Von gestern und von morgen und von uns dazwischen

Primo Levi, “Ist das ein Mensch?”, 1988 Carl Hanser Verlag München Wien:
“Gewiß, Übung, das heißt in unserem Fall: die häufige Vergegenwärtigung, hält die Erinnerung frisch und lebendig, genauso wie man einen Muskel leistungsfähig erhält, wenn man ihn oft trainiert; aber es ist ebenso wahr, dass eine Erinnerung, die allzu oft heraufbeschworen und in Form einer Erzählung dargeboten wird, dahin tendiert, zu einem Stereotyp, das heißt zu einer durch die Erfahrung bewährten Form, zu erstarren, abgelagert, perfektioniert und ausgeschmückt, die sich dann an die Stelle der ursprünglichen Erinnerung setzt und auf ihre Kosten blüht und gedeiht.”
“Wer im Tiefsten verletzt worden ist, neigt dazu, die Erinnerung daran zu verdrängen, um den Schmerz nicht zu erneuern; und derjenige, der diese Wunden zugefügt hat, drängt seine Erinnerung in die Tiefe ab, um sich von ihr zu befreien, um sein Schuldgefühl zu erleichtern.”

“Unter diesen Umständen findet man durchaus Menschen, die bewusst lügen und auf diese Weise die Wirklichkeit kaltblütig verfälschen, aber es gibt weitaus mehr Menschen, die die Anker lichten, sich für den Augenblick oder auch für immer von den ursprünglichen Erinnerungen lösen und sich eine bequemere Wahrheit zurechtzimmern. Ihre Vergangenheit belastet sie; sie empfinden Abscheu vor den Handlungen, die sie begangen oder erlitten haben, und neigen deshalb dazu, etwas anderes an ihre Stelle zu setzen.”
“Beschreibt man diesen Ablauf oft genug gegenüber anderen und sich selbst, verliert die Unterscheidung zwischen Wahrheit und Lüge allmählich ihre Konturen, und der Mensch glaubt schließlich mit voller Überzeugung an seine Geschichte, die er so oft erzählt hat und immer noch erzählt [...] Der lautlose Übergang von der Lüge zum Selbstbetrug ist nützlich.”

