
Denn ich weiß, wie ich Füße und Hals warm bekomme. Als Kind wäre ich in diesen Tagen aufgeregt herumgelaufen und hätte in allen Schubladen nach gutem, laternentauglichen Papier gesucht. Wahrscheinlich wären mir die Finger beim Basteln zusammen geklebt und es hätte noch ein paar Tage danach auf den Kuppen weh getan, weil die Haut es nicht ausgehalten hat und sich leise, aber fies aus dem Staub gemacht hätte. Aus der Sache mit den Laternen wächst man raus, die Haut rund um die Fingerkuppen kann man sich aber dennoch abknibbeln, auch wenn man das nicht mehr mit Klebstoff machen muss. There are several ways to. Jaja.
Und ich habe keine Angst, denn es gibt Wollsocken und im Supermarkt die ersten Weihnachtsperversitäten. Ältere Frauen mit (ja, passend) Wollmützen kaufen also schon Marzipankartoffeln und reißen die Tüte direkt hinter der Kasse auf, um der Kassiererin eine anzubieten, denn diese hat dem Akzent und den großen Augen nach soetwas noch nie gesehen. Etwas zögerlich steckt sie sich das kleine, braune Ding in den Mund, um dann einen genüsslichen Laut auszustoßen, der nach Werbung klingt. In welchem Gang die stehen würden, fragt sie die ältere Dame noch, denn davon müsse sie unbedingt auch welche mit nach Hause nehmen. “Zweiter Gang, rechtes Regal, hinten bei den Weihnachtssachen”, sagt die Frau. Und als sie die Tür aufschiebt: “Is aber noch ned Weihnachtn, ge?”. Kopfschüttelnd verschwindet sie in der Dämmerung, während die Kassiererin sich kurz unbeobachtet glaubend noch einmal die Finger ableckt.
Ich habe keine Angst, denn es gibt Schokoladenkuchen mit Früchten drin und Schokostreusel. Die Menschen senken die Köpfe, wenn es dunkel wird, und schließen die Kragen. Sie kommen mit kalten Nasen zur Tür herein und dampfen fast, wenn es drinnen warm ist. Sie gehen wieder Arm in Arm und nicht mehr Hand in Hand. (Was man allerdings verdrängen muss, ist, dass ich letztes Jahr um diese Zeit im kurzen Kleidchen durch die Toskana gestiefelt bin. Bei Hitze. Aber Veränderungen eine Chance, ich hab keine Angst, ich bin vorbereitet, um die Ecke ist ein Papiergeschäft und diese elende Schwitzerei hat auch endlich ein Ende. Komm doch, Herbst, ich bin schon da.)
Liz hat es verfasst, und zwar am 16. September 2008 um genau 18:52
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Immer wieder taucht sie auf, die Frage nach den Kompromissen und die Geschichte, an deren Ende du dich selbst an der Kreuzung stehen siehst, den Blick auf die verschiedenen Straßennamenschilder gerichtet, während es um dich herum wuselt, das Rot-Grün sich abwechselt, bevor du überhaupt einen Schritt tun kannst. Und die Menschen rennen dazu im gleichen Takt, schleppen ihr Hab und Gut von A nach B und sehen dabei so unglaublich souverän aus, wie sie keinen Blick nach links und rechts werfen. „Nicht auf die Füße gucken, sondern dorthin, wo du hin willst“, hat die Sportlehrerin beim Schwebebalken immer gesagt. Drauf gestiegen ist sie selbst nie. Und man steht so, niemand rempelt einen an, und die Gesichter kann man sich vielleicht noch merken, die Namen dazu nicht mehr, man steht halt und zweifelt.
Kann das so weitergehen mit der monatlichen Berechnung, die keinen Platz lässt für kostspielige Spontaneitäten? Bin ich zu unflexibel oder einfach noch nicht so weit? Do you have to search and fight for what you love? Oder suche ich mir doch einen Job, der einfach ist, mich aber nicht packt? Lehne ich mich zurück? Warte ich zuviel? Wann komme ich an? Oder suche ich in der falschen Ecke nach einer Aufgabe, die mich so packt, wie ich es mir vorstelle? Bin ich zu anspruchsvoll oder habe ich zu wenig Erwartungen? Verbaue ich mir etwas, wenn ich mich an der Uni nicht wohlfühle und mich nur so durchschleuse wegen dieses blöden Abschlusses, der am Ende wahrscheinlich doch niemanden interessiert? Und wo führt das hin? Gibt es überhaupt den Beruf, die Arbeitsweise, die Aufgabe, das Projekt, die Herausforderung, die mich zufrieden stellt? Should I stay or should I go?
Die Sache ist, etwas muss sich ändern. Die andere Sache ist, dass alle immer sagen: Später. Und: Das wird schon. Und: Mach dir mal nicht so viele Sorgen. Und: Das ergibt sich. Und: Du darfst nicht so hohe Ansprüche haben. Und: Du bist doch gut in dem, was du machst. Die Frage, die sich daran anschließt, bei der sie sich dann aber meist schon wieder einem anderen Thema zugewandt haben: Warum fühlt es sich nicht so an? Und dann steht man an dieser Kreuzung und will keinen Fehler machen und sieht die Zeit vergehen und plötzlich ist wieder ein Jahr vorbei und man steht immer noch da. Die Zweifel sind noch immer dieselben.
Dabei würd ich gern einfach mal wieder grinsend dastehen, jemandem die Hand entgegen strecken, sagen “Hallo, ich bin die Neue”, bleiben, etwas wachsen sehen, Feedback bekommen, mich beweisen und am Ende ein Ergebnis sehen. Ein gutes.
Liz hat es verfasst, und zwar am 16. September 2008 um genau 11:25
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