Die Sache ist ja die, dass es so viele Sachen sind.

Monat: September, 2008

Berlin-Marathon

T.

Manchmal muss ich noch an ihn denken. Manchmal fällt er mir ein, wenn der Wagen ein bisschen ruckelt. An T. werde ich mich noch eine Weile erinnern, wenn es zwischendurch langweilig wird. Wenn auf dem Seitenstreifen der Autobahn wieder ein Auto steht, sich nicht mehr bewegt und daneben umso bewegter der Halter hampelt ohne jegliche Ahnung von vor und zurück. Und manchmal, da stehen in den Vorräumen von Einkaufszentren, in den Fluren, wo alle laufen und schieben, da stehen manchmal so arme Figuren an hässlichen Ständen und heben immer mal wieder die Hand wie zum Gruß, sie setzen zu einem Hallo an, aber schaffen es nur bis hinter das A, weil alle schon wieder vorbei gegangen sind. Dann setzen sie wieder an und geben nicht auf, weil sie die drei Kisten unnütze Dinge auf ihrem Stand noch loswerden müssen. Das ist dann auch immer ein T.-Moment.

Schon bei unserem ersten Telefonat hatte ich ein seltsames Gefühl. Ja, er würde in den Süden fahren am Freitag, da sei noch ein Platz, kein Problem, 6 Euro pro 100 Kilometer. Ich war also pünktlich am verabredeten Treffpunkt, die anderen beiden (D. und M.) waren überpünktlich und grinsten. T. erschreckte sich ein wenig in seinem quietschorangefarbenen Lacoste-Polohemd mit hochgestelltem Kragen, als ich ihm zur Begrüßung die Hand geben wollte. Es ging dann auch gleich los, wir verteilten uns und ich kann mir vorstellen, T. fühlte sich ein bisschen gut mit drei Mädels im Auto und ihm selbst am Steuer. Das obligatorische „Was machst du so?“ war gerade in Gang gekommen, als ich zum ersten Mal das Fenster öffnete, weil ein beißender Geruch mir in die Nase stieg. Die Industriekauffrau neben mir war es nicht, die Übersetzerin vorne rechts war es auch nicht. Und ich senkte noch einmal den Kopf, aber war es auch nicht. So blieb nur noch T., der auf mein geöffnetes Fenster hin mal eben das Radio lauter drehte, das ich vorher noch nicht wirklich wahrgenommen hatte, denn wir hatten geredet, aber plötzlich konnte niemand mehr reden, denn wir drei Restinsassen lauschten geschockt einem Technobeat, der untermalt wurde von einer blümchenesken Stimme, die zwei Lieder lang Texte sang wie „Du hast den schönsten Arsch der Welt“ oder „Wenn ich nach deinem Körper schiele, denk ich nur an Doktorpiele“. Verwunderte Blicke unsererseits waren die Reaktion, T. wippte nur mit und ließ den linken Arm mit der Kippe lässig aus dem Fenster hängen. Nach den beiden Hits wurde wieder leiser gedreht und T. erzählte von den letzten fünf Jahren seines Lebens, dass es ihn nach mit seiner Exfreundin nach Ungarn verschlagen habe, sie wollten Steuern sparen, ja, er verkaufe gefälschte Parfums, aber die Qualität sei echt gut, man merke das kaum. T. und seine damalige Freundin haben sich dann getrennt, sie sei ihm zu sehr auf die Pelle gerückt und ja, das Geschäft sei nicht so angelaufen, wie sie sich das erträumt hätten, Frauen seien materialistisch, da sei das nichts mehr geworden mit ihnen und er nach Malle gegangen. Zwei Jahre hat er für die jetzige Bräune gebraucht, aber auf Malle habe das komischerweise auch nicht geklappt, dann sei er wieder nach Deutschland, wo er mal hier mal da wohne, das Geschäft verlange ja Flexibilität. Jetzt wolle er eben in den Süden, um dort Duschbad und Maniküre-Sets zu verkaufen. Sein Großvater habe ihm die vermittelt und der wohne am Berliner Stadtrand. Sie würden öfter zusammenarbeiten, das bliebe dann auch in der Familie.

