gravierend drehenden Veränderungen im Text dokumentieren, der von mir Freitagvormittag geschrieben wurde.

Re:publica Tag 3 #rp09

11:50 Uhr Frauen sitzen auf dem Podium, weil sie was zu sagen haben. Und nicht weil Feminismus drüber steht. I like.
11:59 Uhr Ich hab das Gefühl, ich rieche schon nach Clubmate. Irgendetwas verschiebt sich hier, aber niemand sagt mir, was.
12:03 Uhr There Jimbo is.
12:39 Uhr Sogar das Auswärtige Amt weiß, dass es hier kein Internet gibt bzw. ein bisschen was spinnt manchmal. Passiert ja sonst nüscht in Deutschland.
14:27 Uhr Leider kann Obama heute nicht hier sein, stellvertretend kam also seine New Media Operations Managerin Mary C. Joyce. Hui.
14:32 Uhr “In Germany private data online is OH MY GOSH. In the United States it is OK.” (M.C.Joyce)

Re:publica Tag 2 #rp09

15:18 Uhr Vor dem Friedrichstadtpalast sitzt fast niemand mehr, dafür ist die Kalkscheune wie auch letztes Jahr gut gefüllt. Ein permanenter Film läuft, ein ununterbrochenes Flirren knallt einem um die Ohren, denn die Beiträge vom großen Saal oben werden mit Ton übertragen, Menschen unterhalten sich, starren auf ihre Bildschirme und beschweren sich über den schlechten Internetzugang. Im Hof wird geraucht und gegessen, die Sonne lacht. Ich fühle mich gaga, die Luft ist innerhalb des Gebäudes überall eher grenzwertig. Mehr Frauen als gestern sind da, das ist ein gutes Zeichen. Im gleichen Moment ärgere ich mich darüber, dass es lediglich zwei Beiträge gibt, die sich schon im Titel Feminismus, Frauen und weiblichem Blogging beschäftigen. Auch hier befindet sich nur eine Frau im Urheberteam dieser Veranstaltung. Schade. Ich bin keine militante Feministin oder irgendjemand, der davon wirklich Ahnung hat. Dennoch reichen schon manche Blicke, die man sich als Frau auf so einer Veranstaltung einfängt, um eine gewisse Skepsis zu entwickeln und einen Wunsch nach normal gewordener Gleichberechtigung.
15:47 Uhr Gleich mal gucken, was der Feminismus so kann. Vorher ein bisschen Digital Natives. Was sind die, die so dazwischen geboren wurden? Das erste gesichtete Baby schreit. Die Sache mit den Digital Natives ist leider ein Nischending, in meiner Ecke funktioniert der Ton jedenfalls nicht.

15:54 Uhr Ich frage mich, für wen diese Veranstaltung eigentlich gemacht ist? Zum einen tummelt sich die Blogger-Twitter-Internetgemüse-Riege in einem Kreis und schmiert sich entspannt Smalltalk auf die Tastatur, zum anderen werden in Panels und Diskussionsrunden Dinge erklärt, von denen ich dachte, die seien Grundvoraussetzungen, um an dieser Veranstaltung teilzunehmen. Wenn es eine halbe Stunde für Microblogging und Großstadtnomaden gibt und dann erst einmal zehn Minuten Twitter sowie Handykameras erklärt werden, frage ich mich doch, wen erwartet man eigentlich als Publikum? Erzählt man das, weil man es kann oder erzählt man das, weil man damit wirklich etwas sagen möchte?

16:10 Uhr Gefühlt sind alle auf der re:publica anwesenden Frauen nun in einem Raum versammelt. Plus ein paar Männer. Schade eigentlich, dass die, die es ebenso angeht, sich so wenig dafür interessieren. Die Mädchenmannschaftsmädels übernehmen nun das Feld. Die Frage „Wieso schreiben so wenig Frauen politische Blogs?“ steht jetzt im Raum. Ich würde auch gern fragen: “Wieso schreiben so wenig Männer über ihre Gefühle?” Ich meine es ernst. Ich bin ja nicht zum Spaß hier.

18:18 Uhr Der Punkt liegt dazwischen. Die Panels können meistens nicht das leisten, was sie sich vornehmen. Dort brabbelt es, dort kommt es mir vor wie ein Blog-Blog, eine Konferenz-Konferenz, immer etwas, das mit How To zu tun hat und selten mit dem When and where. Und wie Tessa es schon sagte im Feminismus-Slot, glaube ich ebenfalls, dass es darum geht, eine bestimmte Perspektive einzunehmen und aus dieser zu handeln, zu bloggen, zu sprechen, zu leben. Und nicht die ganze Zeit über die Perspektive an sich zu reden. Das ist heruntergebrochen mit dem Feminismus ein bisschen so wie mit dem Bloggen. Ich rede nicht die ganze Zeit darüber, warum oder wieso und wie und wann – ich mache es einfach, es fügt sich in mein Leben ein und an den Punkten, wo Dissonanzen entstehen, rede ich darüber und begründe meine Meinung, versuche vielleicht Menschen zu überzeugen und aus meiner Perspektive heraus zu argumentieren und nicht mit ihr.

