Die Sache ist ja die, dass es so viele Sachen sind.

Monat: Dezember, 2008

Manchen Tagen ist einfach nicht zu helfen.

Egal ob, Bonbons lutschen, bis der Rachen wund und die Zahnoberflächen faserig sind, sich auf den Kopf stellen, sich zusammenreißen, sich mal locker machen, die Arschbacken zusammen kneifen, die Schultern hängen lassen, sich ins Gebet nehmen, mit den Wimpern klimpern, mal runterkommen, mit dem Kopf gegen die Wand laufen, mal fünfe gerade sein lassen, zum Lachen in den Keller gehen, die Nacht zum Tag machen, tief durchatmen, eine Runde um den Block gehen, die Sache mal anders angehen, nochmal von vorne anfangen, sich in den Hintern beißen, einen Gang zurückschalten, nicht auf den Mund fallen, einen Narren gefressen haben, ein langes Gesicht machen, sich was vor Augen halten, jemanden auf den Mond schießen, Honig um ein Maul schmieren, sich einen abbrechen, im Hühnerstall Motorrad fahren, die Ärmel hochkrempeln, eine andere Platte auflegen, einen Clown frühstücken, eine Mütze voll Schlaf nehmen, seinen Senf dazugeben, es von den Dächern pfeifen, sich die Nase pudern, aus dem Häuschen sein oder sich zum Horst machen. Manchmal hilft einfach nichts. Gar nichts.

I don´t go for traffic jams in clubs

Zwei, die es wissen könnten.

“Ich kann nicht fühlen, was du denkst. Wie kann ich wissen, was du tust, wenn ich mit geschlossenen Augen nach dem rätsel, was du suchst? Wie kann ich wissen, was du meinst? Wie kann ich ahnen, was du willst, wenn du mir nicht erzählst, was deinen Hunger stillt? Wie kann ich dir schenken, was du willst, wenn du es selber nicht weißt? Bist du verwirrt oder verlegen oder nur schüchtern, wie es heißt? Wie es heißt, ist mir egal, ich mach mich selber auf den Weg nach der Wahl der besten Qual, die ich dann irgendwo versteck. Und du kannst suchen, wo du denkst, nur finden wirst du nichts, weil du nicht weißt, wonach du suchst und dein Verstand lässt dich im Stich. Und du fragst: Johann, kann es sein, dass du ständig müde bist? Und ist möglich, dass kein Schlaf hilft und du irgendwas vermisst? Und keine Antwort, weil ich denk, dass das keine Frage ist, und weil ich ständig müde und weil ich irgendwas vermiss. Schließ die Tür zu, denn nur hier in diesem Zimmer kann es sein, was wir suchen und nicht finden. Und wir schaffen es allein. Die Tapeten abgekratzt auf der Suche nach ´nem Anfang und auf der kahlen Wand steht nur: Suche mit Verstand. Kann es sein, dass du und ich, dass wir beide eigentlich unseren Kopf vergessen haben, wo wir noch vor Jahren waren? Abgeschraubt und dann verlegt irgendwo auf unserem Weg und ich kann suchen, wo ich will, denn ohne Kopf seh ich nicht viel. Irgendwo in einem Zimmer voll Erfahrungen und Müll, die wir beiden müssen wollen und es war wirklich viel zu viel. Kannst du wissen, was ich meine, wenn ich tagelang nichts sag und nur mit geschlossenen Augen aus diesem Zimmer starr? Sag mal, Johann, kann es sein, dass du ständig müde bist und ist es möglich, dass kein Schlaf hilft und du irgendwas vermisst?”