Wir krochen durch den Feierabendstau und waren gerade hinter Berlin auf der Autobahn, als das Auto begann, seltsame Geräusche zu machen. Ich saß direkt hinter T. und hielt meine Nase bei jeder Gelegenheit aus dem Fenster, ich hatte keine Ahnung, was da auf seinem Tacho abging, aber plötzlich meinte M. neben mir: „Du siehst schon, dass deine Motorleuchte leuchtet, oder?“. T. war verdutzt. Motorleuchte? Was soll das sein? Das, was da blinkt? Achso. Hm. Komisch. Wir hielten am nächsten Parkplatz. Die Motorhaube konnte er noch öffnen, aber auch Kühlwasser und Öl schienen ihm Fremdwörter zu sein, er empfand die unendliche Leere beider Behältnisse als „immer noch im Toleranzbereich“. Wir Mitfahrerinnen füllten nach, T. fuhr los, nachdem er sich ein paar Mal durch die nach hinten gefönten Haare gestrichen hatte. Für das Öl musste er den kompletten Kofferraum ausräumen, auch seine zwei Böcke und den samtblauen Stoff, die Tischplatte, die quasi die Basis seines Geschäftes war. Damit würde er sich hinstellen und drauf dann die beiden kleinen Kisten mit den eingedetschten Maniküre-Sets und irgendeinem Duschbad in weißgrün, „riecht gar nicht so schlecht, ich hab das selber schon mal ausprobiert“, die Aufschrift war auf polnisch.

Die Motorleuchte blinkte erneut und wir wurden neuerdings auch ziemlich durchgeschüttelt, M. befahl T. doch bitte anzuhalten, denn nun qualmte es auch ordentlich aus dem vorderen Teil des Wagens. Nächste Abfahrt raus und auf einer Waldeinfahrt zum Stehen kommen. Quasi für immer, denn jetzt ging gar nichts mehr und der Stress brach in Monsterwellen über K. herein, während wir nur genervt warteten, bis er seiner Beate am anderen Ende der Leitung die Nummer seiner Versicherung abgeluchst und nach einer halben Stunde der Versicherung dann den Sachverhalt verständlich erklären konnte. Eine weitere Dreiviertelstunde hockten wir im Gras in der Frühabendsonne, aßen Müsliriegel und lachten über T., der eine nach der anderen rauchend um sein Auto ging und mit nicht vorhandener Expertise immer mal wieder in den Motorraum schaute, sein goldenes Armband klimperte dabei ohne Unterlass. Das Auto wurde abgeschleppt, T. schien sich mit dem Latzhosenmann sehr gut zu verstehen, der erklärte ihm auch, dass es schon wichtig sei, auf Kühlwasser zu achten. T. raufte sich die Haare. Wenigstens vergaß er seine CD im Auto, als wir letztendlich mit einem Mietwagen in Richtung Süden aufbrachen, als die Sonne unterging. Mit konstanten 100km/h und den grausamen Radiosendern aus Restdeutschland schleppten wir uns in den Süden. Vom Beifahrersitz aus erreichte mich eine SMS mit den Worten: „Das liegt nicht mehr im Toleranzbereich“. T. war etwas verdutzt, als wir uns kurz vor unserer Zielstadt kollektiv absetzen ließen, um die letzten Meter anders zurückzulegen.

Manchmal muss ich an ihn denken, wenn wieder einer da steht an irgendeiner Ecke und Kontaktlinsenlösung verkaufen will. Mit einer Platte auf zwei Böcken, über die zwei Rollen Geschenkpapier gelegt wurden, „damit´s nach was aussieht“. Seine Freundin habe per Kurzmitteilung mit ihm Schluss gemacht damals. Und mich erreichte von D., die vorne sitzen musste, noch eine weitere Nachricht: „Die Frau kann ick verstehen“. Ein bisschen tat er mir leid, um kurz nach Mitternacht.

