Die Sache ist ja die, dass es so viele Sachen sind.

Monat: Oktober, 2008

Quasi Randomisierung im Regal

Ich habe jeden Tag ein Buch in der Hand, ich denke jeden Tag in und an Geschichten, ich blättere Seiten um, schlage nach, streiche mit dem Finger über den Lesezeichenfaden, springe in den Zeilen noch einmal zurück, drehe Worte herum, streiche an, ärgere mich. Und wenn man selbst an einer Geschichte sitzt, hilft es und bringt es voran, wenn man viele Geschichten von anderen liest. Um aus dem eigenen Rahmen herauszukommen, die Perspektive zu wechseln, neue Worte zu entdecken, den Sinn für Beschreibungen und Atmosphären zu schärfen. Und es tut gut - was ich nicht gedacht hätte - die Geschichten im Regal mal nebeneinander zu betrachten, in einen anderen Kontext zu rücken, indem man sie anders stellt und so plötzlich Figuren nebeneinander stehen, die sonst nie nebeneinander gestanden hätten. Die sich vielleicht doch ähnlicher sind, als man dachte. Die sich nicht mögen. Die seltsam aussehen nebeneinander aber dennoch einen Gedanken wert sind. Die Buchstaben einmal umräumen, mit den Händen alles durchwalken und dann anders sortieren. Danach kann man auch wieder schreiben.

Der Wettergott, der.

Sie tragen ihren Rotz wie ein Plakat vor sich her, jeder einzeln, allesamt und ein bisschen pathetisch. Denn eigentlich geht es Berlin ja gut, wenn es regnet wie in diesen Tagen. Denn dann haben sie alle einen Grund zum Meckern, Motzen, Spucken, Hüsteln, Abkotzen, Näseln, Faltentraining, einen Grund zum Zuhausebleiben, Verweigern, Aufregen und Verdüsen, einen Grund zum Zuspätkommen, zum Zufrühkommen oder zum Garnichtkommen, Verschieben, Rumbocken, einen Grund für Wut und genervte Blicke. Jeder kann seinen kleinen, persönlichen Hass auf die fehlenstre Strebe in der Karriereleiter, die schimmelnde Leberwurst, die Politik und die Politikverweigerer, auf die BVG und die Deutsche Bahn, auf die ersten oder letzten Falten, auf den besetzten Sitz oder die leere Bank, auf die knarzige Stimme des Nachrichtensprechers oder alle Werbespots der Welt, jede kleine Regung unguten Gefühls kann kompromisslos, ohne Reue und absolut zeitnah auf den Regen projiziert werden. Und das Tollste ist: Niemand nimmt es ihnen übel. Niemand klagt sie dafür an.

Und ihrer kollektiven schlechten Laune schließen sie sich in den innigen Momenten einer S-Bahn-Fahrt zu einer temporären Familie, einem Rudel zusammen. Betröppelte Brüder und Schwestern, Tanten und Onkel kuscheln sich im Dunst aneinander, der aus den nassen Bezügen der S-Bahn-Sitze aufsteigt und einen feuchten Film auf den mittlerweile ohnehin verschwitzten Gesicht hinterlässt. Sie kleckern sich gegenseitig auf ihre Wildlederstiefeletten, zwinkern sich mitleidig zu und schwelgen im sanften Rütteln des Waggons vor sich hin wie frisch gebadete Babies. Da kann man nüscht machen. Is wie et is.

Rückt dann aber die anvisierte Station in erahnbare Nähe, erfasst eine nestelnde Unruhe den strähnigen, schniefenden Fahrgast. In ansteckender Hektik fummelt er seine 32 Reiß- und Klettverschlüsse zurecht, alles muss ordnungsgemäß verschlossen und verriegelt sein, eingepackt und weggeschnürt. Halsöffnung, Armöffnungen, normaler Reißverschluss und am Schluß die Schnipsbändchen am Jackenunterrand, damit es nicht von unten hineinregnet. Das wäre ja noch schöner, das würde das Neoprenfass zum Überlaufen bringen. Ist dann irgendwann alles festgezurrt, wird die Umhänge- oder Aktentasche einer ähnlichen Prozedur unterzogen und mit panischem Blick beäugt. Der Taschenboden nun mit einem Tempotaschentuch aus der Mini-Packung-für-unterwegs von Besprenkelung und Waggonbodendreck gereinigt, bevor das Innere der Tasche auf den Knien noch einmal unter die Lupe genommen wird. Hat die allumfassende Nässe dann auch den Inhalt erreicht, wird hysterisch mit dem betreffenden Papier in der einen Hand herumgewedelt, während die andere die extra für diesen Notfall eingepackte Plastiktüte herauszuppelt. Das Ganze beseufzen leise Hilferufe. Mit dem Abschlussseufzer wird das Papier in die Tüte gestopft und auch der Rest der Taschenöffnung noch notdürftig abgedichtet. Meistens drohen die Türen des mittlerweile im Zielbahnhof eingelaufenen Zuges in diesem Moment damit, sich wieder zu schließen und der von oben bis unten in Jackenschalgewirr gewickelte Menschhaufen quetscht sich in Dampfwalzenmanier an seinen Mitfahrern vorbei auf den glitschigen Bahnsteig.

