Die Sache ist ja die, dass es so viele Sachen sind.

Monat: November, 2008

Ein Herz für den Nervi cochleares

Eigentlich tun sie mir leid. Man hält sie immer für selbstverständlich. Nimmt sie hin, aber kaum wahr. Man ballert ihnen tagtägliche eine Akustik durch die Gänge, ohne davon wirklich Notiz zu nehmen. Man hängt Dinge dran, setzt andere Dinge drauf, zieht an ihnen herum und sieht sie, wenn überhaupt, mal morgens im Spiegel, vielleicht noch im Schau- oder Bahnfenster beim Vorübergehen. Man rubbelt dran rum, wenn sie im Winter kalt sind, versteckt sie, wenn man nicht gut lügen kann, und sonst hängen Haare drüber oder eben nicht. Der eine oder andere hat vielleicht Druckstellen vom Brillenbügel. Vielleicht lag man auch schon einmal unter´m Messer, damit sie nicht mehr so hervorstehen. Ich finde jedoch, den Ohren wird zu wenig Respekt gezollt.

Sind sie dann nämlich eines Tages der Ignoranz überdrüssig, feuern sie zurück. Und dann spürt man zum ersten Mal in seinem Leben vielleicht wirklich, was das für ein Apparätchen ist, das da jeden Tag seine Dienste abliefert ohne je was dafür zu bekommen. Dann knallt´s nämlich und knackt und rauscht, es brummelt und tickt, dass man ganz bescheuert wird davon. Den Ohrkanal könnte ich mittlerweile im Schlaf aufmalen mit all seinen winzigen Dellen und Kurven, die der Schmerz seit einigen Tagen nun schon ordentlich abgrast. Und ich sage euch, Impedanzwandlung ist keine Selbstverständlichkeit. Ich war zwar nie von der Sorte Mensch, die sich bei Konzerten direkt vor den Boxen aufbaut oder Musik in der Bahn auch für den nächsten Waggon hörbar macht, dennoch werde ich meinen Ohren, wenn das hier durchgestanden ist, jeden Tag eine Tasse Kaffee widmen, einen Baum pflanzen oder sowas, wenn sie zum Dank sowas wie das hier nie wieder veranstalten. (Und ja, man sieht reichlich bescheuert aus, wenn einem inmitten von irgendwasauchimmer das Gleichgewicht abhanden kommt und erst einmal 30 Sekunden braucht, um wieder zu wissen, wo eigentlich genau oben und unten ist und dass die Decke sich ja doch nicht im Kreis dreht.)

Für nun reichlich Ohr-Interessierte noch schnell einen Hinweis in fremder Sache hinterher, der die Verbindung jedoch thematisch hält: “Ich kann mir nicht jeden Tag ein Ohr abschneiden”, hat Kippenberger mal gesagt. Die gleichnamige Ausstellung zur Dekonstruktion des Künstlermythos ist noch bis 22. Februar 2009 im Hamburger Bahnhof zu sehen und zeigt Werke von Francis Alÿs, Art & Language, Azorro, Bernadette Corporation, George Brecht, Marcel Broodthaers, Marcel Duchamp (den ich London in Kombination mit Man Ray und Picabia gesehen habe), Maria Eichhorn, VALIE EXPORT, Peter Fischli & David Weiss, FLUXUS, Andrea Fraser, Dan Graham, Rodney Graham, Richard Jackson, Christian Jankowski, eben dem Martin Kippenberger, Sarah Lucas, Paul McCarthy, Bruce Nauman, Adrian Piper, Pipilotti Rist, Ugo Rondinone, Dieter Roth, Ed Ruscha, Antje Schiffers, Cindy Sherman, Mladen Stilinović, Sturtevant, Vibeke Tandberg und Lawrence Weiner. (Und eines noch am Rande: In so Ausstellungen ist es auch meistens herrlich still.)

Kubiklichtjahre

Manchmal, wenn du nach Hause in unsere Wohnung kommst, klopfst du an meiner Tür. Und wenn ich nichts sage, dann weißt du, ich bin allein und kommst herein. Legst mir die kalten Finger auf die Schultern und es knackt darunter, wenn mir eine Gänsehaut über den Rücken läuft. Ich schaue dich solange nicht an, bis ich deine Stimme gehört habe. Dann versuche ich abzuschätzen, wie dein Tag war und was du noch erwartest von ihm. Ob du heimkommst, um schlafen zu gehen, aus dem Fenster auf den großen Baum zu schauen oder ob du noch einmal los willst, die Nacht woanders verbringst. Manchmal fragst du dann, ob du bleiben kannst. Dann stehst du meistens am Fensterbrett, ziehst die Vorhänge zu und schaust vorher noch einmal, wie viele Fenster im Haus gegenüber hell erleuchtet sind. Jeden Abend zählst du. Dann verschwindest du in dein Zimmer nebenan, ich höre dich die Tasche abstellen und wie du den Rechner herausholst, auf den Schreibtisch legst, wie du dein Taschentelefon auf lautlos stellst und es auf dem Nachtisch liegen lässt, wie du mit Schwung die Fenster aufreißt und auf den Balkon gehst. Trete ich ans Fenster, kann ich deine Hände in den Blumen sehen, wie du vertrocknete Blätter von den Stängeln zupfst, den Tabak aus der Arschtasche holst und dir langsam eine Zigarette drehst. Ich sehe den Rauch, verstecke mich hinter dem Vorhang und liege schon im Bett, wenn du kommst. Dann legst du dich hinter mich, deine Hände sind meistens kalt und dein Bart kratzt an meiner Schulter. Du hältst dich an meinem Bauch fest und atmest an meinen Hals. Und wenn du dich einmal hingelegt hast, bewegst du dich nicht mehr, damit ich schlafen kann und ich höre an deinem Atem, dass du noch nicht schläfst, wenn ich schon langsam beginne zu träumen. Morgens höre ich die Tür ins Schloss fallen und finde nach dem Aufstehen frische Brötchen auf dem Tisch, den Kaffee in der Filtertüte vorbereitet und abgemessen, die Tür zu deinem Zimmer ist geschlossen, sogar das Kissen neben meinem Kopf hast du aufgeschüttelt. Ich will nie, dass du gehst.

