Die zweite Woche der sich um Befindlichkeiten drehenden Montagsinterviewblogkolumne wird von Carmina aka Frau Grau eingeläutet. Zum Montag also ein kleines Gespräch über nächtliche Produktivität.

Wann bist du gestern ins Bett gegangen?
Das war so gegen vier. Um sieben war der Kopf wieder wach, aber der Rest hat sich entschlossen liegen zu bleiben.
Die letzte Woche war durchgehend eine ohne viel Schlaf.
Wie kommt das?
Das liegt zum Einen sicher in meiner Natur. Nachts entstehen oft die besten Ideen. Um einen herum ist alles still. Es ist ein bisschen wie Isolation. Was nicht bedeutet, dass ich an dem Leben da draußen nicht mehr teilhabe. Zum Glück komme ich oft ohne viel Schlaf aus. Und manchmal ist es einfach so, dass die Arbeit nicht anders zu bewältigen ist, wenn die Termine im Nacken sitzen und die Hände und Stifte einen tagsüber im Stich gelassen haben.
War das schon immer so?
Es hat sich früh herausgestellt, dass ich ein Nachtmensch bin, wenn ich meinen Eltern glauben kann. Ich war wohl auch ein Großmeister im Erfinden von Ausreden und Begründungen, warum ich noch einmal aufstehen muss. Aber diese Nächte geben mir auch etwas zurück. Und genau deswegen mache ich das. Auch wenn der Körper dann einfach mal müde ist.
Was genau geben dir diese Nächte zurück?
Das Gefühl der Erschöpfung. Ein gutes Gefühl. Und wenn man dann später das in der Hand hält, was man geschafft hat, fühlt sich das gut an. Die Leidenschaft treibt einen an und das Papier ist wie eine Reflektionsfläche des Ganzen. Vielleicht ist es auch nur das Gefühl das Richtige zu tun. Strich für Strich. Stunde für Stunde.
Und das geht so tagsüber nicht?
Es ist eher so, dass die Zeit am Tag meistens nicht ausreicht. Und ich oft erst in der Nacht zur Hochform auflaufe. Der Kopf arbeitet am Tag, die Hände in der Nacht. Es ist schwierig zu erklären, weil es keinen Grund gibt, warum das so ist. Ich würde auch gerne wissen, was die Nächte können und die Tage nicht.
Wie reagieren die anderen Menschen denn auf deinen Rhythmus?
Die wenigsten Menschen sind nachts wach oder erreichbar, deswegen muss ich natürlich auch tagsüber arbeiten. Die meisten bekommen meinen Rhythmus aber nicht mit. Die, die um mich herum leben, sind auch oft “Nachtmenschen” oder ermahnen mich ab und an mit erhobenem Finger. Doch im Allgemeinen ist es so, dass ich mit diesem Rhythmus glücklich bin und auch so wirke. Ich denke, wir finden alle unseren Takt, in dem wir leben und arbeiten.
Geht das ineinander über?
Leben und Arbeit hat bei mir keine Trennung, keine Grenze. Es ist alles ein Fluss. So kommt vielleicht ein großer Teil der Nachtarbeit zustande. Weil es keine Blöcke gibt, die den Tagesablauf beschreiben. Viele der Entscheidungen, wann was zu machen ist, kommen aus dem Bauch und das lässt sich schwer steuern. Mir ist dieser Fluss wichtig. Alles zur richtigen Zeit.
Liz hat es verfasst, und zwar am 3. Dezember 2007 um genau 10:15
Kategorie : Sein | 1 Kommentare

Die Stadt hatte sich zurechtgemacht gestern. Im Haus des Rundfunks standen sich Schalträger mit funkelnden Ringen die Beine in den Bauch, sie trugen ihre Gläser mit Sekt herum und durften sie nicht mit in den Sendesaal nehmen. Und dann saßen sie in Reihe und ein bisschen hibbelig herum, bis Rufus Wainwright in grünem Neon-Glitzer-Tamtam-Anzug mit seiner Band in ähnlich waghalsigen Outfits die Bühne betrat. Er legte los von Anfang an, die angeschrägten Sitzreihen brauchten ein bisschen um warm zu werden, der Lichtmann musste sich einfitzeln, aber dann lief der Schweiß und die Gänsehaut.
