Ich muss es wissen, ich war da.

Wenn man nicht aufpasst, sondern sich auf Vermittlungsportale von Ferienwohnungen verlässt, obwohl man eigentlich einfach nur Zelthitze und die damit verbundenen Unannehmlichkeiten eines Festivals vermeiden will, kann es passieren, dass man durch Zufall an einem Ort landet, den man nicht mehr vergisst. Man steht dann mit einem Kaltgetränk im Staub, im Hintergrund dröhnt es, die Sonne brennt, die Nase rotzt, aber eigentlich hat man nur das Bedürfnis den Menschen drumherum, von dem Ort zu erzählen, von dem man gerade kommt und den man sich in seinen kühnsten Träumen nicht vorstellen konnte: dem Märcheneum von Neustrelitz.

Was im Internet und vor allen Dingen im Nachhinein irgendwie niedlich, ein bisschen albern und nach einem Haus Spleen aussieht, ist eigentlich ein seltsam riechendes, staubiges, eigenes Universum, das einen das Gruseln lehrt, wenn man nachts und dazu noch betrunken von einem Festival kommt, sich durch Seidenbettwäsche mit riesigen goldenen Herzen, Schweinebrettchen, elefantöse Klobürstenhalter und Stapel von Märchenbüchern wühlen muss, um das Bett zu finden, in dem man versinkt, wenn man sich nicht an den Kunst- und/oder Echthaarzöpfen festhält oder in die Spindeln greift, die wirklich über den Betten und Sofas hängen. Wer keine Blümchen oder rotschwarze Seide mag, bekommt Tiger in Frottee.

Taumelt man dann nachts noch in Richtung Bad, was eigentlich mehr eine durch eine lose Schiebetür getrennte Nische des Flurs ist, aber eine Whirldusche besitzt, muss man aufpassen, nicht in die in quasi jeder Ecke der Zimmer und in jedem Schrank befindlichen Kostüme zu stolpern. Es gibt Haarreifen mit diversen Tierohrensorten, es gibt Brautkleider und Hexenhüte, man möchte sie gar nicht anfassen, so unheimlich wirkt dieser wild zusammen geworfene (istdaseigentlichnoch) Kitsch. Und wenn man dann noch beginnt, in einem der vielen Märchenbücher zu lesen, in deren Geschichten dumme Jungen den Rindviechern die Augen ausstechen und auf das Gretchen werfen, weil sie das mit dem “schöne Blicke zuwerfen” nicht ganz verstanden haben, hört der Spaß auf und wird zu einem von Gänsehaut begleiteten Schauer, der einem permanent auf dem verschwitzten Rücken klebt, solange man sich in dieser Unterkunft befindet.

Wir waren einfach nicht vorbereitet auf an die Wand gepinnte Schokoladenverpackungen und Werbeseiten aus Zeitschriften, deren Gemeinsamkeit wir erst nach kollektivem Starren ausmachen konnten, wir hatten doch keine Ahnung von dieser Spieluhr mit bunten Tieren, die sich zwischendurch einfach mal von selbst an- und wieder ausschaltet. Wir haben es halbwegs unbeschadet überstanden, das ist nicht einmal frei erfunden. Denn weil wir nicht gestorben sind, leben wir noch heute.

Liz hat es verfasst, und zwar am 1. Juni 2008 um genau 23:05
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