Sitze mit meinem Lieblingsmittagessensmann nach einem ausgiebigen Pizzamahl noch im Café meines Vertrauens bei einem Galao. Plötzlich kommen vier kleine Jungs mit großen Augen durch die Tür, riesige Sweatshirts an. Der eine schluckt und fragt dann meine Begleitung: “Bist du nicht XY?“. Diese antwortet wahrheitsgemäß: “Ja, der bin ich“. Dem Kleinen verschlägt es die Sprache, nach einer halben Minute Anstarren kommt über seine schmalen Lippen: “Krass“. Der neben ihm fragt aber sofort leise hinterher: “Bist du reich?” - “Ähm, nein. Dazu müsste ich Thomas Gottschalk heißen“, so die Antwort meines Begleiters. “Darf ich dir trotzdemal mal die Hand schütteln?“, fragt der Erste etwas schüchtern. Und nachdem das passiert, verlassen sie ungläubig grinsend den Laden.
In der Bedürfnisbefriedigung doch anspruchsloser als gedacht, in der Verblendung durch Fernsehen jedoch weiterhin überdimensioniert, die Kleinen von heute.
Liz hat es verfasst, und zwar am 16. Juli 2008 um genau 13:17
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Alle haben diese kleinen Tragödien in der Hinterhand, jeder eine für sich oder einen, dessen Farbton nicht mehr getroffen wurde in der Mischung. Und an Wundbrand nicht erreicht. Meist sind das die Irrationalen, die nicht Richtigen gewesen, das haben wir rausgefunden, das zweifelt auch niemand mehr an. Dafür gibt es Belege, Tabellen, kleine Aufnahmen und Erinnerungen, das ist alles fein säuberlich aufgelistet und abgeheftet und steht neben den Büchern im Regal. Aber das sind auch die, an deren Intensität man sich noch nach Jahren erinnern kann. Und alle haben noch einen Rest übrig irgendwo, einen kleinen Schmerz. Man ist in der Lage ihn zu vergessen, aber herausgefunden, wie man ihn endgültig verliert, hat man nicht. Man kann auch die Lieder irgendwann wieder hören, und jemanden lieben. Jemand anderen. Und um nichts in der Welt würde man JA sagen, wenn man gefragt würde, ob man nicht doch wieder zurück wolle. Man kann weitergehen und alles ist okay, das zweifelt niemand an, das wurde herausgefunden. Aber nichts von dem wird erneut passieren, dessen ist man sich bewusst, die Steine wurden aufeinander geschichtet und die Mauern stehen in allen Straßen, durch die man nachts läuft von der Bahn bis zur Haustür. Da stehen sie so sehr und so selbstverständlich, dass man sie kaum noch wahrnimmt, manchmal einen Brief auf ein Fensterbrett legt vielleicht, die Finger am Putz entlang streifen lässt wie schon immer da, das Rauhe auf dem Weichen.
Nur manchmal kann es sein, dass man den neuen Menschen von seinem alten Leben erzählt und von den Dingen hinter den Mauern, den alten Bildern. Und man wird lachen und den Abstand in der Stimme haben und in dem ganzen Rest, man wird nicht mehr nur die Inhalte sondern auch die Mechanismen sehen, sich fernab von der Impulsivität der alten Tage zurücklehnen und überdenken können. Vielleicht wird man sich furchtbar albern vorkommen im Nachhinein. Und dennoch behält der Buchrücken einen Streifen zurück an der Stelle, wo er lange aufgeschlagen herumlag. Das ist die normale Abnutzung an Zeit. Ja, die Stelle konnte man auswendig früher. Und noch immer gibt es ein paar Worte in den Zeilen, die werden an Bedeutung nicht verlieren, auch wenn du die Geschichte im Ganzen nie wieder jemandem empfehlen würdest, keinen Text darüber schreiben oder den Autor zu deinen liebsten zählen. Aber im Stillen kannst du ihn noch zitieren, den einen Dialog, im Kino vielleicht, wenn niemand sieht, dass du das bist. Dass du das nicht vergisst.
Jeder hat da etwas in der Faust hinter dem Rücken. Egal, welche man wählt, immer ist was drin.
Liz hat es verfasst, und zwar am 16. Juli 2008 um genau 10:25
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