Pompöses Entertainment, eine Stimme, die bis an die Decke reicht, und das Gefühl, nicht in dieser Zeit zu leben, sondern irgendwo anders irgendwann. Natürlich wurde sich umgezogen und nach dem Anzug, der im Dunkeln leuchtete, wurde die Lederhose ausgepackt und ich fragte mich, ob schon jemals zuvor, jemand in Lederhosen mit Glitzerkettchen zwei Songs von Judy Garland begleitet vom Flügel und mit soviel Inbrunst gesungen hat.
Berlin fühlte sich wohl unter seinen ständigen Komplimenten. Und natürlich rastete das Publikum aus bei dem Song, den man in Málaga sehr geliebt, aber in Madrid gehasst haben soll. Berlin findet das alles gut und gibt die Komplimente tosend zurück. Unterstreicht die süße Selbstbeweihräucherung des Protagonisten, der nach den Lederhosen erst im Bademantel ein paar Songs spielt, um dann auf Highheels zu performen und sich von seiner Band tänzerisch umgarnen zu lassen.
Die Palette an Gefühlszuständen durch, manchmal vielleicht ein bisschen verloren, weil die Stimme ja doch sehr markant ist und die Lieder hin und wieder sehr ähnlich klingen, aber weggehauen von der Professionalität, Selbstironie und dem Charme von Rufus Wainwright verlassen wir im Nieselregen das große mit grinsenden Gästen gefüllte Foyer. Die Ohren sausen vom Applaus, Berlin ist immer noch das novembrige Berlin, dem es nie schnell genug gehen kann. Wir fahren langsam durch die Nacht, das Radio bleibt aus.

“Do I disapoint you in just being human and not one of the elements you can light your cigar on?”
(Rufus Wainwright)
Liz hat es verfasst, und zwar am 1. Dezember 2007 um genau 12:55
Kategorie : Ton | 3 Kommentare
Vielleicht sind es die beschlagenen Scheiben. Dass die äußeren eiskalt sind und die, die nach drinnen zeigen, nicht ganz so sehr. Dass sich dazwischen das Wasser sammelt, das es soweit geschafft hat. Vielleicht ist es auch, dass wir nicht vom Fleck kommen. Dass der Schnee in Berlin meistens nur Wasser ist. Wir haben ja haufenweise davon und von uns und von allem. Alles liegt überall herum, wir sehen es nur nicht, wir laufen mit offenen Augen daran vorbei, wir zwinkern nicht, wir halten nicht an, man könnte es uns als Schwäche auslegen. Man könnte es uns vorwerfen.
Wir machen die inneren auf, lassen die äußeren zu. Der Rest kommt nicht herein, es wird nur ein bisschen lauter, aber niemand sieht uns. Es ist, als hätte man immer zwei Leben, ein schwieriges und ein einfaches, und man weiß nie, in welchem von beiden man sich gerade befindet, aber man hat immer das Gefühl, es gibt immer noch eines. Immer noch eines daneben.
Liz hat es verfasst, und zwar am 28. November 2007 um genau 10:09
Kategorie : Wir | 3 Kommentare
Ist aber wichtig. Sehr.
Liz hat es verfasst, und zwar am 27. November 2007 um genau 23:06
Kategorie : Kultur | 0 Kommentare
An Montagen beginnt eine neue Woche, da geht was los, tämtärämtämtäm. Hier nun also halbwegs regelmäßig und mal sehen mit welch unvollstellbarem Durchhaltevermögen immer zum Wochenstart eine kurze Unterredung zu Befindlichkeiten - dem Sein. Heute Nummer Eins mit meinem bayerischen Lieblingsspiegeleifan Markus Kavka.

