Ich wollte laut schreien. Ich wollte rennen und hinfallen und wieder aufstehen und mich in der schnellen Bewegung umdrehen und dich da noch stehen sehen, vielleicht lachend, vielleicht mit zusammen gekniffenem Auge, weil die Sonne so hell und der Himmel so weit war. Ich wollte dich dabei haben und ich wollte laut schreien. Ich wollte auf diesen Baum klettern, bis zum Ende der Äste und dann dort sitzen und die Gefahr der Höhe spüren und den Leichtsinn auf meinem Knie, das leichte Wippen unter den Oberschenkeln. Ich wollte, dass es mir mit Vollkaracho durch die Haare fährt, dass es mir durch den Blick wütet und ich mich festhalten muss. Kann, an dir. Ich wollte mich hinschmeißen, das Kalt dieses Februars an meinem Rücken spüren bei jeder Sekunde und das Pieken der alten Ernten im Nacken. Ich wollte deinen Schatten sehen dann über meinem Gesicht, die leise Anbahnung, ein Voraus. Bevor dann dein Gesicht auftaucht. Ich wollte dich sehen.
Liz hat es verfasst, und zwar am 17. Februar 2008 um genau 2:06
Kategorie : Blicke | 3 Kommentare
Ich würde persönlich und breit grinsend Danke sagen, wenn ich wüsste, wer sich da jetzt ins Fäustchen lacht. Also unpersönlich und trotzdem breit grinsend: Danke. Sehr.
Liz hat es verfasst, und zwar am 14. Februar 2008 um genau 18:20
Kategorie : Fragen | 2 Kommentare

Vielleicht hätte ich dir dieses eine Buch geschenkt. Oder dich gestern mitgenommen zu den Stars ins Kesselhaus, wo du vielleicht neben mir gestanden und manchmal, wenn ich es nicht sehe, den Kopf geschüttelt hättest. Vielleicht hättest du aber auch gegrinst wie damals, als die Lichter vorne bunt und wir beide unbesiegbar waren. Ich saß auf deinen Schultern. Ich hörte nichts vom Rest der Welt.
Vielleicht wären wir danach noch ein Bier trinken gegangen, irgendwo zwischen all den lauten Menschen. Und du hättest deinen Kopf in die Hände gestützt und nach draußen geschaut und ich hätte gewusst, wie du aussiehst. Mit mehr Falten an den Augen und vielleicht noch weniger Haar. Und ich hätte nicht bemerkt, wie es ist, dich zu kennen, wenn wir beide älter sind. Wir hätten einfach da gesessen und leise in deinen Geburtstag gefeiert und vielleicht wären um kurz nach zwölf deine Freunde mit lautem Hallo noch dazu gekommen. Die Kerzen hätten sie schon draußen angemacht und du hättest sie kommen sehen.
Vielleicht hättest du mich gemocht. Vielleicht wärst du stolz gewesen auf dich. Vielleicht auch ein bisschen auf mich. Und wahrscheinlich wäre es völlig normal gewesen, dass ich am Morgen vor einem Kuchen stehe, der nicht für mich ist. Heute steht darauf eine Kerze, die ich nicht auspusten kann, weil das immer derjenige machen muss, der Geburtstag hat. Das ist diese Geschichte mit den Wünschen, die so jetzt nicht mehr funktioniert.
(Happy Birthday, Love.)
Liz hat es verfasst, und zwar am 13. Februar 2008 um genau 9:23
Kategorie : Moi | 4 Kommentare
Liz hat es verfasst, und zwar am 9. Februar 2008 um genau 11:03
Kategorie : Zeug | 10 Kommentare

Das mit den Abschieden hatten wir hier ja nun schon hundertmal, aber nicht eines: ich werde besser. Nennen wir es nicht abstumpfen, aber die Bewegung zuhause vor dem Spiegel geübt haben. Dass man sich, wenn man sich einmal in Bewegung gesetzt hat und zwar in die entgegengesetzte Richtung, besser nicht noch einmal umdreht, weil es dann keine Enttäuschungen gibt, wenn einem der letzte Blick abhanden gekommen ist. Der, von dem du dachtest, du könntest ihn mitnehmen zum Erinnern und immer mal wieder Rausholen, wenn es scheiße ist und noch ein bisschen beschissener sein soll. Das ist der, der immer anders ist, als man denkt. Und mit dem man sich in seinem eigenen Film aber doch ein bisschen zu sehr ans Drehbuch erinnert fühlt. Der, der immer zu kurz ist und immer zu lang. Und nie angemessen. Der, bei dem dir die Worte fehlen. Und auch der, von dem du nie dachtest, dass es wirklich der letzte sein würde.
