
Und natürlich den kleinen Zeitungsschnipsel, den meine Uroma damals ausgeschnitten hat und der ordentlich in Klarsichtfolie verpackt hinten im Backbuch liegt. Ich werde ihn im neuen Jahr rahmen lassen, weil er an den Kanten schon ausfranst, weil man ihn gar nicht anfassen möchte aus Angst, er könne jeden Moment zerfallen oder sich unter dem Gewicht des drauf fallenden Mehls auflösen. Die Speisestärke hieß damals noch Weizenin. Und das Gebäck nur “Braune Kugeln”, das wir Enkel und Urenkel jedoch “Schokoli” tauften, während wir die weichen Krümel mit der Zunge an unsere Gaumen drückten und das Weich förmlich darauf zerging. Passt besser. Und auf dem Bild fehlt der Puderzucker.
Liz hat es verfasst, und zwar am 16. Dezember 2007 um genau 12:47
Kategorie : Fundstücke | 5 Kommentare
Ich habe etwas schönes gefunden, etwas, das genau zu dem passt, für den es sein soll. Es sieht schön aus, es fühlt sich gut an und ich möchte es bezahlen. Hinter der Theke steht ein Verkäufer. Den Hüftschwung kann er gut, er säuselt und schwebt dabei durch den Laden. Ich lege das Etwas auf den Ladentisch und gebe ihm meine Geldkarte. Er wird ganz aufgeregt und stopft sie mit roher Gewalt oben in die Öffnung seines Kartenlesegerätes. Weil diese zarte Karte solch blinde Aggression jedoch nicht verträgt, zerbricht sie mit einem lauten Knack, als der Mann mit der Faust drauf haut, damit sie ins Gerät rutscht. „Ach Gottchen“, näselt der Verkäufer, „na, wenn die nicht einmal eine starke Hand aushält.. tztztz…“ und gibt mir meine Karte in zwei Hälften zurück. „Da kann unsereiner ja auch nix mehr machen!“. Ich nehme die zwei Teile, lasse das Etwas auf der Theke liegen, atme tief ein und verlasse wortlos den Laden. Er fragt noch: „Nicht bar zahlen?“. Ich schließe die Tür hinter mir und schaue gen Himmel. An der Tür der Sparkasse, wo ich eine neue Karte beantragen möchte, stehen die Öffnungszeiten. Freitag 9-15 Uhr. Es ist drei nach drei, die Lichter sind aus.
Mit Schimpfworten versetzte Stoßgebete murmelnd gehe ich in Richtung Straßenbahn. An der Station steht auch eine Bahn. Vor dem Fahrerfenster jedoch steht ebenfalls ein Mann, der die Fahrerin wüst beschimpft. „Sie können doch nicht schon VOR der Station die Türen öffnen!“. Die Straßenbahnfahrerin schüttelt den Kopf und wackelt mit der einen Hand vor seinem Gesicht herum. Eine andere Frau möchte ebenfalls noch einsteigen, während die beiden streiten, aber die Tür geht nicht mehr auf. Auch eine Omi wackelt wieder zurück auf den Bürgersteig, weil alles verrammelt ist. Die Straßenbahnfahrerin zeigt auf die Ampel, es ist grün. Doch der Mann bewegt sich nicht weg und schimpft weiter. „HIER ist die Station, da wo ich stehe. Und nicht da vorne!“. Mit dem Finger zeigt er auf die Laterne drei Meter weiter. Die Bahn bimmelt und setzt sich dann langsam in Bewegung, den zeternden Mann anstubsend. Dieser muss sich, um nicht doch ganz mitgeschleift oder überrollt zu werden, mit einem Hechtsprung zur Seite retten. Die Omi schüttelt den Kopf, die Bahn fährt über Grün, der Mann brüllt: „Das werde ich mir merken“. Die nächste kommt in nichtmal einer Minute, ich kann sie schon sehen.
Liz hat es verfasst, und zwar am 14. Dezember 2007 um genau 18:29
Kategorie : Berlin | 2 Kommentare
Liz hat es verfasst, und zwar am 14. Dezember 2007 um genau 10:05
Kategorie : Blicke | 2 Kommentare
Sie kam mir entgegen am Morgen an der Ecke vor´m Bäcker. Ein bisschen gealtert, irgendwann macht es ja keinen großen Unterschied mehr, ob zehn oder fünfzehn Jahre. Ein paar mehr oder weniger, die Falten sind, wo sie sind, die gehen da auch nicht mehr weg. Und sie hatte die Haare zerzaust auf den Schultern liegen, die Bäume rauschten laut im Wind, die Musik in meinen Kopfhörern ging darin unter. Und die Kapuze rutschte mir vom Kopf. Eine Gehwegplatte lag schief und wenn man drauf stand, kippte die S-Bahn-Brücke etwas nach rechts. Manchmal sehe ich sie, meistens abends im Dunkeln, wir gehen aneinander vorbei. Ich senke den Kopf und erkenne sie trotzdem. Ihre Art zu gehen, hast du mal beschrieben, als wir am Fluß saßen und ich noch ganz überfordert war von diesem neuen Menschen in deinem Leben, meinem Leben.
