Selma

Ich sehe sie erst, als ich mich umdrehe, um einen kurzen Blick aus dem Fenster auf das Wetter zu werfen. Um zu wissen, was ich gleich anziehen muss, um nicht zu frieren, ob es regnet vielleicht. Sie schaut mir zu, wie ich nackt im Bad stehe, ich erschrecke mich, sie steht für einen Moment einfach unbeweglich da, dann ruckt ihr Kopf herum, ihr Blick folgt schlagartig der Bewegung ihrer Halswirbelsäule, das schwarze Gefieder zittert für einen Moment. Beim Aufstehen mache ich mich klein, ich will nicht, dass sie wegfliegt, auch wenn sie mich beobachtet, ich beobachte sie ja auch, ich dusche sonst immer allein, ich schließe auch das Badezimmer immer ab. Aber im Haus gegenüber wohnt niemand, da fliegen Tauben gegen die Fensterscheiben, wenn sie nicht aufpassen. Dem Haus sieht man es von außen nicht an, aber wenn man aus der Küche in den Hof schaut, bemerkt man, dass in keinem Fenster Gardinen hängen außer in der rechten Ecke im obersten Stockwerk, dem vierten vielleicht. Die haben weiße, neue Fensterrahmen und einen Blumenkasten auf dem Fenstersims, manchmal sieht man einen Schatten vorbeihuschen, das sind die einzigen, die dort wohnen. In einem Fenster fehlt die Glasscheibe, jemand hat Pappe davor geklebt. Andere sind eingeschlagen, die Fassade aber ist frisch gelb gestrichen. Zu helles Dottergelb. Und manchmal verirren sich eben Tauben darin und finden den Weg nicht mehr nach draußen und fliegen immer wieder mit Vollkaracho gegen die Scheiben. Ich kann das von der Küche aus sehen.

Die Krähe schaut mir dabei zu, wie ich in die Badewanne steige, wie ich langsam untergehe, wie die Wasseroberfläche sich von meinem Hals bis über meinen Mund kurz vor die Nase schiebt. Sie sieht meine Knie und meinen Bauch, den einen Fuß aus dem Wasser ragen. Ich kann die Dachluke sehen und ihren Kopf, den Schornstein und eine Antenne, das helle Rot der Ziegel, das sich fleckig auf dem sonst eher dunkelbraunen Dach verteilt, ein Stück blauen Himmel. Drei Viertel des schmalen Badfensters sind matschweiße Wolken, eine Taube steigt im umgedrehten Sturzflug an der Krähe vorbei mit braun gefiedertem Bauch und weißem Hals. Die Krähe rührt sich kaum, hin und wieder zuckt ihr Kopf ruckartig hin und her, sie schaut mich an. Ich hebe langsam mein rechtes Bein, das Wasser läuft und tropft in Rinnsalen zurück in die Wanne, die Blickrichtung der Krähe kann ich nicht erraten, denn dort, wo ihre Augen sind, ist es nur rund und schwarz. Sie sitzt dort einfach und sieht mich untertauchen, während über mir der Himmel verschwimmt und wenn ich die Augen schließe, das plötzlich einfallende Sonnenlicht durch das Wasser durch mein Lid hindurch Reflexe auf der Netzhaut hinterlässt. Ein zwei Helldunkel und ich muss wieder Luftholen, die Hand von der Nase auf den kalten Wannenrand legen. Das linke Bein dazu. Mir steht Schweiß und Wasser auf der Stirn, als sie sich umdreht und springt. Ich kann sie nicht fliegen sehen, von hier sieht es so aus, als stürze sie sich die Kante hinab. Ich winke mit dem großen Zeh, das sieht sie nicht mehr. Die zwei gelben Enten auf dem Wannenrand grinsen. Eine Elster landet auf der Dachantenne. Sie bleibt zwei Minuten sitzen und steigt dann wieder auf. Der Duschvorhang hat dieselbe Farben wie die Wolken. Drei Viertel des Badfensters.

Liz hat es verfasst, und zwar am 1. April 2008 um genau 10:44
Kategorie : Blicke | 0 Kommentare


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