Knicke

Die Zeit ist falsch. Die Zeit, wie sie angelegt ist mit Zeigern und Stunden und Minuten, mit Tagen und Wochen und diesem Jahr, das funktioniert hier alles gerade nicht. Ich schreibe jeden Tag die gleichen Dinge in den Kalender und mache die, die nicht drin stehen. Mein Zeitgefühl kann im Spagat zwischen den Jahren einfach stehen bleiben und das für eine ganze Weile, während sich die Restwelt auf und davon macht, irgendwo ihre Fortsetzung nimmt mit neuen Personen, veränderten Umständen und anderen Farben. Und ich stehe da, als würde ich einen Stift in der Hand halten, und strecke den Arm aus. Halte ihn einfach nur und die Dinge fliegen vorbei, ein paar Fetzen bleiben hängen, ein Streifen läuft wie ein Quietschen die ganze Zeit mit. Einer roter Streifen Wachsmalstift auf allen Wänden, Stationen, Gesichtern, Fehlern und Ideen.

Ich werde wach, wenn ich im Bett liege. Und müde, wenn ich beschließe, aufzustehen. Also bleibe ich einfach still und lasse entscheiden. Starre auf den alten Mann, der wiederum nur ganz für sich an seinen vertrockneten Blumenresten vorbei auf die Straße starrt. Ich starre auf die beiden, die am Fenster sitzen und schwitzen und sich Worte über den Tisch werfen, die gehören eigentlich auf ein leeres Feld mit ganz viel Platz, aber nicht in diese Ecke, nicht auf diesen Tisch, nicht zwischen diese Kaffeetassen, nicht neben all die anderen. Vielleicht geht mir das ja ähnlich. Die Tage sitzen nicht. Die Tage sitzen so gar nicht, sondern laufen permanent rum, wechseln die Richtung, vergehen in einem Tempo, das ich am Kalender ablesen kann und an den Leuten, die anrufen, weil sie etwas wollen oder nicht wollen, weil sie fragen oder auf eine Antwort warten. Hier schwirrt ein Beat in den anderen, das macht noch keinen Rhythmus, das bringt mich nur aus dem Takt ständig. Das sieht man dann in den Dellen der roten Linie, des Fadens, in den Amplituden der Tage hinter jeder Ecke, auf jedem Material. Das lässt nichts aus, das ist immer da und eigentlich kannst du einfach zurückgehen und nachgucken, an welcher Stelle du dazu gestoßen und wann du wieder gegangen bist.

Die Zeit war falsch. Die Zeit, wie sie angelegt war mit Zeigern und Stunden und Minuten, mit Tagen und Wochen und dem Jahr, das funktionierte alles nicht. Ich schrieb jeden Tag Worte auf, die ich nicht aussprach und sagte die, von denen ich nicht wusste, was sie eigentlich bedeuten. Mein Zeitgefühl hüpfte die paar Jahre nach vorne und wartete nicht, während die Restwelt auf Pause sprang und jetzt ihre Fortsetzung nimmt mit neuen Personen, veränderten Umständen und anderen Farben. Und ich stehe da mit einem Stift in der Hand und du rennst vorbei mit deinen aufgeriebenen Stellen überall. Alle ganz rot.

Liz hat es verfasst, und zwar am 20. März 2008 um genau 23:34
Kategorie : Blicke | 2 Kommentare


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