Großstadtcowboys



Ein kleiner Spongebob sitzt neben der Geschwindigkeitsanzeige des glatzköpfigen Taxifahrers. Er trägt einen dieser riesigen Ringe, mit denen man jemanden erschlagen könnte und gleichzeitig die Kippe danach darin ausdrücken kann. Mini-Aschenbecher für den wurstig geformten Mittelfinger. Aber ich sehe im ersten Moment nur Spongebob, verkünde ohne groß darüber nachzudenken, meiner Freude darüber mit einem kurzen Quietschgeräusch. “Na wenichstens erkennt ma eener den. Sonst denken imma nur alle, dit wär Bernd, dit Brot. Unahört, sach ick. Aber weeßte wat? Da ha ick mir heute son Tättuh-Magazin anjekiekt und wat seh ick da? Hat da eener janz Bikinibottum uffm Arm, wa. Und nich so in Blau oder Schwarz uff Hautfarbe, nee nee. Janz in bunt mit quietschgelb und so. Ick sag immer, so viele Tättuhs sind och nüscht“.

Zwei Ampeln später. “Ihr kommt also ausm Kino. Wat habta denn jekiekt?” […] “Ach. Und Brad Pitt hat jereicht, dass man sich dit antut? Na jut. So richtig Western? Ick finde Western, da jibtet kaum jute. Obwohl ZurückInDieZukunftSwei ja och fast eener war, ja? Dit war noch jut, aber der Rest. Also ick meine, ick versteh och so Leute nich, die immer quatschen wat von wejen: Früha war allet bessa. Nee. Den janzen Tach rumrennen in unbequemen Stiefeln und dit klimpert ja och die janze Zeit, dann von morgens bis ahms Kühe fangen und Kühe stempeln - dit wär nüscht für mich.”

Zwei Ampeln später.
So im Mittelalter vielleicht, da jing dit ja noch n bisschen ab, wa. Da hatteste nich nur so kleene Saloonkeilereien nachm Ahmdbrot, da sah man wenigstens nach wat aus. Obwohl inne Hitze im Sommer mit so kratzigen Leinenhemdchen rumloofen, dann noch Kettenhemd drüber, da schwitzte dich ja halbtot und dann haste noch nichma ne Dusche, sondern kannst dir vielleicht geradeso leisten, in nen Trog mit fünfhundert anderen Schwitzheinis zu springen. Am besten och gleich mit die Klamotten, damit die och sauber werden. Nee nee. Und wennde dann n Pferd haben willst, nich nur son Gaul, dit kost soviel wie n 3er BMW, wa. Ach, ick bin schon janz froh, dass ick mir dit nur im Kino angucken brauch.

Beim Aussteigen beschließe ich, Cowboystiefel an Männern nicht mehr per se scheiße zu finden, sondern mich vielleicht sogar zu einem Kompliment hinreißen zu lassen, wenn diese klimpernde Sporen haben und dazu das weiße Hemd gut in der Hose sitzt und die Weste zum Hut passt. Dass am Sonntag der 11.11. ist, fiel mir eben erst ein. Und ich beschränke die Möglichkeit auf Komplimente auf die Zeit außerhalb des Karnevals. Halstücher sind ja neuerdings auch wieder hip.

Liz hat es verfasst, und zwar am 9. November 2007 um genau 12:20
Kategorie : Berlin | 0 Kommentare

 Randnotizen

Dieser Herbst darf Regeln aufstellen, ich passe schweigend auf und schreibe mit:

1. Nie wieder glatte Gummisohlen, wenn es draußen regnet und gleichzeitig von den Bäumen gefallene Blätter wahllos auf dem Boden rumliegen.

2. Nächstes Jahr schneller sein als die Kinder von unten drunter beim Kastaniensammeln im Hof.

3. Mehr Platten kaufen, z.B. von Guther.

4. Coversongs aufnehmen ist gar nicht so schlecht, wie es klingt.

5. Mehr Briefe schreiben, z.B. nach London.

6. Aspirin Complex kann Referate und damit Noten retten.

7. Ein bisschen mutig sein, Haare abschneiden.

8. Sich nicht unter Wert verkaufen.

9. Lernen, Ideen in einer proppenvollen Bahn so auf die Hand zu krakeln, weil man nicht ans Papier kommt, dass man sie nach dem Aussteigen noch lesen kann.