Das Stadion (an der Schleißheimer Straße)

Es gibt Orte, die muss man lieben, obwohl man nicht will. Aber die nehmen einen ohne zu fragen in Beschlag, man könnte weglaufen, aber dann stünde man draußen und da wäre es kalt und für weitere Experimente kannte ich in meinem Fall die Stadt noch nicht gut genug. Also am Ort geblieben und am Ende nicht bereut. Und wenn man so empfangen wird, kann man auch nicht einfach wieder zur Türe rausspazieren.

Und dann warten ein exklusiver Blick vom Dingsarenastuhlpodest, eine außerordentlich zuvorkommende Bedienung, die einem ständig Hinterbimmser vor die Nase stellt, sowie Gerichte wie “Fleischlappen” und “Schichtpimmel” auf einen. Kollektiv eingekuschelt kann man dann auch 2:5-Spiele angucken ohne umzufallen. Es sei denn, Mikey kommt rum, lehnt sich über deinen Stuhl und erzählt dir, dass Noel und Liam unterschrieben haben, er dürfe jeden Tag eine Flasche Rotwein trinken. Aber dann kann man immer noch auf´s mit rosa Plüsch ausgestattete Damenklo flüchten und diverse Fußballspieler ohne Bekleidung angucken, runterkommen und danach vielleicht noch einen Hinterbimmser trinken.

What you see is what you get

Gerade noch so in München am Samstag habe ich mir den Wiesn-Auftakt natürlich nicht nehmen lassen. Es soll zwar Fußballblogger geben, die sagen, auf so eine Deppenveranstaltung würden sie nie gehen - ich dennoch würde das. Man kann sich gegenseitig darin übertreffen, die maximale Laufweite der ersten Volltrunkenen um halb eins auf den Meter genau abzuschätzen sowie auch ihren Fall- und Kotzradius. Zudem riecht es so wunderbar nach Weihnachten und da das Wetter im Gegensatz zu vor zwei Jahren dieses Mal nun eher kühl daherkommt, kann man ebenfalls den Kindern dabei zuschauen, wie sie sich wahlweise Zuckerwatte oder kandiertes Irgendwas in die Schals und Mützen schmieren. Ebenso wunderbar sind die Mädchen anzuschauen, die sich in den kurzen Dirndln und ohne Strumpfhose, Jacke oder sonstiges wärmendes Anziehzeug in kürzester Zeit die Gänsehäute der Saison holen und um die Wette zittern, während ihren Begleitern im Humtatatakt die Hosenträger rutschen und sie sich auf dem Toboggan auf die Fresse legen. Ein Fest wie kein anderes…

…mit Touristen…

…tierischen Topfrisuren…

…traurigen Topmodellen…

…großen Fans…

…und neuesten Trends.

Und danach die Charlatans live. Eine Mischung allererster Kajüte.

Nach hinten um.

Es knackt, wenn man die Kopfhörer aufsetzt. Das Plastik biegt sich nicht unhörbar, der etwas klebrige Schutzstoff legt sich in Falten über die Ohrmuschel, während man abbiegt und nicht nach der Richtung schaut. Schon schaut, aber nicht noch einmal prüft, die Karte nicht noch einmal auspackt. Manchmal genügt es schon zu sehen, wie der Bodenbelag sich verändert, die Farbe und Struktur wechselt, Linien in Anordnungen, man hat die Sache mit der Ordnung hier sehr gern. Dennoch findet man die kleinen Orte des Chaos´ im Vorübergehen. Mehr aus Versehen als in der Suche. Die offenen Schnürsenkel, die nicht bemerkt werden. Die Hinterhöfe, in denen die Geradlinigkeit jeden Winkel in Beschlag genommen hat und ein hineingewehter Zettel schon zum Rebellen wird.

