Der Wettergott, der.

Sie tragen ihren Rotz wie ein Plakat vor sich her, jeder einzeln, allesamt und ein bisschen pathetisch. Denn eigentlich geht es Berlin ja gut, wenn es regnet wie in diesen Tagen. Denn dann haben sie alle einen Grund zum Meckern, Motzen, Spucken, Hüsteln, Abkotzen, Näseln, Faltentraining, einen Grund zum Zuhausebleiben, Verweigern, Aufregen und Verdüsen, einen Grund zum Zuspätkommen, zum Zufrühkommen oder zum Garnichtkommen, Verschieben, Rumbocken, einen Grund für Wut und genervte Blicke. Jeder kann seinen kleinen, persönlichen Hass auf die fehlenstre Strebe in der Karriereleiter, die schimmelnde Leberwurst, die Politik und die Politikverweigerer, auf die BVG und die Deutsche Bahn, auf die ersten oder letzten Falten, auf den besetzten Sitz oder die leere Bank, auf die knarzige Stimme des Nachrichtensprechers oder alle Werbespots der Welt, jede kleine Regung unguten Gefühls kann kompromisslos, ohne Reue und absolut zeitnah auf den Regen projiziert werden. Und das Tollste ist: Niemand nimmt es ihnen übel. Niemand klagt sie dafür an.

Und ihrer kollektiven schlechten Laune schließen sie sich in den innigen Momenten einer S-Bahn-Fahrt zu einer temporären Familie, einem Rudel zusammen. Betröppelte Brüder und Schwestern, Tanten und Onkel kuscheln sich im Dunst aneinander, der aus den nassen Bezügen der S-Bahn-Sitze aufsteigt und einen feuchten Film auf den mittlerweile ohnehin verschwitzten Gesicht hinterlässt. Sie kleckern sich gegenseitig auf ihre Wildlederstiefeletten, zwinkern sich mitleidig zu und schwelgen im sanften Rütteln des Waggons vor sich hin wie frisch gebadete Babies. Da kann man nüscht machen. Is wie et is.

Rückt dann aber die anvisierte Station in erahnbare Nähe, erfasst eine nestelnde Unruhe den strähnigen, schniefenden Fahrgast. In ansteckender Hektik fummelt er seine 32 Reiß- und Klettverschlüsse zurecht, alles muss ordnungsgemäß verschlossen und verriegelt sein, eingepackt und weggeschnürt. Halsöffnung, Armöffnungen, normaler Reißverschluss und am Schluß die Schnipsbändchen am Jackenunterrand, damit es nicht von unten hineinregnet. Das wäre ja noch schöner, das würde das Neoprenfass zum Überlaufen bringen. Ist dann irgendwann alles festgezurrt, wird die Umhänge- oder Aktentasche einer ähnlichen Prozedur unterzogen und mit panischem Blick beäugt. Der Taschenboden nun mit einem Tempotaschentuch aus der Mini-Packung-für-unterwegs von Besprenkelung und Waggonbodendreck gereinigt, bevor das Innere der Tasche auf den Knien noch einmal unter die Lupe genommen wird. Hat die allumfassende Nässe dann auch den Inhalt erreicht, wird hysterisch mit dem betreffenden Papier in der einen Hand herumgewedelt, während die andere die extra für diesen Notfall eingepackte Plastiktüte herauszuppelt. Das Ganze beseufzen leise Hilferufe. Mit dem Abschlussseufzer wird das Papier in die Tüte gestopft und auch der Rest der Taschenöffnung noch notdürftig abgedichtet. Meistens drohen die Türen des mittlerweile im Zielbahnhof eingelaufenen Zuges in diesem Moment damit, sich wieder zu schließen und der von oben bis unten in Jackenschalgewirr gewickelte Menschhaufen quetscht sich in Dampfwalzenmanier an seinen Mitfahrern vorbei auf den glitschigen Bahnsteig.