Hier ist dann auch wieder Schluss mit Harmonie im Sinne gleichermaßen Betroffener. Kein Mitleid. Keine Hemmung. Der Schwächste verliert. Und das wohlige Gefühl des Ausgeliefertseins mitsamt bequemer Unterwerfung verwandelt sich sofort in einen Überlebenswillen in einer schlechten, tropfenden Welt, dem mit letzter Kraft gefolgt wird. Der Grummel nimmt wieder schlagartig Besitz von jeder herumstehenden Person. Omas spannen im Sekundentakt ihre Schirme auf und zu und schlagen sich so über Rolltreppen und durch Fahrstühle. Studenten vertreiben lästige Im-Weg-Steher mit Vorliebe, indem sie ihre Rucksäcke nicht wie eigentlich vorgesehen auf dem Rücken sondern auf dem Bauch tragen. Über diese ist dann der eingebaute Regenschutz gezogen. Klitschklatsch, wer einmal ein nasses, kaltes Gummietwas auch nur an seiner Hand gespürt hat, weicht freiwillig zurück, um nicht noch weiter aufzuweichen. Mütter hingegen schlängeln sich in einem Affenzahn mit riesigen, überdachten Kinderwägen durch die Massen, aber nicht ohne konsequente Sprenkelspuren auf allen Anliegern zu hinterlassen. Die Kinder in den Geschossen plärren unablässig gegen ihren Gummikäfig an, indem sie angeschnallt zum Tropfenzählen verdammt und vom Rest der Welt abgeschnitten sind.

Kaum aus der Bahn wieder an der frischen Luft und somit dem Wetter vollkommen hilflos ausgesetzt, rennt die Meute im Pfützenslalom leise fluchend um ihr Leben. Verwünschungen den Autofahrern entgegen schleudernd, die entweder im Schritttempo und mit Sitzheizung völlig trocken und glücklich einen Parkplatz suchen oder diabolisch durch die nächste Pfütze in Bürgersteigsnähe heizen. Inmitten dieses Kleinkriegs gibt es jedoch auch noch die Kakerlaken, die immer überleben, denen nichts und niemand etwas kann, die leise durch die Gänge huschen und die eigentlich jeder verabscheut. Die nämlich, die sogar für ihre Schuhe passende Regenkleidung besitzen und für Hin- und Rückweg süffisant zwinkernd extra eine halbe Stunde mehr berechnen. Die brauchen sie nämlich, um sich von oben bis unten absolut wasserundurchlässig aber atmungsaktiv einzuschweißen und am Ziel dann wieder zu entpellen. Einmal in ihrem Goretexpanzer drin schlendern sie gelassen, den Strom der Klatschnassen damit aufhaltend durch die Straßen, lachen kopfschüttelnd und die trockenen Händchen haltend über den Rest der Welt und stubsen geben ihrer Weisheit alle zweihundert Meter erneut einen leichten Klaps: “Es gibt kein schlechtes Wetter, nur schlechte Kleidung!”