Es macht Geräusch bei jedem Schritt irgendwo hinter der Musik, der Lärm eines Autos hin und wieder legt sich genauso auf´s Pausenbrot wie das Rascheln der dazugehörigen Plastiktüte, der Beat baut sich selbst, die Füße folgen und die Quadratlatschenmuster. Und in dem Gefühl der Fremde richtet man sich schnell ganz gut ein, weil einen niemand fragt, weil man selbst niemanden fragt, weil man vielleicht mal lächelt und dann weitergeht ohne jede Verzögerung, man nimmt alles mit. Schluckt ohne das krachende, piekende Gefühl der einzelnen Stücke, weil man im Ganzen isst. Das Beißen und Zerteilen überlässt man lieber den Übriggebliebenen, den anderen, die die Pause brauchen, während man sich weiter an Hauswänden herumdrückt, den Duft von Wasser manchmal erahnt, Fluss und Pfütze und Regen verwechselt, nicht mehr aufatmet, wenn die Sonne sich mal blicken lässt, weil man eh die ganze Zeit aufnimmt, einsaugt, ohne einen Schalter umgelegt, einen Hebel betätigt zu haben. Es passiert einfach.

Und man kann sich an den Rand des Gefühls stellen, sich darin spiegeln, die Oberfläche auf sich wirken lassen, ihm den Rücken zukehren und ein bisschen unsicher sein. Aber nichts ist dem ähnlich, wenn man in die Fremde fällt, nichts ist weicher für die Reisepassstempelseele als die flauschige Kapuze einer neuen Stadt, in der niemand Fragen stellt, die ohne Kabel auszukommen scheint, die einen mit dem Zurückgelassenen verbinden könnten. Und es nimmt sich nicht aus, nach einigen Tagen manche Straßen wiederzuerkennen, man baut sich aus Puzzleteilen ein anderes, projektionsloses Motiv. Irgendwas ohne Schatten. In irgendeiner Richtung.

Ich habe keine Angst

Denn ich weiß, wie ich Füße und Hals warm bekomme. Als Kind wäre ich in diesen Tagen aufgeregt herumgelaufen und hätte in allen Schubladen nach gutem, laternentauglichen Papier gesucht. Wahrscheinlich wären mir die Finger beim Basteln zusammen geklebt und es hätte noch ein paar Tage danach auf den Kuppen weh getan, weil die Haut es nicht ausgehalten hat und sich leise, aber fies aus dem Staub gemacht hätte. Aus der Sache mit den Laternen wächst man raus, die Haut rund um die Fingerkuppen kann man sich aber dennoch abknibbeln, auch wenn man das nicht mehr mit Klebstoff machen muss. There are several ways to. Jaja.

Und ich habe keine Angst, denn es gibt Wollsocken und im Supermarkt die ersten Weihnachtsperversitäten. Ältere Frauen mit (ja, passend) Wollmützen kaufen also schon Marzipankartoffeln und reißen die Tüte direkt hinter der Kasse auf, um der Kassiererin eine anzubieten, denn diese hat dem Akzent und den großen Augen nach soetwas noch nie gesehen. Etwas zögerlich steckt sie sich das kleine, braune Ding in den Mund, um dann einen genüsslichen Laut auszustoßen, der nach Werbung klingt. In welchem Gang die stehen würden, fragt sie die ältere Dame noch, denn davon müsse sie unbedingt auch welche mit nach Hause nehmen. “Zweiter Gang, rechtes Regal, hinten bei den Weihnachtssachen”, sagt die Frau. Und als sie die Tür aufschiebt: “Is aber noch ned Weihnachtn, ge?”. Kopfschüttelnd verschwindet sie in der Dämmerung, während die Kassiererin sich kurz unbeobachtet glaubend noch einmal die Finger ableckt.

Ich habe keine Angst, denn es gibt Schokoladenkuchen mit Früchten drin und Schokostreusel. Die Menschen senken die Köpfe, wenn es dunkel wird, und schließen die Kragen. Sie kommen mit kalten Nasen zur Tür herein und dampfen fast, wenn es drinnen warm ist. Sie gehen wieder Arm in Arm und nicht mehr Hand in Hand. (Was man allerdings verdrängen muss, ist, dass ich letztes Jahr um diese Zeit im kurzen Kleidchen durch die Toskana gestiefelt bin. Bei Hitze. Aber Veränderungen eine Chance, ich hab keine Angst, ich bin vorbereitet, um die Ecke ist ein Papiergeschäft und diese elende Schwitzerei hat auch endlich ein Ende. Komm doch, Herbst, ich bin schon da.)

