Wunschkonzert

Es wäre ein Berg direkt vor der Nase. Und am Fuße des Berges wäre ein Meer. Menschen wären zahlreich einfach gar nicht vorhanden. Dafür allerdings ein kleines Haus dazu mit Veranda, einer Kanne Pfefferminzwasser, vielen Haufen Ruhe und einer weißen Wand. Dazu käme ein funktionierender Drucker, der das Papier so ausdruckt, dass die Rückseite klebt und man die beschriebenen Papiere an die Wand pappen könnte. Und keines fiele ab. Wenn dann noch eine Schale reifer Erdbeeren mit Milch neben mir stünde, könnte ich wohl oder übel behaupten: So kann ich arbeiten.

Stattdessen dreht die Stadt mit Vollgas am Rad. Aber auch das ist nichts neues.

Liz hat es verfasst, und zwar am 6. Juni 2008 um genau 11:31
Kategorie : Moi | 0 Kommentare

 Opportunitätskosten

Als ich bemerkt habe, dass die Vorausahnung dieses blöden Gefühls handfest wurde, sich fassen und formen ließ, weil sie plötzlich von einem flüchtigen Wind zu einem knallharten Gewitter geworden war, dass uns die Frisuren zunichte machte und die verirrten, trockenen Blätter unter die Autos spülte und am Ende die Autos die Straße hinunter - als ich diesen Regen zum ersten Mal bemerkte, beschloss ich zu gehen.

Ich wusste nicht, wann der Tag meiner Abreise sein würde, ich sah in nur unweigerlich auf mich zukommen. Der Winter lag noch schwer auf allen, das konnte man an den Krankenkassenabrechnungen und den Wartezimmern der Physiotherapiepraxen sehen und die Geräuschkulisse der morgendlichen U-Bahn trug noch die Seufzer im Takt mit sich herum. Der Atem kam tief aus dem Bauch, schließlich hatte man das eine lange Zeit üben können, wir hatten sogar Schnee und dickes Eis unter den Regenrinnen. Wir hatten Monate der warmen Tees und doppelten Socken, der rissigen Haut und einer porösen Sehnsucht. Wochenlanges Nebeneinander (weil es sonst zieht, wenn niemand neben dir sitzt) haben wir ausgehalten, alle mitgemacht, uns eingearbeitet. Aus dieser Februarlethargie heraus und mit diesem Unwetter beschloss ich, wieder einen Kalender zu führen.

Ich richtete mich ein, ich malte akurat Linien auf das weiße Papier. Daten schrieb ich noch nicht, ich war ja nicht bereit und dies war erst der anfängliche Aufbau eines Muskels, der mit der Zeit, mit den Sofakissen und unserer beider Langsamkeit irgendwie verkümmert sein musste. Es hatte erst eine Regenwand gebraucht direkt vor meine blasse Stirn und dieses dumpfe Geräusch, dass es machte, als ich merkte, es würde sich wirklich nichts ändern. Ich sammelte auch meine Sachen ein, ein bisschen fahrig vielleicht, unachtsam, denn ich war aufgeregt und wartete auf den Tag, an dem ich die Kraft und den Stolz und (endlich) den Muskel haben würde. Auch das Adressbuch begann ich neu und klebte ausgeschnittene Buchstaben auf ausgewählte Seiten, bis ich sie wieder herausriss und von nun an die Menschen nur noch Farben zuordnete. Auf lauter weißen Seiten.

Ich ahnte deine Seufzer voraus, jeden einzelnen, schon den Atem, den es braucht, um einen Seufzer zu erzeugen, konnte ich voraussagen, zeitgenau markieren, bevor die Minute erreicht war, du hattest dich in meinen Augen berechenbar gemacht in der Abfolge. Die Abstände deiner Sekunden, die Länge deiner Schritte, deine Handspanne, die Zeit, die du brauchst, um die Tür aufzuschließen und abends einzuschlafen. Ich hatte mich selbst zur Überraschung gemacht, die es am Anfang geschafft hatte, dich ein bisschen aus dem Takt zu bringen, aber wir alle wissen, diese Taktlosigkeiten hören irgendwann auf, alles pendelt sich wieder ein. Du hattest deine Mitte und die war nicht ich. Ich hatte dein Tempo entschlüsselt und gemerkt, ich ticke so nicht, ich muss gehen, denn niemand erträgt dieses pervers verstörende Ticken zweier unterschiedlich gestarteter Uhren. Auch die Schritte passt man an, wenn man nebeneinander läuft, weil es sonst in der Umarmung, in der Berührung der Hände und Schultern immer und immer wieder rumpelt und hakt, ständig irritiert.

