Die Sache ist ja die, dass es so viele Sachen sind.

Monat: Dezember, 2007

Weihnachtscontent: All you need is time.



Und natürlich den kleinen Zeitungsschnipsel, den meine Uroma damals ausgeschnitten hat und der ordentlich in Klarsichtfolie verpackt hinten im Backbuch liegt. Ich werde ihn im neuen Jahr rahmen lassen, weil er an den Kanten schon ausfranst, weil man ihn gar nicht anfassen möchte aus Angst, er könne jeden Moment zerfallen oder sich unter dem Gewicht des drauf fallenden Mehls auflösen. Die Speisestärke hieß damals noch Weizenin. Und das Gebäck nur “Braune Kugeln”, das wir Enkel und Urenkel jedoch “Schokoli” tauften, während wir die weichen Krümel mit der Zunge an unsere Gaumen drückten und das Weich förmlich darauf zerging. Passt besser. Und auf dem Bild fehlt der Puderzucker.

Berlin ist ein Heini.

Ich habe etwas schönes gefunden, etwas, das genau zu dem passt, für den es sein soll. Es sieht schön aus, es fühlt sich gut an und ich möchte es bezahlen. Hinter der Theke steht ein Verkäufer. Den Hüftschwung kann er gut, er säuselt und schwebt dabei durch den Laden. Ich lege das Etwas auf den Ladentisch und gebe ihm meine Geldkarte. Er wird ganz aufgeregt und stopft sie mit roher Gewalt oben in die Öffnung seines Kartenlesegerätes. Weil diese zarte Karte solch blinde Aggression jedoch nicht verträgt, zerbricht sie mit einem lauten Knack, als der Mann mit der Faust drauf haut, damit sie ins Gerät rutscht. „Ach Gottchen“, näselt der Verkäufer, „na, wenn die nicht einmal eine starke Hand aushält.. tztztz…“ und gibt mir meine Karte in zwei Hälften zurück. „Da kann unsereiner ja auch nix mehr machen!“. Ich nehme die zwei Teile, lasse das Etwas auf der Theke liegen, atme tief ein und verlasse wortlos den Laden. Er fragt noch: „Nicht bar zahlen?“. Ich schließe die Tür hinter mir und schaue gen Himmel. An der Tür der Sparkasse, wo ich eine neue Karte beantragen möchte, stehen die Öffnungszeiten. Freitag 9-15 Uhr. Es ist drei nach drei, die Lichter sind aus.

Mit Schimpfworten versetzte Stoßgebete murmelnd gehe ich in Richtung Straßenbahn. An der Station steht auch eine Bahn. Vor dem Fahrerfenster jedoch steht ebenfalls ein Mann, der die Fahrerin wüst beschimpft. „Sie können doch nicht schon VOR der Station die Türen öffnen!“. Die Straßenbahnfahrerin schüttelt den Kopf und wackelt mit der einen Hand vor seinem Gesicht herum. Eine andere Frau möchte ebenfalls noch einsteigen, während die beiden streiten, aber die Tür geht nicht mehr auf. Auch eine Omi wackelt wieder zurück auf den Bürgersteig, weil alles verrammelt ist. Die Straßenbahnfahrerin zeigt auf die Ampel, es ist grün. Doch der Mann bewegt sich nicht weg und schimpft weiter. „HIER ist die Station, da wo ich stehe. Und nicht da vorne!“. Mit dem Finger zeigt er auf die Laterne drei Meter weiter. Die Bahn bimmelt und setzt sich dann langsam in Bewegung, den zeternden Mann anstubsend. Dieser muss sich, um nicht doch ganz mitgeschleift oder überrollt zu werden, mit einem Hechtsprung zur Seite retten. Die Omi schüttelt den Kopf, die Bahn fährt über Grün, der Mann brüllt: „Das werde ich mir merken“. Die nächste kommt in nichtmal einer Minute, ich kann sie schon sehen.

Weihnachtscontent: Bauunternehmung.

