Die Sache ist ja die, dass es so viele Sachen sind.

Ausziehen, ausziehen.

“Ich packe meine Mobilitätstasche und nehme mit…” Hm. Blöder Anfang. Heute reden wir aber kurz mal über Taschen. Jedenfalls der Herr Stylespion redet über Taschen. Mobilitätstaschen, genauer gesagt. Nähern wir uns diesem Problem, fällt in diesem akuten Fall auf, dass ich keine Mobilitätstasche besitze, denn mit jeder meiner Taschen laufe ich herum. Vor allem und besonders gerne mit meiner Hosentasche. Da ist aber meistens nix drin außer eventuell Kleingeld oder ein Bonbon, wenn´s hochkommt. Die andere Tasche ist eigentlich jeden Tag dabei, ausgesprochen und ungeheuer mobil also. Verreise ich, so wie es der Herr Stylespion von sich schon verraten hat, kommt zum normalen Inhalt noch eine Zahnbürste, ein paar Schlüppis und sonstiger Kram, den Frau braucht, um in der Wildnis zu überleben. Nehmen wir uns den Normalfall vor, haben wir es mit allerhand Gedöns zu tun. Unabkömmlichem Gedöns. Hier nun der Taschenstriptease galore…

Das Taschentelefon. Ich schrieb es bereits. Unabkömmlich, eines der in diesem Taschenhaushalt am höchsten frequentierten Geräte. Telefonieren habe ich mal gelernt. Ich war sechzehn, arbeitete in einem Call-Center und habe manchmal einen Bonus bekommen, wenn ich alten Menschen genügend Informationen über ihr Tankverhalten entlockt hatte.

Das Aufnahmegerät. Ist eine gute Geschichte, wenn man eine spontane Beobachtung festhalten will, die so spontan ist, dass Aufschreiben zu lange dauern würde. Und für Interviews sowieso. Man weiß ja nie, wann einem mal wieder eins über den Weg läuft.

Das Portemonaie. Beinhaltet mehr Zettel- und Kartengedöns als Hart- oder Knautschgeld. Wuchs im Laufe der Jahre zur Größe einer kleinen Handtasche an. Kann man nix machen.

Die Lektüre. Hier nun also in Buchform, mit kleinen Klebezetteln drin bei guten Zitaten. Manchmal befindet sich auf diesem Sitzplatz aber auch eine Zeitung.

Das Musikabspielgerät. Ein sehr treuer Zeitgenosse nun seit zwei Jahren und auch über das klebrige Zeug auf seiner Rückseite beschwert es sich nicht im Geringsten. Alle fragen immer: “Reicht dir das?” Ich sage entschieden: “Jawoll, wir verstehen uns sehr gut.”

Das Notizbuch. Ich bin relativ vergesslich, Namen kann ich mir nicht merken. Und alles, was mir so scheint, als könne ich es noch einmal gebrauchen, wandert dort hinein. Nun gut. Nicht alles. Aber ein bisschen.

Die Kopfhörer. Im Winter auch ohne Musik absolut unersetzbar aufgrund des kalten Stadtwindes. Ansonsten ebenso treue Zeitgenossen wie der kleine Kerl an ihrem Strippenende. Nicht totzukriegen. Setz die Dinger auf und keiner labert dich blöd von der Seite an.

Die Süßigkeiten. Hier also Nusskekse. Ist aber eine durchaus variable Angelegenheit, die sich trotz ihrer geringen Größe immer wieder bezahlt macht. Man frage mein Stimmungsbarometer.

Die Stifte. Die Hälfte davon schreibt nicht, ich vergesse aber immer, auszusortieren. Vielleicht sollte ich das, wenn ich einen finde, der funktioniert, mal ins Notizbuch schreiben.

Zwei Münzen aus Taiwan. Die schwirren seit meiner Reise im Frühling in meiner Tasche herum, haben mir mehr oder weniger Glück gebracht, funktionieren nicht in Einkaufswagen, aber man hat was zum Reden in langen Schlangen. Und diese Taiwansache ist ja auch der eigentliche Grund für diesen Eintrag, denn das Gerät, zu dessen Gunsten ich mir hier einen abbreche, ist ein wirklich gutes. Es hat gelächelt, als es auf meinem Schoß lag, ich schwör´s.

Der Taschencomputer. Er ist ein bisschen alt und grinst debil, wenn man ihn mal zuhause lässt. Aber ich schleppe ihn unermüdlich durch die Gegend, quasi jeden Tag, wat soll man machen?. Dennoch ist es schon niedlich, wie er sich freut, wenn er mal nicht mit muss. Meine Schultern sich übrigens auch.

