Die Sache ist ja die, dass es so viele Sachen sind.

Monat: April, 2009

Von gestern und von morgen und von uns dazwischen

Primo Levi, “Ist das ein Mensch?”, 1988 Carl Hanser Verlag München Wien:

“Gewiß, Übung, das heißt in unserem Fall: die häufige Vergegenwärtigung, hält die Erinnerung frisch und lebendig, genauso wie man einen Muskel leistungsfähig erhält, wenn man ihn oft trainiert; aber es ist ebenso wahr, dass eine Erinnerung, die allzu oft heraufbeschworen und in Form einer Erzählung dargeboten wird, dahin tendiert, zu einem Stereotyp, das heißt zu einer durch die Erfahrung bewährten Form, zu erstarren, abgelagert, perfektioniert und ausgeschmückt, die sich dann an die Stelle der ursprünglichen Erinnerung setzt und auf ihre Kosten blüht und gedeiht.”

“Wer im Tiefsten verletzt worden ist, neigt dazu, die Erinnerung daran zu verdrängen, um den Schmerz nicht zu erneuern; und derjenige, der diese Wunden zugefügt hat, drängt seine Erinnerung in die Tiefe ab, um sich von ihr zu befreien, um sein Schuldgefühl zu erleichtern.”

“Unter diesen Umständen findet man durchaus Menschen, die bewusst lügen und auf diese Weise die Wirklichkeit kaltblütig verfälschen, aber es gibt weitaus mehr Menschen, die die Anker lichten, sich für den Augenblick oder auch für immer von den ursprünglichen Erinnerungen lösen und sich eine bequemere Wahrheit zurechtzimmern. Ihre Vergangenheit belastet sie; sie empfinden Abscheu vor den Handlungen, die sie begangen oder erlitten haben, und neigen deshalb dazu, etwas anderes an ihre Stelle zu setzen.”

“Beschreibt man diesen Ablauf oft genug gegenüber anderen und sich selbst, verliert die Unterscheidung zwischen Wahrheit und Lüge allmählich ihre Konturen, und der Mensch glaubt schließlich mit voller Überzeugung an seine Geschichte, die er so oft erzählt hat und immer noch erzählt [...] Der lautlose Übergang von der Lüge zum Selbstbetrug ist nützlich.”

Goodbye Trouble

Ein Freund steckte sie mir damals in die Jackentasche, die Razzmatazz von Pale, und ich war noch völlig ahnungslos, was Gitarrenmusik und lautere Stimmchen und dann auch noch Elektrogefrickel angeht, hab mir die Platte angehört und war hin und weg. Ganz ohne Witz und einfach so. Hin und weg. Jedenfalls haben mich die Jungs samt Musik mittlerweile beinahe zehn Jahre begleitet und nun gehen sie auf Abschiedstour. Wenn das mal kein Grund ist, den herrlichen Menschen samt herrlichen Tönen Tribut zu zollen. Und deswegen mit größtem Goodbye Trouble und Goodbye Herzschmerz gibt es hier eine Coverversion von einem der Hits zu hören, aufgenommen von Lars und mir. Und auf dem Immergut wird dann nochmal alles alles alles gegeben, was an Tanzelan und Freudentränen so in uns steckt. See you there.

So wird er nicht heißen.