Meistens malst du, wenn ich komme. Du malst und malst den ganzen Tag und manchmal frage ich mich, ob du mich malst oder uns, aber auf deinen Blättern sind immer nur Tiere und Pflanzen und Häuser und Maschinen, von denen ich nicht weiß, wie sie funktionieren, aber sie funktionieren, wenn ich sie ansehe. Die Tiere brüllen mir laut ins Gesicht, in den Häusern gehen Menschen zu Bett und die Maschinen knacken leise. Du hörst schon am kleinsten Geräusch, ob etwas nicht stimmt. Dein Rücken ist aus Beton, dein Nacken aus Stahl und jedes Mal erwarte ich eine kalte Haut, wenn du glühst. Ich spüre jeden deiner Knochen, die Ränder deiner Schulterblätter, die Sehnen und den Haaransatz im Nacken und manchmal an einem guten Tag erinnere ich mich verschwommen an deine Rippenbögen und Kniekehlen. Du legst den Stift hin, wenn ich klopfe, und nimmst ihn wieder in die Hand, wenn ich hinter dir stehe und ich mag das Geräusch, das dein Stuhl auf dem Parkett macht, wenn du ihn ein Stück vom Tisch und der Wand weg schiebst, um die Füße auszustrecken. Und ich bin froh, dass du da bist, wenn ich komme, dass du malst und dass du nicht uns malst und das noch nie getan hast. Ich bin froh, dass es keine Bilder gibt von uns und dass man schon im Hausflur weiß, wie gut es in der Wohnung riechen wird. Der Unterschied zwischen der Welt da draußen und unserem Leben hier drinnen ist groß, über unsere Vergangenheit reden wir nicht und ich schließe die Tür, damit der Rauch nicht zu dir herüberzieht. Heute sind es sieben erleuchtete Fenster im Haus gegenüber und ich bin sicher, der eine Typ im vierten Stock bespannert dich. Immer sind seine Gardinen geschlossen, aber ich meine, sie bewegen sich ständig, zittern und bergen seinen Schatten. Wenn ich hier bin, bleibt der Rest draußen. Und ich will dir nicht einmal von dem erzählen, was dort passiert, deswegen komme ich erst, wenn deine Unterlippe sich schon von der Oberlippe löst und deine Pupillen hinter den Lidern rasen. Ich putze mir zweimal die Zähne, um nicht zu stinken und manchmal legt sich meine Hand so auf deinen Bauch, wie sie es früher tat, manchmal erwische ich die unterste Beugung des Knochens. Für ein paar Stunden sind wir dann still. Alles, was es gibt. Jetzt liegt zwischen den Welten ein Meer, in dem schwimmen Jacken und Schuhe.

So sieht der nächste November aus

Frisch zum Monatsbeginn und mit den ersten Vorweihnachtsplanungen bei manchen gibt es druckfrisch und quasi noch mit Radierfusseln drauf den neuen Mädchenkalender von Martina zu bestellen. Das Exemplar vom letzten Jahr hängt über meinem Schreibtisch und wir sind echt dicke. Man hat bei langweiliger Lektüre immer was zum Draufgucken und sich inspirieren lassen. Die Mädchen sind eher Ladies statt Mädchen, denn sie bewahren Haltung und sind in mancher Geste viel fraulicher als manche Frauen, die sich noch Mädchen nennen.

Wir haben Hand und Fuß

Wir verhalten uns, also gibt es ein Morgen. Wir lehnen uns an, rücken zusammen unter grellem Neonlicht, wir stehen im Dreieck in den Schuhen unserer Großmütter und Großväter und denken uns Namen für unsere Kinder aus. Wir stehen auf dem Balkon und rauchen ins Dunkel hinein. Manchmal verlassen wir die buntgeblümte Tapetenwand und suchen unseren Weg über Pflasterstein mit Weingläsern in der Hand, wir halten kurz inne an der Kreuzung, wir reden ein paar Worte mit dem Tankwart, denn wir rücken zusammen unter grellem Neonlicht. Wir nehmen die elektronischen Türen hin wie Jahreszeiten, wir kennen es nicht anders. Und wir sehen aus wie unsere Großmütter und Großväter, als sie so alt waren wie wir. Wir verabschieden uns am Morgen mit einem Dreieck aus Fingern, mit einem Gruß auf Flaschenetiketten. Wir kreischen nicht, wir atmen laut. Verhalten legen wir uns schlafen am Morgen.

Die Bilder entstanden auf der Vernissage von Frau Grau zu ihrer Ausstellung in den Räumen der Galerie 18er Gold.