Definitiv eine der Entdeckungen 2009. “Sag mal, Johann” von Karamel. Außerdem ebenfalls viel gehört: “Spieglein, Spieglein” von Gisbert zu Knyphausen:

“Du hörst gar nicht mehr auf zu reden, Kind. Das hatten wir doch schon tausendmal. Warum fängst du wieder von vorne damit an? Ich kann es wirklich nicht mehr hören. Oh, deine Zukunft ist so ungewiss, ein Leben voller Angst und Schiss, du fängst erst gar nichts an, denn es so gemütlcih und sicher auf deiner Insel voller Leid. Jaja. Und jetz schau dich an und sag mir dann, denkst du wirklich, du wärst so interessant, wenn du dich suhlst in deinem Schmerz? Blablabla. Ist es wirklich so toll, hilflos zu sein? Du bist so groß, du machst dich selbst so seltsam klein. Du bist immer so fixiert auf das, was noch fehlt. Und jetzt schau nicht so gequält, das sieht scheiße aus. Ich mein, das Leben ist nicht einfach, doch ein bisschen was geht immer. Du sagst, du hast alles versucht, doch du versumpfst in deinem Zimmer. Du kannst doch gehen, wohin du willst, doch du bleibst. Du bist sowas von feige und träge, sei doch ehrlich, sei doch einmal ehrlich. Und jetz schau dich an und sag mir dann, denkst du wirklich, du wärst so interessant, wenn du dich suhlst in deinem Schmerz? Blablabla. Ist es wirklich so toll, hilflos zu sein? Du bist so groß, du machst dich selbst so seltsam klein. Du bist immer so fixiert auf das, was noch fehlt. Und jetzt schau nicht so gequält, das sieht scheiße aus.”

“The click click is not part of the song”

Er war krank, der Bart wie schon auf den Pressefotos buschig (und wenn man ihn von der Seite anschaute, war es eher eine Rutsche aus Haaren, eine breite Rutsche aus Haaren), mit Mütze und Schal saß er auf der kleinen Bühne im Schokoladen, dahinter die Rosentapete und der Raum so vollgestopft mit Menschen, dass die Luft nach kurzer Zeit knapp wurde und die Scheiben beschlugen. Überall Hüsteln und schniefende Nasen und William Fitzsimmons ganz vorne mit dabei. Das erste Mal in Europa sei er und als Kind dachte er, er käme nie nach Berlin. Das war das und dazwischen immer mal Witze, die Mädchen vor mir lachten bei jedem Satz, nach drei Minuten reden wurde das sehr anstrengend. Und dann war da natürlich die, die während der Lieder mit der Spiegelreflex Fotos machte, aber nicht so, dass sich der Auslöser dem Beat anpasst, um Gottes Willen, obwohl das durchaus mal konzeptfähig wäre, nein, immer schön in den stillen Momenten, in den Atempausen, in dem Zittern dazwischen abgedrückt, als wäre sie nicht wegen der Musik sondern wegen Bildern hier. Und er bewegte sich nicht einmal viel, streckte manchmal die Finger aus, gab den Kichermädchen die Hand, vielleicht aus Unsicherheit und einem Gefühl der Fremde, er wirkte, als sei die Ironie seine Rettung auf der kleinen Bühne, weil die Leute ihm fast auf dem Schoß hingen und nicht einmal hinzuhören schienen, sondern frenetisch alles beklatschten und belachten. Auch als er von der explodierten Scheiße auf dem Raststättenklo erzählte. Haha hihi huhu.

Und dazwischen stehend fühlte ich mich ganz seltsam mit dem fremden Atem ständig im Gesicht, der Tasche im Rücken und dem Zopf der Vorderfrau im Blick. Gern hätte ich alle hinausgejagt, ihn in die Mitte eines Stadions in den runden Kreis gesetzt mit einem Mikrofon. Und dann hätte ich in der Kurve gewartet, hätte ab und mal meine Position, meinen Sitzplatz gewechselt, aber er hätte nicht schauen und nichts sagen müssen sondern einfach spielen. Ich glaube, er ist am besten, wenn er einen gar nicht bemerkt. Wenn er gar nicht Notiz davon nimmt, dass er einen dort trifft, wo selten einer vorbeikommt.

Man ist ich. Fünf Eindrücke.