(Mit diesen Ichwillwasgeschenkthabendeswegenschreibichwas-Beiträgen hören wir jetzt aber auch wieder auf, das hält ja keiner aus. Es sei denn, der Weihnachtsmann … Ach. Vergesst es.)

Fahrplanänderung

Normalerweise kommt es immer erst im Januar. Wenn die belatzhosten Männer die Haufen aus zermatschten, eingetrockneten, zerschossenen Böllerfetzen beiseite kehren und dabei gen Boden schauen, als hätten sie die Suche nach Gold längst aufgegeben. Wenn der Heizungsgeruch sich mit Schießpulver vermischt und die alten Damen die Köpfe so sehr schütteln vor Entsetzen über die Stille und den Müll nach der großen Nacht, dass ihnen das Klebeband der Perücke an der Kopfhaut ziept. Am Morgen durch den Nebel zu stapfen, der so körnig in der Luft liegt, dass man meint, hineingreifen und einzelne kleine Stellen herauszurren zu können, das ist der Moment, in dem in der Stadt nichts passiert, weil alle schlafen und schnarchen und kotzen und Sex haben und weinen, aber alles still, denn das laute gehörte immer noch zum letzten Jahr. Die Party gehörte zum letzten Jahr, das Herumknutschen, der verschüttete Sekt, die Enttäuschung und die flüchtige Berührung. Die wenigsten beginnen ihr Jahr in der Erinnerung mit der Silvesterparty, für die meisten geht rückwirkend gedacht das Jahr und der Kreislauf mit dem Frühling erst wirklich los, da wächst und gedeiht es, da fängt man an zu zählen und sich zu verlieben. Silvester gehört zum Ende, weil die Party noch am 31. beginnt. Später wählt man den Schluss dieser 365 Tage bewusst und nur für sich selbst mit dem Hineinfallen ins Kissen, nach dem Aufstehen dann erst blättert man das Titelblatt vom Kalender um und sieht auf die 1. Und all die anderen unangefangenen Zahlen.

An einem solchen Morgen, an dem es so still ist wie selten sonst in Berlin, ist die Jahresrückblende kein Film mehr sondern ein Tonband. Ein leises Flüstern und Zischen aus den Ecken und Lücken zwischen den parkenden Autos. Ein Rattern der Räder auf den Schienen und darüber der müde, leere Waggon. Immer dann erst erinnere ich mich in Melodien und schaue ohne Mimik auf den ersten Tag und seinen dicken Schweif. Denn das, was noch so lange und verkrampft in die Länge gefeiert wurde, ist nun unweigerlich Tatsache, Bestandteil und nicht im Geringsten mehr abzuwenden. Hallo Tag Eins. Ich begegne dir mit Schlaf und Rotz und Melancholie, vielleicht mit ein bisschen Tatendrang, aber eigentlich auch nur mit Aspirin, lass mich in Ruhe und ich lasse dich in Ruhe. Ich warte, bis mein Bein sich von allein aus dem Zwischenraum zieht, der angefüllt ist mit klebrigem Zeug aus dem alten Jahr. Emotionale Gerinnsel, störende Dickmilchansammlungen, zeitraubende Verklebungen dieser Dinge, ein Bandsalat allererster Kajüte, der mich nicht juckt, weil er so hübsch beiseite zu legen ist. Man fängt einen neuen Kalender an, man hat neue Vorsätze gefasst, die Völlerei ist wieder einmal für längere Zeit vorbei und die Geschenke sind auch ausgepackt, was soll da jetzt noch kommen, wir haben doch alles erledigt. Man kann dann an einen Fluss gehen und Steine hineinwerfen, von denen die Enten glauben, sie seien Brotkrumen, und man kann eine Perspektive finden, von der aus das Licht besonders gut zur Geltung kommt. Und dann geht man nach Hause und kehrt unter dem Waschbecken die alten, ausgefallenen Haare weg und man beschwert sich nicht, weil man es automatisiert tut, weil man nicht mehr darüber nachdenkt, weil man weiß, in fünf Minuten geht der Film los. Man legt das Jahr zu den Akten, findet hin und wieder noch ein Bild, das mit hinein muss, vielleicht einen Zettel, einen Satz. Und dann schiebt man den Ordner ins Regal zu den anderen, die sich von ihrer Rückansicht kaum unterscheiden.

Es ist erst Anfang Dezember und das Videoclipgefühl hat mich schon erreicht. Was mache ich dann nur am ersten Januar?