Die Sache ist ja die, dass es so viele Sachen sind.

Monat: März, 2009

Das Gegenteil von Déjà-vu

Es gibt manchmal diesen Moment, da schaffst du es, jede Erinnerung an die Straße, jedes alltägliche Bild, jede emotionale Verbindung oder Farbe, jedes eingespeicherte Licht zu vergessen und die Autos und Häuser und Menschen und Pflastersteine so zu sehen wie ein Fremder. Dann spiegelt sich die Sonne plötzlich anders in den Scheiben, es riecht so, dass du es wieder bemerkst, die Häuser scheinen sich alle um zwei Zentimeter verschoben zu haben, als wärst du geschrumpft oder gewachsen, als klebten deine Augen auf einmal auf deinem Rücken. Weil alles plötzlich so aussieht, als wäre es das erste Mal.

Ich glaube, wenn du es schaffst, Orte so zu sehen - sei es auch nur für Sekunden -, als wärst du fremd dort, könnte dir das mit einem Menschen auch gelingen. Nach Jahren manchmal noch für einen kurzen Moment zu denken: Huch. Und: Wow.

Not being quiet enough for you to fall asleep.

Ich denke manchmal morgens, ich könnte mich an alles erinnern. An jedes Geräusch, jedes Wort, jedes Stückchen Wetter, jeden Moment und das Gefühl, als plötzlich alles anders war und manche geschrien haben und andere kein einziges Wort sagten, ja, sich nicht einmal bewegten und neben dem Baum standen, noch baumartiger als der Baum. Und manchmal, wenn ich aufwache, fühlt es sich für ein paar Sekunden an wie damals an diesem Nachmittags, als ein Teller klirrte und ein Blick genügte, um zu wissen, dass nichts mehr so wird, wie es einmal war. Als das Auto kam und die Männer in den roten Jacken dich aufhoben und mitnahmen, als du nicht wiederkamst, als sie nicht sagten “Alles wird wieder gut” und wir mit der S-Bahn nach Hause fuhren, weil ihre Hände so sehr zitterten, dass sie nicht Auto fahren konnte. Und wenn ich nicht schlafen kann, glaube ich manchmal zu wissen, warum das immer funktioniert hat, wenn die Tür einen Spalt offenstand und ich wusste, du nähst im Nebenzimmer.

Natürlich ist mir klar, dass ich mich nicht mehr erinnern kann. Denn wenn ein Teller auf Rasen fällt, dann klirrt es nicht. Und wir wuchsen auch nicht im Boden fest. Und fuhren mit der S-Bahn, weil niemand sich getraut hat, deinen Platz einzunehmen. All die Jahre nicht. Vielleicht kann ich den Tag nicht auswenig erzählen, an dem du gegangen bist, vielleicht waren diese Stunden ganz anders. Aber wenn ich auf den Kalender sehe, weiß ich, dass ich ihn nicht brauche, um all das davor noch zu wissen. Und dich.

Weil es anfängt zu regnen dann.

Scheitern ist oft gar nicht mehr so furchtbar, wenn es dann wirklich passiert. Wenn der Punkt erreicht, die Linie überschritten, das Fass endlich zum Überlaufen gebracht wird. Wenn es knackt und du weißt, das ist der Moment, auf den du all diese quälenden Stunden gewartet hast. In der Sekunde, in der das Kartenhaus über deinem Kopf zusammen schlägt und die Balken über dir brechen, kann man eigentlich nur erlöst seufzen und die Augen öffnen. Ohne Geräusch und manchmal auch in Zeitlupenoptik dabei zusehen, wie alles in und durch die Luft fliegt.

Dann ist die Zeit der Verkrampfung vorbei, das elende Warten auf die ersten Anzeichen einer Talfahrt, der verzweifelte Versuch, das aufzuhalten, was längst nicht mehr aufzuhalten ist, die knirschenden Zähne nachts, das bange Gefühl beim Verlassen des Hauses, der unsichere Blick in den Himmel mit der Ungewissheit, ob es an diesem Tag passiert. Dann ist der Schrecken vorbei, der einen durchfährt, wenn das Telefon klingelt, das Gefühl im Bauch beim Öffnen der Mailbox, das stumme Ausweichen des Blickes vor einem Spiegel.

Manchmal muss man sich richtig verlieren, die Teile nebeneinander ausbreiten und von oben anschauen, alles auseinander schrauben, weil man nur so die Chance hat, den Fehler zu finden. Die Arme dorthin, das Gewissen darüber, den Mut und die Angst nebeneinander in die Ecke, die sollen sich mal kennenlernen, vielleicht das Bauchgefühl mal an die Decke hängen dort, wo früher die Lampe war, und das Schlüsselbein, wohin mit dem Schlüsselbein, neben die Lilien vielleicht, wo auch schon die Hände liegen. Damit das Rauschen vorüber geht und das ständige Aufwachen in der Nacht. Damit einem die Worte wieder einfallen und nicht nur als Silben an den falschen Stellen herumstehen und stören. Es knackt, wenn man die Verbindungen löst, manch einer schreit auf, der andere krampft die Zehen in die Auslegware, um sein Gesicht nicht zu verlieren, dabei sollte auch dies auseinander geschraubt und mal ordentlich durchgepustet werden, damit es wieder passt.

Und weil es auch wie das Gefühl ist, wenn man nach einem anstrengenden Film im Kino die Bauchmuskeln wieder locker lässt, sich aus dem Sitz und aus seiner Passform erhebt, den süßsalzigen Geschmack wie gegoren noch im Hals hat und dann raus an die frische Luft tritt. Die Welt ist nicht stehengeblieben, aber plötzlich fühlt sich jeder Schritt wieder an, als habe er eine Bedeutung. Am nächsten Morgen ist dann alles wie immer. Endgültig scheitern ist wie die Erleichterung am Morgen, vom schlechten Film am Abend nicht geträumt zu haben. Eine Überwindung, das G am Ende des Wortes, weil man sie schon hinter sich hat, die Sache in dem Moment, wo man sagt, man sei gescheitert, der Vergangenheit angehört.