Ich mache Pause, setze mich mit diesem neuen Familienmagazin nach draußen auf die Bank vor’s Büroladenfenster, das Magazin lag hier herum, denn die Jungs machen ja was mit ökologischer Kindermode, ich formuliere ihnen das aus und ein Bürobaby gibt es auch, da muss man sich ja mal informieren. Als kinderlose Single-Frau sorge ich vor und gucke mal rein. Nach ungefähr zwei Minuten im Abenddämmerungsschatten unserer Straßenseite kommt eine Horde Neuköllner Breitschulterjungs mit breitbeinigem Gang die Straße herunter. Einer löst sich aus der Gruppe, der mit dem rosa Polohemd. Sein hochgestellter Kragen stößt ihm manchmal gegen den Kiefer, wenn der den Kopf dreht. Er setzt sich neben mich und grinst mich breit an. Ich grinse zurück, er bleibt sitzen und guckt ins Fenster, wo die Jungs sitzen und arbeiten. Ich frage: “Willst du nicht weitergehen? Die hängen dich sonst ab…” - “Wieso so unhöflich?“, entgegnet er und kratzt sich an seinem frisch in Form (schmale Linien an der Gesichtskante entlang) getrimmten Bart, “Ich wollte doch nur fragen, was sie da lesen“. “Es geht um Adoption“, antworte ich und zeige ihm die Seite mit der Titelzeile. Er wirft einen kurzen Blick darauf, schaut mich aber sofort wieder an und behält die Hand am Kinn: “Ach, wollen sie ein Kind adoptieren?“. Ich denke nicht nach und sage einfach: “Vielleicht.” - “Aber ein eigenes ist doch viel besser“, meint er und guckt mir immer noch direkt in die Augen. “Kommt auf’s Konzept an“, erwidere ich und gucke zurück. Er lenkt ein, schlägt sich auf die Knie, senkt den Kopf und sagt: “Ich rate ihnen, machen sie drei eigene und adoptieren sie eins“, dann steht er auf. Als er schon ein paar Schritte weiter ist, dreht er sich noch einmal halb um und schaut zurück: “Oder machen sie zwei und adoptieren sie zwei, das ist okay.” Ich muss lachen ob dieses Ratschlags. Zwei Schritte weiter dreht er sich noch einmal um und ruft lächelnd: “Aber nenen Sie einen auf jeden Fall Lucky. Das passt!” Dann winkt er und rennt den anderen hinterher.

If it’s worth it, fine.

Wenn jemand auf die Idee kommen sollte, die Welt zu schlucken, deine, meine oder irgendeine, glaube ich, dass es diesen Lärm aus den Filmen nicht geben wird. Es wird keinen Sturm geben und kein Gewitter, es wird nicht regnen und eigentlich wird kein Lüftchen wehen. Ich glaube, dass, sollte jemand auf die Idee kommen, einen großen Haps deiner, meiner oder irgeneiner Welt zu nehmen, es eher wie ein Photo sein wird, ein Stillleben, alle werden gucken, schweigen und sich noch einmal die Hände an den Hosen abwischen. Die Schafe werden in ihrem Kauvorgang einen Moment innehalten und die Blumen werden, sollte es langsam zu dämmern beginnen, die Kelche nicht mehr schließen, weil sie wissen, was kommt. Sollte jemand auf die Idee kommen deine, meine oder irgendeine Welt einzuatmen, so sehr, dass kein Stück übrig bleibt, dann wird niemand schreien oder sich die Haare raufen oder sonst irgendein Drama veranstalten, weil es nichts ändern würde. Vielleicht wird man sich kurz anschauen, vielleicht wird man dabei Tränen in den Augen haben, aber dann wird irgendjemand sagen “Gut, dann ist es jetzt so” und dann wird Dietmar Dath recht gehabt haben mit

Es wird nichts stattgefunden haben außer vielleicht eine Konstellation“. So einfach wird es sein, ich bin mir ganz sicher.

Ein Gefühl. Ein loses.

Manchmal ist es so mit anderen Menschen, als würde sich der Schnürsenkel jeden Moment lösen. Als ginge man auf einem Bürgersteig zwischen vielen anderen, die eine Richtung haben, ein Ziel und sich schnurstracks und schnell fortbewegen. Man kennt das, man macht da so mit und hat ja auch eine Richtung und ein Ziel, und wenn dem nichts so ist, steckt man diese eben spontan ab und verhindert so größere Kollisionen. Dieses Gefühl mit dem anderen Menschen manchmal fühlt sich an wie ein Schuh, den man trägt und im gewohnten Gang irgendwann merkt, dass er lockerer sitzt als der zweite, dass sich die Schleife bald öffnen wird und man, um nicht zu stolpern, anhalten und den Knoten erneuern wird müssen.

Dieses Gefühl mit dem anderen Menschen findet aber in einem Umstand statt, in einer Bewegung und einem Prozess, in dem nicht einmal hier oder da ein Poller steht, an dem man eben anhalten, den Fuß abstellen und die Schleife neu binden könnte. Das Gefühl ist, als schaue man beim Gehen die ganze Zeit auf den Schuh, um rechtzeitig zur Stelle zu sein, aber mit der gleichen Ungewissheit im Nacken, nicht zu wissen, ob es eine Gelegenheit gibt, das Tempo zu drosseln, ohne dass einem gleich eine Menschenmasse mit dem Gewicht eines 40-Tonners in den Rücken rast und es dann sowieso egal ist, ob man darunter mit einem offenen oder gebundenen Schnürsenkel begraben wird.

