“Bück dich. Heb es auf.”

Es gibt Tage in diesem Jahr, da fällt einem die eigene Regenschirmaversion gewaltig in den Rücken. Lässt einen dann auch noch die Kapuzenliebe im Stich, kann es vorkommen, dass man eine halbe Stunde unter einem Balkon vor einem Schreibwarengeschäftseingang gefangen ist (wo man zwar nass wird, aber nicht so nass, dass es nicht mehr nasser geht). Anfangs guckt man ja dann noch auf die Straße, wo sich die Gullis füllen und die Autos sich den Dreck der letzten Jahre wegmassieren lassen. Hin und wieder rennt ein wie von der Tarantel gestochener Mensch vorbei, mancher zieht seine Schuhe aus und rennt barfuß, Omas geben das Sich-Eine-Plastiktüte-Über-Den-Kopf-Halten auf. Der Hund, der auch unter dem Balkon steht, jault. Das ist dann so zehn Minuten ganz nett, Großstadtromantik, Situationskomik, verlegene Albernheit, alle im gleichen Boot, jaja. Aber danach guckt man dann doch nur in den Himmel und bildet sich alle drei Minuten erneut ein, dass es doch jetzt schon weniger schütte. Tut es nicht, nur die Lebewesen in unmittelbarer Umgebung werden weniger. Schiebt man den Blick dann mal nicht nach oben, fällt er quasi aus Versehen auf den Postkartendrehständer neben einem, der zwar ein bisschen nass geregnet wird, dem das aber nix ausmacht, weil alle Karten hübsch ordentlich in knisternde Plastikfolie eingewickelt sind. Und hätte man gekonnt, hätte man bei dem Anblick sofort das Weite gesucht.

Graphische Grausamkeit schmiegt sich hier eng an textliches Turmspringen mit Bauchklatscher. Sich bei der Kritik solcher materiellen Darmkrankheiten auf die Schriftart zu stürzen, wäre einfach. Und käme mir nicht beim Zitieren sofort wieder etwas Frühstück hoch, man könnte einem Land mit diesen Glückwunschkarten den Krieg ansagen. Auf der einen sitzt ein Frosch auf einem pinkfarbenen Blumentopf, in geschwungener Comic Sans stehen daneben zwei Sätze, die uns in ihrer Ambition und sprachlichen Fertigkeit noch Tage später beschäftigen werden. Ein Glück wie ein Scheißhaufen.

(”Das Glück liegt an jedem Tag des Jahres auf deinem Weg. Bück dich, heb es auf und halte deine Nase tief in seine Blütenblätter.”)