Re:publica Tag 1 #rp09

Die Internet-Blogger-Trallallalla-Konferenz läuft. Ich schreib das nicht bei Twitter auf sondern hier. Und mache mich damit wahrscheinlich zum gehassten Pyjama-Blogger. Egal, ich mag Karos. Hier also Updates zum ganzen ersten Tag. Prost.

12:12 Uhr: Internet funktioniert immer noch nicht. Auf der Bühne sagen sie, es gibt zu wenig Leute, die spannende Inhalte generieren.
12:17 Uhr: Eben war ich für drei Sekunden online. Es geht um die Deutsche Bahn.
12:18 Uhr: Online. Mal sehen, wie lange. Im Bauch: Brezel und Clubmate. Ich glaube, ich bin Pyjama-Blogger. Neben mir wird OPAK gelesen.
12: 25 Uhr: Vereine gründen ist so typisch deutsch. (Ich gucke das Panel zur deutschen Bloglandschaft im Friedrichstadtpalast.)
12:27 Uhr: Letztes Jahr war es noch Bionade, jetzt ist es Clubmate.
12:31 Uhr: Anscheinend haben wir Blogger gar nichts. Und brauchen alles.
12:36 Uhr: Wer hat denn jetzt die Schuld an der Langeweile? Blogger? Politik? Welt? Ein Kaugummi weckt mich auf.
12:37 Uhr: Es geht um mangelnde Professionalisierung. Um mangelndes Engagement. Genau, wir haben ja alles so viel Zeit und so viel Geld, deswegen können wir den ganzen Tag durch die Welt rennen und geilen Content produzieren.
12:40 Uhr: Habe zum ersten Mal seit langem ehrlich gemeint geklatscht. (”Auf dem Parkett, da musste tanzen, da musste beauty sein!”)
12.42 Uhr: Klatscht immer keiner. Und keiner will noch was dazu sagen. Blogger ratlos. “Wir haben hier eine schlechte Akkustik.”
12:48 Uhr: Wer weiß denn hier eigentlich was. “Ich weiß es auch nicht.” Aber die Kategorien dynamisch und energetisch sind ja auch schonmal was.

14:18 Uhr: Der Mensch mit “Social Everywhere” redet zu leise, wir gehen essen und setzen das In-Der-Sonne-Sitzen an der Oranienburger fort. Letztes Jahr noch gab es Regen und Wolken, jetzt ist Sonne und wenig Menschen sind im Haus, der erste Tag ist relativ zäh. Vielleicht bin ich aber auch einfach unkommunikativ. Blöde Blogger. Wir warten auf die Hypemachine.
15:38 Uhr: Wir waren essen. Draußen sind eh mehr Menschen als drinnen. Drinnen gibt es nur gerunzelte Stirnen, weil das Internet zickt. Wir warten immer noch auf die Hypemachine. Es fehlt zudem Softeis. Neben uns besprechen noch Menschen ihre Vorträge: “Ist aber ziemlich schwer ohne Internet.” Arme Menschen ohne Internet, ganz verloren.
16:10 Uhr: Jetzt ist er da. Anthony Volodkin. Und es ist absolut nicht so voll, wie ich dachte.
16:11 Uhr: Ich finde, es sollte mehr Applaus für den Moderator geben.
16:28 Uhr: Zeit vergeht wie im Flug. Ich glaub, hier hat jemand was in die Luft getan. Gero erzäht was vom “Arschloch des Internets”. Es geht um 4chan. Alle sind ganz ruhig und lieb. Moot von 4chan sieht ganz ganz brav aus. Wirklich: ganz brav.
16:46 Uhr: Herr Bokelberg erinnert mich via Twitterwand an Schnaps und Eis. Und ich verpasse es, weil ich mit dem Blick aufm Bilschirm hänge. Tja. Wie im echten Leben. (Das war der Witz des Tages. Mein Leben ist ein Witzebuch.)

16:53 Uhr: Jetzt ist der Tag schon wieder ganz schön rum. Irre.
18:05 Uhr: Twitter ist over capacity.
18:12 Uhr: Die Menschen auf der Bühne erklären, wie Twitter funktioniert. Wissen wahrscheinlich alle im Raum und twittern nebenbei sowieso.
18:16 Uhr: Das erste Cornetto Bottermelk Fresh des Jahres entfaltet seine Wirkung.
18:19 Uhr: Wieso untersucht eigentlich niemand mal ethnologisch unsere (beinahe) kranke Form der Selbstreferenzialität?

Und am Ende habe ich mich gefragt, auf der Party dann, als alle ihre hübschesten Wordpress-T-Shirts und -Dancemoves ausgepackt haben, warum nicht einfach Anthony von der Hypemachine aufgelegt hat. Credibility ist ja auch nicht mehr das, was es mal war.