Was macht dich gerade wütend?
Einige der Kommentare bei www.stoerungsmelder.org. Wir wussten, dass uns der Fluch der Kommentarfunktion bei diesem Projekt heimsuchen würde, aber dass es so dicke kommen würde, lässt mich bisweilen fassungslos und kochend vor Wut zurück. Abgesehen von stumpfen Naziparolen, die wir rauslöschen, ist es vor allem die von der NPD praktizierte sogenannte ´Wortergreifungsstrategie´, die mich so auf die Palme bringt. Es soll gar nicht diskutiert werden. Stattdessen wird mittels absurder Äpfel-Birnen-Vergleiche einfach reingegrätscht, so nach dem Motto: “Hört doch mal auf, über Nazis zu schimpfen, redet doch lieber mal über Ausländerkriminalität. Das ist viel schlimmer!” Argh.
Wie reagiert ihr darauf?
Wie schon angedeutet, löschen wir Kommentare, die rassistische, antisemitische, sexistische oder Gewalt propagierende Inhalte haben sowie natürlich auch alle Beschimpfungen und Beleidigungen. Was die typische Neonazi-Argumentation betrifft, so versuchen wir diese zu widerlegen. Ziel des Blogs ist es unter anderem ja auch, dieses Phrasengedresche zu entlarven und aufzuzeigen, dass Nazis keine Lösungen anbieten. Für nichts. Für viele User ist es offenbar aber auch nicht ganz uninteressant, mal live mitverfolgen zu können, welche Strategien die Rechten pflegen und was man diesen entgegensetzen kann.
Solche Projekte sind ja anfangs immer sehr ambitioniert, das Engagement wird aber oft schnellstens weniger, wenn das Medienecho nachlässt.
Wir haben das Blog nicht gestartet, um ein großes Medienecho zu bekommen, aber wir nehmen es natürlich gerne mit. Alle, die da jetzt schreiben, tun das unentgeltlich und aus tiefster Überzeugung, und zwar jener, gegen Nazis etwas unternehmen zu müssen.
Ist ein Blog da die geeignete Form?
Das wird sich auch für uns erst erweisen müssen. Nehmen die User das an? Können wir tatsächlich mit den Usern Strategien entwickeln? Fruchten die Diskussionen? Das sind Dinge, die wir natürlich nur bedingt steuern können. Ich kann aber zum jetzigen Zeitpunkt sagen, dass stoerungsmelder.org in jedem Fall nachhaltig angelegt ist. Wir sind auch ständig dabei, neue Autoren zu aquirieren.
Geht die Aktion auch über´s Netz hinaus?
Schon in Dezember geht es ja mit einer ersten Aktion an einer Schule in Brandenburg los. Wir gehen da hin und veranstalten Workshops und Diskussionen, um von Angesicht zu Angesicht vor Ort die Probleme anzugehen. Und das mehrmals im Jahr, um auch da eine Nachhaltigkeit zu garantieren. Es werden auch Patenschaften an diesen Schulen übernommen, die einen ständigen gegenseitigen Austausch gewährleisten sollen.
Wie drückt sich Wut bei dir aus? Reagiert dein Körper auch oder bleibst du nach außen hin völlig cool?
Ich versuche es zumindest. Es tut mir aber nicht gut, wenn ich das dauernd in mich reinfresse. Aber so bin ich eben. Ich werde so gut wie nie laut, trete auch selten gegen irgendwas oder schmeiße Sachen durch die Gegend. Wenn man mich kennt, dann merkt man mir Wut nur daran an, dass meine Ohren sich röten und ich ein bisschen böse gucke.
Und wenn jemand wütend ist auf dich?
Das verunsichert mich zutiefst. Ich neige nämlich zu Harmoniesucht und will deswegen ganz schnell den Grund für die Wut aus der Welt schaffen. Dann wird natürlich geredet. Aber wenn das jemand ist, den nicht kenne und der mich auch eigentlich gar nicht kennt, kann ich dann nicht viel ausrichten. Muss ich auch nicht.