Tip Toe Walk

Immer wieder taucht sie auf, die Frage nach den Kompromissen und die Geschichte, an deren Ende du dich selbst an der Kreuzung stehen siehst, den Blick auf die verschiedenen Straßennamenschilder gerichtet, während es um dich herum wuselt, das Rot-Grün sich abwechselt, bevor du überhaupt einen Schritt tun kannst. Und die Menschen rennen dazu im gleichen Takt, schleppen ihr Hab und Gut von A nach B und sehen dabei so unglaublich souverän aus, wie sie keinen Blick nach links und rechts werfen. „Nicht auf die Füße gucken, sondern dorthin, wo du hin willst“, hat die Sportlehrerin beim Schwebebalken immer gesagt. Drauf gestiegen ist sie selbst nie. Und man steht so, niemand rempelt einen an, und die Gesichter kann man sich vielleicht noch merken, die Namen dazu nicht mehr, man steht halt und zweifelt.

Kann das so weitergehen mit der monatlichen Berechnung, die keinen Platz lässt für kostspielige Spontaneitäten? Bin ich zu unflexibel oder einfach noch nicht so weit? Do you have to search and fight for what you love? Oder suche ich mir doch einen Job, der einfach ist, mich aber nicht packt? Lehne ich mich zurück? Warte ich zuviel? Wann komme ich an? Oder suche ich in der falschen Ecke nach einer Aufgabe, die mich so packt, wie ich es mir vorstelle? Bin ich zu anspruchsvoll oder habe ich zu wenig Erwartungen? Verbaue ich mir etwas, wenn ich mich an der Uni nicht wohlfühle und mich nur so durchschleuse wegen dieses blöden Abschlusses, der am Ende wahrscheinlich doch niemanden interessiert? Und wo führt das hin? Gibt es überhaupt den Beruf, die Arbeitsweise, die Aufgabe, das Projekt, die Herausforderung, die mich zufrieden stellt? Should I stay or should I go?

Die Sache ist, etwas muss sich ändern. Die andere Sache ist, dass alle immer sagen: Später. Und: Das wird schon. Und: Mach dir mal nicht so viele Sorgen. Und: Das ergibt sich. Und: Du darfst nicht so hohe Ansprüche haben. Und: Du bist doch gut in dem, was du machst. Die Frage, die sich daran anschließt, bei der sie sich dann aber meist schon wieder einem anderen Thema zugewandt haben: Warum fühlt es sich nicht so an? Und dann steht man an dieser Kreuzung und will keinen Fehler machen und sieht die Zeit vergehen und plötzlich ist wieder ein Jahr vorbei und man steht immer noch da. Die Zweifel sind noch immer dieselben.

Dabei würd ich gern einfach mal wieder grinsend dastehen, jemandem die Hand entgegen strecken, sagen “Hallo, ich bin die Neue”, bleiben, etwas wachsen sehen, Feedback bekommen, mich beweisen und am Ende ein Ergebnis sehen. Ein gutes.

Sensorische Deprivation

Es gibt hier kaum Bäume, also so nebenbei, es gibt sie am Fluss und in Haufen, an den Straßenecken und in eigens dafür abgezäunten Arealen, aber kaum zwischendurch. Ich habe mich eine Weile wundern müssen beim Anblick der Seitenstraßen, die so sauber und unangetastet da liegen, in denen nachmittags kaum jemand auf den Bürgersteigen ist und man sich temperaturunabhängig ein bisschen fühlt wie in Spanien mit dieser seltsamen Stille der Siesta, ich musste schon etwas überlegen, um zu wissen, was mir fehlte, bis mir aufging, dass es die Bäume sind. Es scheint, als habe hier alles seinen Platz, und dort, wo eben die Straße ist, die schmalekleinesaubere Straße mit den blanken Fassaden ohne Buntstift darauf, nicht einmal Blumenkästen oder soetwas, nur heller Stein, da sind die Bäume eben nicht, da würden sie vielleicht auch platztechnisch nicht hinpassen, dennoch muss man immer bis ganz nach hinten schauen, bis ans Ende gehen meistens.

