“CREATE BERLIN. Neujahrsempfang der Kreativen”












Wenn man in diesen klirrenden Tagen ganz genau hinsieht, kann man bei den Menschen unter den Nasen die Frequenz des Herzschlags erkennen, den Puls und wie sie manchmal die Luft anhalten, wenn jemand ganz nah an ihnen vorbeigeht.
Wenn man sich diese klirrenden Tage mal ganz genau ansieht, könnte man das Minus eigentlich ignorieren, denn kalt ist kalt, irgendwann verliert der Mensch das Gespür für die Unterschiede. Und mehr noch, denn Erfrierungen haben ähnliche Eigenschaften wie Verbrennungen, eigentlich gehört die Sache mit dem Minus gar nicht so genau betrachtet, denn die Schädigung des Gewebes ist wieder nur Sonnenbrand. Wir können die Geschichte mit der Temperaturmesserei also erst einmal bis auf weiteres lassen, kalt ist kalt, da tut sich nichts. Da kannst du reden, wie du willst, du wirst vom ebenfalls atemwolkigen Flüsterer wohl kaum zu unterscheiden sein. Der Schnee schluckt jeden Laut, nur das Knirschen nicht und auch nicht das Kratzen der Autofahrer am Morgen vor dem Weg in die Arbeit. Da kannst du suchen, soviel du willst, die alten Menschen auf den Straßen werden nicht mehr in dieser Zeit. Denn die die sich trauen, die machen´s auch nur einmal, aber immer noch mit Stolz, die würden nicht fragen sondern balancieren in ihren Feinstrumpfhosen mit erhobenem Kopf an dir vorüber, während du noch oben an der Treppenkante stehst und versuchst, dich nicht an den Sturz in einem dieser vergangenen Winter zu erinnern. Und alle nehmen sich zusammen, niemand möchte sich die Blöße geben, aber alle watscheln unsicher, ziehen sich den Schal bis an die Nase und verdrängen den Ekel, der mit der nasskalten, vollgeatmeten Baumwolle mit jedem Schritt an ihrem Kinn klebt. Der entsättigte Zerfall jeglicher Mimik, sieh genau hin.
Und beinahe ist es, als übe man seit langer Zeit mal wieder Autofahren, weil mit jedem Schritt anhand des Oberflächenglanzes abgeschätzt werden muss, ob er sicher gesetzt wird, ob man das Gleichgewicht verlagern oder einfach nur fest auftreten sollte, um nicht abzurutschen. Die Kurven werden vorher berechnet, die Geschwindigkeit auf den glasig getretenen Bürgersteigen genau vorgezeichnet, Überholungen einkalkuliert und die Spur gehalten.
Als habe jemand ein Antischleiermittel auf die Straßen gekippt und die Dinge geklärt. Ich hier, du dort, alle auseinander und mit einem Kälteschild dazwischen. Und dass man dann langsamer läuft, um nicht zu fallen. Keine Hand nach links oder rechts, kein Wort. Obwohl man ganz nah aneinander vorbeigeht. Alle hoffen auf Besserung, keiner findet sich ab damit, dass es so eigentlich wirklich ist, dass Kälte nur die Abwesenheit von Wärme ist und der eigentliche Urzustand.

Die Schritte hallen laut. Man darf nicht photographieren, aber mit dem Kaffee aus Plastikbechern darf man bis an das Schild gehen, das einen daran erinnert, bloß keinen Schritt weiter zu machen. Mit gewärmten Händen kann man sitzen und Frida Kahlo betrachten, Anna Seghers, Duchamp oder Sartre, Simone de Beauvoir oder Walter Benjamin. Man kann sich hinsetzen und versuchen, sich vorzustellen, was für ein Mensch sie wohl gewesen ist, indem man mit ihren Augen sieht. Nicht hinein sondern hindurch. Leider ist das Licht schlecht, immer wieder spiegelt sich die Deckenbeleuchtung in den Photographien, aber man darf sich nähern, die Hallen sind leer. Man erschrickt vor dem Kaffeeautomaten und hört sogar das Seufzen des Ledersofas, sobald sich jemand hineinfallen lässt. Vor dem einen jedoch könnte ich ewig verweilen, schauen und die Schultern hängen lassen, weil sie auf dem Bild so schön den Arm um ihn liegt, weil das Licht so gut und ihr Gürtel ein bisschen verrutscht ist, weil sie die Köpfe gesenkt haben, aber man ihre Gesichter nicht braucht, um zu sehen, wie nah sie sich sind. Weil das Paket neben ihnen so unangetastet und ohne Falten daliegt, als sei es aus Marzipan. Weil es das dritte Bild der ganzen Ausstellung ist und mir schon genügt, ich bräuchte eigentlich gar nicht weitergehen.
“Gisèle Freund. Photographien und Erinnerungen.” - Im Kunstfoyer der Versicherungskammer Bayern, Maximilianstraße 53 in München. Noch bis 18. Januar jeden Tag außer feiertags von 9-19 Uhr zu sehen.