Bei Ankunft verweisen sie dann mit Vorliebe auf jeden Zentimeter trockener Unterbekleidung und fügen mit begeisterten, beinahe wahnsinnig strahlenden Augen hinzu: “Schützt auch vor Griesgram!”. Der gemeine Berliner arbeitet an diesem gut gelaunten Problem, indem er ihm sofort nach Betreten des Hausflures seinen klatschnassen Langhaarhund auf die Fersen hetzt. Das ist sein ganz privates Glück, für die Zeit des sich trocken schüttelnden Hundes neben dem sich soeben entkleidenden Gummimenschlein erfährt er einen Hauch von Genugtuung, während der verschreckte Goretexfan versucht, mit bloßen Händen seine Unterbekleidung vor Spritzern zu schützen. Zurück in der eigenen Wohnung hören Herrchen und Hund unter dem Gerubbel von rauhen, kratzigen Handtüchern den Wetterbericht. Schließlich muss man ja wissen, wie lange dieses beruhigende Gefühl noch anhalten darf. Dass nämlich wieder und wie immer jemand anderes schuld ist an der eigenen Frustration. Der Wettergott nämlich, denn der ist ja bekanntlich ein Arsch.

Einen Haps Haptik

Bei der ganzen Diskussion um Bücher und e-books macht sich mein 2008 bisher ganz gut, was Bücherpapier in meinen Händen so angeht. Meiner Erinnerung nach waren es…

Miranda July: No one belongs here more than you. // Wundervoll.
Klaus Neumann-Braun: Popvisionen // Och.
Lars Weisbrod: Oh wie schön ist Parkhaus 4 // Kollegiös.
Sybille Berg: Habe ich dir eigentlich schon erzählt… // Ratzfatz weg.
Alexander Osang: Lunkebergs Fest // Weiterempfohlen.
Marjane Satrapi: Persepolis. Jugendjahre // Fragmentös.
Dave Eggers: A heartbreaking work of staggering genius // Long lasting.
Nagel: Wo die wilden Maden graben // “Du bist der Chef.”
Tom Holert, Mark Terkessidis: Fliehkraft // Ich fahr nie wieder weg.
Ann & Paul Rand: Sparkle & Spin // Lovely.
Markus Werner: Zündels Abgang // Ähm.
Marlen Haushofer: Himmel, der nirgendwo endet // Nee.
Roger Willemsen: Kleine Lichter // Toller Schwulst.
Detlef Kuhlbrodt: Morgens leicht, später laut // Zu kurz.
Jörg Thadeusz: Alles schön // In der S-Bahn grinsen.
Bill Watterson: Calvin & Hobbes, Feine Freunde // All time heroes.
Ralf Rothmann: Rehe am Meer // Ok.
Christoph Hein: Frau Paula Trousseau // Großartig.
Kathrin Passig, Sascha Lobo: Dinge geregelt kriegen // Och.
Sebastian Glubrecht: Na servus // Tihi.
Markus Werner: Am Hang // Strange.
Peter Handke: Kali // Hm.
Miriam Yun Min Stein: Berlin Seoul Berlin // Teils teils.
Heinz Strunk: Die Zunge Europas // In der S-Bahn laut lachen.

Weitere Empfehlungen anyone?

Dazu kommt noch Uni-Lektüre. Und ein Taiwanreiseführer in Auszügen. Plus Zeitungen. Ich finde Papier ja wirklich ganz gut. Auch wenn die Bäume mich dafür hassen. Aber neuerdings gibt es auch Papier, das ohne jegliches Zutun an Häuserwänden klebt. Dieses Zeug hat es schon in sich. Aber bestimmt ist in dem Papier gar kein wirkliches Papier mehr drin sondern nur Zauberkunststoffextraktklebstoff oder sowas. Jedenfalls fetzt es, irgendwas an die Wand zu klatschen und das bleibt da einfach kleben. Keine Flecken, kein Kleber, just Wunder.

Übergangskind I

Ich bin fünf Jahre Osten und neunzehn Jahre wiedervereinigtes Deutschland. Ich erinnere fünf Jahre nicht und suche seit neunzehn Jahren eine Antwort auf den verwunderten Blick und die Bemerkung: „Wie – DU bist Ossi? Merkt man gar nicht.“ Ich bin 24 Jahre irgendetwas anderes als das.

