Alles eine Frage der Haltung

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Ich habe es gehasst. Ich habe es mit aller Leidenschaft und wirklich von Herzen gehasst, in diesen Kindergarten gehen zu müssen. Ich habe es so sehr gehasst, dass ich – auch wenn ich nur fünf Jahre Osten am eigenen Leib mitbekommen habe – immer noch aufstampfen und losgockeln will, wenn mir einer mit Sprüchen kommt wie „Damals war´s ja doch besser“ oder „So schlecht hatten wir es ja auch nicht“ oder „Wenigstens gab es Arbeit“.

Arbeit für runzelige Kindergärtnerinnen, die darin bestand, den Kindern unter ihrer Obhut vor jedem Mittagessen zu befehlen, die Arme vor dem Körper zu verschränken. Der eine Arm musste dabei akkurat parallel zur Tischkante liegen, zwischen den Fingern durfte kein Zwischenraum sein, das wurde sonst von den schwitzigen, beringten Frauenhänden sofort barsch korrigiert. Die rechte Hand musste zum Mund geführt und der Finger vor dem Mund so gehalten werden, wie man es macht, wenn man mit einem leiselauten Psssst Ruhe ankündigt. Nur, dass wir nichts anzukündigen oder auch nur irgendein Geräusch zu machen hatten. Unsere Aufgabe bestand einzig und allein darin, eine Stunde in dieser Haltung zu verharren, während vor uns das Geschirr auf den Tisch und das Essen verteilt wurde.

Es musste aufgegessen werden. Alles. Bis auf den letzten Rest. Danach brachte jedes Kind seinen Teller zu dem Tablett, neben dem ein rotes Eimerchen stand, zu dem uns irgendwann einmal erklärt wurde, es sei für die Resteentsorgung bestimmt. Wer sich jedoch jemals erlaubte, auch nur in die Richtung des Eimers zu schauen oder gar den Teller dorthin zu bewegen – sei es auch nur aus Versehen -, wurde mit einem lauten Schrei davon abgehalten. Befand sich noch etwas Speckrest oder sonst was ekliges auf dem Plastikgeschirr, hatte man so lange davor zu sitzen, bis es einem zu dumm wurde und man es mit allergrößter Kinderkraft schaffte, das Wasauchimmer doch noch hinunter zu würgen. Ich konnte das nicht. Ich gehörte aus Versehen und völlig unbeabsichtig zu den Rebellen. Außerdem hatte ich einen erlesenen Geschmack. Also stopfte ich mir aus Angst vor dem erbarmungslosen Schrei („Wer hat hier was in den Eimer geworfen?“) und der Strafe (man musste bei Benutzung des Eimers seinen Mittagsschlaf im Bad neben den Kindertoiletten, die damals NATÜRLICH keine Türen hatten, halten) – ich stopfte mir also die Einzelteile des Essen, die ich nicht hinunterbrachte, in die Hosentaschen. Teller leer, Problem gelöst. An den Blick meiner Mutter am Abend beim Ausziehen kann ich mich nicht mehr erinnern.

Und die Kinder, die nicht auf die Idee kamen, kleinteiliges in allerlei Taschen der Klamotte verschwinden zu lassen – ich gebe zu, bei Suppe wurde es jedes Mal schwierig -, die sich vielleicht wirklich daran versuchten, das Essen zu essen und sich dann übergaben, die wurden erneut vor den Teller gesetzt, auf dem sich nun Erbrochenes neben Erkochtem befand. Und sollten essen. Oder sie saßen halt stundenlang vor der Tür des Spielraumes. Konnte man sich selber und ganz allein aussuchen. Prima, diese Wahlfreiheit.