Man schaut die ganze Zeit, die Unruhe ist immer da, jeder Schritt könnte der sein, der dazu führt, dass man zum Stillstand kommen muss, um sich selbst davor zu bewahren, auf die Fresse zu fliegen, weil jemand anders auf das Schuhband getreten ist. Aber es gibt keine Abfahrt, keinen Parkplatz, kein Fensterbrett, keinen Hauseingang, alles keucht und fleucht und hetzt und man selbst bekommt von den Schaufenstern, dem Verkehr nicht mehr wirklich viel mit. Da könnten Bäume sein oder Seen und man würde sie nicht bemerken, weil man die ganze Zeit damit beschäftigt ist, den Schuh anzustarren, während man weiterläuft mit diesem einen lockeren und dem anderen, ordentlich gebundenen Schuh. Vielleicht kann man sich an den Bodenbelag erinnnern, die kleinen Schnipsel, die dann manchmal im Blickfeld auftauchen, aber mehr als ein kurzer, hektischer Blick nach oben ist an Weitsicht nicht möglich.

Am Ende steht man dann da, wo man hin wollte, völlig fertig mit den Nerven und relativ unentspannt. Dann schiebt man sich die schweißnassen Haare aus der Stirn, atmet mal ordentlich durch und hört das Herz in der Brust pochen, während man feststellt: Der Schnürsenkel ist immer noch nicht aufgegangen.

(M)ein Herz für Blogs

Herr Stylespion hat zur allgemeinen Empfehlung aufgerufen. Mach ich doch gern und deswegen hier zehn Highlights meiner Blog-Lektüre:

Montt Blog: Claudius Prösser ist vor einiger Zeit mit seiner Familie nach Chile gezogen und beschreibt seinen Alltag. Mit tollen Bildern und dem nötigen Ernst.

Frau Liebe: Jessica näht und arbeitet in einem Kindergarten und hat ein unglaubliches Talent, Details zu entdecken. Die, auf die es manchmal eben ankommt.

ruhepuls: Maike wirft Schnipsel in den Raum, die einem manchmal zum lauten Lachen, manchmal aber auch beinahe zum Weinen bringen.

Six Percent Recall: Lars und Nadja und ihre Anekdoten. Köstlich.

Gut wie Gold: Leipziger Musikgeschwader. Gerade sind zwei davon in Amerika unterwegs und berichten von ihrer Tour durch die Musikszene der Staaten.

Happy Schnitzel: Sue hat mein Münchenbild drastisch verändert. Und Sneakergirls halten zusammen.

Flannel Apparel: Schöne Schläue. Oder einfach auch nur: Yes, Lady.

Ich seh das so: Caro und ihre Kamera betrachten die Welt. Ganz unaufgeregt und momentan noch aus New York.

ktinka: Mein Lieblingsschwedenaddcitedgirl. Mit gutem Gespür für Bild und Musik.

Stephane Leonard erzählt momentan von seiner Reise durch Osteuropa. Und immer von Kunst.

Ja, kann sein.

“Vielleicht kann ich’s ja gar nicht. Oder es geht so nicht, wie ich es fabriziere. Dieses große Tamtam von der Liebe. Vielleicht ist das, für das ich es die ganze Zeit halte, etwas ganz anderes und das Scheitern jedes Mal umsonst. Vielleicht ist es Selbstschutz oder Unsicherheit oder die Angst vor dem Alleinsein oder einfach etwas, das man sich einfach mal abgewöhnen sollte. Vielleicht denke ich nur die ganze Zeit, das muss doch Liebe sein. Dabei sieht sie bei mir vielleicht ganz anders aus als auf den Bildern in den Büchern, vielleicht geht meine Liebe anders, vielleicht ist Liebe wie echte Haarfarbe, die natürliche, und ich laufe die ganze Zeit mit gefärbtem Kopf herum. Vielleicht ist es irgendetwas anderes, das jedes Mal den Sturz verursacht und das Ende und die ganze Trompeterei, die man sich wegsaufen oder mit anderen Menschen ablenken muss, vielleicht ist das alles nur ein großer Zufall, aber Liebe eben nicht, vielleicht ist es wirklich nur eine Farbe oder Wasserstoff, eine Attitüte, ein Umstand oder einfach ein Wunsch, weil man ohne Wünsche ja seltsam herumeiert, vielleicht kann das alles gar nicht das nächste große Ding sein, weil es gar kein Ding ist. Vielleicht muss man zu allererst einmal aufhören damit, weil man vor lauter Beschäftigung gar nicht dazu kommt, sich den Rest anzugucken. Vielleicht muss die Farbe rauswachsen, damit man sehen kann, wie’s wirklich aussieht. Darunter.”