Schaut man von der Balustrade aus, ist es nur ein riesiger schwarzer Kreis. Geht man näher heran, wird man irgendjemanden mit schwarzem T-Shirt mit einem großen K und einem großen W auf der Brust in seinem Rücken spüren. Und macht man noch einen Schritt nach vorn, wird sich eine leise Stimme neben einem erheben, die sagt: „Bitte halten Sie Abstand.“ Genau dann, wenn man gerade beginnt, die kleinen schwarzen Fliegenkörper zu erkennen, die wie auf einem Schlachtfeld in Form eines Kreises aufgeklebt wurden. Atem ist Gift. Denn die Tiere befinden sich im Verwesungsprozess, der durch aufgeregtes Herumgeschniefe und ruhiges Ausatmen unnötig beschleunigt wird. Also tritt man wieder einen Schritt zurück und fragt sich, wie wohl die Gesichter der Fliegen aussehen, wie sie schauen und sich überlappen. Wie der Mensch doch mittendrin sein muss, um mehr zu empfinden als Mitleid. Denn es ist ja doch wieder nur ein großer schwarzer Kreis, wenn man sich auf dem Rückweg noch einmal umschaut.

Von Weitem denke ich: „Nicht schon wieder ein schwarzes Quadrat, das mir etwas sagen soll.“ Dann denke ich: „Da sind Kratzer drauf, die haben das wohl nicht gut eingepackt beim Transport.“ Danach denke ich: „Ach nee, ist vielleicht nur Staub“. Und als ich direkt davor stehe, erkenne ich ein Gesicht, eine Stirnfalte, eine Brille, einen Haaransatz, die Oberlippe. Es ist Bill Gates. Und ich könnte heulen vor Erkenntnis. Überall sitzt er drin, als schwarzer, schwacher Schatten. Und alle denken: „Ach nee, ist nur Staub. Mach ich später weg.“

Bei den vier großen schwarzen Kästen, die zur Wand hin leuchten, schaue ich von der Seite, weil es so schön auf die Wand strahlt und indirektes Licht, das mag ich nicht nur, weil meine Mutter Wohnzeitschriften liebt. „Och, nett.“ Und im Kleingedruckten bleibt mir dann das Herz stehen, denn diese vier zur Wand gedrehten Lichtkästen sind Erkenntnisobjekte eines Künstlers, der in Ruanda war. Der nach seiner Reise und dem Erleben eines Genozids als Beobachter versuchte, hunderte Dias auf diese Lichtkästen zu legen und zu zeigen, was er sah. Und als das für ihn schief ging, nicht funktionierte, drehte er die Lichtkästen zur Wand.

Wie aus einer Kirche ausgeschnitten, sieht es aus, das Licht, das von oben auf einen Steinklotz fällt. Pathetisch und sakral. „Ein Stein im Licht“, denke ich. Man fällt fast drüber, wenn man nicht aufpasst, aber man passt auf, denn das ist ja Kunst hier, da stolpert man nicht über Stufen und auch nicht über Steine, die im Weg herumliegen. Man muss ein bisschen suchen, um die Erklärung für das zu finden, das aussieht, wie vier aneinander geklebte, graue Pflastersteine. Und dann steht man da und schaut auf ein Begräbnis, denn im Beton ruht der Fötus einer Frühgeburt. Und nun hat der Stein ein Herz und man traut sich nicht näher heran, weiß nicht, ob man es anfassen könnte, wenn man sollte. Bei keinem anderen Objekt spannt es so innerlich, bei keinem anderen ist die Erschütterung so nah.

Im zweiten Raum liegt ein Mädchen auf dem Boden mit Spitzensocken und roten Schuhen. Sie ist kein Bild und keine Skulptur sondern verdreht ihren Körper zwei Stunden lang. Manchmal küsst sie den Asphalt und drückt ihr Gesicht darauf, manchmal windet sie sich, als habe sie Schmerzen. Sie tanzt, steht auf dem Schild. Ich kann das nicht lange anschauen, wie der Staub auf ihrer Wange klebt, und bin froh, dass sie das nicht im großen Raum tut. Die Irritation wäre permanent. Ja, sie strengt mich an. Und ich gehe wieder hinaus. Alle gehen am Ende wieder hinaus.