Es sollte eine Westschule sein. Ich nickte und fragte nicht weiter. In Gesprächen am Kaffeetisch schnappte ich auf, die Lehrer seien ja noch die alten, das System noch in den Köpfen, da müsse ich schon auf eine Schule im Westen der Stadt, das besser für mich. Ich fand die Fahrt mit der U-Bahn nicht so schlimm, man hatte Zeit Hausaufgaben abzuschreiben, was zu lesen oder die Leute in der U8 anzugucken, Strategien beim totalen Gedränge gegen Platzangst zu erfinden, Sekundenschlaf zu üben. Über die Häuser in Reinickendorf wunderte ich mich jedoch, meine Schule war ein Sinnbild der Architektur. Ein netter Altbau mit großen Fenstern, an den ohne Sinn und Verstand ein Neubau gehängt wurde, klotzig und grau mit grünen Fensterrahmen und Glastüren, die mit Plastikgriffen versehen waren. Mein Geschichtslehrer fragte mich dann auch irgendwann, ob ich im Osten groß geworden sei, wenn ich jeden Morgen den Weg von Mitte nach Reinickendorf machte. „Ja“, antwortete ich. „Merkt man gar nicht“, sagte er leise, ging zu seinem Tisch zurück und eröffnete den Unterricht. Ich wusste nichts über ihn außer, dass er ein Kind hatte und neben seinem Beruf als Lehrer noch Taxi fahren musste, um die Familie ernähren zu können. „Merkt man gar nicht“, dachte ich und malte bis zum Ende der Stunde Quadrate an den Rand des Blattes.

Tzänk ju for träwelling

Ich würde gern schreiben: “In ihren Koffern stapelt sich der Verlust.” Aber das tut er nicht, oder ich kann ihn nicht sehen. Jedenfalls wäre es wahrscheinlich nicht wahr. Eher balancieren sie ihren Verlust auf dem Nagelbett. Die verlorenen Vitamine, den Mangel an Zeit und vielleicht auch der fehlende Bezug zu sich selbst. Aufgerissen und spröde

In ihren Koffern und Taschen hingegen stapeln sich Sachen und Dinge, die es wert sind mitgenommen zu werden. Heiligtümer in unterster Schublade. Und dazu noch solche, die mit müssen, ob man will oder nicht: die Powerpoint-Folien mit den Fotos von Babies, in denen Schläuchen stecken, auf denen es um Schmerztherapie bei Kleinkindern geht, und schräg gegenüber der Laptop mit den Korrekturbögen für die Klausur der Zehntklässler, daneben nur ein Aktenordner, etwas zu trinken, zu essen, ein Kreuzworträtsel oder das abgefahrenste, bunteste Sudokuheft, das es am Kiosk gab. Bedürfnisbefriedigung und Soll-Muss-Kann-Leistungen. Mittendrin immer ein Kompass der Neuzeit, stets am Körper, um nicht verloren zu gehen. Der Kompass und sie selbst. Laptop und Handy. Vielleicht oben drauf noch eine Zeitung für die Verortung und Kategorisierung der anderen.

Schnupfen haben heute fast alle. Der Mann schräg gegenüber macht sich sein zweites Bier auf und legt behutsam ein Taschentuch über die Öffnung, damit nichts spritzt. Alle fügen sich ohne Murren in meine innere Typologie der Handy-Klingeltöne. Zeig mir, wie du klingelst, und ich sag dir, wer du bist. Wir haben Polka und Trance, ein gickerndes Lachen und Geige, einmal Spongebob. Pepsi- und Kaffeebecher werden durch die Gänge getragen, hin und wieder ein Kind. Man könnte auch schreiben: Sie haben Sehnsucht dabei. Vielleicht. Aber die Zahlenschlösser an den Koffern funktionieren noch tadellos nach all den Jahren. Obwohl die Farbe der Zahlen langsam und leise abbröckelt mit jeder Reise ein bisschen mehr. Verblasst. So lange geht das jetzt schon so. So lang.

Was auf die Ohren

Noch ist keine Zeit für Ohrenschützer oder Ohrenklappenmützen. Also Kopfhörer aufsetzen, rausgehen und zuhören. Rettet einem mitunter so manchen Tag.

1. Ef
Long time no see. Ewig vernachlässigt. Nun wieder herausgeholt und innerlich gejubelt.

2. Uzi & Ari
Mit der neuen Platte, die seit kurzem draußen ist, kämpfe ich noch. Ist mir zu glatt, zu seicht, zu durchkomponiert, zu einsnachdemanderen. Außerdem singt Mr. Ben Shepard immer sofort los, in fast jedem Lied, und sowas treibt mich ja zum Wahnsinn. Zum Glück gibt es ja noch das alte Album.

3. Liger
Neuentdeckung dank Lars. Kommen aus Wien und machen großartiges Zeug. Vor allem zu empfehlen: Me Protools You Jane. Erinnert zudem an alwaysandforeverheroeoftheweek Matt Berninger.