Und so machte er sich völlig harmonisch und mit ganz normalfarbigen Ohren aus dem Staub. Auf bald, mei Gutster. Und besten Dank. Allen damit einen unwütenden Montag.
Liz hat es verfasst, und zwar am 26. November 2007 um genau 10:25
Kategorie : Sein | 0 Kommentare

Wir sitzen um einen Tisch mit riesigen Schaufeln, scharfkantig und grob. Da passt viel auf die Ladefläche, vom Griff stehen Splitter weg. Unregelmäßig, mal mehr, mal weniger. Einer hat Hornhaut, der merkt das nicht. Wir sitzen um diesen Tisch mit unseren Schaufeln auf unseren Türmen, um unsere Köpfe kleine summende Fliegen und alle bewegen die Hände vor und zurück, vor und zurück. Die Füße werden ordnungsgemäß auf den dafür vorgesehenen Stangen abgestellt, man kann noch kippeln, aber nervös auf dem Boden tappeln, das geht so nicht. Der Rücken wird ordnungsgemäß an die dafür gefertigte Lehne gelehnt, man stoße sich wie immer die Wirbelsäule an der Mittelstrebe, denn Kissen gibt es nur auf der Sitzfläche, das hält den Rücken gerade. Und wir halten unsere Schaufeln, wie man es uns beigebracht hat. In der Mitte liegt ein Berg aus Krümeln, ein paar Lichter wurden aufgestellt, damit wir uns gegenseitig beim Schaufeln beobachten können, wir feuern uns an und auf Kommando heben wir die Arme.
Hinterher tut es jedem weh dort, wo die Ohrläppchen aufhören. Als habe man zuviel gelacht, Muskelkater im Mund. Aber wir haben nicht zuviel gelacht, wir haben laut geredet und trugen die Schaufeln noch nach Plan wieder zurück ins Wasserbecken, das macht man so, das hat man uns mit kurzen Schlägen auf die Finger beigebracht als Kind. Sobald man um die Kurve isst, reckt und streckt man den Mund, pult mit dem Fingernagel die letzten Krümel zwischen den Zähnen hervor, kauft sich am Kiosk bei der Straßenbahnhaltestelle eine Flasche Wasser, spült durch und spuckt neben den Mülleimer. Mehr als das Wasser noch, mehr. Natürlich sind die Wangen rot, Gesundheit und Kälte, der Schal reibt ja auch ein bisschen, das sieht gut aus, was?! Ja, so sehen wir gut aus, so können wir die Schultern auch wieder bequem beugen, so machen wir die Fäuste auf und zu, damit es sich entspannt, so atmen wir tief ein. Seit zwei drei Stunden das erste Mal. Niemand stellt diese Zusammenkünfte in Frage, niemand sagt ein Wort, niemand hört auf, darauf zu hoffen, dass es sein könnte wie früher. Wie damals. Niemand weiß mehr, wie es war, aber alle glauben - gut.
Die Wangen so voll, dass es aus dem Mund quillt, wenn du etwas sagen möchtest. Also sagst du nichts. Niemand tut das.
Liz hat es verfasst, und zwar am 26. November 2007 um genau 0:19
Kategorie : Wir | 0 Kommentare
Ich brauche nichts über technische Voraussetzungen zu sagen, nichts über zu wenig Luft oder Zweitstimmen, ich werde keine objektiven Reden schwingen. Vielleicht reicht es, die Platte zu hören, die seit heute draußen ist (und zu der es gestern die Record Release Patry gab), einen wunderschönen Titel trägt und für die es so lange Zeit und so lange Geschichten und diese paar Menschen mit all den Jahren gebracht hat. Ich brauche nicht zu sagen, in welchen Straßenbahnlinien welche Lieder von “It tends to flow from high to low” am besten sind. Und eigentlich auch nicht, dass die großen, euphorischen Jubelschreie auf Konzerten irgendwie nicht dazu passen. Aber ich sehe, dass man stolz ist, sich überwunden zu haben. Und das darf man verdammt nochmal auch. Dass I Might Be Wrong jetzt da auf der Bühne stehen, zusammengewürfelt und raufgebaut, mag für den einen, der nicht weiß, woher die kleinen Gesten und Unsicherheiten rühren, eine nette Geschichte sein, sehr poppig für Sinnbus, mit hübschen Mädchen und talentierten Jungs, keine Verbalunterhaltung, aber textsicher und mit Überraschungen.