Ich weiß also jetzt, was man sagt. Und wie man es sagt. Ich kenne die Phasen, die danach kommen mit ihrem Symptomen. Die Wut mit dem Löschen der Nummer aus dem Handy, die Melancholie, mit der man die Nummer aber noch in der Anrufliste lässt und sie an den Zahlen erkennt. Die Enttäuschung, mit der es nie die Nummer ist, die aufblinkt, wenn jemand anruft. Die Nervosität, wenn dann doch noch etwas ist. Die Erleichterung beim Auflegen. Das sich Zusammenreißen. Und die Gelassenheit am Ende. Die Wehmut, weil “hätte ich” und “wärst du” immer noch irgendwo herumschwirren und laute Geräusche dabei machen. Das Bedauern, wenn du über die Brücke gehst und einen Blick zur Seite wirfst unter den Ahornbaum, der mal ein Treffpunkt war, eine Pause, ein Aufatmen, ein Geheimnis, ein Vertrauen, eine Auszeit. Jetzt ist es ein Ahornbaum. Daneben steht noch einer, der sieht fast genauso aus. Aber eben nur fast.
Liz hat es verfasst, und zwar am 7. Februar 2008 um genau 1:16
Kategorie : Moi | 4 Kommentare
Der erste Monat des Jahres ist schon wieder vorbei und beide Beine sind mittlerweile im neuen Jahr. Ob man will oder nicht. Frisch im Februar wird dann mal geschaut, was man so durchhalten kann. Was realistisch erscheint und was dann doch wieder von der Liste gestrichen wird. Zum Montag dieser Woche in unserer Befindlichkeitsreihe also ein kurzes Gespräch, eine Anleitung zum Durchhalten mit und von Frank Lachmann.

Was braucht man, um konsequent zu sein?
Ein Ideal, nehme ich an. Oder ein Ziel. Oder doch wenigstens eine Richtung, in die man gehen möchte, in die man sich entwickeln will. (An dieser Stelle bemerkt der Leser, wie trickreich ich die Frage nach einem Hilfsmittel in eine Frage nach dem Anlass bzw. der Voraussetzung umgedeutet habe. Ich Schlitzohr. Also von vorn) — Ich fürchte ja, man benötigt “nur” einen meiner Lieblingsbegriffe, nämlich Potential. Auf allen denkbaren Sinnebenen, also: Spannung, Anziehung, Differenz, Möglichkeit, Offenheit. Und dazu vielleicht noch ein bisschen die Fähigkeit der Selbsterkenntnis und des Sich-Treiben-Lassens. Zwei gute Portionen Euphorie und Enthusiasmus in den Dingen, die man tun möchte, können auch nicht schaden. Insgesamt also nichts, was jeder handelsübliche Superheld nicht sowieso schon im Standardangebot hätte. Ach so, und Musik, selbstverständlich. Musik ist immer wichtig.
Was, glaubst du, hast du davon?
Ich habe alles davon, in guten Phasen, würde mich aber natürlich nicht als konsequent bezeichnen — es gibt ja leider doch einen Unterschied zwischen notwendigen und hinreichenden Bedingungen. Aber ich glaube ja auch nicht, dass man Konsequenz wirklich so konkret benötigt im Leben. Bricht man die ganzen Probleme, die sich einem in den Weg stellen, mal auf eine gewisse Granularität runter, klar - Konsequenz hilft dann bei den banalen Kleinigkeiten. Aber von weiter oben betrachtet in der Hierarchie der Verkopftheit: als Metapher, als Anlass zur Reflexion, als Zielvorstellung, da geht das in Ordnung mit der Konsequenz. Und als Kontrast zur gelebten Inkonsequenz vielleicht, immer mal wieder.