4. Jack Conte
Hat die wunderbarste Mischung von Aphex Twin und Bright Eyes hinbekommen. Ist nun mit einem eigenen Album dabei. Finde aber bisher, das mit dem Samplen und Verdrehen von alten Sachen kann er noch ein bisschen besser als eigene Songs.

5. The Album Leaf
Gerade wieder hoch oben im Kurs, weil ständiger Soundtrack meiner momentanen VorDemEinschlafenSerie. Immer und ständig. Begleitet mich ja nun auch schon seit Jahren. Auch auch das Motiv auf dem Arm von Herrn LaValle wäre das einzige Motiv eines Tattoos für mich (das ich mir aber sowieso nie nie nie stechen lassen werde). Dafür filmen die Jungs jetzt, was sie so auf Tour erleben.

Die Geschichte zwischen den Zeilen

Vor kurzem bekam ich von einer Abschlussarbeit im Bereich der Medienpsychologie erzählt und nach ein paar Minuten Gespräch waren wir schon bei Blogs und meiner Frage, ob schon einmal jemand untersucht hat, wie es aussieht mit den LeserInnen, wenn sie Blogs verfolgen, weil sie vermuten, hoffen, fürchten, denken, es würde dort über sie geschrieben, sie fänden dort Anhaltspunkte für ihr eigenes Leben im Privaten und Gefühlten, ja, vielleicht eine Projektionsfläche, eine Person, die einen Raum gibt, den man selber füllen kann mit Ideen zur ihrer Persönlichkeit, weil man sonst niemanden trifft, der ist, wie man es sich vielleicht wünscht. Ich wüsste gern, ob jemand das mal untersucht hat, dieses Lesen von Blogs in Hinblick auf die Emotionalität der LeserInnen, das Weiterstricken von Wunschvorstellungen, indem man ein Blog liest, vielleicht von einer Person, die man wirklich kennt, oder von Unbekannten. Um andere Seiten zu entdecken, vielleicht ein Leben zu verfolgen, zu dem man schon längst nicht mehr gehört, vielleicht aus Kontrollwahn heraus oder Neugier, aus dem Wunsch nach Aufmerksamkeit, die man so eventuell noch erhalten kann, vielleicht aus der Lust an der Vollendung einer Sache in Gedanken, die im wirklichen Leben liegengelassen wurde. Vielleicht um jemanden zu haben, der einem erzählt, wenn einem sonst niemand erzählt, oder nicht so, wie man es gerne hört. Ich wüsste gern, ob sich schon einmal jemand mit diesem Thema medienpsychologisch auseinandergesetzt hat, mit den Lesern, die etwas suchen oder an etwas festhalten, mit ihrer Anonymität den Schreibern gegenüber oder ihrem Wunsch, Dinge in Worte hinein zu interpretieren, die vielleicht niemals intendiert waren. Manchmal mit ihrer Neigung, Geschichten eine Realität zuzusprechen, die sie nicht hatten, einen Existenzcharakter, den es nur in der Phantasie gibt. Mit ihrer Freiheit vor dem Bildschirm als meistens völlig unsichtbarer Nutzer eines Text- und Bildangebotes und ihren Handlungsspielräumen und Motivationen, vor allem aber auf Ebene des Gefühlshaushaltes und ihrem Bezug zu den AutorInnen, den Grenzen zwischen Fiktion und Realität sowie Deutungsperspektive.

Falls da jemand etwas zuhause rumfliegenflatternliegen hat, dann würde ich mich herzlichst samt Luftsprung freuen, wenn er mir dies zukommen ließe bzw. mich darauf aufmerksam machen könnte. Schüttelt man als Blogautorin doch hin und wieder den Kopf, wenn man so mitbekommt, was die Menschen sich in einen selbst hineindenken, -wünschen, -interpretieren und -projizieren.

Regurgitation

Es gibt ein großes Burger-Unternehmen, das in diesen Tagen Stellenanzeigen in Tageszeitungen schaltet und damit Dozenten für eine Einrichtung sucht, die den Jungs im Land mehr Männlichkeit beibringen soll. “Die Verweichlichung der Männer schreitet immer schneller voran”, sagt der alte Mann mit Fliege, Pullunder und unmöglicher Frisur, während hinter ihm sein Feindbild im Ballettanzug und Schläppchen herumtanzt. “Gleichzeitig dringen Frauen in die letzten Rückzugsräume der Männer ein. Da können und dürfen wir nicht tatenlos zusehen.” Und mir kommt es gleich hoch.