Meine Rechnung ging auf. Und am Morgen des Abschieds genoss ich still und leise am Küchentisch deine Geräusche, ich zählte dich mit und klopfte mit den Zehen auf´s Parkett. Es nieselte und auf dem Sattel deines Rades hatte sich ein kleiner See gebildet. Ich wusste deine Wintermantelarmbewegung von Anfang bis Ende und deine Stille, als ich dir davon fuhr, einfach an dir vorbei, dir noch einmal winkte. Ich kannte deinen Blick aus unserem Jahr heraus, das war der eine, den du dein ganzes Leben lang schon probierst und der dir so gut steht, dass du ihn dir zurecht zupfen kannst wie deinen geraden Kragen. Und als du davor im Bad warst, trug ich den ersten Wochentag in mein Buch, die erste Zahlen, das war der Anfang. Ich hatte beschlossen, die Sache mit den unendlichen Kompromissen noch ein wenig auf die lange Bank zu schieben. So schön war das Rauschen gewesen, dass alle Seufzer übertönen konnte, jedes Ticken und das Rascheln deiner Finger in der Brötchentüte.

Ich wollte nie eine deiner Gewohnheiten sein.

Liz hat es verfasst, und zwar am 4. Juni 2008 um genau 9:13
Kategorie : Blicke | 2 Kommentare

 Small sorrows, great songs

Ein paar Fotos von den großartigen Bodi Bill über den Dächern der Stadt gibt es hier. Und Maike weiß es auch in Worte zu fassen.

Liz hat es verfasst, und zwar am 3. Juni 2008 um genau 17:11
Kategorie : Ton | 1 Kommentare

 Ich muss es wissen, ich war da.

Wenn man nicht aufpasst, sondern sich auf Vermittlungsportale von Ferienwohnungen verlässt, obwohl man eigentlich einfach nur Zelthitze und die damit verbundenen Unannehmlichkeiten eines Festivals vermeiden will, kann es passieren, dass man durch Zufall an einem Ort landet, den man nicht mehr vergisst. Man steht dann mit einem Kaltgetränk im Staub, im Hintergrund dröhnt es, die Sonne brennt, die Nase rotzt, aber eigentlich hat man nur das Bedürfnis den Menschen drumherum, von dem Ort zu erzählen, von dem man gerade kommt und den man sich in seinen kühnsten Träumen nicht vorstellen konnte: dem Märcheneum von Neustrelitz.

Was im Internet und vor allen Dingen im Nachhinein irgendwie niedlich, ein bisschen albern und nach einem Haus Spleen aussieht, ist eigentlich ein seltsam riechendes, staubiges, eigenes Universum, das einen das Gruseln lehrt, wenn man nachts und dazu noch betrunken von einem Festival kommt, sich durch Seidenbettwäsche mit riesigen goldenen Herzen, Schweinebrettchen, elefantöse Klobürstenhalter und Stapel von Märchenbüchern wühlen muss, um das Bett zu finden, in dem man versinkt, wenn man sich nicht an den Kunst- und/oder Echthaarzöpfen festhält oder in die Spindeln greift, die wirklich über den Betten und Sofas hängen. Wer keine Blümchen oder rotschwarze Seide mag, bekommt Tiger in Frottee.

Taumelt man dann nachts noch in Richtung Bad, was eigentlich mehr eine durch eine lose Schiebetür getrennte Nische des Flurs ist, aber eine Whirldusche besitzt, muss man aufpassen, nicht in die in quasi jeder Ecke der Zimmer und in jedem Schrank befindlichen Kostüme zu stolpern. Es gibt Haarreifen mit diversen Tierohrensorten, es gibt Brautkleider und Hexenhüte, man möchte sie gar nicht anfassen, so unheimlich wirkt dieser wild zusammen geworfene (istdaseigentlichnoch) Kitsch. Und wenn man dann noch beginnt, in einem der vielen Märchenbücher zu lesen, in deren Geschichten dumme Jungen den Rindviechern die Augen ausstechen und auf das Gretchen werfen, weil sie das mit dem “schöne Blicke zuwerfen” nicht ganz verstanden haben, hört der Spaß auf und wird zu einem von Gänsehaut begleiteten Schauer, der einem permanent auf dem verschwitzten Rücken klebt, solange man sich in dieser Unterkunft befindet.

Wir waren einfach nicht vorbereitet auf an die Wand gepinnte Schokoladenverpackungen und Werbeseiten aus Zeitschriften, deren Gemeinsamkeit wir erst nach kollektivem Starren ausmachen konnten, wir hatten doch keine Ahnung von dieser Spieluhr mit bunten Tieren, die sich zwischendurch einfach mal von selbst an- und wieder ausschaltet. Wir haben es halbwegs unbeschadet überstanden, das ist nicht einmal frei erfunden. Denn weil wir nicht gestorben sind, leben wir noch heute.

Liz hat es verfasst, und zwar am 1. Juni 2008 um genau 23:05
Kategorie : Fundstücke | 0 Kommentare


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