Rudeltiere

Eigentlich ist das Datum egal, wir werden immer in diesem Auto sitzen, wir werden uns immer ein bisschen seltsam fühlen beim Gedanken daran, uns in die Zeitleiste einer Familie hinein zu malen, die so weit weg lebt von uns - nur 200km und doch irgendwie mehr. Es werden auch immer Windräder an uns vorbeifliegen, wenn die Gespräche aufkommen darüber. Wir brauchen nicht einmal reden. Im Kopf spulen sich die institutionalisierten Neurosen ab - immer erst, wenn man geht - und wer sich wie verändert hat, wir gehen Mensch für Mensch durch und ordnen ihn neu ein. Und wir, die wegfahren, halten die Stimmung wie einen Sonnenstich - den Druck im Kopf und dass man erst abends merkt, wie es in den Schläfen pocht. Und auch, wenn man alle Anwesenden über Jahre nicht gesehen hat (vier Jahre habe ich gefehlt), man trägt sie immer noch so wie die weißen Stellen am Abend auf der gebräunten Haut vor dem Spiegel. Das sind immer noch wir, das Aufwachsen, die Verästelung nach oben und die Wurzel nach unten, der Hintergrund. Aber wir fahren wieder in die große Stadt, die sich uns zu eigen gemacht hat, die uns festhält, weil wir es nicht anders kennen - dort, wo die Familie Idylle hat und einen Rapsfeldausblick jeden Abend, schreit es “Ferien!” in uns. Wir halten die Hände über den Mund und atmen tief ein und aus, wenn es niemand sieht. Setzen Sonnenbrillen auf.

Eigentlich ist das Datum egal. Es fühlt sich immer seltsam an, die Ankunft und die Abfahrt, der Abgleich und die Fremdheit, die neuen Gesichter und die älteren - das ist uns alles angeboren. Und wenn man uns nach Berlin fragt, nach den Dingen und dem dazugehörigen Fluss, müssen wir immer erst einen Moment überlegen - was erzählen wir, was passt hierher? Und immer werden uns auf der Autobahn Sätze einfallen, die wir nicht gesagt haben, die noch in der Luft stehen. Wir werden den Funkturm von weitem im Dunkeln blinken sehen und ihn hinter uns lassen, den Schlüssel suchen, am Haus hinaufschauen und seufzen. Unwissend, warum. Aber man kämpft ja mittlerweile schon prophylaktisch. Auch daran wird sich nichts ändern.

Liz hat es verfasst, und zwar am 12. Mai 2008 um genau 18:41
Kategorie : Moi | 0 Kommentare


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