Man ist ich. Fünf Eindrücke.

Schaut man von der Balustrade aus, ist es nur ein riesiger schwarzer Kreis. Geht man näher heran, wird man irgendjemanden mit schwarzem T-Shirt mit einem großen K und einem großen W auf der Brust in seinem Rücken spüren. Und macht man noch einen Schritt nach vorn, wird sich eine leise Stimme neben einem erheben, die sagt: „Bitte halten Sie Abstand.“ Genau dann, wenn man gerade beginnt, die kleinen schwarzen Fliegenkörper zu erkennen, die wie auf einem Schlachtfeld in Form eines Kreises aufgeklebt wurden. Atem ist Gift. Denn die Tiere befinden sich im Verwesungsprozess, der durch aufgeregtes Herumgeschniefe und ruhiges Ausatmen unnötig beschleunigt wird. Also tritt man wieder einen Schritt zurück und fragt sich, wie wohl die Gesichter der Fliegen aussehen, wie sie schauen und sich überlappen. Wie der Mensch doch mittendrin sein muss, um mehr zu empfinden als Mitleid. Denn es ist ja doch wieder nur ein großer schwarzer Kreis, wenn man sich auf dem Rückweg noch einmal umschaut.
Von Weitem denke ich: „Nicht schon wieder ein schwarzes Quadrat, das mir etwas sagen soll.“ Dann denke ich: „Da sind Kratzer drauf, die haben das wohl nicht gut eingepackt beim Transport.“ Danach denke ich: „Ach nee, ist vielleicht nur Staub“. Und als ich direkt davor stehe, erkenne ich ein Gesicht, eine Stirnfalte, eine Brille, einen Haaransatz, die Oberlippe. Es ist Bill Gates. Und ich könnte heulen vor Erkenntnis. Überall sitzt er drin, als schwarzer, schwacher Schatten. Und alle denken: „Ach nee, ist nur Staub. Mach ich später weg.“
Bei den vier großen schwarzen Kästen, die zur Wand hin leuchten, schaue ich von der Seite, weil es so schön auf die Wand strahlt und indirektes Licht, das mag ich nicht nur, weil meine Mutter Wohnzeitschriften liebt. „Och, nett.“ Und im Kleingedruckten bleibt mir dann das Herz stehen, denn diese vier zur Wand gedrehten Lichtkästen sind Erkenntnisobjekte eines Künstlers, der in Ruanda war. Der nach seiner Reise und dem Erleben eines Genozids als Beobachter versuchte, hunderte Dias auf diese Lichtkästen zu legen und zu zeigen, was er sah. Und als das für ihn schief ging, nicht funktionierte, drehte er die Lichtkästen zur Wand.
Wie aus einer Kirche ausgeschnitten, sieht es aus, das Licht, das von oben auf einen Steinklotz fällt. Pathetisch und sakral. „Ein Stein im Licht“, denke ich. Man fällt fast drüber, wenn man nicht aufpasst, aber man passt auf, denn das ist ja Kunst hier, da stolpert man nicht über Stufen und auch nicht über Steine, die im Weg herumliegen. Man muss ein bisschen suchen, um die Erklärung für das zu finden, das aussieht, wie vier aneinander geklebte, graue Pflastersteine. Und dann steht man da und schaut auf ein Begräbnis, denn im Beton ruht der Fötus einer Frühgeburt. Und nun hat der Stein ein Herz und man traut sich nicht näher heran, weiß nicht, ob man es anfassen könnte, wenn man sollte. Bei keinem anderen Objekt spannt es so innerlich, bei keinem anderen ist die Erschütterung so nah.
Im zweiten Raum liegt ein Mädchen auf dem Boden mit Spitzensocken und roten Schuhen. Sie ist kein Bild und keine Skulptur sondern verdreht ihren Körper zwei Stunden lang. Manchmal küsst sie den Asphalt und drückt ihr Gesicht darauf, manchmal windet sie sich, als habe sie Schmerzen. Sie tanzt, steht auf dem Schild. Ich kann das nicht lange anschauen, wie der Staub auf ihrer Wange klebt, und bin froh, dass sie das nicht im großen Raum tut. Die Irritation wäre permanent. Ja, sie strengt mich an. Und ich gehe wieder hinaus. Alle gehen am Ende wieder hinaus.
POLITICAL/MINIMAL ist seit Samstag in den Kunstwerken in der Auguststraße 96 in Berlin zu sehen. Noch bis 15. Januar 2009 werden hier Werke von Adel Abdessemed, Francis Alÿs, Monica Bonvicini, Tom Burr, Annabel Daou, Edith Dekyndt, Felix Gonzalez-Torres, Hans Haacke, Mona Hatoum, Damien Hirst, Alfredo Jaar, Derek Jarman, Terence Koh, Kitty Kraus, Klara Liden, Teresa Margolles, Kris Martin, Corey McCorkle, Helen Mirra, Muchen & Shao Yinong, Sarah Ortmeyer, Seth Price, Gregor Schneider, Tino Sehgal, Santiago Sierra, Taryn Simon, Rosemarie Trockel, xurban_collective und Aaron Young ausgestellt.
Liz hat es verfasst, und zwar am 3. Dezember 2008 um genau 8:58
Kategorie : Kultur | 0 Kommentare