Und die Stille der Nachmittage in den Seitenstraßen ist auch nur eine unmittelbare, die es nicht bis in die Ferne schafft, wo es noch rumpelt und rattert, auf den großen Wegen hört der Verkehr nicht auf. Als habe jemand Arme und Beine stillgelegt und überließe dem Bauch die ganze Arbeit. Als habe jemand die Schleusentore geschlossen, aber dahinter höre man, wie sich das Wasser staut und Wellen macht, um dann später umso heftiger zu fallen und zu fließen. Als spare irgendjemand Kraft. Und ihre Motorräder beschützen sie sorgsam mit Planen, überall stehen gewickelte Haufen aus Plastik herum, in dunkelrot und schwarz. Daneben sitzen sie dann beim Mittagessen und oft reden sie dabei nicht miteinander. Sie klimpern und stochern, kauen und spießen und schauen. Aneinander vorbei oder sich an, vielleicht den vorbei schlendernden Damen auf die Kniekehlen, aber selten verlieren sie dabei ein Wort.

Die spinnen, die.

Don und Isabo haben die Pressemitteilung, die SZ dann noch ein längeres Stück.

„Der Bundesrat fordert, dass die Künstlersozialversicherung abgeschafft oder zumindest unternehmerfreundlich reformiert wird.“

(Von Don: “Gegen die Empfehlung haben sich folgende Länder gewandt: Hamburg, Nordrhein-Westfalen, Mecklenburg-Vorpommern, Rheinland-Pfalz, Sachsen und Thüringen. Enthalten haben sich: Bayern, Berlin und das Saarland.”)

Kopfschütteln. Immer dann, wenn man glaubt, man habe die eigene Stadt verstanden, streckt sie einem galant den Mittelfinger entgegen. Berlin ist schon manchmal unverschämter als seine Gören.

Long-Distance-Rates

Nein, kein Club sei das, schrieb Björn Kleinhenz, als ich noch am Küchentisch vor dem Rechner saß. Und später lief ich S. und R. einfach hinterher, weil ich noch immer keine Orientierung habe und im Dunkeln den Blick nur auf den Lichtern, während sich das Kartengedächtnis in lautes Lachen auflöst. Glücklich sieht er aus, die Welt ist ein Dorf, denn der, in dessen Wohnung wir plötzlich stehen, kennt meinen neuen Büronachbarn wiederum, den ich nur flüchtig kannte, als ich damals zu Björn nach Göteborg fuhr. Er steht dort wie vor Jahren schon, die Fußspitzen nach außen gedreht wie beim Ballett und den Autoschlüssel an der Hose. “Leipzig Lover” spielt er nicht, aber “1,2,3″ und dann das Lied, das heißt wie die Straße, wo er seit Jahren wohnt. Wo ich auch war. Wo die Möwe jeden Morgen zum Frühstück kam durch das Loch im Dach der Terrasse. Und der, dem das Lied an diesem Abend gewidmet ist, starb vor zwei Wochen. Und ich brauche ein Weile, um mich an sein Gesicht zu erinnern und an den Sommer vor zwei Jahren. Eine unwirkliche Situation ist es da in dieser Wohnung direkt neben der Maximilianstraße, mit diesem großen Balkon, den Blumen an der Wand und einem unglaublich tollen Schrank. Sie fahren noch in die Schweiz und nach Österreich, Björn und seine Freundin, dann in einem Kreis wieder nach Schweden zurück. Und noch immer hat er diesen Ton an sich, wenn er Deutsch spricht, diese zurückhaltende Bemühung und die geschürzten Lippen dabei.

(S. und L. waren auch da.)