Ein Herz für den Nervi cochleares

Eigentlich tun sie mir leid. Man hält sie immer für selbstverständlich. Nimmt sie hin, aber kaum wahr. Man ballert ihnen tagtägliche eine Akustik durch die Gänge, ohne davon wirklich Notiz zu nehmen. Man hängt Dinge dran, setzt andere Dinge drauf, zieht an ihnen herum und sieht sie, wenn überhaupt, mal morgens im Spiegel, vielleicht noch im Schau- oder Bahnfenster beim Vorübergehen. Man rubbelt dran rum, wenn sie im Winter kalt sind, versteckt sie, wenn man nicht gut lügen kann, und sonst hängen Haare drüber oder eben nicht. Der eine oder andere hat vielleicht Druckstellen vom Brillenbügel. Vielleicht lag man auch schon einmal unter´m Messer, damit sie nicht mehr so hervorstehen. Ich finde jedoch, den Ohren wird zu wenig Respekt gezollt.
Sind sie dann nämlich eines Tages der Ignoranz überdrüssig, feuern sie zurück. Und dann spürt man zum ersten Mal in seinem Leben vielleicht wirklich, was das für ein Apparätchen ist, das da jeden Tag seine Dienste abliefert ohne je was dafür zu bekommen. Dann knallt´s nämlich und knackt und rauscht, es brummelt und tickt, dass man ganz bescheuert wird davon. Den Ohrkanal könnte ich mittlerweile im Schlaf aufmalen mit all seinen winzigen Dellen und Kurven, die der Schmerz seit einigen Tagen nun schon ordentlich abgrast. Und ich sage euch, Impedanzwandlung ist keine Selbstverständlichkeit. Ich war zwar nie von der Sorte Mensch, die sich bei Konzerten direkt vor den Boxen aufbaut oder Musik in der Bahn auch für den nächsten Waggon hörbar macht, dennoch werde ich meinen Ohren, wenn das hier durchgestanden ist, jeden Tag eine Tasse Kaffee widmen, einen Baum pflanzen oder sowas, wenn sie zum Dank sowas wie das hier nie wieder veranstalten. (Und ja, man sieht reichlich bescheuert aus, wenn einem inmitten von irgendwasauchimmer das Gleichgewicht abhanden kommt und erst einmal 30 Sekunden braucht, um wieder zu wissen, wo eigentlich genau oben und unten ist und dass die Decke sich ja doch nicht im Kreis dreht.)
Für nun reichlich Ohr-Interessierte noch schnell einen Hinweis in fremder Sache hinterher, der die Verbindung jedoch thematisch hält: “Ich kann mir nicht jeden Tag ein Ohr abschneiden”, hat Kippenberger mal gesagt. Die gleichnamige Ausstellung zur Dekonstruktion des Künstlermythos ist noch bis 22. Februar 2009 im Hamburger Bahnhof zu sehen und zeigt Werke von Francis Alÿs, Art & Language, Azorro, Bernadette Corporation, George Brecht, Marcel Broodthaers, Marcel Duchamp (den ich London in Kombination mit Man Ray und Picabia gesehen habe), Maria Eichhorn, VALIE EXPORT, Peter Fischli & David Weiss, FLUXUS, Andrea Fraser, Dan Graham, Rodney Graham, Richard Jackson, Christian Jankowski, eben dem Martin Kippenberger, Sarah Lucas, Paul McCarthy, Bruce Nauman, Adrian Piper, Pipilotti Rist, Ugo Rondinone, Dieter Roth, Ed Ruscha, Antje Schiffers, Cindy Sherman, Mladen Stilinović, Sturtevant, Vibeke Tandberg und Lawrence Weiner. (Und eines noch am Rande: In so Ausstellungen ist es auch meistens herrlich still.)