Sie hatte graue Ringe unter den Augen, an der Hand ein Kind, dessen Stiefel gingen ihm bis zum Knie. Das Kind ihr nicht einmal bis zur Hüfte. Hätte ich nicht ganz genau gewusst, dass du länger fort bist, als das Kind alt ist, ich wäre nicht sicher gewesen. Ich hätte es noch einmal genauer und in Ruhe anschauen müssen, es vielleicht sprechen hören oder schlafen sehen. Es steckte seine Hände in die Taschen und blieb vor einem Lastwagen stehen. Und während es zusah, wie ein paar Männer Platten ausluden, legte es den Kopf schräg. Der Bahnhof lag wieder gerade. Traurig sah sie aus, aber sie sagte nichts, sondern wartete, schaute auf die Uhr und zog sich selbst den Schal zurecht. Unsere Blicke trafen sich, als ich die Ladentür aufdrückte. Ich glaube, wir dachten beide das gleiche am Morgen an der Ecke vor dem Bäcker.
Liz hat es verfasst, und zwar am 13. Dezember 2007 um genau 17:57
Kategorie : Blicke | 0 Kommentare
Wem nächsten Dienstag langweilig ist, wer ein bisschen Gesellschaft und Anschluss sucht, wer gerade in der Nähe ist oder mal wieder jemandem absagen will, wer noch keine Location für das nächste Date hat und gerne mit Kultur punkten würde, wer mag und Lust hat, wer mal einen Drink mit mir drinken will und Armdrücken, der kann ja nächsten Dienstag um 21:00 Uhr ins NBI in der Schönhauser Allee 36 im Hof der Kulturbrauerei kommen und der Lesung zu “The Gold Collection“ beiwohnen. Es lesen Wolfgang Herrndorf, Jochen Schmidt, Julia Zange (äh und ich). Hinsetzen und lauschen und danach vergnügt zu DJ Mittanzzentrale tanzen. Klingt erstmal komisch, in echt aber ganz gut.
Liz hat es verfasst, und zwar am 12. Dezember 2007 um genau 20:48
Kategorie : Lektüre | 15 Kommentare
Die meisten fallen durch. Jetzt, wenn über der eigenen Haut wieder mehrere künstliche Lagen liegen, die Hornhaut sich in den dicken Socken zurechtrückt, da ist weniger Licht und der Kopf geht auf dem Weg öfter gen Himmel und nicht mehr schattensuchend nach unten. Wir übersehen die alten Kaugummis, die Zigarettenstummel, mitunter auch einander, die Kanten im Pflaster. Aber wir kennen die Fassaden, die alten und die neuen, die mit den Narben. Die Schubladen sind wieder ein bisschen leerer, da passt noch was rein, wenn man etwas anderes rausholt. Vielleicht das mit dem sperrigen Kreuz.
Und wir könnten uns überlegen, wen wir im nächsten Sommer noch kennen wollen. Oder wem wir schon seit Jahren Weihnachtspostkarten schreiben, ohne zu wissen, wer das eigentlich mittlerweile ist. Wir müssen uns überlegen, wen wir in unser kleines Leben lassen, jetzt, wo es kalt wird, wo wir um den Schal nicht mehr drumherum kommen. Denn wir sollten die Hände jetzt nur noch aus den Taschen ziehen, wenn es sich wirklich lohnt. Wohin mit all den leeren Fragen, mit dem geheuchelten Interesse, mit dem Schweigen zwischen all den Jahren? Oder nur Minuten.
Am Wochenende fahre ich an den See und werfe dich hinein. Vielleicht sehen wir uns noch einmal, wenn es friert. Dann reibe ich dir den Schnee von den Wangen und wundere mich und erkenne dich nicht. Die meisten halten das ja nicht aus. Die kommen nicht wieder, wenn sie den ersten Zentimeter nicht überwinden können. Die gehen weg, sobald es anstrengend wird. Vielleicht erkennst du mich, ich werde eine Mütze tragen, aber ich werde dich nicht fragen, wie du heißt. Das ist egal. Ich denke nicht, dass wir uns wiedersehen sollten.
Liz hat es verfasst, und zwar am 11. Dezember 2007 um genau 17:09
Kategorie : Wir | 2 Kommentare
Die Häufigkeit, mit denen mich dieses Gefühl beschleicht, das F.L. hier so wunderbar beschreibt, lässt mich zuweilen stutzen, sodass ich mit der Stutzerei aus dem beschriebenen Zustand eigentlich nur noch rumstehe und mich wundere.