Meinem unglaublich sensiblen Geschmack ist es auch zu verdanken, dass meiner Mutter der Besuch bei einem Psychologen ans Herz gelegt wurde, ja, man habe sogar schon mit der Kindergartenleitung darüber gesprochen, das Kind sei eindeutig zu verhätschelt und habe schlechten Einfluss auf die anderen, denn es maße sich an, Apfelstücke mit Schale nicht ohne Protest zu verspeisen. Dies sei ein Angriff auf die Erziehungsgrundsätze der Republik, das ginge nicht. Man wolle außerdem eine schriftliche Bestätigung des Arztbesuches im Kindergarten vorliegen haben. Und das Kind sehe wohl seine Mutter zu oft, es müsse doch auf die Welt vorbereitet werden. Zu der Zeit bekam ich meine Mutter morgens nach dem Aufstehen um halb sechs ungefähr eine Stunde bis zum Kindergarten, zwei drei Stunden von Kindergarten bis zum Bett und am Wochenende zu Gesicht.

Bestimmt wurde auch, womit man seine Zeit im Kindergarten zu verbringen habe. Ich war ein Kind, das Zöpfe, Röcke und Mädchenkram nicht so richtig leiden konnte. Meine besten Freunde waren immer Jungs, meine Frisuren passten dazu, ich konnte mich später in der Schule dann geradeso für einen schräg vom Kopf abstehenden Minizopf erwärmen. Das war´s dann aber schon. Trotzdem wurde ich jeden Morgen mit Zeigefinger und Wehemenz in die Puppenecke geschickt. Und langweilte mich. Highlight des Tages konnte sein, wenn einmal im Monat die Vertreter des Betriebes kamen, die im Kongresszentrum am Alexanderplatz hin und wieder Modenschauen abhielten. Die suchten sich dann spontan VOR dem Mittagessen ein paar Kinder raus, man wurde in einem Barkas hingekarrt, vermessen, angezogen und stolperte dann geführt von zwei Erwachsenenhänden über einen Laufsteg, wurde wieder in seine normalen Klamotten gesteckt und zurück zum Kindergarten gefahren. Alles egal, alles prima, die Fahrt im Barkas war irre aufregend, ich hätte auch in einem Elefantenkostüm drei Stunden lang auf einem Bein um den Fernsehturm hopsen können, wenn ich dabei nur den Mittagsschlaf umgangen wäre. Der bestand nämlich aus anderthalb Stunden Rückenschmerzen, weil man sich auf den Spanholzliegen nicht ohne Geräusch bewegen und nicht ohne Erlaubnis bewegen durfte. Die Hände hatten neben dem Körper über der Decke zu liegen, auch dem Kopf war kein Seitenblick erlaubt, die Augen hatten geschlossen zu sein. Ich übte mich also in frühkindlicher Schmerzvertreibung durch Meditation. Das Yoga am Nachmittag, wenn die Kindergärtnerin wieder ihre Kopfschmerzen bekam, und wir - dieses mal mit hinter dem Stuhl verschränkten Armen - den Mund zu halten hatten. Man lernt sehr gut und ausdauernd, Lachen und Kichern zu unterdrücken, wenn zwölf Vierjährige verrenkt an einem Tisch sitzen, nichts sagen dürfen und sich nebenan die Erzieherin ins Nirwana seufzt.

Damals wusste ich nichts von meinem Onkel, dem Robin Hood des Kindergartens, sonst hätte ich ihn wahrscheinlich versucht, ihm nachzueifern. Er tat das Einzige, was man eigentlich nur tun kann, wenn einen drei Kindergärtnerinnen dazu zwingen wollen, von der Suppe zu essen, bei dem einen schon allein vom Geruch der Würgereiz überkommt. Zwei Damen waren damit beschäftigt ihn festzuhalten, eine Dritte kümmerte sich um den mit Suppe beladenen Löffel. Aber jeder, der Kinder hat, weiß, wie flink diese sein können. Der kleine Herr Onkel schnappte sich also den Löffel und schlug diesen mit voller Wucht in den Suppenteller. Im Anschluss rutschte er auf Knien und mit ausgefahrener Schmolllippe aus dem Raum. Die innere Haltung zu bewahren war auch das Einzige, was wir damals wirklich gelernt haben.

Was der kleine Ausbruch meines Onkels für die Stasi-Akte der Familie bedeutete, ist dann wieder eine ganz andere Geschichte.

Liz hat es verfasst, und zwar am 16. April 2008 um genau 16:51
Kategorie : Blicke, Moi | 10 Kommentare


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