Unterwegsschlaf

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Ich kann es nicht genau benennen. Aber es passiert immer wieder. Der Zug nimmt langsam an Fahrt zu, das Auto hat die Stadt verlassen und aus dem Fenster ist seit Langem mal wieder der Ansatz von Weitsicht zu erkennen, da sinkt mein Kopf zur Seite. Das Tuckern der Räder auf den Schienen, das Surren von Reifen auf knatterigem Aspahlt gepaar mit einer leisen Radiostimme oder selbst ausgewählten Melodien, die durch den Kopfhörer unmittelbar ins Ohr gehen und sich mit den Umgebungsgeräuschen vermischen. Das leichte Schaukeln, das nichts mit dem eines Schiffes oder eines Kamelrückens gemein hat. Und das umissverständliche Gefühl des Vorankommens, ohne einen Finger rühren zu müssen. All das rührt meinen Körper so sehr, dass er sich sofort dazu entschließt, diese Pause zu nutzen, um selbst Pause zu machen.

Eine Pause vom ständigen Reden, den permanent aufflackernden Farben, Stadtgeräuschen und der immerwährenden Achtsamkeit, die man als Großstädter besitzen muss, um nicht von einem Gulli gefressen zu werden oder in eine Prügelei zwischen Laternenmasten oder Ampelphasen zu geraten. Mein Körper tauscht das flackernde Gewirr, das Gesetz des eigenen Schutzwalls (den man sich zulegen muss, um nicht an jeder Straßenecke einen Herzinarkt, einen Mitleidskoller oder Ekelgänsehaut zu erleiden), das Muss der Scheuklappen gegen ein leises Säuseln aus Motorengeräusch und zurückgelegten Kilometern. Zuerst wundere ich mich noch über die Baumarten, über überholende Autos, Mitreisende vielleicht, aber schon bald wundere ich mich über gar nichts mehr sondern falle in wohlige Schockstarre, die manchmal schöner ist als zehn Stunden Schlaf im eigenen Bett weil so erhellend. Würden mich in der eigenen Wohnung mit dem eigenen Bettzeug mit dem eigenen Wecker Geräusche aus den Nachbarwohnungen zum Wahnsinn treiben, beschleunigen diese in Zug oder Auto meine Einschlafgeschwindigkeit.

Es gibt in dem Moment kaum etwas schöneres als jemanden, der unablässig seine Zeitung faltet oder eine quäkige Frau, die telefoniert, weil sie so irrelevant ist, so irrelevant sein muss, dass sie sofort eins wird mit dem Untergrundrieseln. Ihre Stimme vermischt sich mit dem leisen Rauschen der sich ankündigenden Schlafphasen und wird damit freundlich und nett, so reichlich egal, dass es schon wieder schön ist. Und plärrt das Kind in die Lieder aus dem portablen Musikabspielgerät, so weiß ich doch sofort, ich hab noch zwei Stunden, in denen ich schlafen darf, es gibt keinen Wecker aber eine Station, es gibt keinen Morgen, nur ein Danach. Und bis dahin lausche ich ganz unaufgeregt, aber auf eigene Art aufmerksam meinem inneren Fluss, in den mit Vollkaracho Wach und Schlaf gesprungen sind und weggespült werden. Wahrnehmung, ich liebe dich so sehr, wenn du dich nicht genau definieren lässt sondern ein bisschen spinnst, du bist mir die Liebste, wenn du mir zeigst, wo es langgeht, indem du dich verabschiedest. Das große, ameisenhaufenartige Wimmeln wird ganz ruhig, wenn man ein paar Schritte zurückgeht.

Denn eins ist sicher: Ich komme an und du kommst mit, mehr können wir gerade nicht tun. Mehr brauchen wir auch nicht tun außer vielleichht aus dem Fenster zu gucken und darauf zu warten, wie die Weite vor dem Fenster sich sofort nach innen kehrt und mich nach allen Regeln der Kunst zusammenfaltet. Fünf Minuten vor Ankunft, manchmal auch zehn, falte ich mich wieder auseinander, streiche mich glatt und steige aus. Dann plärrt nicht mehr nur ein Kind, dann plärrt wieder die ganze Welt.

Heute abend im Friedrichshain

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