Wie sieht die gelebte Inkonsequenz im Alltag aus?
Dinge nicht aussprechen, die laut gesagt werden sollten. Mit runter geschlucktem Herzen rumlaufen. Sich anpassen und Dinge verlernen. Keine wünsche mehr haben. Immer wieder oder womöglich dauerhaft einen Unterschied feststellen zwischen dem, wie man so ist, und dem, wie man sich gern sähe. Leben vergessen. Sich zum Thema Konsequenz interviewen lassen, obwohl man doch eigentlich gerade davon überhaupt nichts versteht. Zwar Notiz nehmen vom vorhin erwähnten Potential, es aber ignorieren. Wahrscheinlich.
Welchen Arschtritt bräuchte es im Gegenzug für die Konsequenz?
Einfach die Augen offen halten, da gibt’s genug. Eine bestimmte Situation, ein gewisser Song, irgendein Lächeln oder Blinzeln, eine passende Stimmung beim morgendlichen Heimweg durch die große Stadt, eine von jemand fremdem verwendete Formulierung oder Körperhaltung vielleicht. Inspiration eben, die freundliche Form des Arschtritts. Und man kann das sogar trainieren, solche Dinge und Momente zu bemerken.
Sag mal, wie.
Also — irgendwie vermutend, dass ich mittlerweile nur noch Phrasen und Floskeln absondere, die zwar alle toll und richtig klingen (vielleicht sogar sind), aber nichts mehr mit dem Thema Konsequenz zu tun haben — all das aber jetzt eben mal ignorierend: mit Staunen geht das. Wenn man sich diesen Blick erhält (oder ihn meinetwegen wieder neu lernt), Dinge so zu sehen, als stünde man ihnen zum ersten Mal gegenüber. Mit Skepsis und Begeisterung, mit Hingabe und Mut. Mit diesem ganzen Pathos eben, der aber dann doch keiner ist, denn es ist ja meiner. Oder deiner. Klar. Ernst beiseite: mit Kindern reden. Leute offensiv anlächeln. Kicken gehen anstatt einkaufen. Dinge in Perspektiven rücken, sich ihnen anders nähern, Entdecker sein, Kontrollverlust zulassen, fremden Menschen Komplimente machen. Herrje, klingt das abgeschmackt. Aber leider ist was dran. Wenn man das mal eine Weile kultiviert, sozusagen - schärft man seinen Blick dafür, was wichtig ist und was nicht. Und zumindest mir hilft das ja, bei der ganzen Grübelei über Konsequenz und Inkonsequenz langfristig, und beim Spaß an der Selbstinszenierung auf jeden Fall auch kurzfristig. (Ist ja eh alles nur Therapie, irgendwie.)
Liz hat es verfasst, und zwar am 4. Februar 2008 um genau 0:24
Kategorie : Sein | 6 Kommentare

Auf dem Bürgersteig zwischen S-Bahn und Straßenecke hast du angerufen. Du warst ein paar Mal da, aber Baustellen kommen und gehen und wenn man immer nur im Dunkeln draußen ist, versteht sich die Verwirrung von selbst. Ich sagte dir, dass du in die richtige Richtung und auf der richtigen Seite läufst, ich war schon im Treppenhaus. „Komm mir entgegen“, hast du gesagt. Und ich sah dich von weitem, die Gehwegplatten waren noch nass vom Regen, das Flattern der Markise des Inders mischte sich in den lauten Wind. Ich wischte mir alle drei Schritte die Strähnen aus der Stirn und hinter der Ecke ließ ich es bleiben. Wir telefonierten solange, bis es zwischen uns nur noch drei Meter waren. Dann steckten wir die Telefone zurück in die Jackentaschen. Ich stand auf den Zehenspitzen, als dein Bart an meinem Hals war. Schon dort ahnte ich, dass du die Wahrheit gesagt hast. Deine Haltung war schlecht.