POLITICAL/MINIMAL ist seit Samstag in den Kunstwerken in der Auguststraße 96 in Berlin zu sehen. Noch bis 15. Januar 2009 werden hier Werke von Adel Abdessemed, Francis Alÿs, Monica Bonvicini, Tom Burr, Annabel Daou, Edith Dekyndt, Felix Gonzalez-Torres, Hans Haacke, Mona Hatoum, Damien Hirst, Alfredo Jaar, Derek Jarman, Terence Koh, Kitty Kraus, Klara Liden, Teresa Margolles, Kris Martin, Corey McCorkle, Helen Mirra, Muchen & Shao Yinong, Sarah Ortmeyer, Seth Price, Gregor Schneider, Tino Sehgal, Santiago Sierra, Taryn Simon, Rosemarie Trockel, xurban_collective und Aaron Young ausgestellt.

Ausziehen, ausziehen.

“Ich packe meine Mobilitätstasche und nehme mit…” Hm. Blöder Anfang. Heute reden wir aber kurz mal über Taschen. Jedenfalls der Herr Stylespion redet über Taschen. Mobilitätstaschen, genauer gesagt. Nähern wir uns diesem Problem, fällt in diesem akuten Fall auf, dass ich keine Mobilitätstasche besitze, denn mit jeder meiner Taschen laufe ich herum. Vor allem und besonders gerne mit meiner Hosentasche. Da ist aber meistens nix drin außer eventuell Kleingeld oder ein Bonbon, wenn´s hochkommt. Die andere Tasche ist eigentlich jeden Tag dabei, ausgesprochen und ungeheuer mobil also. Verreise ich, so wie es der Herr Stylespion von sich schon verraten hat, kommt zum normalen Inhalt noch eine Zahnbürste, ein paar Schlüppis und sonstiger Kram, den Frau braucht, um in der Wildnis zu überleben. Nehmen wir uns den Normalfall vor, haben wir es mit allerhand Gedöns zu tun. Unabkömmlichem Gedöns. Hier nun der Taschenstriptease galore…

Das Taschentelefon. Ich schrieb es bereits. Unabkömmlich, eines der in diesem Taschenhaushalt am höchsten frequentierten Geräte. Telefonieren habe ich mal gelernt. Ich war sechzehn, arbeitete in einem Call-Center und habe manchmal einen Bonus bekommen, wenn ich alten Menschen genügend Informationen über ihr Tankverhalten entlockt hatte.

Das Aufnahmegerät. Ist eine gute Geschichte, wenn man eine spontane Beobachtung festhalten will, die so spontan ist, dass Aufschreiben zu lange dauern würde. Und für Interviews sowieso. Man weiß ja nie, wann einem mal wieder eins über den Weg läuft.

Das Portemonaie. Beinhaltet mehr Zettel- und Kartengedöns als Hart- oder Knautschgeld. Wuchs im Laufe der Jahre zur Größe einer kleinen Handtasche an. Kann man nix machen.

Die Lektüre. Hier nun also in Buchform, mit kleinen Klebezetteln drin bei guten Zitaten. Manchmal befindet sich auf diesem Sitzplatz aber auch eine Zeitung.

Das Musikabspielgerät. Ein sehr treuer Zeitgenosse nun seit zwei Jahren und auch über das klebrige Zeug auf seiner Rückseite beschwert es sich nicht im Geringsten. Alle fragen immer: “Reicht dir das?” Ich sage entschieden: “Jawoll, wir verstehen uns sehr gut.”

Das Notizbuch. Ich bin relativ vergesslich, Namen kann ich mir nicht merken. Und alles, was mir so scheint, als könne ich es noch einmal gebrauchen, wandert dort hinein. Nun gut. Nicht alles. Aber ein bisschen.

Die Kopfhörer. Im Winter auch ohne Musik absolut unersetzbar aufgrund des kalten Stadtwindes. Ansonsten ebenso treue Zeitgenossen wie der kleine Kerl an ihrem Strippenende. Nicht totzukriegen. Setz die Dinger auf und keiner labert dich blöd von der Seite an.

