Re:publica Tag 2 #rp09
15:18 Uhr Vor dem Friedrichstadtpalast sitzt fast niemand mehr, dafür ist die Kalkscheune wie auch letztes Jahr gut gefüllt. Ein permanenter Film läuft, ein ununterbrochenes Flirren knallt einem um die Ohren, denn die Beiträge vom großen Saal oben werden mit Ton übertragen, Menschen unterhalten sich, starren auf ihre Bildschirme und beschweren sich über den schlechten Internetzugang. Im Hof wird geraucht und gegessen, die Sonne lacht. Ich fühle mich gaga, die Luft ist innerhalb des Gebäudes überall eher grenzwertig. Mehr Frauen als gestern sind da, das ist ein gutes Zeichen. Im gleichen Moment ärgere ich mich darüber, dass es lediglich zwei Beiträge gibt, die sich schon im Titel Feminismus, Frauen und weiblichem Blogging beschäftigen. Auch hier befindet sich nur eine Frau im Urheberteam dieser Veranstaltung. Schade. Ich bin keine militante Feministin oder irgendjemand, der davon wirklich Ahnung hat. Dennoch reichen schon manche Blicke, die man sich als Frau auf so einer Veranstaltung einfängt, um eine gewisse Skepsis zu entwickeln und einen Wunsch nach normal gewordener Gleichberechtigung.
15:47 Uhr Gleich mal gucken, was der Feminismus so kann. Vorher ein bisschen Digital Natives. Was sind die, die so dazwischen geboren wurden? Das erste gesichtete Baby schreit. Die Sache mit den Digital Natives ist leider ein Nischending, in meiner Ecke funktioniert der Ton jedenfalls nicht.
15:54 Uhr Ich frage mich, für wen diese Veranstaltung eigentlich gemacht ist? Zum einen tummelt sich die Blogger-Twitter-Internetgemüse-Riege in einem Kreis und schmiert sich entspannt Smalltalk auf die Tastatur, zum anderen werden in Panels und Diskussionsrunden Dinge erklärt, von denen ich dachte, die seien Grundvoraussetzungen, um an dieser Veranstaltung teilzunehmen. Wenn es eine halbe Stunde für Microblogging und Großstadtnomaden gibt und dann erst einmal zehn Minuten Twitter sowie Handykameras erklärt werden, frage ich mich doch, wen erwartet man eigentlich als Publikum? Erzählt man das, weil man es kann oder erzählt man das, weil man damit wirklich etwas sagen möchte?
16:10 Uhr Gefühlt sind alle auf der re:publica anwesenden Frauen nun in einem Raum versammelt. Plus ein paar Männer. Schade eigentlich, dass die, die es ebenso angeht, sich so wenig dafür interessieren. Die Mädchenmannschaftsmädels übernehmen nun das Feld. Die Frage „Wieso schreiben so wenig Frauen politische Blogs?“ steht jetzt im Raum. Ich würde auch gern fragen: “Wieso schreiben so wenig Männer über ihre Gefühle?” Ich meine es ernst. Ich bin ja nicht zum Spaß hier.
18:18 Uhr Der Punkt liegt dazwischen. Die Panels können meistens nicht das leisten, was sie sich vornehmen. Dort brabbelt es, dort kommt es mir vor wie ein Blog-Blog, eine Konferenz-Konferenz, immer etwas, das mit How To zu tun hat und selten mit dem When and where. Und wie Tessa es schon sagte im Feminismus-Slot, glaube ich ebenfalls, dass es darum geht, eine bestimmte Perspektive einzunehmen und aus dieser zu handeln, zu bloggen, zu sprechen, zu leben. Und nicht die ganze Zeit über die Perspektive an sich zu reden. Das ist heruntergebrochen mit dem Feminismus ein bisschen so wie mit dem Bloggen. Ich rede nicht die ganze Zeit darüber, warum oder wieso und wie und wann – ich mache es einfach, es fügt sich in mein Leben ein und an den Punkten, wo Dissonanzen entstehen, rede ich darüber und begründe meine Meinung, versuche vielleicht Menschen zu überzeugen und aus meiner Perspektive heraus zu argumentieren und nicht mit ihr.
