(1) Wütend sein - mit Markus Kavka

An Montagen beginnt eine neue Woche, da geht was los, tämtärämtämtäm. Hier nun also halbwegs regelmäßig und mal sehen mit welch unvollstellbarem Durchhaltevermögen immer zum Wochenstart eine kurze Unterredung zu Befindlichkeiten - dem Sein. Heute Nummer Eins mit meinem bayerischen Lieblingsspiegeleifan Markus Kavka.

Was macht dich gerade wütend?
Einige der Kommentare bei www.stoerungsmelder.org. Wir wussten, dass uns der Fluch der Kommentarfunktion bei diesem Projekt heimsuchen würde, aber dass es so dicke kommen würde, lässt mich bisweilen fassungslos und kochend vor Wut zurück. Abgesehen von stumpfen Naziparolen, die wir rauslöschen, ist es vor allem die von der NPD praktizierte sogenannte ´Wortergreifungsstrategie´, die mich so auf die Palme bringt. Es soll gar nicht diskutiert werden. Stattdessen wird mittels absurder Äpfel-Birnen-Vergleiche einfach reingegrätscht, so nach dem Motto: “Hört doch mal auf, über Nazis zu schimpfen, redet doch lieber mal über Ausländerkriminalität. Das ist viel schlimmer!” Argh.

Wie reagiert ihr darauf?
Wie schon angedeutet, löschen wir Kommentare, die rassistische, antisemitische, sexistische oder Gewalt propagierende Inhalte haben sowie natürlich auch alle Beschimpfungen und Beleidigungen. Was die typische Neonazi-Argumentation betrifft, so versuchen wir diese zu widerlegen. Ziel des Blogs ist es unter anderem ja auch, dieses Phrasengedresche zu entlarven und aufzuzeigen, dass Nazis keine Lösungen anbieten. Für nichts. Für viele User ist es offenbar aber auch nicht ganz uninteressant, mal live mitverfolgen zu können, welche Strategien die Rechten pflegen und was man diesen entgegensetzen kann.

Solche Projekte sind ja anfangs immer sehr ambitioniert, das Engagement wird aber oft schnellstens weniger, wenn das Medienecho nachlässt.
Wir haben das Blog nicht gestartet, um ein großes Medienecho zu bekommen, aber wir nehmen es natürlich gerne mit. Alle, die da jetzt schreiben, tun das unentgeltlich und aus tiefster Überzeugung, und zwar jener, gegen Nazis etwas unternehmen zu müssen.

Ist ein Blog da die geeignete Form?
Das wird sich auch für uns erst erweisen müssen. Nehmen die User das an? Können wir tatsächlich mit den Usern Strategien entwickeln? Fruchten die Diskussionen? Das sind Dinge, die wir natürlich nur bedingt steuern können. Ich kann aber zum jetzigen Zeitpunkt sagen, dass stoerungsmelder.org in jedem Fall nachhaltig angelegt ist. Wir sind auch ständig dabei, neue Autoren zu aquirieren.

Geht die Aktion auch über´s Netz hinaus?
Schon in Dezember geht es ja mit einer ersten Aktion an einer Schule in Brandenburg los. Wir gehen da hin und veranstalten Workshops und Diskussionen, um von Angesicht zu Angesicht vor Ort die Probleme anzugehen. Und das mehrmals im Jahr, um auch da eine Nachhaltigkeit zu garantieren. Es werden auch Patenschaften an diesen Schulen übernommen, die einen ständigen gegenseitigen Austausch gewährleisten sollen.

Wie drückt sich Wut bei dir aus? Reagiert dein Körper auch oder bleibst du nach außen hin völlig cool?
Ich versuche es zumindest. Es tut mir aber nicht gut, wenn ich das dauernd in mich reinfresse. Aber so bin ich eben. Ich werde so gut wie nie laut, trete auch selten gegen irgendwas oder schmeiße Sachen durch die Gegend. Wenn man mich kennt, dann merkt man mir Wut nur daran an, dass meine Ohren sich röten und ich ein bisschen böse gucke.

Und wenn jemand wütend ist auf dich?
Das verunsichert mich zutiefst. Ich neige nämlich zu Harmoniesucht und will deswegen ganz schnell den Grund für die Wut aus der Welt schaffen. Dann wird natürlich geredet. Aber wenn das jemand ist, den nicht kenne und der mich auch eigentlich gar nicht kennt, kann ich dann nicht viel ausrichten. Muss ich auch nicht.

Und so machte er sich völlig harmonisch und mit ganz normalfarbigen Ohren aus dem Staub. Auf bald, mei Gutster. Und besten Dank. Allen damit einen unwütenden Montag.

Liz hat es verfasst, und zwar am 26. November 2007 um genau 10:25
Kategorie : Sein | 0 Kommentare

 Gewissenhaft kauen, 30mal

Wir sitzen um einen Tisch mit riesigen Schaufeln, scharfkantig und grob. Da passt viel auf die Ladefläche, vom Griff stehen Splitter weg. Unregelmäßig, mal mehr, mal weniger. Einer hat Hornhaut, der merkt das nicht. Wir sitzen um diesen Tisch mit unseren Schaufeln auf unseren Türmen, um unsere Köpfe kleine summende Fliegen und alle bewegen die Hände vor und zurück, vor und zurück. Die Füße werden ordnungsgemäß auf den dafür vorgesehenen Stangen abgestellt, man kann noch kippeln, aber nervös auf dem Boden tappeln, das geht so nicht. Der Rücken wird ordnungsgemäß an die dafür gefertigte Lehne gelehnt, man stoße sich wie immer die Wirbelsäule an der Mittelstrebe, denn Kissen gibt es nur auf der Sitzfläche, das hält den Rücken gerade. Und wir halten unsere Schaufeln, wie man es uns beigebracht hat. In der Mitte liegt ein Berg aus Krümeln, ein paar Lichter wurden aufgestellt, damit wir uns gegenseitig beim Schaufeln beobachten können, wir feuern uns an und auf Kommando heben wir die Arme.

Hinterher tut es jedem weh dort, wo die Ohrläppchen aufhören. Als habe man zuviel gelacht, Muskelkater im Mund. Aber wir haben nicht zuviel gelacht, wir haben laut geredet und trugen die Schaufeln noch nach Plan wieder zurück ins Wasserbecken, das macht man so, das hat man uns mit kurzen Schlägen auf die Finger beigebracht als Kind. Sobald man um die Kurve isst, reckt und streckt man den Mund, pult mit dem Fingernagel die letzten Krümel zwischen den Zähnen hervor, kauft sich am Kiosk bei der Straßenbahnhaltestelle eine Flasche Wasser, spült durch und spuckt neben den Mülleimer. Mehr als das Wasser noch, mehr. Natürlich sind die Wangen rot, Gesundheit und Kälte, der Schal reibt ja auch ein bisschen, das sieht gut aus, was?! Ja, so sehen wir gut aus, so können wir die Schultern auch wieder bequem beugen, so machen wir die Fäuste auf und zu, damit es sich entspannt, so atmen wir tief ein. Seit zwei drei Stunden das erste Mal. Niemand stellt diese Zusammenkünfte in Frage, niemand sagt ein Wort, niemand hört auf, darauf zu hoffen, dass es sein könnte wie früher. Wie damals. Niemand weiß mehr, wie es war, aber alle glauben - gut.

Die Wangen so voll, dass es aus dem Mund quillt, wenn du etwas sagen möchtest. Also sagst du nichts. Niemand tut das.

Liz hat es verfasst, und zwar am 26. November 2007 um genau 0:19
Kategorie : Wir | 0 Kommentare


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