(2) Lange wach sein – mit Frau Grau

Die zweite Woche der sich um Befindlichkeiten drehenden Montagsinterviewblogkolumne wird von Carmina aka Frau Grau eingeläutet. Zum Montag also ein kleines Gespräch über nächtliche Produktivität.



Wann bist du gestern ins Bett gegangen?
Das war so gegen vier. Um sieben war der Kopf wieder wach, aber der Rest hat sich entschlossen liegen zu bleiben.
Die letzte Woche war durchgehend eine ohne viel Schlaf.

Wie kommt das?
Das liegt zum Einen sicher in meiner Natur. Nachts entstehen oft die besten Ideen. Um einen herum ist alles still. Es ist ein bisschen wie Isolation. Was nicht bedeutet, dass ich an dem Leben da draußen nicht mehr teilhabe. Zum Glück komme ich oft ohne viel Schlaf aus. Und manchmal ist es einfach so, dass die Arbeit nicht anders zu bewältigen ist, wenn die Termine im Nacken sitzen und die Hände und Stifte einen tagsüber im Stich gelassen haben.

War das schon immer so?
Es hat sich früh herausgestellt, dass ich ein Nachtmensch bin, wenn ich meinen Eltern glauben kann. Ich war wohl auch ein Großmeister im Erfinden von Ausreden und Begründungen, warum ich noch einmal aufstehen muss. Aber diese Nächte geben mir auch etwas zurück. Und genau deswegen mache ich das. Auch wenn der Körper dann einfach mal müde ist.

Was genau geben dir diese Nächte zurück?
Das Gefühl der Erschöpfung. Ein gutes Gefühl. Und wenn man dann später das in der Hand hält, was man geschafft hat, fühlt sich das gut an. Die Leidenschaft treibt einen an und das Papier ist wie eine Reflektionsfläche des Ganzen. Vielleicht ist es auch nur das Gefühl das Richtige zu tun. Strich für Strich. Stunde für Stunde.

Und das geht so tagsüber nicht?
Es ist eher so, dass die Zeit am Tag meistens nicht ausreicht. Und ich oft erst in der Nacht zur Hochform auflaufe. Der Kopf arbeitet am Tag, die Hände in der Nacht. Es ist schwierig zu erklären, weil es keinen Grund gibt, warum das so ist. Ich würde auch gerne wissen, was die Nächte können und die Tage nicht.

Wie reagieren die anderen Menschen denn auf deinen Rhythmus?
Die wenigsten Menschen sind nachts wach oder erreichbar, deswegen muss ich natürlich auch tagsüber arbeiten. Die meisten bekommen meinen Rhythmus aber nicht mit. Die, die um mich herum leben, sind auch oft “Nachtmenschen” oder ermahnen mich ab und an mit erhobenem Finger. Doch im Allgemeinen ist es so, dass ich mit diesem Rhythmus glücklich bin und auch so wirke. Ich denke, wir finden alle unseren Takt, in dem wir leben und arbeiten.

Geht das ineinander über?
Leben und Arbeit hat bei mir keine Trennung, keine Grenze. Es ist alles ein Fluss. So kommt vielleicht ein großer Teil der Nachtarbeit zustande. Weil es keine Blöcke gibt, die den Tagesablauf beschreiben. Viele der Entscheidungen, wann was zu machen ist, kommen aus dem Bauch und das lässt sich schwer steuern. Mir ist dieser Fluss wichtig. Alles zur richtigen Zeit.

Liz hat es verfasst, und zwar am 3. Dezember 2007 um genau 10:15
Kategorie : Sein | 1 Kommentare

 “Berlin is always the new Berlin”

Die Stadt hatte sich zurechtgemacht gestern. Im Haus des Rundfunks standen sich Schalträger mit funkelnden Ringen die Beine in den Bauch, sie trugen ihre Gläser mit Sekt herum und durften sie nicht mit in den Sendesaal nehmen. Und dann saßen sie in Reihe und ein bisschen hibbelig herum, bis Rufus Wainwright in grünem Neon-Glitzer-Tamtam-Anzug mit seiner Band in ähnlich waghalsigen Outfits die Bühne betrat. Er legte los von Anfang an, die angeschrägten Sitzreihen brauchten ein bisschen um warm zu werden, der Lichtmann musste sich einfitzeln, aber dann lief der Schweiß und die Gänsehaut.

Pompöses Entertainment, eine Stimme, die bis an die Decke reicht, und das Gefühl, nicht in dieser Zeit zu leben, sondern irgendwo anders irgendwann. Natürlich wurde sich umgezogen und nach dem Anzug, der im Dunkeln leuchtete, wurde die Lederhose ausgepackt und ich fragte mich, ob schon jemals zuvor, jemand in Lederhosen mit Glitzerkettchen zwei Songs von Judy Garland begleitet vom Flügel und mit soviel Inbrunst gesungen hat.

Berlin fühlte sich wohl unter seinen ständigen Komplimenten. Und natürlich rastete das Publikum aus bei dem Song, den man in Málaga sehr geliebt, aber in Madrid gehasst haben soll. Berlin findet das alles gut und gibt die Komplimente tosend zurück. Unterstreicht die süße Selbstbeweihräucherung des Protagonisten, der nach den Lederhosen erst im Bademantel ein paar Songs spielt, um dann auf Highheels zu performen und sich von seiner Band tänzerisch umgarnen zu lassen.

Die Palette an Gefühlszuständen durch, manchmal vielleicht ein bisschen verloren, weil die Stimme ja doch sehr markant ist und die Lieder hin und wieder sehr ähnlich klingen, aber weggehauen von der Professionalität, Selbstironie und dem Charme von Rufus Wainwright verlassen wir im Nieselregen das große mit grinsenden Gästen gefüllte Foyer. Die Ohren sausen vom Applaus, Berlin ist immer noch das novembrige Berlin, dem es nie schnell genug gehen kann. Wir fahren langsam durch die Nacht, das Radio bleibt aus.

“Do I disapoint you in just being human and not one of the elements you can light your cigar on?”

(Rufus Wainwright)

Liz hat es verfasst, und zwar am 1. Dezember 2007 um genau 12:55
Kategorie : Ton | 3 Kommentare


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