Liz hat es verfasst, und zwar am 11. Dezember 2007 um genau 12:02
Kategorie : Fundstücke | 0 Kommentare
Das montägliche Kurzgespräch muss heute aufgrund von vorweihnachtlichem Zeitmangel ausfallen. Dafür gibt es frisch und munter ein Coverstück von Lars und mir passend zum Titel und ein bisschen melancholisch. Dabei sein ist alles. Nächsten Montag wird sich aber wieder brav unterhalten. In echt, Farbe und Heimeligkeit geht es dann ums “Leise sein” mit Julius.
Liz hat es verfasst, und zwar am 10. Dezember 2007 um genau 10:13
Kategorie : Sein, Ton | 3 Kommentare
Wenn einem jemand erzählt, was alles passiert. Was vielleicht sein könnte, was gut möglich wäre, was eine Chance hätte, dass man den Mut verlor, dass man es doch sagt, was ja wichtig ist, um sich wieder treffen zu können. Wenn einem jemand etwas erzählt, in Halbsätzen mit unsicherem Mund und den Händen immer woanders, wenn einem jemand dann etwas erzählt und sich festhält an einer Kante und du denkst, jetzt kenn ich dich nicht mehr, jetzt bist du jemand anderes. Und dich fragst, was ist in diesen zwei Sekunden passiert?
Wenn einem jemand erzählt, was passiert. Und man schon weiß, bevor er zu sprechen beginnt, dass nichts davon wahr wird. Dass alles so bleibt. Dass das nur gesagt wird, um der Situation eine Brisanz zu geben, um mal kurz so zu tun, als mache man einen Schritt in eine Richtung, die man so lange nicht mehr eingeschlagen hat, um sich zu vergewissern, dass man das noch kann. Wenn einem jemand erzählt, woran er manchmal vielleicht denkt. Und man schon weiß, bevor er fertig ist, dass nichts davon jemals geschieht. Dann möchte man nichts mehr sagen. Weil man es ja ernst meinen könnte.
Liz hat es verfasst, und zwar am 6. Dezember 2007 um genau 17:20
Kategorie : Blicke | 4 Kommentare
Ich frage mich, wo dieser arrogante Typ seine achso großen Mengen Zeit hernimmt, um zigtausend Bücher zu lesen, mir fallen ja beim Lesen abends im Bett nach einer Seite schon die Augen zu. Vom Lesen in der Bahn aufgrund von Handyklingeltönen ausprobierenden Kiddies, überfüllten Zügen wegen Streik oder gitarrespielenden Hmmmrummstatamusikern fang ich gar nicht erst an, da hilft nur Mucke an und rausgucken. Luft anhalten und abtauchen. Und zwischendurch ist leider (!) nicht immer genug Zeit, um sich mal in Ruhe zum Lesen hinzusetzen.
Jedenfalls wüsste ich doch gern, wo Mr. Superstudent dazu auch noch die Überzeugung aufgegabelt hat, so abfällig über seine Kommilitonen zu sprechen: “So lange es keine Studenten gibt, die bereitwillig den Hintern herhalten, um sich mal kräftig zum Lernen animieren zu lassen - so lange wird wohl die eigentliche Elite auf sich warten lassen“. Fein. Und was ist, wenn man gar nicht Elite sein will? Nicht jeder geht auf die Uni, um in jedem Fach seine Eins vor´m Komma zu haben, einige Leute arbeiten oder suhlen sich in ihrem Studienfach eben nicht so wie in einer heißen Badewanne, haben andere Leidenschaften. Und dann gibt es noch die, die keine Lust haben, sich auf diverse Sinnlosdiskussionen einzulassen, welche meistens zu nichts führen außer stickiger Luft und Ergbnislosigkeit, die sich ans Ende von anderthalb Stunden gesellt, deren Inhalt lediglich die Profilierung einzelner Universitätsschwafler ist, die sonst keine Hobbies haben.
Werter Herr Röhlig, geh mal schön den Weg durch dein Studium, aber lass doch bitte gern die anderen Leuten mit deinen Belehrungen in Frieden. Universität als Ort der Toleranz, holladiho, und jedem das Seine. Vielleicht könntest Du, wenn Du schon soviel Zeit in der Uni und der Bibliothek verbringst, auch gleich mal die Gelder suchen, die angeblich in die Lehre fließen. Zur Belohnung würde ich Dir eine Bienenbrille schenken. Macht sich super, wenn man im Sommer aus der Uni kommt und einem die echte, wahrhaftige Sonne ins Gesicht scheint. Dann braucht man sich nicht mehr die Hand über die Stirn halten, sondern kann sie dazu benutzen, in Ruhe ein Buch auszupacken.
Liz hat es verfasst, und zwar am 4. Dezember 2007 um genau 16:11
Kategorie : Fragen | 18 Kommentare