Die Süßigkeiten. Hier also Nusskekse. Ist aber eine durchaus variable Angelegenheit, die sich trotz ihrer geringen Größe immer wieder bezahlt macht. Man frage mein Stimmungsbarometer.

Die Stifte. Die Hälfte davon schreibt nicht, ich vergesse aber immer, auszusortieren. Vielleicht sollte ich das, wenn ich einen finde, der funktioniert, mal ins Notizbuch schreiben.

Zwei Münzen aus Taiwan. Die schwirren seit meiner Reise im Frühling in meiner Tasche herum, haben mir mehr oder weniger Glück gebracht, funktionieren nicht in Einkaufswagen, aber man hat was zum Reden in langen Schlangen. Und diese Taiwansache ist ja auch der eigentliche Grund für diesen Eintrag, denn das Gerät, zu dessen Gunsten ich mir hier einen abbreche, ist ein wirklich gutes. Es hat gelächelt, als es auf meinem Schoß lag, ich schwör´s.

Der Taschencomputer. Er ist ein bisschen alt und grinst debil, wenn man ihn mal zuhause lässt. Aber ich schleppe ihn unermüdlich durch die Gegend, quasi jeden Tag, wat soll man machen?. Dennoch ist es schon niedlich, wie er sich freut, wenn er mal nicht mit muss. Meine Schultern sich übrigens auch.

(Mit diesen Ichwillwasgeschenkthabendeswegenschreibichwas-Beiträgen hören wir jetzt aber auch wieder auf, das hält ja keiner aus. Es sei denn, der Weihnachtsmann … Ach. Vergesst es.)

Fahrplanänderung

Normalerweise kommt es immer erst im Januar. Wenn die belatzhosten Männer die Haufen aus zermatschten, eingetrockneten, zerschossenen Böllerfetzen beiseite kehren und dabei gen Boden schauen, als hätten sie die Suche nach Gold längst aufgegeben. Wenn der Heizungsgeruch sich mit Schießpulver vermischt und die alten Damen die Köpfe so sehr schütteln vor Entsetzen über die Stille und den Müll nach der großen Nacht, dass ihnen das Klebeband der Perücke an der Kopfhaut ziept. Am Morgen durch den Nebel zu stapfen, der so körnig in der Luft liegt, dass man meint, hineingreifen und einzelne kleine Stellen herauszurren zu können, das ist der Moment, in dem in der Stadt nichts passiert, weil alle schlafen und schnarchen und kotzen und Sex haben und weinen, aber alles still, denn das laute gehörte immer noch zum letzten Jahr. Die Party gehörte zum letzten Jahr, das Herumknutschen, der verschüttete Sekt, die Enttäuschung und die flüchtige Berührung. Die wenigsten beginnen ihr Jahr in der Erinnerung mit der Silvesterparty, für die meisten geht rückwirkend gedacht das Jahr und der Kreislauf mit dem Frühling erst wirklich los, da wächst und gedeiht es, da fängt man an zu zählen und sich zu verlieben. Silvester gehört zum Ende, weil die Party noch am 31. beginnt. Später wählt man den Schluss dieser 365 Tage bewusst und nur für sich selbst mit dem Hineinfallen ins Kissen, nach dem Aufstehen dann erst blättert man das Titelblatt vom Kalender um und sieht auf die 1. Und all die anderen unangefangenen Zahlen.