10. Sich kürzer fassen, damit man nicht den Resttag mit einem beschriebenen Unterarm rumlaufen muss.

…to be continued…

Liz hat es verfasst, und zwar am 8. November 2007 um genau 19:29
Kategorie : Blicke | 2 Kommentare

 Blaugrau

Der Nieselregen zieht leise im Nacken ein. Alle paar Meter steht ein Mensch im Weg, der wissen will, bei welchem Stromanbieter ich bin, ob ich eine Zeitung oder Tiere retten will. Aber ich will nur noch einen Absatz in dem Buch lesen und ich will, dass es nicht aufhört, ich will, dass es sich noch einmal verdoppelt, weil ich dabei fast die Stationen vergesse, vergesse auszusteigen, weil ich beim Treppensteigen lesen will und ständig nicken, weil die Dinge so stimmen, wie er sie erklärt. Das sind die Nuancen, zu denen ich nie die Worte finde. Und es sind schon Flecken vom Regen auf dem Einband, ich habe mir den Ellbogen an einem Rauhaarmantel gestoßen. Und während ich mir überlege, ob man Tilman Rammstedt einen Dankesbrief schreiben sollte, fährt mich Bushido auf einem Fahrrad fast über den Haufen.

Liz hat es verfasst, und zwar am 6. November 2007 um genau 15:49
Kategorie : Berlin | 4 Kommentare

 Ein kleines gutes Gefühl

Ich habe Freunde, die so gerne Zeit mit Frau Lindemann und mir verbringen, dass sie uns zur großen Party gestern eine Spülmaschine schenken. So müssen wir nicht mehr abwaschen und können ihnen was kochen, wenn sie uns das Ding auch noch in den vierten Stock hochtragen. Wenn es aus dem Topf dampft, sagt Ben: “Heisssssss…”, und pustet mir an die Wange.

Liz hat es verfasst, und zwar am 3. November 2007 um genau 20:10
Kategorie : Blicke | 4 Kommentare

 Kratzer rechts außen

Kurz nach dem Aufwachen, vielleicht eine halbe Sekunde danach, irgendwo in der schwarzen Linie auf der Uhr, mittendrin, kann man kurz denken, alles sei wie - immer kann man nicht mehr sagen - vorher. Das ist der Moment, in dem man sich sammeln, die Dinge ordnen muss und die Lage checken, Bettdecke fühlen, Zimmerdecke erkennen, den Ausblick sortieren und in dem man sich kurz wünschen kann, wie alles zu sein hat. Das geht bis zu der Stelle im gleichen schwarzen Strich auf der Uhr, in der die Informationen im Hirn ankommen, die die Augen, die Nase, die Fingerspitzen vorher mühsam und in absoluter Hektik eingesammelt haben. Ohne überhaupt zu fragen.

Von Geburt an machen sie das automatisch und man kann nicht sagen: “So Leute, heute ist Sendepause, wir haben Wandertag, wir bleiben im Ameisenfußballmodus und steigen nicht wieder ein”. Sobald Geruch und die Dinge drumherum samt Geräuschkulisse im Kopf analysiert wurden, verknoten sie sich auf der Stelle mit den Erinnerungen, die nun aufgeschreckt den kleinen roten Punkt ausschalten, auf die Start-Taste drücken, loslegen, ihren Zweck erfüllen. Erinnern.

Die Dinge wieder wissen. Und dann sind die zwei Millimeter Möglichkeit vorbei, dass es vielleicht doch hätte anders sein können. Es gibt diese Leerstelle nur, wenn man aufpasst, wenn man sich traut, manchmal auch, wenn man sie überhaupt nicht brauchen kann. Nach zwei Dritteln auf dem schwarzen Strich schmeckt es für diesen Moment so super, dass es ihm Ohrläppchen kitzeln, ich hab nur geträumt, sicherlich, alles ist gut, sicherlich. Nicht. Das ist dann die Stelle, an der es wieder weiß wird. Sicherlich ist es nie wahr, jedes Mal wieder ist es sogar mehr als die reine Unwahrheit, ein bisschen Hoffnung mit Milch. Und allein das Gefühl danach, “das ist doch bescheuert”, ein bisschen auch Selbsthass, weil es ja naiv wäre, weil wir mit beiden Beinen aufstehen und rumtrompeten müssen, wir sind angekommen in der Realität, wir wollen nie weg, wir sind doch Leute von heute, wer wird sich da erinnern, zackzack und weiter im Text. Aufstehen. Und nicht einmal das funktioniert dann, weil alles ist, wie es gestern abend aufgehört hat. Das ist nun wirklich so. Ohne überhaupt zu fragen.

Liz hat es verfasst, und zwar am 1. November 2007 um genau 17:30
Kategorie : Blicke | 0 Kommentare


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