Dezembervormittag
Sie kam mir entgegen am Morgen an der Ecke vor´m Bäcker. Ein bisschen gealtert, irgendwann macht es ja keinen großen Unterschied mehr, ob zehn oder fünfzehn Jahre. Ein paar mehr oder weniger, die Falten sind, wo sie sind, die gehen da auch nicht mehr weg. Und sie hatte die Haare zerzaust auf den Schultern liegen, die Bäume rauschten laut im Wind, die Musik in meinen Kopfhörern ging darin unter. Und die Kapuze rutschte mir vom Kopf. Eine Gehwegplatte lag schief und wenn man drauf stand, kippte die S-Bahn-Brücke etwas nach rechts. Manchmal sehe ich sie, meistens abends im Dunkeln, wir gehen aneinander vorbei. Ich senke den Kopf und erkenne sie trotzdem. Ihre Art zu gehen, hast du mal beschrieben, als wir am Fluß saßen und ich noch ganz überfordert war von diesem neuen Menschen in deinem Leben, meinem Leben.
Sie hatte graue Ringe unter den Augen, an der Hand ein Kind, dessen Stiefel gingen ihm bis zum Knie. Das Kind ihr nicht einmal bis zur Hüfte. Hätte ich nicht ganz genau gewusst, dass du länger fort bist, als das Kind alt ist, ich wäre nicht sicher gewesen. Ich hätte es noch einmal genauer und in Ruhe anschauen müssen, es vielleicht sprechen hören oder schlafen sehen. Es steckte seine Hände in die Taschen und blieb vor einem Lastwagen stehen. Und während es zusah, wie ein paar Männer Platten ausluden, legte es den Kopf schräg. Der Bahnhof lag wieder gerade. Traurig sah sie aus, aber sie sagte nichts, sondern wartete, schaute auf die Uhr und zog sich selbst den Schal zurecht. Unsere Blicke trafen sich, als ich die Ladentür aufdrückte. Ich glaube, wir dachten beide das gleiche am Morgen an der Ecke vor dem Bäcker.
Liz hat es verfasst, und zwar am 13. Dezember 2007 um genau 17:57
Kategorie : Blicke | 0 Kommentare