Durchsichtiges wirft keine Schatten

In Berlin säße ich nicht an so einem Ort, nicht an einem Montagmorgen um acht. Vielleicht hätte ich die Sonne aufgehen sehen, aber dann hätte ich wahrscheinlich noch nicht geschlafen, stünde auf einer Brücke, spürte den letzten Alkohol, vielleicht auch schon nicht mehr, vielleicht wartete ich auf die ersten frischen Brötchen, während sich irgendwo in der Ferne das orange-rote Licht erhebt, über die Kanten der Hochhäuser klettert und leise wieder das Grau sichtbar macht und die Farben darüber. Ich säße dort nicht in einem Schaufenster auf einer Holzbank, mehrere Stunden, während die anderen alle nur ein paar Minuten bleiben, manchmal eine Viertelstunde. In Berlin kämen sie auch, sie kämen schlangenweise, aber niemand würde warten, alle ließen sich ihr Getränk in einen Pappbecher füllen, pfropften einen Plastikdeckel drauf und würden losgehen bzw. weiter. Hier trinken alle ihren Kaffee aus einem Glas. Alle setzen sich kurz oder blättern am Stehtisch durch die Zeitung. Aber die Hast ist hier eine andere. In jeder Bewegung liegt die Möglichkeit eines Richtungswechsels, der Halt ist einkalkuliert, kein Versehen. Dafür läuft hier Abba, so leise jedoch, dass das Überhören nicht schwer fällt. Der Metzger vom Stand gegenüber holt sich seinen Kaffee, die blaue Tasse dafür bringt er mit und trinkt im Stehen und mit einer Zigarette vor dem Hintereingang.

Ich gehöre nicht dazu, niemand sieht mich. Ich unsichtbar kann in jedes Gesicht schauen, durch jede Tür gehen, jeden Raum betreten, während die Händler ihre Stände aufbauen. Und wenn es sie doch wundert, weil ich hier sitze mit einem Rechner auf dem Schoß und der Zeitung daneben sowie einem Buch, wenn sie mich nicht tippen hören, aber tippen sehen, dann schauen sie gleich wieder weg, denn eigentlich sehen sie mich nicht. Ich unsichtbar gehe durch jeden hindurch, von ihren Blicken spüre ich nichts, aber wenn ich jemanden anschaue mit der Scheibe als Schutzwall, dreht sich der eine oder andere verwundert um, lässt seinen Blick über die Bauchhöhen schweifen und findet mich nicht. Ich sehe sie alle.

Sie essen Mohnbrötchen mit Salat und Tostadas ohne. Sie lesen, wie Hamilton um den Sieg betrogen wurde, und alle titeln Beck. In ihnen rattert der Tag in seinen Terminen, vielleicht die letzte Nacht noch, vielleicht mit jedem Montag ein Lebenszweifel, einer mehr oder weniger, zwei Finger in der Hosentasche gekreuzt. Ich habe Zeit und niemand kennt mich hier. Vogelschwärme über dem gelben Kran, einer zählt sein Geld in der Hand mit derselben, an der anderen baumelt die rote Plastiktüte im Takt der Glocken gegen sein Knie. Die andere auf dem Fahrrad zieht die Stirn in tiefe Falten, ihr hellblauer Schal rutscht fast von der Schulter, keine Spatzen weichen ihr aus. Wo in Berlin so viele Vögel wären, frech und vor den Fußspitzen tanzend, ist hier nichts. Hier ist wach, wenn man in Berlin noch schläft. Immer kann ich die Glocken ahnen, vertippe mich ständig – ein „Glück“ statt „Glock“ – meine Armbanduhr geht eine Minute vor.

Und am Mittag kann man sich nicht entscheiden, ob man es gut findet, dass es so wimmelt von Menschen, dieses flanierende Hin-und-Her-Geschiebe, das Sich-1000mal-umdrehen und die immer wieder veränderte Schrittgeschwindigkeit der Massen auf dem Viktualienmarkt. Nur einer, der Mann mit der Weste und dem Hut, weiß es. Er sitzt auf seinem Stuhl vor dieser kleinen Botschaft am Max-Joseph-Platz, streckt sein Gesicht ab und an in die Sonne, die Zeitung auf den Knie und hörbar laut atmet er den Soßengeruch ein, der von dort kommt, wo es auch bedächtig mit Besteck klimpert, von den Schirmen, unter denen die touristische Erholsamkeit zu Mittag isst. Wo am Morgen noch bedächtiges Ankommen war, drängeln sich nun die Massen auf dem Viktualienmarkt Arsch an Arsch auf den Biergartenbänken, schmatzend mit fettigen Fingern Fisch und Fleisch in sich hinein schiebend, der Obstverkäufer beobachtet nur, kratzt sich am Kinn, die anderen haben zu tun. Vor der alten Post in der Maximilianstraße nennt mich einer Madame und ich lache, stolpere fast über das Schild, auf dem steht „Coffee to go“. Aber niemand kommt und hat einen Becher in der Hand, am Tisch rühren zwei ältere Damen in ihren Tassen, sodass es klirrt, und bestaunen das Nationaltheater. Und die Bilder in den Arkadengängen des Hofgartens muss man sich zur richtigen Tageszeit ansehen, sonst riskiert man einen Sonnenbrand im Nacken und das Verpassen des Geigers im Dianatempel. Und wenn man Glück hat, fällt einer in den Brunnen, als er sich nur mit der Hand erfrischen will. Ja, wenn man Glück hat, lacht er dabei.

Liz hat es verfasst, und zwar am 8. September 2008 um genau 16:17
Kategorie : München | 4 Kommentare


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