Wir schauten uns nicht an, ich hatte unsere Fußspitzen im Blick, du das Ende der Straße. Deine Jacke raschelte, die Laternen waren gerade angegangen und wenn ich versuchte, an deiner Schulter vorbei zu sehen in dein Gesicht, warst du immer schneller. Wir gingen an meiner Haustür vorbei, ein paar Runden um den großen Platz, wir hatten Hunger und konnten uns nicht entscheiden. Ich hatte Fragen, aber keinen Anfang, keine Reihenfolge parat. Wenn du die beleuchteten Speisekarten neben den Eingangstüren studiertest, stand ich schräg hinter dir. Ein Schritt von dir war zwei von mir, mir wurde warm und ich wickelte den Schal ab, Runde für Runde um Hals und Platz. „Was machen wir noch?“. Dein Daumen strich mehrmals die Wirbelsäulenlinie im Nacken ab.
Der hintere Raum des Imbisses war gelb beleuchtet, die beiden Kühlschränke brummelten, ein Radio dudelte passend zum schwachsinnigen Gequatsche eines Psychologiestudenten, der seine Begleitung nach dem Essen gerne noch mit zu sich genommen hätte. Besteck musste man sich selbst holen. Ich nahm die einzelnen Teile langsam aus dem metallenen Kasten und schaute dabei auf die Straße, von der man nur ein paar Lichter, ein paar Reflexionen sah, ein leises Rauschen und mehr war irgendwie nicht übrig. Als ich zurückkam, hattest du die Jacke ausgezogen, mit den Fingern ein zwei Teile vom großen Teller geklaut und schon etwas davon im Mund. Du kautest, ich stocherte, unter dem Tisch berührten sich zwei Knie.
Wir kauften Bier, du wolltest unbedingt eine Tüte dazu, wir gingen nach Hause und dort war es warm. Mit dem Finger hast du über die Buchrücken gestrichen, ich hab zu jedem etwas gesagt, du hast mich von der Seite angesehen, bis dein Finger auf meinem Rücken war. Wir tanzten, wir tranken, ich hatte das lange nicht mehr gemacht. Mir waren die Menschen egal, aber ich mochte es, mich wegzudrehen, wenn du mich küssen wolltest in der Mitte des Raumes. Die Lieder hatte ich alle schon einmal gehört, fast keines war total leer, die Assoziationen flirrten im Sekundentakt und du warst immer irgendwo neben mir. Du hattest damit nichts zu tun.
Ich sollte mitkommen. Und du fragtest ein bisschen zu oft, um noch unbeteiligt zu wirken. Wir waren zu schnell persönlich geworden, um es Zufall zu nennen. Und ich schlug es zu lange aus, um glaubhaft zu sein. Für eine Ausrede hatte ich zu wenig getrunken. Aber zuviel, um mich zu wehren. Und du bist zu schnell in den Zug gestiegen, als dass ich hätte glauben können, es sei dir ernst. „Schreib über mich. Das kannst du doch.“ In der Nacht tat dein Arm unter meinem Rücken nicht weh. Es war zu hell am Morgen, aber du warst da und sagtest plötzlich, dass wir jetzt frühstücken gehen, und die Leute am Flussufer, die sahen uns an, als wären wir zwei von ihnen. Es gibt noch ein Foto, da sieht man mich nicht. Und eines vom Wasser vor uns. Auf meinen Hinterkopf passte deine ganze Hand.
Ich hab noch ein zweimal aufgesehen, wenn jemand deinen Namen nannte. Das hat niemand bemerkt, wir hatten niemanden getroffen, der sich hätte erinnern können oder nachfragen. Aus dem Auto nach Hause hast du noch einmal angerufen. Und ich sagte dir, dass das die richtige Richtung ist. Und wir telefonierten, bis es zwischen uns wieder hunderte von Kilometern waren. Dann legten wir auf und die Gehwegplatten waren noch nass vom Regen. Du warst einmal da, aber die Baustellen kommen und gehen und wenn man immer nur im Dunkeln draußen ist, versteht sich die Verwirrung von selbst. Das war es, was du wolltest, eine Geschichte. Und du wartest nicht, bis jemand sagt: „Du kannst jetzt gehen“. Aber deine Haltung ist schlecht.
Liz hat es verfasst, und zwar am 2. Februar 2008 um genau 19:25
Kategorie : Blicke | 3 Kommentare