“Hier bin ich Mann, hier darf ich sein” steht auf dem Schild neben dem Opa mit den gefalteten Händen und ich erinnere mich an meine Zeit in der Agentur vor mittlerweile drei Jahren, als es darum ging, einen Fernsehsender für Männer in Deutschland einzuführen und eine Problematik zu erfinden, die die Kampagne als Lösung erscheinen lässt. Damals schon geisterte der gebeutelte Mann auch durch die Feuilletons großer Zeitungen, vor allem aber durch das komplette Vorabendprogramm. Dann kam der moderne Mann auf die Bildfläche, alle beruhigten sich wieder und Elternzeit wurde mit langsamerem Puls in Anspruch genommen.

Dem Burger-Konsumenten scheint man diese Entwicklung nicht zuzutrauen und stopft ihm weiter steinzeitliches Gehabe ins Maul. Während ich mich kopfschüttelnd frage, ob diese Kampagne funktionieren wird, wenn sie dazu Anzeigen in der SZ schalten und einen alten Mann hinstellen, der nichts, aber auch gar nichts mit dem propagierten Mannbild zu tun hat, denn das kämpft, grillt, öffnet BHs und verweigert Salat. Ich geh mal kotzen.

Die Sache mit der zweiten Hälfte

Es ist so nett, wie sie jedes Jahr wieder gleich aussehen in ihrem Geschwafel von Besinnung und ihrem Kaufrausch, von dem sie mit Taschen voller Stinketeelichter und weiterem Nippes zurückkehren. Dieser abschätzende Blick an den Supermarktregalen, die direkt vor den Kassen stehen, damit auch jeder versteht, dass in zweieinhalb Monaten Weihnachten ist, ja in anderthalb Monaten schon Dezember, damit auch niemand vergisst, kurz die Finger auszustrecken und über die knisternde, knackende und so unangenehm Raschelknurpselfolie gleiten zu lassen. Und immer wieder diese kleinen Schokoladenringe mit winzigen, bunten Kügelchen drauf, die niemandem schmecken, die aber jeder kauft, weil sie dazugehören, weil es auch die geben muss, die übrig bleiben wie beim Fußball am Ende auf dem leeren, krümeligen Keksteller.

Dieses Gerede im September von Silvester, das Abscannen der Schaufenster und mit welchem Hauruck die Sommermode in der Schublade verstaut wird, daneben ein Seufzen, das mit dem Harmonietee regelrecht genossen wird. Man kauft den Zucker jetzt an kleinen Holzstielen, kippt tonnenweise Zimt in den Kaffee, Frauen mit Filzmützen tragen ständig Tüten voller Nüsse mit sich herum und erzählen jedem, wie gut der alte Nußknacker noch funktioniert. Und sowieso von früher. Man könnte diese bunten Blätter auch einfach schön finden, das neblige Licht am frühen Morgen und dass man eigentlich jedes Jahr wieder die Chance hat, sich von diesem vorwurfsvollen Blick freizumachen, der auf einem landet, wenn man auf Marzipan noch keine Lust hat. Jedes Jahr neu kann man sich verabschieden von dieser eingekauften Wehmut und sich ans Meer oder auf einen Berg stellen und sich einfach freuen auf das, was kommt. Ob man dabei jetzt eine Mütze tragen muss, ist ja eigentlich egal.

Home is where the party is.

Es wummert unter den Füßen, ich komme mir vor wie in einem schlechten Film, hatte den Club vergessen, der da natürlich heute nicht zum ersten Mal ist, aber wenn ein langer Tag zu Ende geht, läuft man an den Orten einfach nur so vorbei, ohne sie wahrzunehmen. Und dann wuseln plötzlich tausend breit grinsende und tanzende Leute an mir vorbei, lautes Kreischen und Schreien, hysterisches Lachen und dumpfe Beats. Ich kämpfe mich hindurch, entfliehe der Hand, die meine fassen und mich mitziehen will. Nur nach Hause. Das ist woanders in der Stadt, zu der soetwas gehört, die lauten Menschen und Straßen und entgegen all der Zeitungsartikel und Klischees auch die glücklichen, die die dem Glück entgegen gehen, wenn sie herkommen, die suchenden, die vielleicht dabei auch scheiternden, aber auch die, die sich nicht einfach abfinden. Hier ist Zuhause, weil es sich manchmal eben überhaupt nicht so anfühlt.