Dezembervormittag

Sie kam mir entgegen am Morgen an der Ecke vor´m Bäcker. Ein bisschen gealtert, irgendwann macht es ja keinen großen Unterschied mehr, ob zehn oder fünfzehn Jahre. Ein paar mehr oder weniger, die Falten sind, wo sie sind, die gehen da auch nicht mehr weg. Und sie hatte die Haare zerzaust auf den Schultern liegen, die Bäume rauschten laut im Wind, die Musik in meinen Kopfhörern ging darin unter. Und die Kapuze rutschte mir vom Kopf. Eine Gehwegplatte lag schief und wenn man drauf stand, kippte die S-Bahn-Brücke etwas nach rechts. Manchmal sehe ich sie, meistens abends im Dunkeln, wir gehen aneinander vorbei. Ich senke den Kopf und erkenne sie trotzdem. Ihre Art zu gehen, hast du mal beschrieben, als wir am Fluß saßen und ich noch ganz überfordert war von diesem neuen Menschen in deinem Leben, meinem Leben.

Sie hatte graue Ringe unter den Augen, an der Hand ein Kind, dessen Stiefel gingen ihm bis zum Knie. Das Kind ihr nicht einmal bis zur Hüfte. Hätte ich nicht ganz genau gewusst, dass du länger fort bist, als das Kind alt ist, ich wäre nicht sicher gewesen. Ich hätte es noch einmal genauer und in Ruhe anschauen müssen, es vielleicht sprechen hören oder schlafen sehen. Es steckte seine Hände in die Taschen und blieb vor einem Lastwagen stehen. Und während es zusah, wie ein paar Männer Platten ausluden, legte es den Kopf schräg. Der Bahnhof lag wieder gerade. Traurig sah sie aus, aber sie sagte nichts, sondern wartete, schaute auf die Uhr und zog sich selbst den Schal zurecht. Unsere Blicke trafen sich, als ich die Ladentür aufdrückte. Ich glaube, wir dachten beide das gleiche am Morgen an der Ecke vor dem Bäcker.

Weißte Bescheid.

Wem nächsten Dienstag langweilig ist, wer ein bisschen Gesellschaft und Anschluss sucht, wer gerade in der Nähe ist oder mal wieder jemandem absagen will, wer noch keine Location für das nächste Date hat und gerne mit Kultur punkten würde, wer mag und Lust hat, wer mal einen Drink mit mir drinken will und Armdrücken, der kann ja nächsten Dienstag um 21:00 Uhr ins NBI in der Schönhauser Allee 36 im Hof der Kulturbrauerei kommen und der Lesung zu The Gold Collection beiwohnen. Es lesen Wolfgang Herrndorf, Jochen Schmidt, Julia Zange (äh und ich). Hinsetzen und lauschen und danach vergnügt zu DJ Mittanzzentrale tanzen. Klingt erstmal komisch, in echt aber ganz gut.

Aussortieren.

Die meisten fallen durch. Jetzt, wenn über der eigenen Haut wieder mehrere künstliche Lagen liegen, die Hornhaut sich in den dicken Socken zurechtrückt, da ist weniger Licht und der Kopf geht auf dem Weg öfter gen Himmel und nicht mehr schattensuchend nach unten. Wir übersehen die alten Kaugummis, die Zigarettenstummel, mitunter auch einander, die Kanten im Pflaster. Aber wir kennen die Fassaden, die alten und die neuen, die mit den Narben. Die Schubladen sind wieder ein bisschen leerer, da passt noch was rein, wenn man etwas anderes rausholt. Vielleicht das mit dem sperrigen Kreuz.

Und wir könnten uns überlegen, wen wir im nächsten Sommer noch kennen wollen. Oder wem wir schon seit Jahren Weihnachtspostkarten schreiben, ohne zu wissen, wer das eigentlich mittlerweile ist. Wir müssen uns überlegen, wen wir in unser kleines Leben lassen, jetzt, wo es kalt wird, wo wir um den Schal nicht mehr drumherum kommen. Denn wir sollten die Hände jetzt nur noch aus den Taschen ziehen, wenn es sich wirklich lohnt. Wohin mit all den leeren Fragen, mit dem geheuchelten Interesse, mit dem Schweigen zwischen all den Jahren? Oder nur Minuten.

Am Wochenende fahre ich an den See und werfe dich hinein. Vielleicht sehen wir uns noch einmal, wenn es friert. Dann reibe ich dir den Schnee von den Wangen und wundere mich und erkenne dich nicht. Die meisten halten das ja nicht aus. Die kommen nicht wieder, wenn sie den ersten Zentimeter nicht überwinden können. Die gehen weg, sobald es anstrengend wird. Vielleicht erkennst du mich, ich werde eine Mütze tragen, aber ich werde dich nicht fragen, wie du heißt. Das ist egal. Ich denke nicht, dass wir uns wiedersehen sollten.


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