Hier ist dann auch wieder Schluss mit Harmonie im Sinne gleichermaßen Betroffener. Kein Mitleid. Keine Hemmung. Der Schwächste verliert. Und das wohlige Gefühl des Ausgeliefertseins mitsamt bequemer Unterwerfung verwandelt sich sofort in einen Überlebenswillen in einer schlechten, tropfenden Welt, dem mit letzter Kraft gefolgt wird. Der Grummel nimmt wieder schlagartig Besitz von jeder herumstehenden Person. Omas spannen im Sekundentakt ihre Schirme auf und zu und schlagen sich so über Rolltreppen und durch Fahrstühle. Studenten vertreiben lästige Im-Weg-Steher mit Vorliebe, indem sie ihre Rucksäcke nicht wie eigentlich vorgesehen auf dem Rücken sondern auf dem Bauch tragen. Über diese ist dann der eingebaute Regenschutz gezogen. Klitschklatsch, wer einmal ein nasses, kaltes Gummietwas auch nur an seiner Hand gespürt hat, weicht freiwillig zurück, um nicht noch weiter aufzuweichen. Mütter hingegen schlängeln sich in einem Affenzahn mit riesigen, überdachten Kinderwägen durch die Massen, aber nicht ohne konsequente Sprenkelspuren auf allen Anliegern zu hinterlassen. Die Kinder in den Geschossen plärren unablässig gegen ihren Gummikäfig an, indem sie angeschnallt zum Tropfenzählen verdammt und vom Rest der Welt abgeschnitten sind.

Kaum aus der Bahn wieder an der frischen Luft und somit dem Wetter vollkommen hilflos ausgesetzt, rennt die Meute im Pfützenslalom leise fluchend um ihr Leben. Verwünschungen den Autofahrern entgegen schleudernd, die entweder im Schritttempo und mit Sitzheizung völlig trocken und glücklich einen Parkplatz suchen oder diabolisch durch die nächste Pfütze in Bürgersteigsnähe heizen. Inmitten dieses Kleinkriegs gibt es jedoch auch noch die Kakerlaken, die immer überleben, denen nichts und niemand etwas kann, die leise durch die Gänge huschen und die eigentlich jeder verabscheut. Die nämlich, die sogar für ihre Schuhe passende Regenkleidung besitzen und für Hin- und Rückweg süffisant zwinkernd extra eine halbe Stunde mehr berechnen. Die brauchen sie nämlich, um sich von oben bis unten absolut wasserundurchlässig aber atmungsaktiv einzuschweißen und am Ziel dann wieder zu entpellen. Einmal in ihrem Goretexpanzer drin schlendern sie gelassen, den Strom der Klatschnassen damit aufhaltend durch die Straßen, lachen kopfschüttelnd und die trockenen Händchen haltend über den Rest der Welt und stubsen geben ihrer Weisheit alle zweihundert Meter erneut einen leichten Klaps: “Es gibt kein schlechtes Wetter, nur schlechte Kleidung!”

Bei Ankunft verweisen sie dann mit Vorliebe auf jeden Zentimeter trockener Unterbekleidung und fügen mit begeisterten, beinahe wahnsinnig strahlenden Augen hinzu: “Schützt auch vor Griesgram!”. Der gemeine Berliner arbeitet an diesem gut gelaunten Problem, indem er ihm sofort nach Betreten des Hausflures seinen klatschnassen Langhaarhund auf die Fersen hetzt. Das ist sein ganz privates Glück, für die Zeit des sich trocken schüttelnden Hundes neben dem sich soeben entkleidenden Gummimenschlein erfährt er einen Hauch von Genugtuung, während der verschreckte Goretexfan versucht, mit bloßen Händen seine Unterbekleidung vor Spritzern zu schützen. Zurück in der eigenen Wohnung hören Herrchen und Hund unter dem Gerubbel von rauhen, kratzigen Handtüchern den Wetterbericht. Schließlich muss man ja wissen, wie lange dieses beruhigende Gefühl noch anhalten darf. Dass nämlich wieder und wie immer jemand anderes schuld ist an der eigenen Frustration. Der Wettergott nämlich, denn der ist ja bekanntlich ein Arsch.