Für die anderen, die die vielleicht am Rand stehen und denen der Blick wegknickt, die die keine unbekannten Gesichter da vor sich haben, die sie noch von vor Jahren kennen und wissen, wie welche Stirn damals noch aussah, wie welches Haar und dass es die Umwege vielleicht auch brauchte, für die ist das noch ein Gefühl von früher. Die Stimmung von Kornfeldern und Steinbrüchen in entfernteren Wäldern vielleicht, die leisen Wünsche am Morgen in der Scheune oder auch nur der Bezirk, in dem fast niemand mehr ist mittlerweile. Aber dort hat alles angefangen. Dort hört es aber nicht auf. Der rote Salon war gestern Retrospektive in eine Zeit, die so lange noch gar nicht vorbei ist, aber irgendwie trotzdem sehr weit weg. Wenn Musik das wieder ranholen kann, ist das gut. Und auch, dass sie Geheimnisse hat.
“I could write a book about your life. You could never write a word about my life.”
(I Might Be Wrong)
Liz hat es verfasst, und zwar am 23. November 2007 um genau 19:06
Kategorie : Ton | 1 Kommentare
Auf der Brücke stehen und durchatmen. Und leise Anlauf nehmen für die Sachen, die man schaffen will. Für das Geländer. Für die Stufen. Für die Berge. Für all die Dinge, von denen man immer geträumt hat (ein bisschen und mehr). Die man noch aussprach, als man klein war. Und an die man später die Ansprüche zurückgeschraubt und die Worte darüber leiser gesagt hat. Man darf´s ja auch nie aussprechen, wenn man eine Wimper wegpustet und sich etwas wünscht. Und vor ein paar Jahren schon hab ich gepustet und nichts mehr gesagt, die Faust geballt und gehofft. Und wenn du dann da stehst auf der Brücke und die Lichter in der Ferne blinken. Die Leute gehen von der Arbeit nach Hause, die Hände in den Taschen, alle ganz schnell an dir vorbei. Wenn es kalt ist und rauscht von Wasser und Verkehr und all dem eben Gesagten, dann hältst du still. Dann musst du auch erst einmal eine Weile dort stehen, um es zu begreifen. Dass es nicht mehr nur eine Glückssache ist. Dass es jetzt auf dich ankommt. Dass du fast da bist.
Nichts sagen, aber lächeln.
Liz hat es verfasst, und zwar am 20. November 2007 um genau 19:36
Kategorie : Moi | 0 Kommentare
(Bild: filmstart.biz)
Ich meine, sie hat einen guten Blick. Cho Sung-hyung. Unaufgeregt und klar ist ihre Perspektive auf die Bewohner des Dorfes Wacken in Schleswig-Holstein, in dem jährlich das Wacken Open Air Festival stattfindet. Ein Metal Festival. 2006 kam der
Film ins Kino, und während ich hier fleißig Wadenwickel wickle, Tablettenschachteln sortiere, Tee einflöße und Wärmflaschen auffülle, habe ich mein Kino eben im November 2007 nachgeholt. Zuhause.
Wacken ist eigentlich auch unaufgeregt. Die Älteren haben sich abgefunden, leben verheiratet oder verwitwet. Resigniert oder aufrecht. Die meisten etwas wehmütig. Und der, dem die Felder gehören, findet sich selbst ziemlich gut. Er steht nach dem Essen auf, auch wenn seine Frau noch nicht fertig ist. Sie beschwert sich leise, lächelt für die Kamera. Er legt sich auf´s Sofa und schläft. Nach dem Festival fährt er mit seinem kleinen Mobil über die Wiesen, wo die Jugendlichen den Müll einsammeln. Er schaut auf seinen Besitz und gibt Anweisungen, fährt kleine Kurven.