An einem solchen Morgen, an dem es so still ist wie selten sonst in Berlin, ist die Jahresrückblende kein Film mehr sondern ein Tonband. Ein leises Flüstern und Zischen aus den Ecken und Lücken zwischen den parkenden Autos. Ein Rattern der Räder auf den Schienen und darüber der müde, leere Waggon. Immer dann erst erinnere ich mich in Melodien und schaue ohne Mimik auf den ersten Tag und seinen dicken Schweif. Denn das, was noch so lange und verkrampft in die Länge gefeiert wurde, ist nun unweigerlich Tatsache, Bestandteil und nicht im Geringsten mehr abzuwenden. Hallo Tag Eins. Ich begegne dir mit Schlaf und Rotz und Melancholie, vielleicht mit ein bisschen Tatendrang, aber eigentlich auch nur mit Aspirin, lass mich in Ruhe und ich lasse dich in Ruhe. Ich warte, bis mein Bein sich von allein aus dem Zwischenraum zieht, der angefüllt ist mit klebrigem Zeug aus dem alten Jahr. Emotionale Gerinnsel, störende Dickmilchansammlungen, zeitraubende Verklebungen dieser Dinge, ein Bandsalat allererster Kajüte, der mich nicht juckt, weil er so hübsch beiseite zu legen ist. Man fängt einen neuen Kalender an, man hat neue Vorsätze gefasst, die Völlerei ist wieder einmal für längere Zeit vorbei und die Geschenke sind auch ausgepackt, was soll da jetzt noch kommen, wir haben doch alles erledigt. Man kann dann an einen Fluss gehen und Steine hineinwerfen, von denen die Enten glauben, sie seien Brotkrumen, und man kann eine Perspektive finden, von der aus das Licht besonders gut zur Geltung kommt. Und dann geht man nach Hause und kehrt unter dem Waschbecken die alten, ausgefallenen Haare weg und man beschwert sich nicht, weil man es automatisiert tut, weil man nicht mehr darüber nachdenkt, weil man weiß, in fünf Minuten geht der Film los. Man legt das Jahr zu den Akten, findet hin und wieder noch ein Bild, das mit hinein muss, vielleicht einen Zettel, einen Satz. Und dann schiebt man den Ordner ins Regal zu den anderen, die sich von ihrer Rückansicht kaum unterscheiden.

Es ist erst Anfang Dezember und das Videoclipgefühl hat mich schon erreicht. Was mache ich dann nur am ersten Januar?

Dezember-Tärämtämtäm.

Man kennt das. Einmal aus Versehen oder weilesgeradenichtandersging über den Alexanderplatz zur Bahn gelaufen und zack klebt einem den ganzen Tag eines dieser hartnäckig bekloppten Lieder im Ohr. Da summt einer in der U-Bahn “Last Christmas” und schon ist es vorbei mit der Konzentration, mit der guten Laune und man hat die Pest in Noten an der Backe. Und doch mag man es ja gerne ein bisschen besinnlich, ein bisschen raureifig angehaucht, ein bisschen so, dass man Kerzen anmachen kann oder draußen mit dem Schal bis zur Nase herumläuft und denkt: Hach. Die weihnachtliche Wippung mit wahlweise Kopf oder Fuß im Takt einer guten Musik bedarf exklusiver Auswahl. Dafür gibt es nun von meiner Wenigkeit ein paar Vorschläge aus der Schublade, wo “Das nenn ich mal ordentliche Musike mit Weihnachten drin” draufsteht. Bitteschön.

Mew – She came home for Christmas
Bright Eyes – Blue Christmas
Jimmy Eat World – Christmas Card
Sufjan Stevens – That was the worst christmas ever
Mogwai – Christmas Song
The Flaming Lips – Christmas at the Zoo
The Walkmen – No Christmas while I´m talking
Low – Just Like Christmas
Run D.M.C. – Christmas in Hollis
The Raveonettes – The Christmas Song
Dave Matthews Band – Christmas Song
Weezer – Christmas Celebration
Eels – Everything´s gonna be cool this christmas
Ramones – Merry Christmas (I don´t want to fight tonight)
Tom Waits – Christmas Card from a Hooker in Minneapolis
Okkervil River – Listening to Otis Redding at Home During Christmas
The Knife – Christmas Reindeer
Death Cab For Cutie – Christmas (Baby, please come home)
Rufus Wainwright – Spotlight On Christmas
Get Well Soon – Christmas In Adventure Parks
The Wombats – Is this Christmas
Ben Folds – Lonely Christmas Eve
Dead Kennedys – Advice From Christmas Past
Julius - Putting Back Christmas

Und frohen ersten Advent nachträglich.