Dann gibt es das Mädchen, das mit seiner Freundin in einem kleinen Fitnessraum trainiert. Diättipps kleben sie mit Klebeband an die Wände, sie machen Gymnastik auf zwei Isomatten zu einer Anleitung aus dem Radio. Für den Nationalsozialismus interessiert sie sich, weil ihre Oma von der Flucht erzählt hat damals, da kauft sie sich auch mal Lektüre zu. Mit ihrer Freundin bewirbt sie sich bei einer Modellagentur. Und auf´s Wacken geht sie, weil man so schnell Leute kennenlernt dort. Dass diese vom Satan besessen sind, wie ihre Oma glaubt, denkt sie nicht. Ihre Oma hat auch eine Freundin. Mit der macht sie aber nicht Gymnastik, sondern isst Kuchen und singt im Chor. Da sieht sie dann wieder ein bisschen jung aus, wenn sie singt von Rollschuhen und im regionalen Akzent.
Der Kuhbauer holt seine Frau vor die Kamera, das habe sie sich schon lange gewünscht. Sie stehen nebeneinander, er gibt ihr einen Kuss. Und ganz ruhig zieht er an der Zigarette im Kuhstall, während die kleine Katze aus der Milchkanne trinkt. Aber man stellt doch schon Stühle vor die Häuser, denn bald geht es los. Und alle machen mit. Als Ordner, Platzanweiser oder am Ausschank. Es gibt eine Einweisung vom Wachtmeister aus dem Nachbarort. Manche fahren weg, die Kinder bleiben da.
Und natürlich sind alle aufgeregt, als die meist schwarz gekleideten, oft langhaarigen Fans kommen, aber das ist zu erwarten, das kennt man. Jugendkultur mit Symbolen und Praxen, der Bruch ist ganz nett, als die Wackener Feuerwehr zur Festivaleröffnung mit dem Orchester auffährt. Die Metalheads finden das gut, die Einwohner auch. Man schunkelt zusammen. Und dann gibt es die typischen Bilder vom Festival, Regen, Schlamm, headbangen. Interessant ist jedoch, wie sich dieses Dorf nicht aus der Ruhe bringen lässt, nicht vom Weg ab. Es verändert nichts in deren Leben, alles geht weiter wie vorher, man nimmt es so hin. Und morgen wieder Ernte und Mittagessen.
Liz hat es verfasst, und zwar am 16. November 2007 um genau 23:54
Kategorie : Filme | 5 Kommentare
Fremde Schuppen auf fremden Schultern. Einkaufstüten aus Plastik und Papier, alles knistert. Schwarze Mäntel, beige Mäntel, braune Jacken, grüne Jacken, gestreifte Pullover und überall Schals bis zu den Knien. Beim Anziehen nicht bedacht, dass die Bahn so voll wird und die Fahrt so lang, wickeln wickeln, entwirren. Lichter flackern. Es riecht nach Kaffee und Döner und Brötchentüten. Wenn die Schuppen von den Schultern fallen, liegen sie neben den Krümeln. Feinstrumpfhosen, Jeansbeine, Cordhosenumschläge, Wollsockenstreifen, Stützstrumpfenden. Dischdischmusik neben orientalischen Gesängen, hallo Gitarrenmann. Im Gang stehen und lesen. Auf dem Sitz sitzen und gucken. Manteltaschen, Ratgeber, Klettverschlüsse und Krimis. Parfums heben sich nicht gegenseitig auf. Schmatzen, schniefen, husten, kleckern, fallen, halten, die Stirn in Falten legen.
“Wir brauchen alle ein bisschen mehr Smoovität“.
Liz hat es verfasst, und zwar am 15. November 2007 um genau 18:16
Kategorie : Berlin | 5 Kommentare